!!!FRANZ JOSEPH ALS JÄGER



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Wenn Könige und Kaiser dem Zwang  der höfischen Etikette entfliehen und sich auf kurze Zeit von den Pflichten des Regierens und  der Repräsentation frei machen wollen, pflegen sie ins Jagdrevier zu reisen und im grünen Forst der Ebenen und Berge, in den Felsen der Hochgebirge das edle Weidwerk auszuüben. Durchmustert man die Reihe der edlen Potentaten, so wird man nur wenige finden, die  wie Kaiser Nikolaus von Russland den Weidmannsfreuden abhold sind oder wie König Eduard von England,  nur deshalb große Hofjagden veranstalten, weil sie seit Jahrhunderten zu den  hergebrachten Vergnügungen der Höfe gehören. Die Mehrzahl sind Jäger aus Passion, denen wohl wenig daran liegt, sich an den als Treibjagd bezeichneten Massenschlächtereien von Hirschen, Wildschweinen und anderem Wild, das wie eine Hammelherde zusammen getrieben wurde, zu beteiligen, die aber an einer Pirsch, an einer Jagd  auf dem Anstand und anderen Jagdarten, bei denen die Eigenschaften des echten Weidmanns zur  Geltung kommen, ihre helle Freude haben.

An der Spitze von ihnen allen steht unbedingt Kaiser-König Franz Joseph, der sein 75 Lebensjahr vollendet  und mit einer staunenswerten Rüstigkeit und Frische begabt, sich durch seine vorgerückten Lebensjahre nicht abhalten lässt seinen herrlichen Jagdrevieren in Niederösterreich, bei Ischl, vor allem aber denjenigen der grünen Steiermark häufige Besuche abzustatten.

Der Monarch, der erst vor wenigen Tagen wieder in der Radmer  bei Eisenerz jagte, besitzt freilich auch Wildbahnen, wie sie kein zweiter seiner Standesgenossen – selbst der Zar nicht in seinem weiten Reich – aufweisen kann. So ziemlich  jedes Wild Europas, der Steinbock, der Auerochs und das Renntier ausgenommen, tummelt sich in seinen Wäldern und Bergen.

In Franz Joseph scheint aber auch das Weidmannsblut des „kühnsten Tiroler Gemsjäger“ seines Vorfahren Maximilians I., aufgelebt zu  sein, dessen lebensgefährliches Jagdabenteuer an der Martinswand durch die Dichtkunst verherrlicht ist, der aber auch seine Erfahrungen als Jäger und Tourist in einem Buch „Haimlich  Gejaidt-Buech“ niedergelegt hat, das trotz seines Alters von 400 Jahren noch heute für den Weidmann viel des Lesenswerten enthält. Die Schusslisten des Kaisers,  von denen weiter unten bei der Beschreibung der einzelnen Jagdreviere die Rede sein wird, sind deshalb auch von einer  Reichhaltigkeit, die von  Neid jedes Jägers zu erwecken  geeignet ist.

Die Jägerlaufbahn des Kaisers beginnt  mit seinem fünfzehnten Lebensjahr. Schon als elfjähriger Prinz hatte er sich auf einem Schützenfest in Salzburg, wo er durch einen Schuss ins Schwarze  einen Ehrenbecher errang, als guter Schütze hervorgetan. Im Jahr 1845 durfte er zum ersten Mal die Freuden einer  Hochgebirgsjagd genießen.Die Herren Hofmeister und Erzieher schrien zwar  ach und weh  und stellten als echte prophetische Unglücksraben seiner  Mutter,   Erzherzogin Sophie, die Gefahren dieser Unternehmung vor. Sie fanden aber kein geneigtes Ohr  bei der energischen Dame, die eines Tages auf die Nachricht, dass ihr Sohn von einem feurigen Renner abgeworfen worden sei, nur die trockene Erwiderung gab: „Wenn der Franzl vom Gaul gefallen ist, so wird er schon wieder aufstehen.“

Mit dem erprobten Waldmeister Rupert Pichler stieg der jugendliche Prinz auf die Hohe Schrodt, wo er den ersten Gamsbock schoss, dessen Gamsbart er durch viele Jahre als hochgeschätzte Trophäe am Lodenhut trug.

Drei  Jahre später, am 2. Dezember 1848, war Franz Joseph, der im Sommer 1848 noch am Feldzug in Italien teilgenommen, durch eine unerwartete Wendung der politischen Ereignisse Kaiser des großen Österreich geworden, dessen Bau in allen Fugen und  Balken knackte und krachte, und in  dessen Landesteilen die  von den nationalen Wünschen der verschiedenen Völkerschaften getragene Revolution mächtig ihr Haupt erhob. Unter den  auf ihn einstürmenden Eindrücken, unter der Last der folgenschweren Entscheidungen, die er zu treffen hatte. Vergaß der achtzehnjährige Kaiser aber doch nicht sein geliebtes Weidwerk. Er reservierte sich die Bezirke von Reichenau, Mürz-Neuberg, Eisenerz und Ebensee-Ischl, in denen Gemsen, Hirsche und Auerhähne die Wildbahn bevölkerten, als seine Jagd, Wenn der Kaiser nun auch  außerdem Besitzer noch manches anderen Jagdrevieres wie des Lainzer Tiergartens an den Abhängen des Wienerwaldes und des wildreichen Waldes von Gödöllö ist, so hat er doch  stets den eben genannten  Hochgebirgsrevieren und besonders den in Steiermark gelegenen, wo die lieblichen Reize reicher Täler und schattiger Bergwälder sich mit der großartigen Erhabenheit himmelaufstrebender Felswände und Bergriesen vermählen, den Vorzug gegeben.

Wenn man vom Südbahnhof in Wien aus einen Zug  der an landschaftlichen Reizen so reicher Hauptlinie benutzt, die über den Semmering und Graz nach den Küsten der Adria hinunter fährt, gelangt man nach einer Bahnfahrt von einer bis zwei Stunden nach Station Payerbach-Reichenau der Semmeringstrecke, wo sich gegen Westen hin der  Eingang  nach der nördlich vom Schneeberg, südlich von der Raxalpe umrahmten Reichenau und nach dem  Höllental öffnet. Das hier liegende Jagdrevier des Kaisers ist besonders  reich an Auerhähnen und Birkhähnen, auf die der Kaiser   hier zum ersten Mal im Jahr 1850 jagte. Er liebte es damals spät abends mit der  Bahn von Wien wegzufahren, und nachdem er um Mitternacht im Thalhof eingetroffen, nach kaum zweistündigen Ruhe zu den Plätzen, wo balzende Hähne  bestätigt worden waren, emporzusteigen und nach beendigter Jagd nach Wien zurückzukehren, wo er schon um 10 Uhr Vormittags wieder eintraf. Von dem Wildreichtum dieses Reviers kann man sich eine anschauliche Vorstellung, wenn man liest, dass der Kaiser  hier  bis zum Jahr 1897, obwohl seine Jagdbesuche schon in den siebziger  und avhtziger Jahren immer seltener wurden, nicht weniger als 43  Birkhähne und 406 Auerhähne erlegt hat.

In unerschütterlicher Gunst steht bei dem kaiserlichen Jagdherrn das der Reichenau benachbarte, aber schon jenseits der niederösterreichischen Kronlandsgrenze in Steiermark gelegene Jagdrevier von Neuberg-Mürzsteg, ein Juwel des obersteirischen Berglandes, das als ein an  hochalpinen Reizen reiches und gleichzeitig auch noch außerordentlich billiges Gebiet für , Touristen, die auch ohne den Luxus, ohne die Diners und Lunche der englischen geführten Riesenkaravansereien der Schweiz leben können noch viel zu wenig bekannt ist.  Hat man  den Semmering und mit ihm die Zentralkette der Ostalpen hinter sich, so gelangt man in schneller Fahrt durch das breite, an idyllischen Sommerfrischen reiche Mürztal über Steinhaus und Spital in der kurzen Zeit einer kaum halbstündigen Schnellzugsfahrt nach Mürzzuschlag, wo der  literaturfreudige Deutsche den Besuch der Roseggerstube im Gasthaus zur Post mit ihren zahlreichen Autografen und anderen Erinnerungen an Scheffel und Hamerling und Manuskripten von Rosegger und Felix Dahn nicht zu verabsäumen pflegt. Auf einer nordwestlich abzweigenden Flügelbahn erreichen wir von hier in einer  Fahrt von 25 Minuten Dauer über die romantisch gelegene Sommerfrische Kapellen und Arzbach-Neuberg und von dort in anderthalbstündiger  Wagenfahrt, die zwischen den  Abhängen der Schneealpe, des Roßkogels, des Königskogels und der Hohen  Veitsch eingebettete Perle von Obersteier, wo das kaiserliche Jagdschloss liegt, in dem in den  Spätherbsttagen 1903 zwischen Kaiser-König Franz Joseph und Nikolaus II., wichtige, die Balkan Halbinsel betreffende Vereinbarungen stattfanden, Das erst im Jahr  1870  vollende Jagdschlösschen ist ein Muster solider Einfachheit. Mancher Millionär besitzt zu gleichen Zwecken weitaus prunkvollere Gebäude, mit deren Pomp und Luxus  sich des Kaisers Jagdvilla nicht messen kann und will,  die nur 18 Zimmer enthält, so dass wenn der Kaiser hier einige fürstliche Jagdgäste bei sich sieht, jeder der Geladenen  sich mit einem oder bestenfalls mit zwei Zimmern begnügen muss. Was dem Haus aber den   schönsten Schmuck verleiht, ist der intime Reiz des Persönlichen, der sich über alle Räume ausbreitet. Ölgemälde und  Aquarelle von der Hand der Erzherzogin Marie Valerie, der Tochter des Kaisers, schmücken das Wohnzimmer und Schlafgemach des Monarchen, der sich  am Abend von der Jagd eine Skizze der zu bejagenden Strecken vorlegen lässt und über die  den einzelnen Schützen anzuweisenden Plätze disponiert. Lebendig wird es in dem sonst einsam daliegenden Jagdschlösschen zunächst im April, wenn der Frühling auf die  Berge steigt und die Zeit kommt, von der es im österreichischen Volkslied heißt: „Wenn der Auerhahn balzt und das  Rotkröpfel schreit....“



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Noch lieber kommt der Kaiser  nach Mürzsteg in den Tagen vom August  bis in den späten November hinein. In schneller Folge reihen sich jetzt aneinander die Freuden der „hohen Jagd“. Im August ladet der Feisthirsch zur Pirsch ein. Im September lässt dann der brünstige König der Wälder wie Donnerrolle  seine Herausforderung zum Kampf erschallen. Gleichzeitig und bis tief in den Oktober hinein finden die Treibjagden auf Hirschen und Gämsen statt, und wer sich die Mühe des Kletterns nicht verdrießen lässt, kann dann noch im November, wenn der Gämsbock in die Brunft tritt, einen leichten und sicheren  Schuss auf Europas Bergantilope anbringen.

Der Kaiser, der im Mürzsteger Revier in jüngeren Jahren, bevor die seinen Gäste gebotene Treibjagd begann, oft nur von einem Forstgehilfen begleitet, eine einsame Morgenpirsch unternahm, pflegt früh zwischen 6 und  7 Uhr im leichten Jagdwagen ins Revier zu fahren, wo die Treiber die Übergänge über die das Tal  umgebenden Bergkämme schon am vorangegangenen Abend besetzt haben und  die Gämsen am frühen Morgen zu Tal zu treiben  beginnen. Das Ergebnis dieser Jagden ist außerordentlich reich. Von dem Bestand  des Reviers, der mit 600  bis 700  Gämsen, 1200  Stück Rotwild und 800 Stück Auerwild  keinesfalls zu hoch geschätzt ist, werden  oft 60  bis  70 Stück Gämsen an einem Tag abgeschossen, und entsprechend groß ist auch die Zahl  des anderen erlegten Wildes. Oft   begleitete  den Kaiser auch seine Gemahlin hierher. Obwohl nun Wege und Brücken in dieser Hochgebirgslandschaft keineswegs in musterhafter Ordnung sind, konnte die Kaiserin auch hier von ihrer Leidenschaft, den waghalsigsten Reitpartien, nicht lassen. In der wilden Schlucht „Zum toten Weib“ geschah es nun im August  1883, dass der an der  engsten  Stelle  über die reißende Mürz geführte Steg unter der Reiterin  zusammenbrach, die samt dem Pferd in den  wasserreichen Bergfluss  stürzte und nur durch die werktätige Hilfe naher Holzknechte vor dem Schlimmsten bewahrt wurde. An dieses Ereignis erinnert eine von der Erzherzogin Marie Valerie gestiftete Tafel, auf der unter dem Bilde des hl. Georgs, der Zierde der Ritterschaft, folgende von  der Kaisertochter verfassten Verse stehen:

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Hat  der Kaiser hier  in einem Zeitraum von 42 Jahren nicht weniger als 502 Hirsche und Gämsen zur Strecke gebracht, so hat er auch in seinem zweiten steierischen Jagdrevier bei Radmer unweit von Eisenerz sich als echter Nimrod erwiesen. Man gelangt dorthin, wenn man von  Mürzzuschlag über Freienbach, wo wir auf Roseggers Pfaden wandeln, über Bruck und Leoben und Vordernberg auf die interessante Bergbahn übergeht, die teils als Adhäsions-  teils als Zahnradbahn den 1227  Meter hohen Prebichlpaß überwindet, jenseits dessen das Gebirge im steilem Abfall  nach Eisenerz  abstürzt. Überragt von den Felsmauern des weit über 2000 Meter hohen Kaiserschildes und der Lugauer Zücken liegt hier nahe  bei dem Dörfchen „Radmer an der Stube“ ein einsames Jagdhaus, von dem niemand vermutet, dass es schon unzählige Male einem Kaiser als Absteigequartier gedient hat. Auch hier wiederholt sich der ungeheure Reichtum von Hochwild, der es ermöglichte, dass der Kaiser einmal von einem Stand aus 27 Gämsen erlegte. Seine Schussliste in diesem Revier weist innerhalb eines Zeitraumes von 21 Jahren 180 Hirsche und 157  Gämsen auf.

Das Jagdrevier von Ischl-Ebensee sieht heute  den Besuch seines Eigentümers seltener als in früheren Jahren. Häufig dagegen weilt der Kaiser, wenn er in Ungar ist, auf der Herrschaft Gödöllö, wo ein ungeheurer Bestand von  Edelhirschen und Wildschweinen stets ein reiches Jagdresultat liefert. Es ist ein Zeichen seiner erstaunlichen  Rüstigkeit, dass der Kaiser, der durch Jahr und Tag von rheumatischen Schmerzen geplagt,  nur selten auf Jagd ging, neuerdings gänzlich erholt, sich wieder eifrig den Weidmannsfreuden hingibt. Seine Kugel weiß noch heute mit tödlicher Sicherheit den in der Morgendämmerung balzenden Hahn ebenso zu treffen, wie den in voller Flucht einherpürschenden Hirsch und Gämsbock.    Dr.K.R. Kreuschner


__QUELLE:__  Agramer Zeitung, 1. August 1895, Seite 11, ANNO Österreichische Nationalbibliothek, __BILD:__  Der Bazar, 21. Juli 1913, Seite 1, Jagdbilder  Ill. Fremdenzeitung  1908  Heft 12, S 14 und 15

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