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Lucas, Peter#


* 13. 1. 1935, Wien

† 2. 2. 2015, Kalifornien


Informatiker

Peter Lucas
Peter Lucas
© P. L. privat

Peter Lucas wurde am 13. Jänner 1935 in Wien geboren.

Nach dem Besuch der Volksschule in Wien und Göstling a.d. Ybbs (NÖ) besuchte er das Gymnasium in Wien, wo er 1953 maturierte.

Sein Studium der Telekommunikation an der Technischen Universität Wien schloss er 1959 mit einer Diplomarbeit zum Thema "On the programming of electronic Computers" ab.

1959 trat er der Forschungsgruppe unter Prof. Heinz Zemanek bei und war u.a. für die Systemprogrammierung des berühmten "Mailüfterl" zuständig.

Auch der Bau eines Algol-60-Compilers (zusammen mit Hans Bekic) war sein Verdienst. Eine vollständige Implementation von Algol 60 war damals noch eine Sensation: Es ging ja nicht nur um die Behandlung beliebig verschachtelter Rekursionsaufrufe, sondern vor allem um die Weitergabe von Parametern "per name", ein unglaublich mächtiges Konzept (weil damit die Übergabe beliebig komplexer Ausdrücke an Prozeduren möglich ist), über das sich kaum eine andere Programmiersprache je darüber traute.

1961, als das IBM-Laboratorium Wien gegründet wurde, trat die gesamte Gruppe bei und formierte somit den Kern der IBM Forschungsgruppe in Wien.

In den folgenden Jahren war Peter Lucas auf dem Gebiet der formalen Beschreibung von Programmiersprachen bahnbrechend tätig. Während man die Definition der Syntax von Programmiersprachen seit der Einführung der Backus-Naur-Form (BNF) im Griff hatte, ein Konstrukt das ja bekanntlich den context free languages eines Noam Chomsky äquivalent ist, war man damals (in der Mitte der 60er Jahre) meilenweit davon entfernt, auch die Semantik (die Beschreibung der Bedeutung eines syntaktisch richtigen Programms) formal beschreiben zu können. Alle frühen Ansätze bewältigen nur winzige "Spielzeugsprachen" wie das Mini-Algol eines John McCarthy.

Und dann geschah das Ungeheuerliche: Dem Wiener Labor wurde die Aufgabe zugewiesen, die Semantik der neuen von IBM geförderten Programmiersprache PL/I formal exakt zu definieren. Das ist darum eine solche Ungeheuerlichkeit, als PL/I eine typische Kommissionsentwicklung war, die damals die komplexeste, redundanteste und unsystematischste (aber wohl auch mächtigste) aller Programmiersprachen war. Und ein solches Ungetüm formal zu definieren? Dies schien schlichtweg unmöglich.

Es ist dem Genie eines Peter Lucas zu verdanken, dass ihm das dennoch gelang. Er wurde dabei maßgeblich unterstützt vom leider viel zu früh durch einen Unfall verstorbenen Hans Bekic, vom Topmanager Kurt Walk der Lucas von den alltäglichen Problemen frei hielt, und vom Chef des Labors Heinz Zemanek als Schild gegen die Außenwelt. So entstand was man lächelnd "das Wiener Telefonbuch" nannte, denn es waren hunderte Seiten, die aber PL/I tatsächlich exakt und bis ins letzte Detail beschrieben.

Die "Formal Definition Language", die dafür entwickelt wurde ist einer der ganz großen Meilensteine in der Entwicklung der Informatik. 40 Jahre nach ihrer Entwicklung leben ihre Ideen unter dem Namen "Formal Methods Europe" noch immer weiter. Kaum eine andere Neuerung in der Informatik kann von sich behaupten, 40 Jahre ohne zu veralten überdauert zu haben!

In den 1970er Jahren setzte Peter Lucas seine Forschungen fort, wandte sich aber mehr der Programmentwicklung zu. 1972 war er der erste, der die axiomatische Definition von abstrakten Datentypen - damals 'Software Devices' - beschrieb. Ende der 1970er Jahre begann er sich für neue Methoden von Programmapplikationen zu interessieren.

Nach verschiedenen Stationen wie Nizza, Palo Alto in Kalifornien, Los Angeles, ging Lucas 1978 in das IBM Thomas J. Watson Forschungszentrum in Yorktown Heights, New York, zu einer Gruppe, die sich mit experimentellen Compiler Projekten beschäftigte, bevor er nach San José übersiedelte.

Von 1986 bis 1987 arbeitete er mit Steve Zilles an Datenstrom- und graphischen Schnittstellen, 1988 stieß er zur Gruppe um John Backus und hatte großen Anteil an Definition und Implementierung der funktionalen Sprache FL.


1992 wurde er als ordentlicher Universitätsprofessor für Softwaretechnologie an die Technische Universität Graz berufen.

Aber bereits während seiner IBM-Zeit hatte er unzählige Vorlesungen und Vorträge an der TU Wien und an der Kepler-Universität Linz gehalten - in erster Linie über theoretische Grundlagen der Programmierung, Compiler Construction, Formale Definition von Programmiersprachen. Er wurde dafür mit Titel "Honorarprofessor" auf Antrag der Uni Linz vom Bundesministerium ausgezeichnet. Dieses Dekret beinhaltet auch die Lehrbefugnis für "Angewandte Informatik".

Darüber hinaus unterrichtete er 2 Semester am IBM Forschungsinstitut in Genf. Er betreute unzählige Diplomstudenten und zahlreiche Doktoranden.

Außerdem veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in verschiedensten Berichten, Journalen und Tagungsbänden.

Ab 1994 war er Vorsitzender der FME ("Formal Methods Europe").


Im Juli 2001 emeritierte o. Univ.-Prof. DI Peter Lucas, zog sich ins Privatleben zurück und lebte mit seiner Familie in Kalifornien (USA), wo er am 2. Februar 2015 starb. Der österreichische Staatsbürger hinterließ seine Frau und 3 erwachsene Kinder.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • IBM Outstanding Paper Award, 1968
  • ACM Best Paper (zusammen mit Kurt Walk), 1969
  • Senior Mitglied der IEEE
  • Ehrendoktorat der Johannes-Kepler-Universität Linz, 1987
  • Korrespondierendes Mitglied der österr. Akademie der Wissenschaften, 1994

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl


Wissenschaftliche Höchstleistungen, die die Menschheit enorm weiterbrachten, Österreich kann stolz auf diesen Wissenschaftler sein. Die Öffentlichkeit nimmt leider viel zu wenig Notiz von den Informatikern, auch und gerade im Bereich des Wissenschaftsjournalismus.

Man konsumiert einfach eher gedankenlos deren Leistungen als Selbstverständlichkeit, obwohl man selbst n i e m a l s imstande gewesen wäre, derartige Ergebnisse herbeizuführen. Philosophisch gesehen dürfte darin ein Grundproblem des Fortschritts der Menschheit in allen Bereichen, besonders der Erkenntnistheorie, liegen.

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 4. Februar 2015, 18:44


Eine wissenschaftsgeschichtliche Publikation über den Beitrag österreichischer Informatiker zum Menschheitsfortschritt in allgemeinverständlicher Form ist sicher ein Desiderat...

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 4. Februar 2015, 18:54


Professor Peter Lucas hat nicht einmal einen Artikel in Wikipedia...

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 4. Februar 2015, 19:00