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Was heißt „Ökonomisierung“ der Bildung? (Essay)#

Gertrude Brinek

Was man im deutschsprachigen Raum mit Bildung bezeichnet, lässt sich schwer in andere Sprachen übersetzen. Im Englischen spricht man von „learning“, „education“ o. ä., womit auch etwas anderes gemeint ist.

Der Begriff „Bildung“ lässt sich zurückverfolgen in die mittelalterliche Mystik, auf die Erfahrung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Im Bildungsverständnis des deutschen Idealismus verliert sich der Erlösungsanspruch in der kathartischen Wirkung der Kunsterfahrung bei Schiller (Briefe über die ästhetische Erziehung) bzw. im Spannungsverhältnis von Geist und Macht oder bei Hegel und seiner Rechtsphilosophie, die auf die freiheitliche Versöhnung von Individuum und Staat bzw. Nation gerichtet ist.

Die Idee der Bildung war v. a. im 19. Jahrhundert eng verbunden mit der Idee der Universität und seiner „Zubringereinrichtung“, dem Gymnasium, in dem die Zöglinge durch die Befassung mit alten Sprachen und formalen Wissenschaften zu Bildung und Universitätsreife gelangten. Die gesicherte wirtschaftliche Grundlage bildete zumeist das (groß-)bürgerliche Elternhaus.

Amerikas und Frankreichs Weg zu Bürgerfreiheiten war ein anderer, ein politischer: Herrschaftsteilung, Gleichheit vor dem Gesetz, Toleranz, Recht auf Privateigentum wurden poltisch-pragmatisch erreicht.

Im 20. Jahrhundert zeichneten sich auch in der deutschen bzw. österreichischen Bildungstradition einige Veränderungen ab. Rückschläge durch den Ersten und v. a. den Zweiten Weltkrieg wurden vielfach erst in den 50er und 60er Jahren überwunden.

In Österreich wurde durch den Bau von höheren Schulen – sowohl von Gymnasien als auch berufsbildenden höheren Schulen – und durch die Abschaffung von Zugangshürden zum Schulbesuch motiviert. Damit veränderten sich auch die Bildungsziele.

Das Gymnasium etablierte „offenere“ Curricula (= Lehrpläne, z. B. über den Ausbau lebender Fremdsprachen), höhere berufsorientierte Bildung war auch mit Hochschulbesuchsberechtigungen verbunden. Das universitäre Bildungsziel – Hervorbringung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Pflege der wissenschaftlichen Neugierde – wurde verbreitert, die Orientierung an der Berufs- und Arbeitswelt war damit nicht mehr tabu.

Hochschulbildung zielt heute auf die akademische Ertüchtigung zur Hervorbringung einer Methoden- und Problemlösungskompetenz, sie ist auf Grundlagen- und Anwendungsforschung gerichtet, auf Autonomie und Selbstermächtigung durch Berufsfähigkeit auf hohem und höchstem Niveau. Mancherorts wird damit das Wort von der „Ökonomisierung“ assoziiert und auf das Verschwinden der Parameter der Bürokratie verwiesen.

Österreich hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Ausgaben für Bildung und Wissenschaft (z. T. international beispielhaft) gesteigert, dazu aber auch die jeweiligen Strukturen verändert, mehr Transparenz und Effizienzorientierung geschaffen. Dabei sind die Studien der Geistes- und Kulturwissenschaften voll erhalten bzw. ausgebaut und die Schülerzahlen an den höheren Schulen sowie die Bildungsabschlüsse gesteigert worden.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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