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Österreicher, Bewohner Österreichs#

Österreichische Staatsbürger. Bereits im Mittelalter als "Osterleute" (bzw. in der männlichen Einzahl als "Osterman") verwendeter Begriff für Mitglieder eines durch Landesbildung entstandenen neuen politischen Verbands. Primär bezeichnete er wohl die Gruppe, die zur politischen Mitbestimmung berechtigt war (die späteren Landstände von Österreich), später die Landesbewohner schlechthin. In der Neuzeit besteht die Bezeichnung im Prinzip für die Bewohner der beiden Länder Österreich ob und unter der Enns weiter. Im 19. Jahrhundert verstand man unter Österreich einerseits weiterhin die Bewohner der beiden Kronländer Österreich ob und unter der Enns, andererseits aber auch stark variierend alle Bewohner der Monarchie, die Bewohner der westlichen Reichshälfte oder die deutschsprachigen Bewohner. Ab 1867 gab es eine "österreichische Staatsbürgerschaft" für die Staatsbürger der westlichen Reichshälfte. Nach Auflösung des Vielvölkerstaates wurde im 20. Jahrhundert Österreicher zur Bezeichnung für alle österreichischen Staatsbürger.

Ob den Österreichern aufgrund der vielfältigen Zuwanderungen spezifische abstammungsbedingte Eigenschaften zugeschrieben werden können, ist wissenschaftlich nicht zu klären; allenfalls wird man von bestimmten Selbst-, aber auch Fremdbildern von den Österreichern sprechen können, die zum Teil miteinander korrespondieren. Ursprünglich vor allem mit Wien und dem Land Österreich verbundene Stereotypen wurden später verallgemeinert, wie das bekannte Phäakenstereotyp (F. Nicolai, F. Schiller, zurückgewiesen unter anderem von A. Wildgans), in der österreichkritischen Propaganda oft verbunden mit dem Vorwurf mangelnder intellektueller Leistungsfähigkeit und politischer Rückgratlosigkeit. Möglicherweise hatte die spezifische österreichische Staatsbildung reale Auswirkungen auf Mentalität und Verhaltensweisen der Österreicher. Differenzierter und unter genauerer gesellschaftlicher Positionierung vor allem auf Mitglieder der Bürokratie und der Bildungsschichten wurde unter anderem von A. Lhotsky das Bild des "österreichischen Menschen" gezeichnet, der von Pflichtbewusstsein und Zurückhaltung sowie von der Aufgabe des Ausgleichs und der Vermittlung geprägt gewesen sei, freilich nicht immer erfolgreich. Aktuelle sozialwissenschaftliche Studien bieten Aussagen zu den Selbstbildern der Österreicher, die sich demzufolge (in dieser Reihenfolge) als "gemütlich, lustig, musikalisch, fleißig, tüchtig, hilfsbereit, friedfertig, höflich" usw. einschätzen. Als Symbole ihrer Identität verstehen die Österreicher die Landschaft, die Berge und die Kultur. Fremdbilder von Österreichern stellen primär auf kulturelle Komponenten ab (Operette, Musikvereinssaal, Aufführungen klassischer Musik), sekundär auf Berge, Skifahren und geringe Managementkompetenzen; nicht selten ist die Assoziation von "Österreicher" mit Antisemitismus. Deutsche sehen die Österreicher als (verhältnismäßig) langsamer, erfolgloser, altmodischer, planloser, aber fröhlicher, geselliger, toleranter und sympathischer als umgekehrt die Österreicher die Deutschen. Solche Klischees besagen freilich nichts über die Realität, zeigen aber die Dauerhaftigkeit gewisser Stereotypen, deren Existenz ihrerseits wiederum in nicht genau bestimmter Weise für den einzelnen handlungs(mit)bestimmend werden kann.

Literatur#

  • E. Zöllner, Der Österreichbegriff, 1988
  • E. Bruckmüller, Österreichbewußtsein im Wandel, 1994