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Ava#

* um 1060

† 7. 2. 1127


Dichterin


Frau Ava, die erste Dichterin in deutscher Sprache, um 1060 geboren, lebte im Raum Melk, wahrscheinlich im ehemaligen Frauenkloster Göttweig, im heutigen Klein-Wien. Sie hatte sich nach dem Tod ihres Mannes ins Kloster begeben, um das Leben einer "Inclusa" (Einsiedlerin) zu führen. Sie erhielt vom Abt Hartmann des Stiftes Göttweig die Erlaubnis, einen alten Wachturm (Avaturm ) am Fuß des Göttweiger Berges und in der Nähe des Frauenklosters mit der alten Kinderfrau zu bewohnen. Auf diese Weise war sie vielleicht ihren Söhnen Gerold und Chazili nahe, die beide dem Benediktinerorden angehören.


Gestorben ist Frau Ava am 6. oder 7. Februar 1127, ihr Name und Todestag finden sich in den Verzeichnissen der Klöster Garsten, Klosterneuburg, St. Lambrecht und Zwettl, was darauf schließen lässt, dass diese Ava eine bekannte Persönlichkeit war und ihr Wirken im Raum Niederösterreich anzusiedeln ist. In Klein-Wien wird heute noch ein Wohnturm "Avaturm" genannt. Die Kirche St.Blasien in Klein-Wien steht ziemlich sicher an der Stelle der kleinen Kapelle, die sich dort zur Zeit der Frau Ava befand.


Frau Ava war vermutlich eine fromme, gebildete und für ihre Zeit revolutionär innovative Adelige, sie verfasste fromme Dichtungen und nannte sich selbst am Schluss eines ihrer Gedichte, des "Jüngsten Gerichts": "Dieses Buch dichtete die Mutter zweier Kinder ... Das ist AVA." Aus dem Gedicht erfährt man, dass sie von ihren zwei Söhnen theologische Belehrung erhielt und einer von ihnen bereits gestorben sei. Sonst ist allerdings nur wenig über sie bekannt. Im Gegensatz zu anderen, mehrfach abgeschriebenen Dichtungen und Werken sind die Gedichte Frau Avas kaum überliefert.

  • Johannes der Täufer - 30 Strophen
  • Das Leben Jesu (mit Anhang "Die sieben Gaben des Heiligen Geistes") - 221 Strophen
  • Der Antichrist - 12 Strophen
  • Das jüngste Gericht - 35 Strophen


Mit Ausnahme des "Johannes" sind die Werke überliefert in der Vorauer Handschrift (Die "Große Vorauer Sammelhandschrift",Codex 276, eine im Stift Vorau um 1190 entstandene Sammelhandschrift geistlicher und weltlicher Dichtungen. Sie enthält die sog. Kaiserchronik, eine Kaisergeschichte von Julius Caesar bis zum 2. Kreuzzug, und etwa 20 deutsche Dichtungen aus der Zeit von 1050 bis 1150. Avas Werke finden sich auf den Blättern 115v-125r). Neben dem Vorauer Codex sind ihre Gedichte noch in einem Codex aus dem 14. Jahrhundert überliefert, der einst der Bibliothek der "Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften" in Görlitz gehörte und seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen ist.


Anläßlich ihres 875. Todestags im Jahre 2002 wurde die Idee geboren, einen Literaturpreis für Schriftstellerinnen auszuschreiben: seit 2003 wird der „Frau Ava Literaturpreis“ im zweijährigen Rhythmus vergeben. Die Einladung zur Teilnahme ergeht an alle deutsch schreibenden Autorinnen, die bisher mindestens einen eigenständigen Lyrik- oder Prosaband in einem Verlag veröffentlicht haben (kein Selbst- oder Eigenverlag).
Als äußeres Zeichen wird die Preisträgerin mit der Statuette "Die Ava", einer 56 cm hohen Bronzeplastik, entworfen vom Bildhauer Leo Pfisterer aus Paudorf, prämiert.

Leseprobe#

aus Frau Ava – "Das jüngste Gericht"

"Dizze buoch dihtote zweier chinde muoter, diu sageten ir disen sin. Michel mandunge was under in. Der muoter waren diu chint liep. Der eine von der werlt shieht. Nu bitte ich iuch gemeine, michel unde chleine, swer diese buoch lese, daz er siner sele gnaden wunskende wese umbe den einen, der noch lebet, unde er in den arbeiten strebet, dem wunsket gnaden und der muoter, das ist Ava."

"Diese Bücher dichtet die Mutter zweier Kinder, die deuteten ihr diesen Sinn. Viel Feude war unter ihnen. Die Mutter liebte die Kinder. Der eine schied von der Welt. Nun bitte ich euch alle, Arme und Reiche, wer auch immer diese Bücher lese, dass er seiner Seele Gnade wünsche für den einen, der noch lebt und sich auf verschiedenste Weise müht, dem wünscht Gnade und (auch) der Mutter, das ist Ava." (Transkription und Übersetzung von P. Harant)

Ausgabe#

F. Maurer (Hg.), Die Dichtungen der Frau Ava, 1966

Literatur#

Verfasserlexikon
F. Maurer, Die religiösen Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts, 1964-70

Quellen#

AEIOU
Landesmuseum Niederösterreich
Frau Ava Literaturpreis


Redaktion: I. Schinnerl