Bettauer, Hugo Maximilian - Austria-Forum : AEIOU
Bettauer, Hugo Maximilian#
eigentlich Hugo Betthauer
* 18. 8. 1872, Baden bei Wien
† 10. 3. 1925, Wien
Journalist, Schriftsteller
Hugo Betthauer wurde am 18. August 1872 als Sohn eines jüdischen Börsenmaklers in Baden bei Wien geboren, wo er auch aufwuchs und seine Schulzeit verbrachte. Das Gymnasium besuchte er in Wien gemeinsam mit Karl Kraus bis 1888.
1890 - mit 18 Jahren - konvertierte er zum evangelischen Glauben, änderte seinen Namen in Bettauer und ging als Einjährig-Freiwilliger zu den Kaiserjägern.
Nach fünf Monaten schied er wegen Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten wieder aus. Gemeinsam mit seiner Mutter zog er nach Zürich und trat 1896 das beachtliche Erbe seines Vaters an.
In Zürich heiratete er seine Jugendliebe Olga Steiner und wanderte 1899 (nach dem Tod seiner Mutter) mit ihr nach Amerika aus.
Noch während der Überfahrt hatte Bettauer durch eine Spekulation sein gesamtes Vermögen verloren; seine Zeit in New York war von Armut und Hunger geprägt, und so entschloss sich Bettauer zur Rückkehr nach Europa.
In der Zeit von 1899 bis 1904 lebte er wieder in Europa und arbeitete als Journalist in Berlin, dort griff er die Berliner Polizei und preußische Beamte wegen Bestechlichkeit an.
Nachdem er die Korruption des Direktors der Berliner Hoftheater aufgedeckt hatte, der darauf Selbstmord beging, musste Bettauer Preußen verlassen. Er ging nach Hamburg, wo er nach der Scheidung von seiner Frau ein Mädchen kennerlernt, mit dem er 1904 wieder nach New York auswanderte, wo er als Reporter der »Deutschen Zeitung« und als Schriftsteller arbeitete. Er erwarb die amerikanische Staatsbürgerschaft und begann für deutschsprachige Zeitungen Fortsetzungsromane zu schreiben und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Krimiautor.
1910 kehrte Bettauer nach Österreich zurück, weil ihm durch eine Amnestie des Kaisers die Strafe für die Desertion erlassen wurde. Bettauer nahm wiederum die österreichische Staatsbürgerschaft an und etablierte sich in Wien als Journalist.
1910 kehrte er nach Wien zurück, nahm wiederum die österreichische Staatsbürgerschaft an und arbeitete als Journalist, so 1914 bis 1918 bei der "Neuen Freien Presse", und publizierte bis 1924 eine Reihe von Kriminalromanen, Detektivgeschichten und Theaterstücken. Die bekanntesten sind "Die Stadt ohne Juden" (Roman und Bühnenstück, 1922) und "Die freudlose Gasse" (Roman, 1923).
Ab 1924 war er Mitherausgeber von Sie und Er. Wochenschrift für Lebenskunst und Erotik; die Zeitschrift wurde als sittengefährdend beschlagnahmt. In dem anschließenden Prozess (wegen Vergehens gegen die öffentliche Sicherheit) endete mit einem Freispruch, noch im selben Jahr gab er selbst "Bettauers Wochenschrift" heraus. Der Freispruch des populären "Volksaufklärers" hatte jedoch erneut eine antisemitische Medienkampagne entfacht.
Am 10. März 1925 wurde Bettauer von dem Nationalsozialist Otto Rothstock in seinen Redaktionsräumen niedergeschossen und starb 16 Tage später - am 26. März 1925 - an den Folgen des Mordanschlages.
Die Tat blieb ungesühnt. Bettauers Romane, die die politischen und gesellschaftlichen Gegensätze im Wien der Inflationszeit in grellen Farben schildern, waren in der Zeit von 1921 bis 1928 beliebter Stoff für Filmproduzenten in Deutschland und Österreich. So wurde "Die Stadt ohne Juden" 1924 u. a. mit Hans Moser verfilmt (eine verschollen geglaubte Kopie des Filmdokuments wurde erst jüngst entdeckt und in restaurierter Fassung 1991 in Wien wiederaufgeführt); 1925 entstand die Verfilmung "Die freudlose Gasse" unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst, in der Greta Garbo ihre erste größere Rolle spielte.
Werke (Auswahl):
- Faustrecht (Kriminalroman), 1919
- Hemmungslos (Kriminalroman), 1920
- Die drei Ehestunden der Elizabeth Lehndorff (Roman), 1921
- Die Stadt ohne Juden (Roman), 1922
- Der Kampf um Wien (Roman), 1923
- Das entfesselte Wien (Roman), 1924
- Die Freudlose Gasse (Roman), 1924
- Kampf ums Glück (Roman), 1926
- Der Tod einer Grete und andere Novellen, 1926
Literatur:
- L. Spira (Hg.), Attentate, die Österreich erschütterten, 1981
Leseprobe#
aus "Hemmungslos "
Kapitel 1
...
Der Zusammenbruch der Monarchie war auch sein Niederbruch. Zuerst lebte er wie in dumpfer Betäubung in den Tag hinein. Ein paar Monate bekam er noch die Gage, dann die Abfertigung, dann ließ sich ein Diamantring vorteilhaft verkaufen, dann die goldene Uhr, eine Nadel, schließlich der Feldstecher und die Kamera. Bis nichts mehr zum Verkaufen da war und er eines Tages buchstäblich als Bettler in seinem möblierten Zimmer erwacht. Und nicht mehr Koloman Freiherr von Isbaregg hieß er, sondern einfach lsbaregg, denn der Adel war eben abgeschafft und verboten worden. Unmöglich, in dem verarmten, kohlen- und industrielosen Land eine Stellung zu bekommen, unmöglich, dem Käfig zu entrinnen und auszuwandern, nichts mehr an Hab und Gut als die verschlissene feldgraue Uniform ohne Distinktion, keine Verwandten, die helfen konnten, die alten Kameraden in ähnlicher Armut wie er. Allerdings — in der aufstrebenden Tschechoslowakei hätte es für den tüchtigen Ingenieur bald Arbeit genug gegeben. Aber auch dieser neue Staat blieb ihm verschlossen, dort stand er auf der Proskriptionsliste, derer, die mehrfach tschechischen Meuterern mit der Pistole entgegengetreten waren und rasche Feldjustiz auf eigene Faust geübt hatten.
Gestern hatte ihm die Zimmervermieterin mit aufrichtigem Bedauern mitgeteilt, daß sie ihm nicht länger Kredit gewähren könne, sondern gezwungen sei, sein Zimmer anderweits zu vergeben, wenn er nicht sofort bezahlen würde. Wie ein geprügelter Hund war er davongeschlichen, als Pfand den Handkoffer mit ein paar Stücken schmutziger Wäsche zurücklassend. In der Tasche noch etliche Kronen. Die lauwarme Nacht hatte er in einem Park auf einer Bank zugebracht, die paar Kronen nach schwerem Kampf heute beim Barbier gelassen. Und nun war es Mittag, er hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und rief sich brutale Schimpfworte, wie Trottel, Vieh dummes, patriotischer Kretin, zu. Und dachte: "Nun habe ich zwei Möglichkeiten, entweder ich gehe in den Stadtpark und schieße mir unter einem Baum eine Kugel durch den blöden Kopf oder ich verkaufe die Pistole, esse mich satt und gehe dann zu einer Zeitung, um mich als Kolporteur anwerben zu lassen. Man soll davon leben können, besonders wenn man den ehemaligen Offizier herauskehrt. Ich kann mir das Eiserne Kreuz erster Klasse und den Leopolds-Orden anstecken, das wird Eindruck machen. Halt, das kann ich nicht, denn die Orden liegen in der Lederergasse bei meiner Wirtin und die gibt sie sicher nicht heraus, bevor ich zahle."
Kolo schlenderte die Kärntnerstraße zurück, ging über den Graben und blieb vor der Auslage eines Delikatessengeschäftes stehen. Sardinenbüchsen, Spargel, Feigen, Mandeln, Orangen und allerlei Backwerk lagen da ausgebreitet und er fühlte, wie ihm schwarz vor den Augen wurde. "Ich könnte ja auch in den Laden treten, rechts und links Fausthiebe austeilen, Eßbares an mich reißen und mich dann verhaften lassen. Das würde Aufsehen machen und die „Neue Freie Presse“ würde vielleicht einen Leitartikel schreiben und sagen "es brennt in den Eingeweiden unserer Helden" und eine Sammlung veranstalten. Aber ich glaube, es geht nicht, weil ich mich sehr schwach fühle und die Verkäufer mich verprügeln würden." Während er noch immer in die Auslage starrte und seine Augen sich an einem Topf voll Thunfisch in Öl festsaugten, verließ eine Dame, beladen mit kleinen Paketchen, das Geschäft. Eines der Päckchen entglitt ihren Händen, Kolo sprang hinzu, hob es auf und reichte es ihr. Die Dame dankte und sah ihn an und ihre feuchten, ein wenig hervorquellenden Augen blieben mit Wohlgefallen auf dem schlanken, sehnigen Körper des hochgewachsenen Offiziers haften und bekamen etwas Gieriges, als sie das scharfe, bleiche Gesicht mit dem brennenden Blick überflogen. Sie selbst war klein, vollbusig, ein wenig geschminkt und sicher gut zehn Jahre älter, als sie erscheinen wollte.
Kolo Isbaregg erwiderte den Blick mit weit weniger Wohlgefallen. "Widerliches Judenweib," dachte er und ging. Aber sie, die vor ihm herschritt, drehte sich um und sah ihm mit dem schamlosen Blick des alternden, von unbefriedigter Sinnlichkeit verwüsteten Weibes voll ins Gesicht. Das Wort vom "Augenwerfen" wurde da fast sinnfällig. Sie stielte förmlich die feuchten Augen und Kolo hatte das Gefühl, als wenn sie ihn bittend und heischend abtasten würden. Da vereinigten sich der wütende Hunger und die Einsamkeit und auch die geschmeichelte Eitelkeit und trieben ihn an, der vollbusigen kleinen Dame, die in allem das Gegenteil seines die Schlanken und Feinen verehrenden Geschmackes war, nachzugehen.
Sie schritt die Kärntnerstraße abwärts und blieb plötzlich vor einer Auslage stehen. Kolo, dicht neben ihr, fühlte ihren heißen Atem und den weichen, vollen Arm, der sich unauffällig an ihn drängte. Und da war sein Entschluß gefaßt. "Geh," sagte er sich, "greif zu, das Weib hat Geld, wahrscheinlich viel Geld und vielleicht eine schöne Wohnung, in der du ausruhen und essen kannst." Essen, ja essen, Himmel, der Speichel sammelte sich im Mund vor Hunger und es dröhnte ihm in den Ohren. Ja, aber, sie wird ihren Lohn verlangen, wird sich in seinen Armen wälzen und an seinen Lippen festsaugen wollen. Brr, wie grauslich! Aber essen können und ausruhen und vielleicht ein Bad nehmen und Geld, Geld.. . "Zuhälter!" rief es ihm zu. "Koloman Freiherr von Isbaregg, weißt du, wie du früher über Männer, die Liebe für Geld verkaufen, gedacht hast?" "Quatsch," antwortete Kolo sich. "Das war der Baron mit den vielen Ahnen und der großen Karriere vor Augen! Heute bin ich der obdachlose Isbaregg, der seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat und die Welt von unten aus ansieht. Essen muß der Mensch, essen und sich ausruhen und Geld haben — alles andere ist Wurst! Geh' mit, iß dich an und spiel' dann den Zechpreller! Das kann lustig werden — hui, wird die Jüdin toben!"
Kolo schmunzelte vergnügt, und die Dame, die sich immer wieder umsah, fing das Grinsen geschmeichelt auf, sie hielt es für eine Huldigung und quittierte mit einladendem Lächeln.
Bei der Oper blieb sie stehen und wartete auf eine Elektrische. Kolo geriet in Verlegenheit. Er konnte nicht mitfahren, weil er keinen Heller besaß! Aber an der Haltestelle lagen zahllose weggeworfene Umsteigkarten, die er kurz entschlossen zusammenraffte und in die Tasche steckte. Eine würde schon gültig sein und wenn nicht — ach, was sich den Kopf zerbrechen — er mußte ja mitfahren, er mußte essen!
Bumvoll kam der Wagen an und die Dame drängte sich mühsam hinein. Kolo dicht hinter ihr. Eng aneinandergepreßt standen sie auf der Plattform und sie wich nicht aus, sondern preßte sich gegen ihn, schmiegte den Busen an seine Hüfte. Kolo begann an dem Abenteuer Gefallen zu finden. Seine Hand glitt die feisten Hüften entlang, preßte die bebenden Schenkel, fühlte die Hitze, die aus dem dünnen Seidenrock strömte. Und die Dame schloß die Augen und lehnte sich tief atmend ganz gegen ihn.
Der Schaffner kam und Kolo reichte ihm eine ganze Hand voll zerknüllter Zettel. "Einer muß der richtige sein," murmelte er. Er hatte Glück, gleich die erste Karte wurde für gut befunden. Die Dame vereinigte die vier oder fünf Päckchen mühsam und zitternd unter einem Arm, öffnete das goldene Täschchen, entnahm ihm eine Damenbrieftasche und dieser einen Zweikronenschein. Unwillkürlich hatte Kolo die Prozedur beobachtet und er sah in der Tasche Banknoten, viele Banknoten. Er hielt den Atem an und befeuchtete mit der Zunge die trockenen, brennenden Lippen. Und seine Hand glitt wieder abwärts und blieb an dem fetten Frauenschenkel unter der Goldtasche haften. Noch mehr Leute stiegen ein und die Frau konnte sich unauffällig noch enger an ihn drängen, er noch fester mit den Fingern das Fleisch betasten.
Der Wagen war auf dem Rainerplatz angelangt und sie traf Anstalten, auszusteigen. Sie schob sich zum Trittbrett hin und sah Kolo lächelnd und siegessicher an. "Du kommst mit, schöner Mann," sprach ihr Auge. In Isbaregg wurde aber im Bruchteil einer Sekunde eine flüchtige Idee zum Entschluß und der Entschluß zur Tat. Er drängte nach, blitzschnell öffnete er mit zwei Fingern den Bügel der Goldtasche, der er langsam das Portefeuille entnahm. Hochrot schritt die Dame dem Brahmsplatz zu, sie merkte nicht, daß die Goldtasche offen stand, sie merkte nicht einmal, daß eines der Päckchen abermals zu Boden fiel und von einem halbwüchsigen Burschen rasch aufgehoben wurde, sie sah sich nur immer wieder nach dem schlanken, großen Mann mit den sehnigen Gliedern und der kühnen, edlen Hakennase um.
Kolo ging jetzt in respektvoller Entfernung nach, wartete, bis sie um die Ecke bog, machte kehrt und eilte mit Riesensätzen die Wiedner Hauptstraße entlang, bis ihn das Menschengewühl verschlungen hatte. Bei der Oper erst verlangsamte Kolo sein Tempo, sah sich rasch um und betrat eines der Kaffeehäuser. Er begab sich, ohne die Verbeugung des Kellners zu beachten, direkt in den Toiletteraum, verriegelte die Türe hinter sich und riß das Portefeuille aus der Hosentasche. In seinen Fingern knisterten die Scheine. Da, in diesem Fach lagen schmutzige, abgebrauchte, erbärmliche Zwanzig-, Zehn- und Zweikronenscheine, da aber wuchsen ihm Tausender und Hunderter entgegen. Und Kolo, in dessen Hand die Pistole niemals gezittert hatte, wenn er beim Angriff an der Spitze seiner Leute mit langen Sätzen hinüber zum feindlichen Drahtverhau gestürmt war, mußte sich gewaltsam zur Selbstbeherrschung aufraffen, mußte drei-, viermal beginnen, bevor er ruhig zählen konnte. Dreißig Stück Tausender, vier Hunderter und die kleinen Noten — das war die Beute!
"Beute," dachte er. Und es fiel ihm ein, daß vor noch gar nicht langer Zeit das Wort Beute eine ganz andere Bedeutung gehabt hatte, einen ordentlichen Amtscharakter, daß es Beutezüge, Beuteverteilungsstellen und sogar Beuteprämien gegeben. Jetzt hatte er Beute auf eigene Faust gemacht!
Hugo Bettauer, "Hemmungslos", erstmals erschienen 1920
Der gefährdete Skandalautor#
Vor 140 Jahren wurde Hugo Bettauer in Baden bei Wien geboren. Als freizügiger Journalist und reißerischer Romancier provozierte er das Publikum und bezahlte dafür mit seinem Leben.#
Von der Wiener Zeitung (17. August 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Von
Christian Hütterer
"Bettauer verstand es wie kein anderer, die Gemüter seiner Zeitgenossen zu erhitzen, war ebenso populär wie verhasst, seine Bedeutung wuchs weit über den Bereich des rein Literarischen hinaus." Mit diesen Worten wurde ein Journalist und Schriftsteller beschrieben, der in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg für Aufsehen in vielerlei Hinsicht sorgte, heute aber fast vergessen ist: Hugo Bettauer.
Bettauer wurde am 18. August 1872 in Baden geboren und wuchs in Wien auf, wo er gemeinsam mit Karl Kraus das Gymnasium besuchte. Im Alter von achtzehn Jahren konvertierte er vom Judentum zum Protestantismus, weil er Karriere beim Militär machen wollte. Da er Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten hatte, desertierte er aber schon nach wenigen Monaten und flüchtete in die Schweiz.
Lehrjahre in New York#
Dort trat Bettauer als 24-Jähriger das beachtliche Erbe seines früh verstorbenen Vaters an und heiratete. Sein weiterer Weg führte ihn nach New York, wo er allerdings als armer Mann ankam - er hatte sein gesamtes Erbe einem Ban-kier anvertraut, der just während Bettauers Reise über den Atlantik in Konkurs ging. Die Zeit in Amerika war daher von Armut und Hunger geprägt, und so entschloss sich Bettauer zur Rückkehr nach Europa. Er ließ sich in Berlin nieder, wo er seine Karriere als Journalist begann. Bettauer bezichtigte hohe Beamte der Korruption, und innerhalb zweier Jahre wurde er zwölf Mal wegen Ehrenbeleidigung verurteilt. Schließlich beschuldigte er den Direktor des Hoftheaters der Korruption, dieser beging Selbstmord und Bettauer wurde in der Folge aus Preußen ausgewiesen.
In Hamburg lernte er nach der Scheidung von seiner ersten Frau ein damals sechzehn Jahre altes Mädchen namens Helene Müller kennen und reiste mit ihm neuerlich nach Amerika. Der zweite Aufenthalt in Amerika verlief besser als der vorige, Bettauer heiratete Helene und erwarb die US-Staatsbürgerschaft. Er begann, für deutschsprachige Zeitungen aus Randolph Hearsts Konzern Fortsetzungsromane zu schreiben und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Krimiautor. 1909 kehrte Bettauer nach Österreich zurück, weil ihm durch eine Amnestie des Kaisers die Strafe für die Desertion erlassen wurde. Bettauer nahm wiederum die österreichische Staatsbürgerschaft an und etablierte sich in Wien als Journalist.
Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Bettauer als Korrespondent für amerikanische Zeitungen und schilderte in seinen Artikeln die Situation der notleidenden Bevölkerung von Wien. Es gelang Bettauer sogar, Hilfslieferungen aus den USA zu organisieren, und er begann, sich immer mehr in sozialen Fragen zu engagieren.
Neben seiner journalistischen Tätigkeit erschien im Jahr 1920 Bettauers erster Roman und bis zu seinem Tod fünf Jahre später sollten noch 14 weitere Romane, zwei Novellenbände und zwei Theaterstücke folgen. Meist handelte es sich dabei um Kriminalromane, in denen er aber auch soziale Themen ansprach. Der literarische Wert dieser Romane ist nicht sonderlich hoch, sie geben aber einen guten und umfassenden Einblick in die Lebensverhältnisse der Wiener Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg. In Bettauers Romanen finden sich Neureiche und Arbeitslose, Verarmte und aus dem Krieg heimgekehrte Soldaten, die ihren Platz im neuen Österreich suchen.
Verfilmte Zeitromane#
Neben den großen sozialen Fragen dieser Zeit spielte Bettauer in seinen Werken auch auf politische Ereignisse und Personen an und seine Romane wurden dadurch zu lebendigen Schilderungen dieser Umbruchphase. Mehrere dieser Kriminalromane wurden auch verfilmt, Georg Wilhelm Pabst inszenierte etwa das Buch "Die freudlose Gasse", in welchem Film auch eine junge Schwedin namens Greta Garbo ihren ersten internationalen Erfolg feierte . . .
1922 erschien das wohl bekannteste Buch Bettauers, "Die Stadt ohne Juden". Bettauer beschrieb in einem Artikel, dass er auf öffentlichen Toiletten immer wieder die Aufschrift "Hinaus mit den Juden" gelesen hatte: "Dieser Sehnsuchtsschrei regte meine Phantasie zu spielerischen Gedanken darüber an, wie dieses Wien sich wohl entwickeln würde, wenn die Juden tatsächlich einmal der höflichen Aufforderung folgten und die Stadt verließen." In seinem - wie Bettauer selbst sagte - "ganz amüsanten Romänchen" beschließt das österreichische Parlament, mit der Ausweisung aller Juden des Landes auf die Wirtschaftskrise zu reagieren. Das "naive, treuherzige und verträumte Volk" der Österreicher soll dadurch vor der "katzenhaften Geschmeidigkeit und der blitzschnellen Auffassung" der Juden geschützt werden.
Die Österreicher jubeln über diese Entscheidung, aber die Freude dauert nicht lange. Der Exodus der Juden hat nämlich unvorhergesehene Folgen: Die Wirtschaft bricht vollends zusammen, Kaffeehäuser stehen vor dem Ruin, Theater spielen nur noch die langweiligen Stücke österreichischer Autoren, statt der neuesten Mode aus Paris wird nur noch Loden getragen und Wien ist auf dem besten Weg, ein großes Dorf zu werden - kurz: die bejubelte Vertreibung der Juden erweist sich als kapitaler Fehlschlag.
Ein von der Maßnahme betroffener junger Mann namens Leo Strakosch versucht, seine Ausweisung rückgängig zu machen, weil er zu seiner Liebe nach Wien zurückkehren möchte. Strakosch hat schließlich Erfolg, das Parlament hebt das umstrittene Gesetz auf und die Juden können wieder nach Österreich zurückkehren. Strakosch selbst kommt als erster Jude wieder in Wien an und wird vom Bürgermeister persönlich mit den Worten "Mein lieber Jude . . ." begrüßt.
Der Roman war aus mehreren Gründen umstritten: Bettauer wurde dafür kritisiert, dass er die Figuren zu klischeehaft darstellte. Alle Juden sind bei Bettauer geschäftstüchtig und raffiniert, sie sind "rascher im Denken und Handeln" als der Rest der Bevölkerung, der als naiv und schwerfällig dargestellt wird. Die verbliebenen Österreicher müssen im Roman rasch erkennen, dass ohne ihre jüdischen Mitbürger das Land einfach nicht lebensfähig ist, was wiederum von vielen Lesern als Provokation aufgefasst wurde. Tatsache ist, dass wir neunzig Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches und im Lichte unserer historischen Erfahrungen allein schon den Titel des Buches nicht als Satire, sondern als düstere Prophezeiung empfinden.
Neben seinen Romanen widmete sich Bettauer weiterhin dem Journalismus und gab ab 1924 eine Zeitschrift mit dem Titel "Er und Sie. Wochenschrift für Erotik und Kultur" heraus. Darin schrieb er über Themen wie Homosexualität, Abtreibung und Scheidung. Bettauer stellte darin nüchtern fest, dass sich die Menschheit in einer "gewaltigen und entscheidendsten Revolution aller Zeiten" befinde, nämlich der "erotischen Revolution". Sein Ziel war es, mit seiner Zeitschrift die Beziehungen zwischen Mann und Frau "aus dem Sumpf einer verlogenen Pseudomoral zur sittlichen, freien Höhe emporheben".
Erhitzte Gemüter#
Wegen der geradezu revolutionären Offenheit, mit der all diese Themen behandelt wurden, war die Zeitschrift ein großer Erfolg und schon nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe musste die Auflage auf 60.000 Stück verdreifacht werden. Die Kritiker empörten sich und spätestens als der damalige Bundeskanzler Seipel von der "Entsittlichung und Verseuchung des Volkes" sprach, wurde Bettauers Zeitschrift zu einem Politikum. Am 21. März 1924 kam es im Wiener Gemeinderat nach einer Debatte über Bettauer sogar zu einer Schlägerei zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten. Mehrere Beschlagnahmen und wiederkehrende Verkaufsverbote führten dazu, dass die Zeitschrift aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden musste. Bettauer wurde zudem wegen Verstößen gegen die öffentliche Sittlichkeit, gegen Ruhe und Ordnung und auch der gewerbsmäßigen Kuppelei angeklagt, weil in seiner Zeitschrift Kontaktanzeigen erschienen.
Im folgenden Prozess wurde Bettauer von allen Anklagepunkten freigesprochen, die Aufregung um ihn legte sich allerdings nicht. Die "Reichspost" schrieb etwa über Wien nach dem Fall Bettauer: "Keine andere europäische Großstadt ist heute in diesem Maße von der Pornographie beherrscht, auch nicht Paris."
Nach der erzwungenen Einstellung von "Er und Sie" gab Bettauer eine Zeitschrift mit dem Titel "Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens" heraus und hielt in der Redaktion in der Lange Gasse im 8. Bezirk Sprechstunden ab, in denen sich Wiener Bürger mit den verschiedensten Problemen an ihn wenden konnten. Auch am 10. Mai 1925 war eine dieser Sprechstunden angesetzt, sie sollte allerdings für Bettauer tödlich enden. Der 21-jährige Zahntechniker Otto Rothstock, der den Nationalsozialisten nahe stand, kam in Bettauers Büro, zog einen Revolver und schoss fünf Mal auf ihn. Nach den Schüssen verwüstete Rothstock die Redaktion, wartete aber auf die alarmierte Polizei und ließ sich widerstandslos festnehmen. Bettauer wurde schwer verletzt in das Allgemeine Krankenhaus gebracht und erlag dort sechzehn Tage später seinen Verletzungen.
Die Reaktionen auf das Attentat waren gespalten und entsprachen dem polarisierten Klima der Ersten Republik. Bettauers Unterstützer sprachen von einem politischen Mord, von konservativer Seite hieß es hingegen: "Hier hat ein Jüngling aus dem zwingenden Gebot seiner Empörung heraus gehandelt". Bettauer war demnach "ein Gegner, der niedergeknallt werden musste, damit Verderbnis von jungen Seelen abgewehrt werde".
Im folgenden Prozess gab der Schütze Rothstock an, dass er seine Altersgenossen vor dem verderblichen Einfluss Bettauers schützen habe wollen und berief sich darauf, zum Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen zu sein. Rothstock wurde schuldig gesprochen, in eine Anstalt eingewiesen, aber schon im Mai 1927 als freier Mann entlassen. Am Ende desselben Jahres wurde "Bettauers Wochenschrift", die von seiner Witwe Helene weitergeführt worden war, eingestellt. Bettauer selbst geriet in Vergessenheit und erst sechzig Jahre nach seinem Tod wurden seine Bücher wieder aufgelegt.
Christian Hütterer , geboren 1974, ist Politikwissenschafter und Historiker. Er hat über internationale Zusammenarbeit im Ostseeraum dissertiert und ist im EU- und Internationalen Dienst österreichischen der Parlamentsdirektion beschäftigt.
Quellen:
- AEIOU
- I. Ackerl, F. Weissensteiner, Österreichisches Personenlexikon der Ersten und Zweiten Republik, 1992
- Spiegel online, Projekt Gutenberg
- Wiener Zeitung
Redaktion: I. Schinnerl

