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Bieber, Friedrich Julius#

* 24. 2. 1873, Wien

† 3. 3. 1924, Wien


Afrikaforscher
zunächst Schuster und Buchhändlerlehrling


Friedrich Julius Bieber
Friedrich Julius Bieber. Gemälde v. O. Rainer.
© Bildarchiv d. ÖNB, Wien, für AEIOU


Friedrich Bieber erforschte die uralte, jedoch bereits im Erlöschen befindliche Kultur des Kaffa-Reiches in Abessinien und dokumentierte sie durch entsprechendes Fotomaterial.


In einer kleinbürgerlichen Familie geboren, erwachte schon in dem Knaben das Inter­esse an fremden Kulturen.Sein Vater schenkte ihm ein Buch über Abessinien, und die­ses sollte richtungweisend für sein ganzes Leben werden. Nach dem frühen Tod des Vaters konnte Bieber das Gymnasium nicht beenden, sondern kam zu einem Schuster in die Lehre. Sodann begab er sich auf Wanderschaft. Mit wenig Geld kam er bis in die Türkei, aber Briefe der besorgten Mutter ließen ihn wieder (zu Fuß!) nach Wien zurückkehren. Sechzehn Jahre alt, fand er eine Anstellung in einer Buchhandlung, wo er buchstäblich jede freie Minute benützte, um alles Greifbare über Abessinien zu stu­dieren.

Kaffa Krönungskrone
Krönungskrone der Kaisergötter von Kaffa
© Bildnachweis Archiv Senft


Drei Jahre später trat er mit einem Gleichgesinnten eine Reise an, die bis nach Abes­sinien führen sollte. In Aden - gleichsam vis-a-vis von Abessinien - ging ihnen jedoch das Geld aus, und der Reisebegleiter verschwand. So trat Bieber wieder die äußerst beschwerliche Heimreise über Arabien und den Balkan an, wobei er wichtige Erfah­rungen sammeln und auch Arabisch lernen konnte.In Wien machte er sich durch Vor­träge und Reisebeschreibungen einen guten Namen und erhielt eine Stelle als kleiner Beamter. Nebenbei erlernte er Amharisch, die Verkehrssprache Abessiniens. Sein Hauptinteresse galt aber dem im Südwesten gelegenen legendären Kaiserreich Kaffa.
Der Zufall ergab, dass die Abessinier unter ihrem Herrscher Menelik II. 1897 Kaffa überfielen. Die schlecht bewaffneten Kaffitschos wurden besiegt, ihr Herrscher gefangengenom­men, die aus dem 14. Jahrhundert stammende Kaiserkrone außer Landes gebracht und in einer Schweizer Bank deponiert. Bieber erkannte, dass hier eine uralte Kultur in Gefahr geriet, völ­lig ausgelöscht zu werden. Es gelang ihm dank seiner Sprachkenntnisse, von der K. u. K. Regierung 1904 nach Addis Abeba entsandt zu werden, um einen Handelsvertrag vorzubereiten.


Dienstlich war seine Reise von Erfolg begleitet; Kaiser Menelik verwehrte Bieber jedoch, nach Kaffa zu reisen. Schon im folgenden Jahr kehrte er aber mit einer weiteren österreichisch-unga­rischen Mission, der auch Ludwig von Höhnel (damals bereits Admiral) angehörte, nach Abessinien zurück. Kaiser Franz Joseph hatte der Handelsgesandt­schaft als Geschenk an Menelik sogar Bieber den Kaiser endlich umstimmen und die Erlaubnis zum Besuch des in Europa fast eine Dampf-Straßenwalze mitgeben lassen.


Bei diesem zweiten Besuch konnte völlig unbekannten Reiches von Kaffa erhal­ten. Im April 1905 brach er mit 50 Mann sowie 30 Trag- und Reittieren auf. Sein größ­ter Lebenswunsch ging nun in Erfüllung. Mit großer Sorgfalt und ungeheurem Elan zeichnete er alles an kaffischer Kultur auf, studierte eingehend auch die Religion, Geschichte und Sprache des Landes. Bieber stellte weiters fest, dass hier, in dessen ursprünglicher Heimat, überall der Kaffeestrauch gedieh.

Kaiser von Kaffa
Der letzte Kaiser von Kaffa
© Bildnachweis Archiv Senft

1909 kam er ein drittes Mal nach Abessinien, erhielt den Orden "Ritter des Sternes von Äthiopien" sowie die Erlaubnis, mit dem gefangenen Kaiser von Kaffa zu sprechen. Dieser trat ihm stolz entgegen - mit einer silbernen Kette um den Hals und an einen Sklaven geschmiedet. Bieber konnte diesen Anblick unbemerkt mit seiner Kamera fest­halten.


Er kehrte im Anschluß daran nochmals nach Kaffa zurück, um sein gesammeltes Material zu ergänzen; dann trat er über den Sudan die Heimreise an. In Wien wertete Bieber seine Forschungen publizistisch aus, verfasste ein Wörterbuch der Kaffitscho­sprache, ein Werk über die Geschichte der Könige von Kaffa u. a. m. Seine Samm­lungen befinden sich im Völkerkundemuseum in Wien.

Werke (Auswahl)#

  • Kaffa, 2 Bände, 1920-23

Literatur#

O. Stradal, Der Weg zum letzten Pharao, 1954
A. Herrmann, Afrikaforscher F. J. Bieber, 1976
H.&W.Senft, Aufbruch ins Unbekannte, Stocker Verlag, Graz, 1999

Redaktion: Hilde und Willi Senft