unbekannter Gast

Österreich 1938-1945#

Die 'Donau- und Alpengaue' (Ostmark) im Dritten Reich., © Copyright Verlag Ed. Hölzel, Wien, für AEIOU.
Die "Donau- und Alpengaue" (Ostmark) im Dritten Reich.
© Copyright Verlag Ed. Hölzel, Wien, für AEIOU.

Nachdem am Abend des 11. 3. 1938 die Nationalsozialisten (Nationalsozialismus) in Österreich die Macht übernommen hatten und am 12. 3. deutsche Truppen in Österreich einmarschiert waren, trat am 13. 3. 1938 auch Bundespräsident Wilhelm Miklas zurück, und die nationalsozialistische Bundesregierung beschloss ein Verfassungsgesetz mit dem Inhalt "Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches", ein gleichlautendes Reichsgesetz wurde in Berlin veröffentlicht. Mit der Durchführung wurde der Gauleiter des Saarlands, Josef Bürckel, kommissarischer Leiter der NSDAP und nach der Volksabstimmung über den Anschluss am 10. 4. 1938 "Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich", beauftragt. Die Regierung hieß "Österreichische Landesregierung" und wurde vom Reichsstatthalter in Österreich, Arthur Seyß-Inquart, geleitet; sie blieb bis 1939 im Amt, musste aber die Kompetenzen abgeben und den bisherigen Staat liquidieren (Erste Republik).

J. Bürckel erhielt nach dem 10. 4. 1938 umfassende Vollmachten mit Ausnahme von Wehrmacht und Wirtschaft und wurde gegenüber dem Reichsstatthalter weisungsberechtigt. Die Bezeichnung "Österreich" wurde vorerst durch "Ostmark" ersetzt.

Einschneidende Maßnahmen waren mit dem Auswechseln der Führungskräfte im öffentlichen und privaten Sektor verbunden. Am 1. 4. 1938 erfolgte eine erste Deportation österreichischer Funktionäre und Patrioten in das KZ Dachau, weitere wurden für einige Zeit inhaftiert. Neben österreichischen Nationalsozialisten wurden viele Reichsdeutsche in Führungspositionen eingesetzt, was vor allem in der Wirtschaft zu Schwierigkeiten führte.

Bereits im März 1938 begann die Integration der österreichischen in die deutsche Wirtschaft durch Einbeziehung in den Vierjahresplan und durch Besitzumschichtung fast der gesamten Großindustrie in "deutsches Eigentum". Mit 31. 5. 1938 wurde die Gaueinteilung der NSDAP vorgenommen, Nieder- und Oberösterreich wurden in "Nieder- und Oberdonau" umbenannt, die historische Struktur der Bundesländer wurde verändert. Am 1. 10. 1938 wurden die Verwaltungsstrukturen der Gaueinteilung angepasst. Das Burgenland teilte man zwischen Niederdonau und Steiermark auf, Tirol und Vorarlberg wurden vereinigt, Osttirol kam zu Kärnten, der Gerichtsbezirk Bad Aussee zu Oberdonau und 97 Umlandgemeinden zu Wien; die Gemeinden Jungholz und Mittelberg wurden Bayern zugeschlagen. Eine Vereinheitlichung, aber auch die völlige Zerstörung der historischen Strukturen brachte das Ostmarkgesetz vom 1. 5. 1939. 7 Reichsgaue (deckungsgleich mit den Gauen der NSDAP) wurden gebildet, an deren Spitze standen Reichsstatthalter, die mit den NSDAP-Gauleitern identisch waren und dem Innenminister unterstellt waren. Die Befugnisse des Reichsstatthalters in Österreich gingen auf den Reichskommissar über, dessen Funktion am 31. 3. 1940 erlosch. Damit hatte die Existenz Österreichs als Rechtssubjekt aufgehört. Selbst die Bezeichnung "Ostmark" oder "Ostmark-Reichsgaue" sollte ab August 1942 nicht mehr verwendet werden - als Sammelbegriff galt "Alpen- und Donaureichsgaue".

Die Verwaltungsbezirke wurden einem Landrat unterstellt und erhielten Selbstverwaltungskompetenzen, die deutsche Gemeindeordnung wurde ab 1. 10. 1938 eingeführt, einige Städte wurden durch Eingemeindungen wesentlich vergrößert (Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt, Krems, St. Pölten usw.). Einschneidend waren die Einführung der Standesämter sowie eine neue Sozial- und Steuergesetzgebung. Bei der Beurteilung von verwaltungstechnischen und sozialen Maßnahmen muss berücksichtigt werden, dass Österreich mit der Übernahme deutscher Verwaltungspraxis und der nationalsozialistischen politischen Diktatur konfrontiert wurde. Um den NS-Staat zu festigen, wurde ein hartes Polizeiregime errichtet, das österreichische Bundesheer wurde der deutschen Wehrmacht eingegliedert, 2 Wehrkreiskommandos geschaffen und ein 2-jähriger Militärdienst eingeführt, dazu kam der Reichsarbeitsdienst. Regimegegner wurden verfolgt, in Konzentrationslager gebracht oder zum Tod verurteilt. In Mauthausen entstand ein KZ, das später eine Reihe von Außenstellen erhielt.

Maßnahmen zur Verfolgung und Vertreibung der Juden erlebten im Novemberpogrom vom 9./10. 11. 1938 einen ersten Höhepunkt, danach folgte die weitgehende Konzentration der verbliebenen jüdischen Bevölkerung in Wien und die systematische Deportation in Konzentrationslager und Vernichtungslager. Ähnlicher Verfolgung waren besonders im Burgenland die Roma (und Sinti) ausgesetzt. Ein starker Druck erfolgte auf die katholische Kirche, obwohl die Bischöfe 1938 einen Ausgleich suchten. Im Oktober 1938 kam es zum Sturm auf das Erzbischöfliche Palais in Wien, Anlass war die vollständige Beanspruchung der Jugenderziehung durch die Hitlerjugend. In der Folge wurden zahlreiche Klöster aufgehoben (Admont, Altenburg, Klosterneuburg, Göttweig, Wilhering, Kremsmünster, St. Florian, Lambach, Stams); schon im Mai 1938 war Stift St. Lambrecht aufgelöst worden (Außenstelle des KZ Mauthausen). Die kirchlichen Schulen wurden geschlossen. Volks- und Hauptschulen wurden weniger, die höheren Schulen (Oberschulen) stark verändert; eine Reihe zusätzlicher Anstalten wurden gegründet. An die Stelle der Bundeserziehungsanstalten traten die "Napolas" (Nationalpolitische Erziehungsanstalten). In der Lehrerausbildung blieb die österreichische Lehrerbildungsanstalt erhalten, auch die Universitäten blieben bestehen. Alle Erscheinungen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens wurden den Erfordernissen der NSDAP unterworfen, deren Organisation eng mit der staatlichen verknüpft war.

In wirtschaftlicher Hinsicht ging aufgrund der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitungen die hohe Arbeitslosigkeit rasch zurück. Ein intensiver Straßenbau (Autobahnen), die Gründung neuer Großbetriebe vor allem in Oberösterreich (Linz, Lenzing, Ranshofen) und die Erneuerung alter Betriebe sowie die Nutzung von Rohstoffreserven (Eisenerz, Erdöl, Magnesit und Holz) für die Rüstung wurden vorangetrieben. Eine erhebliche Bautätigkeit fand im militärischen Bereich statt (Kasernen, Flugplätze, Lager), große Truppenübungsplätze (Döllersheim, Kaisersteinbruch) wurden geschaffen. Die Devisenvorräte (Ende 1937 471,49 Millionen Schilling und Clearing-Guthaben im Ausland) der Oesterreichischen Nationalbank wurden von der Reichsbank beansprucht, der Umtausch von Schilling in Mark im Verhältnis 1,5 : 1 war für die Österreicher relativ ungünstig.

Die Außenpolitik des Deutschen Reichs war vor allem für die Tiroler enttäuschend, da Hitler auf die Wiedervereinigung von Nord- und Südtirol verzichtete. Die deutschsprachigen Bewohner der italienischen Provinz Alto Adige konnten nach Deutschland übersiedeln, besonders viele wurden im ehemaligen Österreich angesiedelt. Die Fortsetzung der aggressiven Expansionspolitik durch Hitler führte mit der Sudetenkrise (Südmähren und Südböhmen wurden Teile der Gaue Oberdonau und Niederdonau) im September 1938 an die Grenze eines Kriegs; es folgten die deutsche Okkupation von Tschechien (Protektorat Böhmen und Mähren) sowie die Gründung der Slowakei und Umgestaltungen auf dem Balkan (Wiener Schiedsspruch); mit dem Angriff auf Polen begann am 1. 9. 1939 der Zweite Weltkrieg.

Erste Folgen waren vor allem eine verschärfte Versorgungslage und die Einberufung der Wehrpflichtigen. Für die Besetzung Norwegens wurde vorwiegend auf österreichische Gebirgstruppen zurückgegriffen. Der Feldzug gegen Jugoslawien im April 1941 trug den Krieg an die Südgrenze Österreichs (Hauptquartier im Tunnel von Tauchen bei Mönichkirchen), und Oberkrain wurde mit Kärnten, der Ostteil Sloweniens mit der Steiermark vereinigt. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion (22. 6. 1941) wurde der Krieg härter; am 11. 12. 1941 erklärte Deutschland den USA den Krieg. 1943 begann man in Österreich mit dem Aufbau einer Luftverteidigung für Industriezentren und zog dazu auch Schüler höherer Klassen heran. Als Ersatz für männliche Arbeitskräfte wurden Frauen rekrutiert, in Industrie und Landwirtschaft wurden Kriegsgefangene und zwangsverpflichtete Personen aus Polen und der Ukraine eingesetzt.

Die Vernichtung der 6. deutschen Armee in Stalingrad im Jänner 1943, darunter viele Österreicher, brachte die Kriegswende, die in allen Bereichen des Alltags spürbar wurde. Am 13. 8. 1943 wurde als erste österreichische Stadt Wiener Neustadt von amerikanischen Bombern angegriffen, die aus Tunesien starteten. Später wurden Industrieanlagen, Erdölvorkommen, Transporteinrichtungen und Wohnsiedlungen bombardiert (Bombenkrieg). Alle größeren Städte Österreichs erlitten schwere Zerstörungen. Ab 28. 3. 1945 drangen Sowjettruppen aus Ungarn in Österreich ein und eroberten das Burgenland, Wien und die Osthälfte von Niederösterreich sowie die östliche Steiermark; der westliche Teil Österreichs wurde durch Amerikaner, Briten und Franzosen befreit, Südkärnten durch Jugoslawen.

Mit Ende des 2. Weltkriegs brachen die deutsche Verwaltung und die Einrichtungen der NSDAP zusammen, und in Wien wurde am 27. 4. 1945 die Wiedererrichtung der Republik Österreich proklamiert (Zweite Republik).

Literatur#

  • L. Jedlicka, Verfassungs- und Verwaltungsprobleme 1938-45, in: Die Entwicklung der Verfassung Österreichs vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1963
  • N. Schausberger, Rüstung in Österreich 1938-45, 1970
  • E. Hanisch und W. Neugebauer, NS-Herrschaft in Österreich 1938-45, 1988
  • H. Hagspiel, Die Ostmark, 1995


Ganz ausgezeichnete Überblicksdarstelung mit ebensolcher Analytik. Zum Weltkrieg wird der Krieg erst durch die Kriegserklärung Hitlers an die USA. Mit dem Überfall auf die Sowjet-Union ohne Kriegserklärung und unter Bruch des Nicht-Angriffspaktes entsteht ein neuer Kriegstyp, nämlich der des ideologischen Vernichtungskrieges (in der neueren Literatur schon vielfach erläutert), der sich bewusst außerhalb des Kriegsvölkerrechts stellt (Erschießung von Kriegsgefangenen, Verfolgung besonders der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten....).Schon von seiner Konzeption her ist dieser ideologische Vernichtungskrieg im Osten also ein Verbrechen. Selbst wenn es sich um einen "Präventivkrieg" gehandelt hätte,was nicht der Fall war,(die Sowjetunion hatte schon größte Schwierigkeiten beim Überfall auf das kleine Finnland und war nicht angriffsfähig) wäre es möglich gewesen, diesen völkerrechtskonform ohne Verbrechen zu führen. Zur Behandlung der Kriegsgefangenen sagte etwa Geheimdienstgeneral Lahousen in Nürnberg unter Eid aus:

"enorme Massen von Kriegsgefangenen blieben im Freien ohne jede angemessene Betreuung, keine angemessene Unterbringung..., es gab keine angemessene Verpflegung, keine ärztliche Betreuung; die meisten von ihnen mussten auf dem Boden schlafen, sodass sehr viele von ihnen ums Leben gekommen sind. Seuchen sind ausgebrochen, ja sogar Kannibalismus (!), das heißt, dass menschliche Wesen durch Hunger dazu getrieben wurden, einander aufzufressen." (zitiert nach Glaubauf, Lahousen, siehe Lit. Ergänzung unten )

Literatur:

Philipp Masson: Die deutsche Armee, Geschichte der Wehrmacht 1935-45, München 1997.

Zur Präventivkriegsfrage das Kapitel: Die "Präventivkriegslegende" in Glaubauf, Karl, Stefanie Lahousen-Vivremont: Generalmajor Erwin Lahousen-Vivremont - Ein Linzer Abwehroffizier im militärischen Widerstand, Münster 2005, S.58 -67.

Karl Anton Glaubauf

--glaubauf karl, Donnerstag, 11. Februar 2010, 12:17