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Vorsicht: Nostalgiefalle!#

von Trautl Brandstaller

Wer den Ausdruck „Altösterreich“ verwendet, muss sich vor mehreren Fallen hüten:

  • 1.Die kleinste : die Falle der Restauration. Die Beschwörung einer restaurativen Gefahr kommt einer Geisterbeschwörung gleich. Monarchisten in Österreich und den ehemaligen „Kronländern“ gibt es zwar, aber sie stellen eine politisch zu vernachlässigende Größe dar, sie sind Teil der touristisch genutzten Folklore.
  • 2. Größer ist schon die Falle der kakanischen Nostalgie - die Gefahr der Verklärung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die in ihren Randgebieten als „guter Kolonialherr“ gewirkt habe. Die Verklärung umfasst besonders jene Teile Polens, die nach den Teilungen des Landes unter der Herrschaft der österreichischen Krone standen. Nun waren die österreichischen Bürokraten vermutlich angenehmer als die russischen oder preußischen. Davon abzuleiten, dass Galizien und Lodomerien sowie die Bukowina (1775 von der Hohen Pforte an Österreich abgetreten, 1849 eigenes Kronland) in paradiesischen Umständen lebten, geht wohl zu weit. Die Habsburger schufen zwar eine gewisse Infrastruktur, sie ließen Kulturbauten wie Universitäten, Bibliotheken und Theater errichten. Die Hauptstädte der Provinzen erhielten ein durchaus urbanes Flair, das weite Land dahinter aber wurde den Großgrundbesitzern und der Ausbeutung ihrer Hintersassen überlassen. Sowohl in technischer als auch in sozialer Hinsicht blieb der östlichste Raum der Doppelmonarchie ein Ort der Rückständigkeit – ein Phänomen, das bis heute andauert.
  • 3. Im Verbund mit der ökonomischen und sozialen Rückständigkeit steht die Rolle der katholischen und orthodoxen Kirchen in „Altösterreich“. Mit ihrem Glauben an das Gottesgnadentum des Herrschers und ihrer tief traditionellen Volksreligiosität stellte sie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen immer stärkeren Faktor der Beharrung dar. Nicht zu vergessen ist in diesen Jahrzehnten der wachsende Antisemitismus, der zwar nicht die mörderischen Ausmaße der russischen Pogrome erreichte, aber auch im österreichisch besetzten Teil Polens und der Bukowina die Seelen vergiftete. Nur dieser tief sitzende religiös motivierte Antisemitismus erklärt die massive Kollaboration vor allem der ukrainischen Bevölkerung mit der Ausrottungspolitik der Nationalsozialisten.
  • 4. Dieses Thema der Kollaboration und der Mitwirkung am Holocaust, das weder in der Ukraine noch in Polen bislang breitenwirksam aufgearbeitet wurde, zählt zu den großen Tabus im öffentlichen Diskurs Polens und der Ukraine. Zwar beginnen sich die Historiker seit einiger Zeit mit dem lange verdrängten Thema zu befassen, können aber die neuerdings zunehmenden autoritären Tendenzen in Polen und auch in der Ukraine nicht verhindern.
  • 5. So bleibt der Raum, der einst zur Donaumonarchie gehörte, nur ein kultureller Raum der Erinnerung. Der „habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur“, wie ihn Claudio Magris beschrieb, hat eine seiner tiefsten Wurzeln in Galizien und in der Bukowina, die größten Werke wie Joseph Roths „Radetzky-Marsch“ spielen in einem magischen „Galizien“, das der Holocaust für immer vernichtet hat.

LITERATUR#

Aus der Bukowina : #

  • Rose Ausländer, Gedichte
  • Paul Celan, Gedichte
  • Gregor von Rezzori, Maghrebinische Geschichten

Über Galizien:#

  • Mythos Galizien, Katalog zur Ausstellung des Wien Museums, in Zusammenarbeit mit dem International Cultural Center Krakow
  • Galizien, aus der Reihe Lojze Wiesers „Europa erlesen“ ( Hg. Stefan Simonek und Alois Woldan)
  • Karl-Markus Gauß und Martin Pollack, Das reiche Land der armen Leute, Literarische Wanderungen durch Galizien, Jugend und Volk, Wien 1992
  • Harald Heppner, Czernowitz, Geschichte einer ungewöhnlichen Stadt, Böhlau. Wien 2000
  • Martin Pollack, Galizien, insel taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig, 2001
  • Martin Pollack, Kaiser von Amerika, Die große Flucht aus Galizien, Zsolnay, , Wien 2010
  • Verena Dohm, Reise nach Galizien, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main , 1991

GESCHICHTE#

  • Timothy Snyder, Bloodlands, Europa zwischen Hitler und Stalin, C.H.Beck, München 2011