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Amalthea Signum Verlag
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1917 von dem Schweizer H. Studer gegründet, 1962 von Herbert Fleissner übernommen. Schwerpunkt des Verlagsprogramms sind neben Austriaca vor allem zeitgeschichtliche und historische Themen.

GESCHICHTE DES AMALTHEA VERLAGS

Der Name Amalthea steht für die griechische Göttin, welche alle guten und schönen Gaben der Götter und Musen aus ihrem goldenen Füllhorn über die Erde leert. Der Amalthea Verlag wurde 1917 von Dr. Heinrich Studer mit Sitz in Wien, Leipzig und Zürich gegründet.

Im Sommer 1917, mitten im Ersten Weltkrieg gründet der 28-jährige Schweizer Jurist Dr. Heinrich Studer in Leipzig den Amalthea Verlag. Schon kurz darauf verlegt er den Firmensitz nach Wien. Am 5. März 1918 erhält er laut Erlass der k.k. n.ö. Statthalterei die Konzession zum Betriebe einer Buchhandlung beschränkt auf den Verlag von Werken schöngeistiger Literatur unter Ausschluss eines offenen Ladengeschäftes im Standorte Wien IV:, Gußhausstraße 21.

In der Buchhändler-Correspondenz kündigt der neue Verleger kurz darauf an: „Hauptzweck des Verlages ist zunächst die Propagierung österreichischer und schweizerischer Autoren. Es erscheinen in den nächsten Tagen von 12 österreichischen Autoren nicht weniger wie 15 Werke schöngeistiger Richtung, auf deren Ausstattung trotz des Krieges ihrem Inhalt entsprechend die größte Sorgfalt aufgewendet wurde. Ich bitte die Herren Sortimenter im Interesse der Sache sich für den Vertrieb der Werke recht lebhaft einsetzen zu wollen.“

Heinrich Studer stammt aus einer begüterten Schweizer Kaufmannsfamilie, wird am 7. März 1889 in Alten geboren, studiert in Zürich, München, Leipzig und Berlin Rechtswissenschaften, Kunst und Literaturwissenschaft und absolviert die Schauspielschule bei Max Reinhardt in Berlin. 1911 heiratet er in München Klara Aischmann. Die Ehe, aus der Tochter Doralies hervorgeht, wird 1917 geschieden. Klara Aischmann geht später eine Liaison mit Rainer Maria Rilke ein und heiratet Ivan Goll. Sie wird als Schriftstellerin unter dem Namen Claire Goll bekannt.

Von Beginn an gibt Heinrich Studer jährlich einen Verlagsalmanach heraus. Im Amalthea-Almanach auf das fahr 1922 erläutert er den Verlagsnamen: „Für die Freunde meines Verlages, die den Amalthea- Almanach 1920 nicht kennen und denen der Name »Amalthea« noch immer eine »Ziege« oder ein »Rätsel« bedeutet, sei erneut darauf hingewiesen, dass die »Amalthea« in der früheren griechischen Mythologie wohl die Ziege bedeutet, die Jupiter in den Gebirgen Kretas säugte, wo er, der zukünftige Beherrscher des Weltalls, von Rhea, seiner Mutter, ausgesetzt wurde, damit er nicht von ihrem Gemahl Kronos wie seine Geschwister Vesta, Juno, Geres, Pluto und Neptun aus Eifersucht und Angst von ihren gewaltigen Kräften verschlungen werde. In der späteren Mythologie wird die »Amalthea« vom Jupiter zum Dank unter die Sterne versetzt und ihr Horn zum Horn des Überflusses erhöht.“

Vom Amalthea-Verlagsalmanach lässt Studer neben der schlichten Ausgabe auch einige wenige Exemplare auf Büttenpapier drucken und in Halbpergament, Ganzpergament, in Halb- oder Ganzleder binden. Der letzte Almanach erscheint 1957 zum vierzigjährigen Bestandsjubiläum des Verlages. Zu den ersten Autoren des Verlages zählen Arthur Trebitsch, der Lyriker Benno Geiger, der k.k. Hofschauspieler Harry WaIden, Alfred Grünewald, Hermann Bahr mit Adalbert Stifter in einer Vorzugsausgabe von 150 signierten Exemplaren und Franz Theodor Csokor, von dessen „Baum der Erkenntnis“ eine einmalige Auflage von 800 Stück mit Illustrationen hergestellt wird, davon 150 nummerierte und vom Künstler signierte Vorzugsexemplare.

Der Verlag spezialisiert sich auf Prachtausgaben und veröffentlicht großformatige Luxusausgaben mit vielfarbigen Farbdrucken wie zum Beispiel Schweizer Landschaften von Lovis Corinth mit 5 Original Lithografien, die im Sommer 1924 entstanden sind.

1920 veranstaltet der Verlag eine Prachtausgabe der Rodauner Nachträge von Hugo von Hofmannsthal mit bislang unveröffentlichten Gedichten in einer einmaligen Auflage von 164 Exemplaren auf speziell hergestelltem Tauchpapier der Wiener Werkstätte.

Schon zwei Jahre nach der Gründung erhält Heinrich Studer für seine verlegerische Tätigkeit ein Lob vom Kunst- und Kulturrat. Monatsblätter für die Persönlichkeit: „Unter den vielen Verlagen, die jetzt wie Pilze aus dem Boden schießen und in der Zeit der Papiernot bedruckte Makulatur bereiten, um nach längerer oder kürzerer Zeit das Zeitliche zu segnen, ohne literarische bemerkenswerte Nachlassenschaft, macht wohl der Amalthea-Verlag, Wien und Zürich, eine rühmliche Ausnahme.“

Wenige Wochen nach der Übersiedelung von Leipzig nach Wien zieht der Verlag ein Haus weiter an die Adresse Gußhausstraße 23. Im August 1921 verlegt der Verlag seinen Standort neuerlich in die Seidlgasse 8 im dritten Wiener Gemeindebezirk und 1928 schließlich in die Argentinierstraße 28. Im Juli 1922 ändert der Alleininhaber Studer die Firmenbezeichnung von »Amalthea Verlag« auf »Amalthea Verlag Inhaber Dr. Heinrich Studer«. Bis 1931 beschäftigt der Verlag 30 Mitarbeiter. In der Zwischenkriegszeit gehört der Amalthea Verlag zu den produktivsten österreichischen Verlagsunternehmen. Bereits im Herbst 1926 kann er auf rund 180 Werke in einer Gesamtauflage von ca. 700 000 Bänden verweisen. Bis 1947 ist die Produktion auf 600 Verlagstitel angewachsen. Doch der Verlag wirft wenig Gewinn ab und Studer kündigt eine Änderung der Verlagspolitik an: „Solange aber Kritik und Publikum den Bestrebungen der »Amalthea« nicht mehr Interesse und Verständnis entgegenbringen, darf ich gerade im Interesse der wahrhaften Gelehrten und Künstler nicht mehr – wie bis 1922 – im weitgehendsten Maße den Wünschen der Autoren stattgeben, sondern muss mich zwangsläufig ausschließlich zeitlosen kunst- und kulturschaffenden Kräften zuwenden.“ Die Gründe für diese Krise des Verlages, die schließlich 1932 in den Ausgleich mündet und Studer sein Vorstandsmandat im Verein der österreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienhändler niederlegen lässt, ist die wirtschaftliche Lage, die den deutschsprachigen Buchhandel insgesamt schwer trifft. Vor allem der Absatz teurer Bücher leidet darunter, und der Amalthea Verlag hat sich auf Prachtausgaben spezialisiert. Zu spüren bekommt der Verlag auch die Konkurrenz der sogenannten Volksausgaben, weshalb der Amalthea Verlag die Preise seiner alten Bestände um 40–60 % senken muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Studer gibt schließlich seine Abneigung gegen Volksausgaben auf und bringt Oskar von Wertheimers „Kleopatra“ und Max Ronges „Kriegs- und Industriespionage“ zum Preis von je RM 3,75 auf den Markt. Der frühere Ladenpreis hat RM 13,50 bzw. RM 16,- betragen. Wertheimers „Kleopatra“ zählt zu den größten Verkaufserfolgen des Verlages. Erstmals 1930 erschienen, wird der historische Roman in zehn Sprachen übersetzt und erreicht eine Gesamtauflage von über 500 000 Exemplaren.

Schon in den ersten Tätigkeitsjahren ändert Studer sein ursprüngliches Programm mit vorwiegend Belletristik österreichischer und schweizer Autoren und legt seinen Schwerpunkt auf historische Werke für gehobene Schichten. Er gestaltet zwei Serien, die Amalthea-Bücherei und die Kleine Amalthea-Bücherei. In der Amalthea-Bücherei erscheinen literar- und kulturhistorische, reich illustrierte Monografien von Autoren wie Hermann Bahr, Benedetto Croce, Richard von Schaukal und die zum Klassiker gewordenen „Alt-Wiener Musikstätten“ von Karl Kobald. Die Kleine AmaIthea-Bücherei stellt eine Sammlung der bedeutendsten Kleinkunstwerke der Weltliteratur in geschmackvollen Liebhabereinbänden dar, versehen mit Bildern und Grafiken bekannter Künstler, z.B. „Anakreontische Lieder“ in einer Auswahl nach Mörike mit 8 Originallithografien von Otto Friedrich. – „Lebensansichten des Katers Murr“ von E.T.A. Hoffmann mit einem Nachwort von Richard von SchaukaI und 8 Originallithografien von Maximilian Liebenwein. – „Rinconete und Cortadillo“ von Cervantes nach Notters Übertragung mit 8 Originallithografien von Franz Wacik. 1923 eröffnet der Verlag eine weitere Reihe – Amalthea-Damen-Brevier –, die den Untertitel »Kleinodien der Liebe« trägt.

Bei Amalthea erscheinen das Jahrbuch deutscher Bibliophilen, das Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft und die Chronik des Wiener Goethevereins. Zu SchieIes 10. Todestag veröffentlicht Otto Nirenstein 1928 Egon Schiele. Persönlichkeit und Werk, den ersten Gesamtkatalog des künstlerischen Schaffens des jung verstorbenen Malers.

Ein Schwerpunkt im Verlagsprogramm werden Musikerbiografien. Zu den Klassikern zählen „Mozart“ von Erich Schenk und „Beethoven“ von Karl Kobald. Zum breitgefächerten Programm gehören bald auch historische Romane und Herrscherbiografien wie die erste Kaiserin-Elisabeth-Biografie von Egon Cäsar Conte Corti (1938). In der Buchreihe »Berühmte Frauen der Weltgeschichte« erscheinen „Christine von Schweden“ von Oskar von Wertheimer und die Maria-Theresia-Biografie Augustissima von Ann Tizia Leitich.

Autobiografien bilden einen weiteren Programmschwerpunkt: 1928 erscheinen Isidora Duncans Memoiren. Großes Aufsehen erregt 1926 „Geist und Gesicht des Bolschewismus“ von Rene Fülöp-Miller, ausgestattet mit 602 Bildern. Winston S. Churchill veröffentlicht 1928 bei Amalthea „Die Weltkrisis 1916 bis 1918“, übersetzt von Graf Hans Czernin und C. Zell. 1924 übernimmt der Verlag die Wiener Drucke, die sich mit der Kultur des alten Österreich und des alten Wien befassen, darunter der Alt-Wiener Kalender und ein von Egon Friedell herausgegebener Nestroy-Band. Bei Amalthea erscheint auch die Neue Österreichische Biographie 1815–1918 als Fortsetzung des von Constant von Wurzbach 1856 bis 1890 verfassten Biographischen Lexikons des Kaisertums Österreich. 1933 veröffentlicht der Amalthea Verlag das offizielle österreichische Seekriegswerk von Hans Sokol, „Österreich-Ungarns Seekrieg 1914–1918“.

Eine verlegerische Leistung Studers ist die deutschitalienische Ausgabe von Dantes „Göttlicher Komödie“ zum 600. Todestag des Dichters, deren Preis sich im Frühjahr 1924 in der Ganzpergamentausgabe auf stolze 5 Millionen Kronen beläuft. Ein Roman kostet im Vergleich dazu durchschnittlich 30 000 Kronen. Die Ausgabe ist ausgestattet mit Buchschmuck und 60 Originalaquarellen von Franz von Bayros. Die Luxusausgabe in Halbpergament ist auf 1100 nummerierte und vom Künstler handsignierte Exemplare begrenzt.

Der Verlag hat bis Anfang der 1930er Jahre beträchtliche Einnahmen aus Übersetzungsrechten, vor allem aus den USA, die sich infolge der Wirtschaftskrise deutlich verringern. Eugen Lennhoffs Erfolgstitel „Die Freimaurer“ erscheint in einer spanischen und einer tschechischen Ausgabe. 1932 folgt vom selben Autor gemeinsam mit Oskar Posner das „Internationale Freimaurerlexikon“. Noch im August 2000 gibt der Verlag von diesem wohl erfolgreichsten Amalthea-Titel eine Neuausgabe in der Bearbeitung von Dieter A. Binder heraus. A. T. Wassiljews „Ochrana. Aus den Papieren des letzten russischen Polizeidirektors“ wird in acht Sprachen übersetzt. 1938 wird der Titel beschlagnahmt.

Der Verlag veröffentlicht die Zeitschrift „Belvedere. Monatsschrift für Kunstfreunde und Sammler“, anfangs herausgegeben von Heinrich Studer, seit den 1930er Jahren von A. Stix, dem damaligen Direktor der Albertina. Bedeutende Privatsammlungen, bekannte Institute und Museen publizieren dort ihre Neuerwerbungen und Entdeckungen. Die Zeitschrift wird im Krieg eingestellt.

Nach dem Anschluss im März 1938 vernichtet die Gestapo in Leipzig und Wien Verlagswerke jüdischer und monarchistischer Autoren sowie Titel über Russland in einem Gesamtwert von sfr 250 000,-. Bei einem Fliegerangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 verliert der Verlag sein Retensionslager im Nettowert von sfr 150 000,-. Das Verlagsarchiv, Studers Privatbibliothek mit über tausend Bänden sowie seine repräsentative Wiener Wohnung fallen Brand und Plünderung zum Opfer.

1940 lautet die Firmenadresse Schwarzenbergplatz 12, Hochparterre. An dieser Adresse bleibt der Verlag bis zu Studers Tod. Heinrich Studer, der als erster Verleger von der österreichischen Regierung das »Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich« verliehen bekommen hat, verstirbt am 21. Januar 1961 in seiner Wohnung am Schwarzenbergplatz 10.

Im Oktober 1962 geht das Unternehmen auf den Münchner Verleger Dr. Herbert Fleissner über, der damit den Grundstein für sein Verlagshaus legt. 1966 wird der Geschäftssitz vom Schwarzenbergplatz an den unweit gelegenen Heumarkt 19 gegenüber dem Stadtpark verlegt. Die historische Ausstattung der heutigen Verlagsräume bietet ein originalgetreues Bild der Lebenskultur des späten Historismus. Von den Stukkaturen und Holzvertäfelungen bis hin zu den Lustern, Tapeten, Teppichen und dem Mobiliar entsprechen alle Details der ursprünglichen Einrichtung.

Österreichische Geschichte bleibt die erfolgreiche Domäne des Verlages. Als neues Programmsegment kommt die Satire dazu. Einen Schwerpunkt bilden heute mehr denn je auch Biografien und Autobiografien aus Musik und Theater, Politik und Geschichte, Satire und Humor. Im Durchschnitt erscheinen bei Amalthea 30 Titel pro Jahr.

2002 übernimmt Amalthea den (1973 gegründeten) Signum Verlag, der auf Sach- und Fachbücher für Wirtschaft und Politik spezialisiert ist, sowie die praxisorientierten Reihen für Verkaufsmanagement, Management und Europabibliothek. Seit 2002 firmiert die GmbH als österreichischer Amalthea Signum Verlag.

© 2008 Amalthea Signum Verlag, Wien