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Atomkraftwerke 2011#

Hier ist eine Sammlung von Beiträgen, die nach dem Tsunami in Japan zum Teile Atomkraftwerke massiv angreifen, obwohl bei dem Tsunami zwar ca. 16.000 Menschen ertranken und durch die teilweise Zerstörung von Atomkraftwerken Radioaktiviät austrat, allerdings kein Mensch durch solche radioaktive Lecks in den folgenden Tagen starb, auch wenn Langzeitfolgen nicht auszuschließen sind.

Ein Jahr danach schreibt Fleischhacker in "Die Presse" am Samstag, 10. März 2012 zu 1 Jahr Fukushima:

"... Wer immer schon der Ansicht war, dass der Mensch durch die Nutzung der Atomkraft seine Grenzen überschreitet, fühlt sich bestätigt. Wer immer schon der Meinung war, dass die Risken überschätzt werden, sieht sich ebenfalls bestätigt. Beide meinen, dass sie Recht haben.

Atomkraftwerke sind ein Risiko. Aber Fukushima hat gezeigt, dass die nach dem Unfall erstellten Horrorprognosen nicht zutreffend waren. 

16.000 Menschen starben an den Folgen von Erdbeben und Tsunami, kein einziger an den Folgen des Reaktorunglücks. Statistisch bedeutet das zunächst also, dass es riskanter ist, an der japanischen Küste als in unmittelbarer Umgebung eine Atomkraftwerks zu leben. ..."

Anmerkung von H. Maurer: Ohne die Gefahren der Atomenergie, vor allem der Uranspaltung oder der Gefahr durch schnellen Brüterreaktoren verschweigen zu dürfen kann man doch Anfang 2017 sagen, dass in den letzten 30 Jahren wohl über hundert Millionen Menschen durch Luftverschmutzung gestorben sind (die man durch Einsatz von mehr Kernenergie hätte verringern können), durch Unfälle bei Atomkraftwerken aber selbst bei den unwahrscheinlichsten Annahmen über Langzeitfolgen nur ein kleiner Bruchteil durch Atomkraftwerke gestorben ist oder noch sterben wird.

Das erkärt auch die Renaissance der Kernenergie vor allem in Ländern wie China, Indien, Pakistan, usw., wo die Menschen massiv unter der schlechten Luftqualität leiden und das Bestreben, traditionelle Urankraftwerke vielleicht durch Thoriumkraftwerke ersetzen zu können, bei denen die Gefahr eine Kernschmelze bekanntlich nicht existiert.

In diesem Sinn sind die folgenden Aufsätze interessante Zeitdokumente, würden aber heute m.M.n. wohl schon etwas anders geschrieben werden. Ende Anmerkung H. Maurer




Die folgenden Essays wurden von der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (17. März 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Japans Traum zerstört#

Technik – trotz allem #

Die dreifache Katastrophe in Japan – Erdbeben, Tsunami, Reaktorunfälle – führt den technikgläubigen Staat an Grenzen. Mit der Verkettung und dem Ausmaß war nicht zu rechnen. Einige europäische Staaten stellen Kernenergie infrage.

Von

Claus Reitan


Erdbeben, Tsunami und die Nuklearkatastrophe
Erdbeben, Tsunami und die Nuklearkatastrophe stellen Grundkonstanten der Gesellschaft infrage: den Glauben an Politik und Technik.
Foto: EPA (4)

Japan kämpft mit einer dreifachen Katastrophe, die noch andauert. Die Welt sieht fassungslos zu, ringt um Worte, liefert Hilfe. Noch fehlen Begriffe für das Geschehene, noch vermag es niemand historisch einzuordnen. Aber die Ereignisse im Land der aufgehenden Sonne – das Erdbeben, der Tsunami und die Unfälle in Kernreaktoren – sind schon vor Abschluss aller Abläufe wegen ihrer Wucht und Dramatik ein Teil der Geschichte. Sie markieren einige Wendepunkte.

„Wie hältst Du es mit der Kernenergie?“ war gerade in Österreich die Gretchenfrage, mit der seit vierzig Jahren nach dem vermeintlich rechten politischen Glauben gefragt wird. Die Kernspaltung spaltet die Gesellschaft, doch alleine das würde sie noch nicht in jenem Ausmaß diskreditieren, wie es ihre Gegner tun. Aber die haben in diesen Tagen Bekräftigung ihrer Skepsis, Belebung ihres Temperaments und den schönsten Lohn, den die Welt zu vergeben hat, erhalten: zumindest vor der Zeitgeschichte Recht zu behalten.

Zu wenig Wissen, zu viel an Skepsis#

Eine Technik wie die Kernenergie, die in der Öffentlichkeit auf wenig Sachkundigkeit und hohe emotionale Ablehnung stößt, macht sich verdächtig, wenn sie weder das eine noch das andere zu entkräften vermag. Die Mystifizierung zum Angstgegner und Stilisierung zum Feindbild vollenden jene Regierungen, die zwar gegenüber der Öffentlichkeit Informationen zurückhalten, der einschlägigen Industrie hingegen Förderungen zukommen lassen. Das ist ein Bündnis von Wissen und Macht zur Täuschung demokratischer Öffentlichkeit. Diese muss sich allerdings vorhalten lassen, die Bestechung durch jederzeit verfügbare und leistbare Energie gerne angenommen zu haben. Wer in Europa den Ausstieg aus der Kernenergie forciert, wird an dem dafür zu entrichtenden Preis mit zu bezahlen haben. Expertisen, wonach dieser allemal niedriger sei als jener auf Jahrhunderte zu entrichtende für Atommüll, sind schwer von der Hand zu weisen.

So oder so – die Ereignisse in Japan bieten Anlass und Inhalt, nicht nur die Energiepolitik zu überdenken. Es ist diese Trias aus Erdbeben, Fluten und Reaktorunfällen, die sogar noch im Schock erkennen lassen, was zu überdenken ist.

Nicht alles, was möglich ist, lässt sich in Wahrscheinlichkeiten fassen, aber selbst das Unwahrscheinliche passiert. Das ist eine – nicht ganz neue – Lehre aus Japans Katastrophe von 2011: Auf jede einzelne Katastrophe waren Land und Leute vorbereitet, aber nicht auf deren mehrfache Verkettung. Selten noch war das Ganze dieser geradezu apokalyptischen Vorgänge so viel mehr als die Summe seiner katastrophalen Teile. Und kaum ein Staat, eine Wirtschaft oder ein Sozialsystem sind derart an den Grenzen ihres Wachstums und ihrer Möglichkeiten vorgeführt wie jene Japans. Der Inselstaat verbraucht Energie und Rohstoffe, ja, auch menschliche Ressourcen seiner Nachbarschaft in einem ungeheuren Ausmaß. Dafür wurden Limits aufgezeigt.

Technik- statt Glaubensfragen#

Alleine, der Glaube an die Technik wird bleiben, trotz des Rückschlages auch und gerade in Japan, weil Leben ohne Technik nicht möglich ist. An diesem Punkt ist anzusetzen. Nicht nur in Japan. Seit Jahr und Tag ziehen kluge und feinfühlige Menschen durch die Lande, zeigen Grenzen des Wachstums auf. Fachleute, auch Journalisten. Sie werden von der institutionalisierten Politik oft genug als säkulare Bußprediger der Neuzeit abgetan. Mit der Kraft der Macht, die laut Henry Kissinger jenen verbraucht, der sie nicht hat, werden sie arrogant aus fair gehandelten Schlapfen geohrfeigt. Das ist nicht billig, das ist nicht gerecht. Das Menetekel in Japan zeigt: Technik möge nicht die von der Politik beschwichtigend verbreitete Sicherheit vorgaukeln, sondern erst recht der Kritik- und Korrekturfähigkeit jeglichen Systems dienen. In Offenheit und Transparenz, damit Wissen an die Stelle von Skepsis tritt. Das bleibt Erfolgsgeschichte, trotz historischer Rückschläge.


Stunde null in Japan#

Japan hat die Fähigkeiten, die Folgen der Katastrophe zu bewältigen. Das Land braucht Import von Energie und Produktion für den Export.#

Von

Claus Reitan


Kurssturz in Tokio
Kurssturz in Tokio
© Foto: DIE FURCHE

Es gibt zahlreiche Österreicher, die Japan kennen. Das tun auch viele Diplomaten der Europäischen Union. Aber zwei österreichische EU-Diplomaten gehören wahrscheinlich zu den besten Kennern Japans – und beide sind trotz der Katastrophe, welche den Inselstaat heimgesucht hat, optimistisch: „Mit Disziplin, Solidarität und Optimismus wird Japan mit der Katastrophe und ihren Folgen fertig werden“, sagt etwa Dietmar Schweisgut, Leiter der EU-Delegation in Tokio gegenüber dem ORF. An dieser Stelle in Asien war auch Michael Reiterer, heute EU-Botschafter in Bern, für die Europäische Kommission leitend tätig. Und er sagt gegenüber der FURCHE: „Das Potenzial, sich nach der Katastrophe aus dem Sumpf zu ziehen, ist in Japan da.“ Diese traditionellen Eigenschaften – Disziplin und Fleiß – wird Japan benötigen, aber auch internationale Hilfe, sollen die Folgen der dreifachen Katastrophe bewältigt, soll irgendwann einmal zu Normalität zurückgefunden werden. Zu groß sind die Zerstörungen, zu gewaltig die Schäden, zu sehr haben das öffentliche Vertrauen in Technik und in Regierung Schaden genommen. Schätzungen über die Höhe der Schäden der dreifachen Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfällen liegen noch nicht vor. Der Risikospezialist Eqecat schätzt die Summe der versicherten Schäden alleine des Erdbebens auf 25,2 Milliarden Dollar.

Feuerwehr versucht Brand in Ichihara zu löschen
Vom Meer aus versuchen Feuerwehren, den Brand in einer Raffinerie in Ichihara zu löschen.
© Foto: DIE FURCHE

Dreh- und Angelpunkt bleibt, Energie bereitzustellen und die Produktion wieder aufzunehmen. „Die Produktion muß rasch wieder anspringen“, sagt Reiterer, der zuletzt von 2002 bis 2007 für die EU in Tokio tätig war.

Flutwelle an der Mündung des Flusses Hei
Flutwelle. An der Mündung des Flusses Hei strömen Flutwellen auf das Land, ausgelöst durch Erdbeben und Tsunami.
© Foto: DIE FURCHE

Das Wichtigste ist Energie#

Dafür müsse die Energielücke rasch geschlossen werden, Japan sei auf Energieimporte angewiesen, habe Russland um Erdöl- und Erdgaslieferungen ersucht. Die Chancen auf weitere Produktion stünden gut: Der von Erdbeben und Tsunami getroffene Landesteil sei für die Wirtschaft nicht besonders bedeutsam. Die größten Fabriken Japans liegen auf einer mehr als 600 Kilometer langen Strecke zwischen Tokio und Kobe. Dort würden rund 70 Prozent der Bevölkerung leben und arbeiten, würden mehr als zwei Drittel der Industrieproduktion hergestellt. Reiterer: „Diese Strukturen sind nicht beeinträchtigt, der Kernbereich ist nicht beschädigt.“ Darauf ist Japan angewiesen. Japans Wirtschaft baue, so Reiterer, der früher auch für Österreichs Wirtschaftskammer tätig war, auf Export auf. Versuche, die Konjunktur auch über eine Inlandsnachfrage abzustützen, seien nur mäßig erfolgreich gewesen. Das habe mit den Lebensverhältnissen zu tun – die kleinen Wohnungen erlauben keine übermäßige Anhäufung von Gegenständen aller Art. Und Bücher werden in Japan nach dem Lesen großteils weggeworfen, wegen des Mangels an Platz für Regale. Jedenfalls, so Reiterer, könne die Belebung der Wirtschaft nur über den Export erfolgen. Das sei zu schaffen, obwohl der Index der Börse in Tokio um zehn Prozent abgestürzt sei, das „ist zu negativ bewertet“.

Menschen verlassen die Stadt Minamisanriku
Mit einem Sack letzter Habseligkeiten verlassen Menschen die Stadt Minamisanriku.
© Foto: Foto: EPA
IAEO-Generaldirektor Yukiya Amano
Ratlosigkeit. Wenig informiert und etwas ratlos wirkte IAEO-Generaldirektor Yukiya Amano, als er in Wien die Störfälle erläutern sollte.
© Foto: APA / Schlager

Die Bevölkerung Japans verfüge, darin sind sich die Schweisgut und Reiterer einig, über das Potenzial und die Fertigkeiten, die Folgen der Katastrophe zu bewältigen. Dazu gehört Disziplin, etwa in der Vorsorge gegen Erdbeben, die Reiterer kennenlernte. Der Diplomat wurde, wie andere Mitarbeiter auch, regelmäßig jährlich geschult und trainiert, sich bei Erdbeben richtig zu verhalten. Er übte, unter Tische zu kriechen, die Ausrüstung bei sich haben, zum richtigen Zeitpunkt das Haus zu verlassen. „Erdbeben können die Japaner managen“, sagt Reiterer. Auch auf einen Tsunami „sind sie im Prinzip eingestellt“. Selbst wenn der heurige von besonderer Wucht war: Die Flutwelle schwappte Wassermassen bis zu 25 Kilometer in das Landesinnere. Doch die Katastrophe von 2011 brachte einen „Quantensprung“, gemeint ist, eine neue Art und eine größere Dimension.

Geringer Anteil an Kernenergie#

Die Kernenergieanlagen seien auf Sicherheit angelegt, auch auf Vorkehrungen gegen Erdbeben. Auf den „Schicksalsschlag“ eines Bebens in der Stärke 9,0 sei man nicht vorbereitet. Dennoch habe Japan nicht auf falsche Karte gesetzt. Denn die Zusammensetzung im Energieaufkommen passe, der Anteil an Kernenergie sei in Japan mit weniger als einem Drittel deutlich niedriger als in Frankreich. Dennoch: Vorerst ist Japan auf Energieimporte angewiesen, um seine Exporte zu beleben, um so die von außen als solche empfundene Stunde null hinter sich zu lassen.


Der Weg aus der Kernenergie#

Selbst für Länder, die von der Atomkraft weitestgehend abhängig sind, wäre eine langfristige Energiewende möglich. Alternative Energiegewinnung aus Sonne und Wind ist nicht nur sicherer, sondern auch billiger. #

"Bedeutet die Katastrophe von Fukushima das Ende der Kernenergie? Alternativen wären verfügbar, sagen Atomgegner."

Von

Oliver Tanzer


Primärenergie-Versorgung
Primärenergie-Versorgung
© International Energy Agengy

Man kann auch aus den furchtbarsten Geschehnissen die seltsamsten Konsequenzen ziehen. In den Stunden und Tagen, in denen die Ingenieure des AKW Fukushima I in Japan verzweifelt gegen einen möglichen Super GAU kämpfen, entschied sich die polnische Regierung dafür, ihren Willen zum Bau von vier Atomreaktoren ab 2016 zu bekräftigen. Donald Tusk, regierender Premierminister, verkündete stolz: „Es gibt genug Mittel, die den Bau eines sicheren Kraftwerks in Polen ermöglichen.“

Der gnadenlose Nuklear-Optimismus Tusks wirkt aktuell zwar völlig deplatziert, aber er entspricht der Haltung so ziemlich aller europäischen Nationen: Die Nukleartechnologie ist demnach die wichtigste klimaschützende Alternative zu CO2-intensiven fossilen Energieträgern. Im März 2008 haben Europas Staats- und Regierungschefs per Gipfelbeschluss die Kernenergie zur „sauberen Energie“ geadelt. Italien plant nun im Zeichen des Klimaschutzes den Bau von Reaktoren im Norden des Landes, ebenso Großbritannien.

Nicht nur innerhalb der EU stand die Kernfusion zuletzt im Aufwind. China will trotz Fukushima- GAU unverdrossen seinen aus Nuklearenergie gewonnenen Strom bis 2020 vervierfachen. Allein seit 2008 begann das Land mit dem Bau von 24 Reaktoren.

Dies alles, obwohl sich die Zweifel über die bisher getätigte Darstellung von Kosten und Umweltfolgekosten der Atomkraft erheblich vermehrt haben – von der Schadensbehebung im Ernstfall gar nicht zu reden. Die Frage, die sich die Politik nicht stellt, soll auf den folgenden Zeilen beantwortet werden. Wie viel kostet Kernenergie tatsächlich? Könnte die Kernkraft durch erneuerbare Energieformen ersetzt werden? Wie schnell könnte die Umstellung vonstatten gehen?

Zunächst ein Kostenvergleich. Die Technische Universität Dortmund veranschlagt die Aufwendungen für ein Kernkraftwerk mit geltenden Sicherheitsstandards mit fünf Milliarden Euro. Darin nicht enthalten: die Umwelt kosten, die bei der Beschaffung spaltbaren Materials entstehen. Uwe Fritsche vom Öko-Insitut Darmstadt hat berechnet, dass dadurch die angeblich preiswerte Stromerzeugung nicht in dem Maße billig ist, wie von Atomenergieherstellern behauptet (2,3 Cent pro KWh). Fritsche veranschlagt die Gesamtkosten mit fünf Cent pro Kilowattstunde. Biogas und Windenergie liegen bei acht Cent, Wasserkraft bei zehn Cent, am teuersten ist Solarstrom mit bis zu 30 Cent.

Primärenergie-Versorgung
Fukushima. Der Bewohner einer Siedlung nahe dem Reaktor Fukushima I zeigt auf die Zerstörung. Inzwischen mussten mehr als 600.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden.
© Foto: EPA

In diese Berechnung müssten allerdings noch Steuergelder einbezogen werden, mit denen die Atomindustrie unterstützt wird.

165 Milliarden für Atomindustrie#

Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft berechnete die Förderungen allein der deutschen Regierung seit 1950 mit 165 Milliarden Euro. Nach Meinung des Forums müsste man dem Atomstrompreis mehr als zwei Euro pro Kilowattstunde zuschlagen – er wäre damit mehr als sechs Mal so teuer wie der teuerste Solarstrom. Im Fall eines schweren nuklearen Unfalls läuft diese Rechnung vollends aus dem Ruder. Die PROGNOS-AG Basel taxiert die Kosten für diesen schwersten anzunehmenden Unfall bei 5400 Milliarden Dollar.

Ein weiteres Argument, das immer wieder für die Atomkraft ins Treffen geführt wird: Der steigende Energiebedarf der Menschheit. Bis zum Jahr 2035, so die Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA, steigt der Bedarf gegenüber dem heutigen Niveau um 66 Prozent an.

Wäre das ohne Atomenergie umsetzbar? Kurzfristig jedenfalls nicht. Atomkraftwerke decken laut IEA zwar nur 5,8 Prozent des weltweiten Bedarfs, doch in den hochentwickelten Industrienationen der OECD sind es schon 10,9 Prozent. Erneuerbare Energien, die als einzige die Kernkraft ohne Treibhausgaszuwachs ersetzen könnten, können in den Industrieländern derzeit nur zu knapp sieben Prozent des Bedarfs decken. Intensive Investitionen wären also erforderlich. Dazu kommt bei der Windkraft auch ein Platzproblem. Um nur einen einzigen Atommeiler mittlerer Leistung zu ersetzen, bräuchte man ein Windkraftwerk mit Turbinen auf einer Fläche von 600 Quadratkilometern. Immerhin können die erneuerbaren Energien auf sinkende Kosten und steigende Rentabilität verweisen. Derzeit werden pro Jahr zwar 340 Terawattstunden, das sind zwei Prozent des Weltenergiebedarfs, aus Wind gewonnen. Doch der Markt wuchs allein 2009 um 31 Prozent. Bei anhaltender Entwicklung, so der Weltwindkraftverband, könnten alle Atomkraftwerke bis 2020 ersetzt werden.

Nuklearanteil am nationalen Energieverbrauch 2009
Nuklearanteil
Quelle: International Atomic Energy Agency, Angaben in Prozent

Das allein hilft freilich nicht gegen den wachsenden Energiehunger. Dazu müssten auch entscheidende Schritte im Bereich der Sonnenenergiegewinnung unternommen werden. Das Potenzial wäre riesig. Die gesamte Sonnenenergie, die pro Jahr auf die Erde fällt, ist 7000-mal so hoch wie der tatsächliche Energiebedarf der Menschheit.

Solare Energieversorgung der Welt#


Japan. Würde Japan seine Möglichkeiten für erneuerbare Energien besser nutzen könnte der Strombedarf des Landes bis 2050 um 50 Prozent gesenkt werden.
Auf Kernenergie könnte ab 2030 verzichtet werden.

Demnach würden Sonnenkollektoren auf einer Gesamtfl äche von 72.000 Quadratkilometern (etwas weniger als die Fläche Österreichs) ausreichen, den gesamten Planeten risikolos mit Energie zu versorgen. Doch davon kann derzeit keine Rede sein. Vor allem fehlen Speichertechnologien, die eine konstante Energieversorgung garantieren.

Trotzdem: Auch Staaten mit hohem Anteil an nuklearer Energieversorgung könnte bei Anwendung eines entsprechenden Energiemixes die Umstellung langfristig gelingen. Entgegen der Meinung von Nuklearexperten meinen deutsche und japanische Forscher, dass selbst in Japan eine nachhaltige Energiewende möglich wäre. Kombiniert das Land das Potenzial aller erneuerbaren Energieformen und investiert in Energiespartechnologien, könnte der Strombedarf bis 2050 um 50 Prozent sinken, so eine Studie aus dem Jahr 2007. Auf die Kernenergie könnte das Land ab 2030 verzichten. Das klingt zunächst wie eine Illusion. Doch zumindest erkannten die Wissenschafter schon damals ein Risiko der herrschenden Politik ganz klar: „Wir verstärken die Gefahren der Nuklearenergie, wenn wir vorgeben, Kernkraft trage zur Bekämpfung des Klimawandels bei.“


„Japan hat keine Alternative zur Atomkraft“ #

Der Kernphysiker Harry Friedmann von der Universität Wien ist davon überzeugt, dass es auch nach der jüngsten Katastrophe keine substanzielle Neuausrichtung der japanischen Energiepolitik geben wird.#

Das Gespräch führte

Bernhard Madlener


Nuklearanteil am nationalen Energieverbrauch 2009
Foto: EPA

DIE FURCHE: War mit dem japanischen Unglück zu rechnen?

Harry Friedmann: Wenn man berücksichtigt, wie viele Reaktoren es weltweit gibt und wie lange sie in Betrieb sind, kann man statistisch abschätzen, wie oft so ein Unfall auftreten könnte. Ich kenne die japanischen Reaktoren nicht konkret, wundere mich aber, dass es scheinbar keine Vorkehrung gegen die Knallgasexplosion gab. Normalerweise wird dieses Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch, das an der Brennstoffummantelung unter Extremtemperaturen entsteht, z. B. durch Katalysatoren wieder zu Wasser verbunden.

DIE FURCHE: Sollten die Japaner von der Atomkraft abgehen?

Friedmann: Was wäre die Alternative? Japan hat 54 AKW. Es hat kein Erdöl, kein Gas, keine großen Flüsse. Solarenergie reicht für die Bevölkerungsmasse nicht aus. Die kleinsten Reaktoren produzieren 400 Megawatt Strom, das entspricht 200 der größten Windräder. Da kann man sich ausrechnen, wie viele man bräuchte. Außerdem wird dort nur Strom produziert, wenn es Wind gibt. Strom zwischenzuspeichern ist illusorisch, weil die Topologie keine Möglichkeit für ausreichend viele Speicherkraftwerke bietet.

DIE FURCHE: Ein Schlag ins Gesicht aller Atomkraft-Gegner ...

Friedmann: Ja, aber durch den moralischen Bann, der auf der Kernenergie liegt, wurde die Weiterentwicklung der Sicherheitsstandards gebremst. Einfach weil vielfach keine Reaktoren mehr gebaut worden sind und die Entwicklung stillstand. Neuere Kraftwerke weisen durchwegs höhere Sicherheitsstandards auf als ältere, jedoch müssen sie weiterlaufen, da keine neuen zur Verfügung stehen.

DIE FURCHE: Könnte die Kernfusion eines Tages als „saubere“ Alternative dienen?

Friedmann: Sauber im Sinne keiner radioaktiver Abfälle wäre die Kernfusion nicht. Es sind dort vor allem Strukturmaterialien, die durch den Neutronenbeschuss radioaktiv werden. Diese könnten eventuell so gewählt werden, dass die Halbwertszeiten der gebildeten Radionuklide geringer sind als jene der langlebigen Endprodukte der Kernspaltung.


Zukunft.
Neue Energiekonzepte stehen für die akut von Strahlung
bedrohten Japaner derzeit nicht zur Diskussion.


Atomreaktoren: Mehr als ein Drittel älter als 30 Jahre #

Von

Oliver Tanzer


Weltweit sind derzeit nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO 442 Reaktoren in Betrieb. 65 Reaktoren befinden sich im Bau. Japan verfügt über 52 Reaktoren, deren Inbetriebnahme zum Teil bis 1970 zurückreicht. Generell sind die meisten Reaktoren älteren Baujahrs. 172 Reaktoren sind seit über 30 Jahren in Betrieb.

Deutschland hat als erste Nation, wenn auch nur vorübergehend, die Konsequenzen aus der Nuklearkatastrophe gezogen. Laufzeitverlängerung für Deutschlands älteste AKWs wurde ausgesetzt. Alle vor dem Jahr 1980 in Betrieb genommenen Atomanlagen werden für drei Monate vom Netz genommen. Der neue deutsche Umweltminister Röttgen stellte auch eine dauerhafte Stilllegung in den Raum. Die deutschen Oppositionsparteien brandmarkten die Maßnahme als bloßes Scheinmanöver für die anstehenden Kommunalwahlen Ende März.

Das älteste in Betrieb befindliche Atomkraftwerk der Welt befindet sich in Oldbury in Großbritannien. Es wurde 1967 in Betrieb genommen und steht mittlerweile doppelt so lange in Betrieb wie ursprünglich vorgesehen. Im Juli 2011 soll die Stilllegung erfolgen. E-On plant bereits die Konstruktion eines neuen Reaktors auf dem Gelände.


Wie sicher sind Kernkraftwerke?#

Veraltete Reaktoren sind Risiko. #

Nicht alle Atomkraftwerke sind in gleichem Maß risikobelastet. Gefahren gehen vor allem von Reaktoren älteren Baujahrs aus. Ihre Druckbehälter sind nicht mehr zeitgemäß.#

Von

Raimund Lang


Das Innere eines Kernreaktors
Reaktor. Das Innere eines Kernreaktors, in dem sich die Brennstäbe und die Kühlflüssigkeit befinden. Eine länger anhaltende Unterbrechung der Kühlung führt in letzter Konsequenz zur Kernschmelze.
Foto: DIE FURCHE

Dass die Spaltung von Atomkernen ein potenzielles Risiko darstellt, war schon Enrico Fermi bewusst. Im Jahr 1942 führte der Physik-Nobelpreisträger im Testreaktor „Chicago Pile 1“ die erste kontrollierte Kernspaltung durch. Zur Sicherheit stand ein Mitarbeiter mit einer Axt daneben. Sollte die Kettenreaktion außer Kontrolle geraten, würde er damit ein Seil durchtrennen, ein daran befestigter Kadmiumstab in den Reaktor fallen und die Kernreaktionen sofort zum Stillstand kommen. Die Berufsbezeichnung dieses Mitarbeiters war „Safety Cut Rope Axe Man“. Das daraus abgeleitete Akronym SCRAM ist bis heute als Ausdruck für die – freilich etwas modernere – Schnellabschaltung von Kernreaktoren gebräuchlich.

Kernschmelze ist größte Gefahr#

Die aktuellen Ereignisse in Japan scheinen nahezulegen, dass die Technologie der Kernspaltung auch 69 Jahre später noch nicht restlos im Griff ist. Laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA sind derzeit weltweit 442 Atomkraftwerke (AKW) in Vollbetrieb, 65 in Bau, 5 in der Stilllegungsphase. Eine Armada potenzieller Killer? „Man kann nicht alle Atomkraftwerke über einen Kamm scheren“, meint Mario Villa, Leiter des Forschungsreaktors am Atominstitut der TU Wien. „Unterschiedliche geografische Lagen bedeuten auch unterschiedliche Risiken.“ Die größte Gefahr bei einem AKW-Unfall ist eine Kernschmelze.

Dabei erhitzen sich die Brennstäbe und verschmelzen miteinander. Im schlimmsten Fall dringt diese mehrere Tausend Grad heiße, radioaktive Schmelze durch den Reaktormantel und verstrahlt die Umwelt. Die verheerenden Folgen einer solchen Katastrophe hat Tschernobyl 1986 verdeutlicht.

Selbst wenn die nukleare Kettenreaktion rechtzeitig beendet wird, wie in den japanischen AKWs, bleibt die Gefahr einer Kernschmelze bestehen. Denn radioaktive Spaltmaterialien haben eine Nachbrennzeit und müssen noch tagelang gekühlt werden.

„Die Nachzerfallsprodukte erzeugen auch nach der Abschaltung des Reaktors noch Wärme“, sagt Villa. „Die Nachkühlung ist deshalb die Hauptschwierigkeit bei einem Unfall.“ So hielt das japanische AKW Fukushima I zwar dem Erdbeben weitgehend stand, die nachfolgende Flutwelle hat jedoch die Dieseltanks der Notstromgeneratoren weggespült. Dadurch gab es kurzfristig keine Stromversorgung für eine ausreichende Kühlung. Ist die Reaktorhülle beschädigt, können freilich schon vor und unabhängig von einer Kernschmelze radioaktive Materialien wie Jod oder Cäsium in die Umgebung entweichen und Nierenschäden oder Schilddrüsenkrebs verursachen.

Abhängig von der Schwere des Unfalls und den Auswirkungen auf die Umwelt wird jeder Störfall in einem AKW auf der sogenannten INES-Skala (International Nuclear Event Scale) eingeordnet. Tschernobyl ist mit INES 7 eingestuft. Die weitaus meisten Stör fälle sind vergleichsweise harmlos, ein Transformatorbrand im deutschen AKW Krümmel 2007 hatte den INES-Wert null.

Kühltürme
Kühltürme. Das erste kommerzielle AKW ging 1954 in Russland in Betrieb. Seither hat die Sicherheitstechnik große Fortschritte gemacht. Als besonders sicher vermarktet der französische Industriekonzern Areva seinen neuen Kraftwerkstyp EPR
Foto: DIE FURCHE

Das erste kommerzielle AKW ging 1954 in Russland in Betrieb. Seither hat die Sicherheitstechnik große Fortschritte gemacht. Als besonders sicher vermarktet der französische Industriekonzern Areva seinen neuen Kraftwerkstyp EPR (European Pressurized Water Reactor). Im Fall einer Kernschmelze soll diese in ein keramisches Auffangbecken abfließen. Durch die Vergrößerung der Oberfläche lässt sich die Schmelze dann mit zugeführtem Wasser zuverlässig kühlen. Zusätzlich soll eine gasdichte, doppelwandige Schutzhülle das Austreten von radioaktivem Material verhindern. Obwohl Kritiker weiterhin ihre Bedenken an dem Sicherheitskonzept haben, sind derzeit drei solcher Anlagen in Finnland, Frankreich und China in Bau. Der EPR gehört zur sogenannten Generation III+ von AKWs. Noch eine Stufe sicherer werden Kraftwerke der vierten Generation sein, die derzeit von den Euratom-Mitgliedstaaten und zwölf weiteren Staaten entwickelt werden. Geplanter Einsatz: nicht vor 2030.

Gefahren veralteter Bauweisen#

Energieexperte Radko Pavlovec, früherer Anti-Atom-Beauftragter des Landes Oberösterreich, ist skeptisch. „Trotz aller Vorkehrungen kann man gewisse Risiken niemals ausschließen“, meint er. „Etwa ein abstürzendes Flugzeug oder terroristische Angriffe.“ Viel größere Sorgen als die neuen Generationen bereiten ihm die veralteten AKWs rund um Österreich, die in Tschechien, Ungarn und der Slowakei stehen. Sie gehören einem sowjetischen Typ aus den 1970er-Jahren an. Was Pavlovec besonders beunruhigt ist, dass diese Anlagen über keinen zeitgemäßen Druckbehälter verfügen. Fällt das System zum Druckabbau bei diesen Anlagen aus, kann es zu einer Explosion kommen. „Leider versuchen die Betreiber solcher Anlagen immer wieder, Betriebsverlängerungen zu erwirken“, beklagt Pavlovec. Moderne Atomkraftwerke schließen nahezu alle denkbaren Risikofälle aus. Wie man allerdings in Japan gesehen hat, tritt zuweilen auch das Undenkbare ein.


Menetekel an der Wand #

Die tragischen Zwischenfälle in den japanischen Atomreaktoren sollten der Menschheit ein Zeichen und Mahnmal dafür sein, sich von der Kernkraft zu verabschieden. Doch aus dem Atomzeitalter gibt es wohl keinen endgültigen Ausstieg.#

Von

Ulrich H. J. Körtner


Erblast. Die Folgen einer großen Atomkatastrophe reichen über das akute Unglück hinaus. Freigesetzte Radioaktivität könnte die Menschheit auf Generationen hinaus belasten., Foto: DIE FURCHE
Erblast. Die Folgen einer großen Atomkatastrophe reichen über das akute Unglück hinaus. Freigesetzte Radioaktivität könnte die Menschheit auf Generationen hinaus belasten.
Foto: DIE FURCHE

Als wären das starke Erdbeben und der Tsunami in Japan, denen mehr als 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, nicht schlimm genug, droht von den beschädigten Atomkraftwerken im Norden Japans zusätzliches Unheil. 25 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl sind die außer Kontrolle geratenen Reaktorblöcke in Fukushima ein weiteres Menetekel für die friedliche Nutzung der Kernenergie. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, sondern es genügt der gesunde Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Atomenergie letztlich nicht beherrschbar ist.

Unkalkulierbares Restrisiko#

Gewiss ist es ein Unterschied, ob Atomkraftwerke in einem Erdbebengebiet stehen oder in Regionen, in denen dieses Risiko gering ist. Auch Tsunamis sind nicht überall zu befürchten. Und schließlich lässt sich darauf verweisen, dass modernere Reaktortypen höhere Sicherheitsstandards erfüllen als die Kernkraftwerke der ersten und zweiten Generation. Mag also das Sicherheitsrisiko nicht überall auf der Welt gleich hoch sein und lässt es sich auch durch moderne Technik weiter minimieren, ein Restrisiko wird bleiben. Wer glaubt, dieses verbleibende Risiko als statistisch kleine Größe vernachlässigen zu dürfen, sieht sich spätestens durch die Ereignisse in Japan eines Besseren belehrt.

Die möglichen Folgen eines Atomunglücks reichen weit über den Tag hinaus. Es geht nicht nur, was schlimm genug ist, um die Evakuierung ganzer Landstriche, auch nicht nur um die befürchteten Opfer von atomarer Verstrahlung, sondern auch um die Schäden und Gefahren, die von freigesetzter Radioaktivität auf Generationen hinaus für Mensch und Umwelt ausgehen.

Foto: DIE FURCHE
Foto: DIE FURCHE

Davon abgesehen gibt es für die Entsorgung atomaren Mülls bis heute keine Dauerlösung, die unter Sicherheitsaspekten wie ethischen Gesichtspunkten vertretbar wäre. Viele Brennstäbe liegen weltweit in Zwischenlagern, wo sie über Jahrhunderte zu bewachen sind. Endlager müssen für Tausende von Jahren Sicherheit bieten, die doch niemand garantieren kann. Davon abgesehen lässt sich zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomenergie nicht strikt trennen, wie das Beispiel Iran zeigt.

Foto: DIE FURCHE
Foto: DIE FURCHE

Atomenergie mutet nicht nur der gegenwärtig lebenden Generation, sondern auch einer unabsehbaren Kette künftiger Generationen ein Sicherheitsrisiko zu, und nimmt die Ungeborenen in die Pflicht, ohne zu fragen, ob sie überhaupt in der Lage sein werden, die Folgen unseres Handelns zu bewältigen. Weder Wissenschaft noch Science-Fiction sind fähig, ein seriöses Bild von künftigen Zivilisationen auszumalen, die von unserer Gegenwart so weit entfernt in der Zukunft liegen wie die Steinzeit in der Vergangenheit. Zu glauben, die weitere Menschheitsgeschichte werde eine Geschichte ungebrochenen wissenschaftlichen und politischen Fortschritts sein, der gleichermaßen die technische wie politische Kontrolle der Atomwirtschaft und der von ihr produzierten Abfälle garantiere, ist vermessen. Dass in diesen Tagen aus Japans Politik immer noch Stimmen zu hören sind, die weiter auf den Ausbau der Kernenergie setzen, mutet als Mischung aus Trotz und Ratlosigkeit an. Das rohstoffarme Hightech-Land mit mehr als 127 Millionen Einwohnern bezieht schon jetzt mehr als ein Drittel seines steigenden Energiebedarfs aus Atomkraftwerken. Offenbar mangelt es bis heute an ernstzunehmenden alternativen Konzepten.

Schluss mit dem Taktieren#

In Europa steht es nur partiell besser. Selbst Länder wie Deutschland, die sich eigentlich zum Ausstieg aus der Atomenergie entschlossen haben, wollen diese noch für Jahrzehnte als „Brückentechnologie“ nutzen. Doch es zeigt sich, dass die Brücke Atomkraft letztlich nicht tragfähig ist. Und sofern der Ausbau erneuerbarer Energien nicht entschlossen vorangetrieben wird, führt diese Brücke ins Nirgendwo oder an den Rand des Abgrunds. Atomenergie ist auch keine verantwortbare Dauerlösung zur Reduktion des CO2-Ausstoßes, um die von der Erderwärmung ausgehenden Gefahren zu bannen.

Die Zeit des politischen Lavierens und Taktierens ist vorbei. Doch so richtig die Forderung nach einem Ausstieg aus der Kernenergie ist, wir stehen weltweit vor einem Dilemma. Von heute auf morgen sämtliche Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen, löst nicht die Energieprobleme einer wachsenden Weltbevölkerung, deren Energiebedarf noch immer steigt. Energiepolitische Fehlentscheidungen vergangener Jahrzehnte sind nicht mit einem Federstrich zu korrigieren. Auch Österreich importiert Atomstrom. Und mit dem bis heute angefallenen Atommüll werden wir und künftige Generationen weiter leben müssen. Auch das Wissen um die Atombombe lässt sich nie wieder aus der Welt schaffen.

Die Lage ist paradox: Wir müssen alles tun, um von der Atomenergie frei zu werden – und sind doch dazu verurteilt, mit ihr zu leben. Das Atomzeitalter wird kein Ende haben.

Der Autor ist Professor für Systemat. Theologie an der Evangelisch- Theologischen Fakultät Wien.

DIE FURCHE, 17. März 2011




Atomfirmen vor Finanz-Super-GAU#

Nach der Jahrhundert-Katastrophe in Fukushima steuert die gesamte Branche in eine ungewisse Zukunft#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 3. Juni 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Peter Muzik


Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi
Die Havarie im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi stellt die weltweite Atomwirtschaft massiv in Frage.
Foto: © epa

Japans Tepco steht am Rand des Ruins. Marktführer EDF hofft auf Geschäfte in Großbritannien. Nur China setzt voll auf Atomenergie.#

Das verheerende Erdbeben samt Tsunami in Japan hat den Energiegiganten Tepco massiv erschüttert: Die Tokyo Electric Power Corp., die das Unglück in Fukushima noch immer nicht im Griff hat, schlitterte in das erwartete Finanz-Debakel. Kürzlich musste sie einen Rekordverlust von umgerechnet 8,6 Milliarden Euro eingestehen. Die Entschädigungszahlungen für die radioaktiven Emissionen werden auf bis zu 90 Milliarden Euro geschätzt.

Japans Regierung, deren Krisenmanagement höchst fragwürdig war, hat dem Betreiber des havarierten Kernkraftwerks notgedrungen eine gigantische Finanzspritze zugesagt, um die hektisch gewordenen Banken halbwegs ruhigzustellen. Mit vorerst 43 Milliarden Euro soll die Pleite des bisher größten Energiekonzerns Asiens abgewendet werden.

Kan übersteht Misstrauensvotum#

Im Gegenzug wurde der 66-jährige Tepco-Boss Masataka Shimizu, der es durch totale Hilflosigkeit zum meistgehassten Manager der Insel gebracht hat, samt drei verantwortlichen Managern gefeuert. Der Staat will den Skandal-Konzern, der fast 800.000 Aktionären, darunter japanischen Banken und Versicherungen, gehört, an die Kandare nehmen, womöglich sogar wieder verstaatlichen. Das 1951 gegründete Unternehmen – für 1. Mai waren bereits Jubiläumsfeiern vorbereitet – ist mit 160 Wasser-, 25 Wärmekraftwerken sowie den drei Atomanlagen Fukushima-Daiichi, Fukushima-Daini und Kashiwazaki-Kariwa der größte Stromlieferant des Landes. Speziell im vergangenen Jahrzehnt sorgte er laufend für Skandale, die seine Reputation stark beschädigten.

Mitte 2002 wurde etwa bekannt, dass der Quasimonopolist im Großraum Tokyo jahrelang Unfälle nicht gemeldet und Reparaturen immer wieder verzögert hatte. Mehrere Topmanager mussten zurücktreten und sämtliche Kernreaktoren zwecks Überprüfung für drei Jahre heruntergefahren werden. Dem neuem Boss Tsunehisa Katsumata ging es um nichts besser: Nach einem Erdbeben 2007 wurde das Atomkraftwerk Ka shiwazaki-Kariwa wegen Beschädigung für 21 Monate abgeschaltet. Der 38.000 Mitarbeiter zählende Konzern rutschte erstmals seit 28 Jahren in die roten Zahlen; Katsumata wurde als Firmenchef von Masataka Shimizu abgelöst. Im März 2008 gab Tepco bekannt, dass es bei vier geplanten Reaktoren in Fukushima und Higashi-Dori wegen technischer Unzulänglichkeiten zu Verzögerungen kommen werde.

AKW-Wartungsfehler am laufenden Band#

Nur zehn Tage bevor es in der Präfektur Fukushima, 250 Kilometer nordöstlich von Tokyo, zum Super-GAU kam, hatte die Atomaufsicht Nisa eklatante Mängel bei der Inspektion und Wartung der Kraftwerke nachgewiesen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass im AKW Fukushima-Daiichi Kühlpumpen, Dieselgeneratoren oder Temperaturkontrollventile seit Jahren nicht kontrolliert worden waren. Der Horror vom 11. März zerstörte sodann nicht nur die Reaktorblöcke 1 bis 4, sondern versetzte AKW-Betreiber weltweit in helle Aufregung.

Japans Stromversorger, die zu den größten Kernkraft-Fans zählten, steuern auf eine ungewisse Zukunft zu: Derzeit sind 14 der bislang 54 Reaktorblöcke vom Netz. Tepco stellte die Bauarbeiten im Atommeiler Higashi-Dori prompt ein und will die drei geplanten Einheiten nicht mehr errichten. Mitbewerber Chubu Electric Power entschied sich, seine Reaktoren in Hamoka gänzlich zu schließen. Sie waren auf Verlangen von Ministerpräsident Naoto Kan vorsorglich abgeschaltet worden, weil Hamoka stets als das am meisten gefährdete Kernkraftwerk Japans galt. Ein weiterer Tepco-Konkurrent stellte den Bau der AKW-Anlage Ohma ein.

Es sind keine Einzelfälle: Nervös gewordene Regierungen in aller Welt sowie Polit-Initiativen wie die soeben angelaufenen AKW-Stresstests der EU werden dafür sorgen, dass weitere Schließungen bevorstehen. Derzeit sind laut Internationaler Atom-Energie-Agentur (IAEA) in weltweit 30 Ländern 437 Nuklearreaktoren zu finden. Die meisten (104) in den Vereinigten Staaten, gefolgt von Frankreich (58), Japan (50) und Russland (32). Weiters befinden sich rund 60 Atom-Meiler in 13 Staaten im Bau – 19 in Europa. Als Draufgabe listet die World Nuclear Association in London 68 geplante Kernkraftwerke in 14 Ländern auf, darunter sechs europäische – Großbritannien, Frankreich, Bulgarien, Rumänien, Litauen und Russland.

Das wären an sich keine schlechten Aussichten für eine Branche, die nach dem Unglück von Tschernobyl einen herben Rückschlag erlitten hatte, weil die Atom-Angst jahrelang zahlreiche Vorhaben vereitelte. Das umso mehr, als 170 der weltweit aktiven Reaktoren älter als 30 Jahre sind und auf ihr Ablaufdatum zusteuern. Schließlich mussten schon 127 Kernkraft-Blöcke aus Altersgründen eingemottet und ersetzt werden – wobei die USA mit 30 Abschaltungen die Briten (26) und Deutschen (17) auf die hinteren Plätze verwiesen.

Die größten AKW-Betreiber konnten sich auf fette Milliarden-Geschäfte freuen und nahmen strategisch aussichtsreiche Positionen ein: Die französische EDF (Electricité de France), mit 78 Reaktoren an 30 Standorten klare Nummer eins, setzt primär auf Großbritannien. Auch in den USA sowie in China, wo sie sich mit 30 Prozent am acht Milliarden Euro schwere Projekt Taishan beteiligt hat, ist sie aktiv.

AKW-Betreiber
AKW-Betreiber.
Foto: © Wiener Zeitung

Der italienische Energieriese Enel wiederum, der im AKW-freien Heimatland keine Chance hat, tat sich mit EDF zusammen, um beim französischen AKW-Meiler Flamanville-3 mitzumischen. Zum anderen konzentriert er sich auf die Slowakei, wo der Ausbau von Mochovce ansteht. Die Italiener haben sich rechtzeitig 66 Prozent an der zuvor staatlichen Slovenské Elektrárne gesichert. Außerdem erwarten sie sich von der Partnerschaft mit der russischen RosAtom einiges. Nicht zuletzt sollte ihnen die Mehrheits-Übernahme der spanischen Endesa SA die Türen nach Lateinamerika öffnen, wo die Spanier die Nummer eins der privaten Energieversorger sind.

Russland und China bauten um die Wette#

Die Aussichten haben sich jedoch seit 11. März abrupt eingetrübt, was zum Beispiel die deutschen Energie-Giganten E.On und RWE spüren: Auf Grund des von den Aufsichtsbehörden verhängten AKW-Moratoriums mussten in Deutschland sieben ältere der 17 Meiler vom Netz genommen werden. Kanzlerin Angela Merkel plädiert vehement für einen Ausstieg aus der Atomenergie mit Zieldatum 2022. Die Schweizer zeigen sich seit kurzem ebenfalls entschlossen, schrittweise auf die Kernenergie zu pfeifen. Das bedeutet für die deutschen AKW-Betreiber, dass sie sich anderweitig umsehen müssen.

E.On, in Deutschland und Schweden mit neun AKW präsent, wozu noch zwölf Minderheitsbeteiligungen kommen, will in Finnland ein riesiges Kernkraftwerk bauen, an dem das Unternehmen zu 34 Prozent beteiligt wäre. Zudem erhofft man sich viel vom Atomprogramm in Großbritannien: Horizon Nuclear Power Ltd, ein 50:50-Joint-venture mit RWE, will an den Standorten Wylfa und Oldbury tätig werden. Der erste Block könnte 2020 in Betrieb gehen.

Alle hoffen, dass die Regierungen nicht kneifen und (wie Tschechien oder die Slowakei) unbeirrbar auf Atom-Linie bleiben oder (wie Polen oder die Türkei) auf diese einschwenken. Trotzdem ist der Weltmarkt, auch für AKW-Errichter wie Westinghouse, Mitsubishi, Framatome & Co., enger und schwieriger geworden. Beispiel: Erst im Jänner haben sich RWE, GDF Suez und die spanische Iberdrola vom Ausbau des rumänischen AKW Cernavoda wegen finanzieller Unsicherheiten infolge der Krise zurückgezogen. Die RWE-Bosse versuchen es lieber in den Niederlanden, wo sie mit dem dortigen Versorger Delta das Atom-Kraftwerk Borssele betreiben und auf Folgeaufträge hoffen. Die französische GDF Suez hingegen, als Kernkraft-Newcomer nur in Belgien engagiert, spitzt auf Märkte wie Brasilien, Chile, Polen, Türkei und Saudi-Arabien.

Die besten Aussichten sind jedenfalls nicht im Westen zu orten – in den USA etwa ist nur ein AKW in Bau und kein einziges in Planung. Eine strahlende Zukunft verspricht der Osten, speziell Asien. Die Russen bauen trotz Fukushima-Schock wie wild drauflos und wollen den Anteil von Atomstrom im Energiemix binnen zehn Jahren von knapp 20 auf 30 Prozent hochschrauben. Neue Player entstehen in Indien und Südkorea, wo etliche Atom-Meiler aus dem Boden gestampft werden und noch mehr geplant sind.

Am meisten geben jedoch die Chinesen Gas, weil ihnen Atommüll offenbar ebenso gleichgültig ist wie eine etwaige Kernschmelze: Die führenden staatlichen AKW-Betreiber, die State Grid Corportation of China und die China Southern Power Grid Company, ziehen im Eiltempo 26 Reaktoren hoch. Die Volksrepublik, die bisher mit 14 Meilern das Auslangen fand, plant bereits weitere 28 Projekte, womit sie auf gutem Weg zur führenden Atom-Nation der Welt ist.

Wiener Zeitung, Freitag, 3. Juni 2011




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