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Burg, Josef #

* 30. 5. 1912, Wischnitz (Bukowina, Österreich-Ungarn)

† 10. 8. 2009, Czernowitz (Ukraine)


Jiddischer Schriftsteller

Josef Burg
Josef Burg
Mit Josef Burg ist nicht nur ein leidenschaftlicher, während vieler Jahre zum Schweigen verurteilter Apologet seiner Sprache aus der jiddischen Literatur von uns gegangen, er war auch eine der letzten Erscheinungen des altösterreichischen Arkanums Bukowina, ein Zeuge, Mitgestalter und Opfer mitteleuropäischer Kultur und Leidensgeschichte.


1912 in Wischnitz als Sohn eines jüdischen Flößers geboren, kam der Zwölfjährige mit seiner Familie in die Hauptstadt der Bukowina, nach Czernowitz. Dort besuchte er die Schulen und bildete sich als Lehrer am 1919 gegründeten Jüdischen Schulverein aus. Der so geschmähte Völkerkerker Österreich, dem der unvergessliche Joseph Roth, auch ein "Ostjude", ein Ehrenmal gesetzt hat, bot bei allen Unzulänglichkeiten den Juden in den fernen Landesteilen friedvolle Entfaltungsmöglichkeiten, vor allem im Vergleich zu dem, was ihnen weiter östlich und vor allem, was ihnen nachher geboten wurde. In den Kaffeehäusern lagen Zeitungen in vier Sprachen - Deutsch, Jiddisch, Rumänisch und Polnisch - auf. Es gab eine jüdische Schule, eine jüdische Abendschule, ein jüdisches Theater, 78 Synagogen, von denen heute eine einzige existiert. Zur Einweihung der großen Synagoge am Hauptplatz reiste 1908 sogar Kaiser Franz Josef höchpersönlich an.


1908 wurde in Czernowitz die "Jüdische Sprachkonferenz" abgehalten, die erste und einzige ihrer Art. Dort wurde verlangt, dass Jiddisch, von vielen als Jargon abgetan, von nun an die Nationalsprache der Juden sein solle - und nicht Hebräisch. "Czernowitz hat Österreich, Rumänien, die Sowjetunion und die Ukraine erlebt und überlebt", sagte Burg in einem Interview. "Alle haben dieser Stadt ihren Stempel aufgedrückt. In der österreichischen Zeit war es eine Stadt, wie es sie sonst wohl nur selten gab. Man hat nichts gewusst von einem Antisemitismus, von einem Hass, von Mensch zu Mensch."

Es entsprach dem altösterreichischen Laisse-faire, dass sich aus der im besten Sinne multikulturellen Atmosphäre dieser kleinen Provinzstadt bedeutende Künstler entwickeln konnten. Aus Czernowitz stammen die deutsch schreibenden Paul Celan und Rose Ausländer, die ukrainische Schriftstellerin Olha Kobyljanska, der rumänische Dichter Mihai Eminescu und die jiddischen Autoren Itzik Manger und Eliezer Steinbarg.


1934 begann Burg in Wien das Studium der Germanistik. Aus diesem Jahr stammt seine erste Erzählung "Oifn splaw" (Auf dem Floß). 1939 folgte "Oifn tschermusch" (dt. Auf dem Czeremosz). Nach dem Anschluss versuchte Burg, nach London zu entkommen. Da ihm Deutschland die Durchreise verweigerte, kehrte er nach Czernowitz zurück, das 1918 rumänisch geworden war. In der Zwischenzeit hatte sich dort die rabiat antisemitische Eiserne Garde des Hitler-Satelliten Marschall Antonescu etabliert. Weil er Jude war, wurde Burg die Staatsbürgerschaft aberkannt. Als 1940 die Sowjetunion den im Hitler-Stalin-Pakt beschlossenen Landraub durchführte und die Bukowina annektierte, erwartet er, so wie sein Bruder, der als Spanienkämpfer auf Seiten der Republik gefallen war, vom Kommunismus Freiheit und Gerechtigkeit. Die Wirklichkeit sah anders aus: Nachdem er 1941 mit der Roten Armee nach Russland floh, konnte er vierzig Jahre lang nichts publizieren. Die sowjetische Kulturpolitik verleugnete eine jiddische Literatur. Fast zwanzig Jahre lang arbeitete er an Schulen und Universitäten in Samarkand. Erst Ende der fünfziger Jahre brachte ihn die Nostalgie nach Czernowitz zurück. Dort hatte niemand seiner Verwandten den Holocaust überlebt. Die Stadt war nunmehr sowjetisch, bis sie ukrainisch wurde, und hieß Tschemowzi.



Erst ab 1980 konnte Burg wieder Bücher, über ein Dutzend, veröffentlichen. Sie wurden ins Russische, Polnische, Ukrainische und Englische übersetzt. Die deutschen Übersetzungen sind im Verlag Hans Boldt erschienen.

Burgs Hauptanliegen war es, die Erinnerung an die jiddische Literatur zu erhalten. Die von ihm herausgegebenen "Tschernowizer Bleter" sollten dazu beitragen.



2007 wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, 2009 der Theodor-Kramer-Preis verliehen. Das besondere, das jiddische Ambiente von Czernowitz hat Burg geprägt, die Prägung begleitete ihn ein Leben lang, wenn schon das Ambiente selbst zugrunde gegangen ist.

Werke (Auswahl)#

  • 1934: Oifn splaw
  • 1939: Oifn tschermusch (dt. Auf dem Czeremosz. Erzählungen. Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag, 2005)
  • 1940: Ssam (dt. Gift. Zwei Erzählungen. Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag, 2005)
  • 1980: Dos leben geit waiter. Derzeilungen, Nowelen, Skizen – Das Leben geht weiter. Erzählungen, Novellen, Skizzen. Sowetski Pissatel
  • 1983: Iberuk fun tsajtn. Sowetski Pissatel
  • 1988: Ein Gesang über allen Gesängen. Erzählungen und Skizzen
  • 1990: A farschpetikter echo. (dt. Ein verspätetes Echo, teils zweisprachig, 1999)
  • 1997: Zwej weltn
  • 1997: Zewikelte stetschkes. (ukrainische Originalausgabe)
  • 2000: Irrfahrten. Boldt
  • 2004: Sterne altern nicht. Ausgewählte Erzählungen. Boldt
  • 2005: Dämmerung. Erzählungen. (Aus dem Jiddischen von Beate Petras.) Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag
  • 2006: Mein Czernowitz. Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag,
  • 2006: Begegnungen. Eine Karpatenreise. (Aus dem Jiddischen von Beate Petras.) Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag,
  • 2007: Über jiddische Dichter. Erinnerungen. (Aus dem Jiddischen von Beate Petras und Armin Eidherr.) Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag,
  • 2008: Ein Stück trockenes Brot. Ausgewählte Erzählungen. (Aus dem Jiddischen von Beate Petras.) Winsen/Luhe: Hans Boldt Verlag

Literatur#

  • Hans Boldt: Mein Erleben mit Josef Burg. In: "Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands", Wien, 26. Jg., Nr. 1/2 (August 2009)
  • Armin Eidherr: Unter verschiedenen Herrschaften gelebt. Laudatio für Josef Burg. In: „Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands", Wien, 26. Jg., Nr. 1/2 (August 2009)


Quellen:

  • Heimo Kellner, Illustrierte Neue Welt, Sep/Okt 2009


Josef Burg im Interview mit der Kulturzeitschrift "morgen" (Essay)#

Text: THOMAS TRENKLER
Bild : RITA NEWMAN

Wie durch ein Wunder überlebte der 1912 in der Bukowina geborene und sich zum alten Österreich glühend bekennende Josef Burg den Nationalsozialismus und den Stalinismus. Am 10. August 2009, im 98. Lebensjahr, starb der jiddische Schriftsteller in Czernowitz (Ukraine). Für dieses, eines seiner letzten Interviews, erzählte Josef Burg mit heller Stimme seine unglaublichen Erlebnisse zwischen 1938, als er aus Wien fliehen musste, und 1946, als er in Iwanowo bei Moskau seine Frau kennenlernte.



morgen: Ich komme aus Wien - und bitte Sie, mir ein wenig aus Ihrem Leben zu erzählen. Wie geht es Ihnen denn?

Burg: Sie kommen aus Österreich? Ich bin Österreicher. Ich habe eine österreichische Auszeichnung bekommen. Vom Bundespräsidenten.

morgen: Ja, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

Burg: Das wissen Sie? Ich habe viele Freunde in Österreich. Ich war oft in Wien.

morgen:Das erste Mal kamen Sie 1935, um Germanistik zu studieren.

Burg: Das wissen Sie auch? Dann hab ich ja gar nichts zu erzählen.

morgen: Oh doch. Wie ging es weiter?

Burg: Ich war Ausländer, ich hatte einen rumänischen Pass. Aber geboren bin ich als Österreicher. Denn 1912 gehörte die Bukowina noch zu Österreich. In der ersten Klasse lernte ich Deutsch, erst ab der zweiten Rumänisch. Als ich zwölf war, übersiedelte meine Familie von Wischnitz nach Czernowitz. Später kam ich zu meiner Tante nach Wien. Ich habe bei ihr im zweiten Bezirk, gewohnt, in der Rueppgasse, lernte jüdische Schriftsteller kennen. Als die ersten Juden deportiert wurden, bin ich geflohen.

morgen: Hat Ihre Tante die NS-Zeit überlebt?

Burg: Nein, sie ist umgekommen. Wie sie umgekommen ist, weiß ich nicht. Weil ich war ja weg.

morgen: War es schlimm für Sie, dass Sie Wien verlassen mussten?

Bei Rechtsanwalt Heller in Prag#

Burg: Wissen Sie: Hätte ich Wien nicht verlassen, könnten wir heute nicht miteinander sprechen. Das ist sicher. Einige Monate nach dem Anschluss saß ich im Cafe Central. Das Cafe Central war am Anfang der Taborstraße. Neben mir ist ein Herr aus der tschechischen Botschaft gesessen. Wir haben miteinander gesprochen. Ich sagte: "Wissen Sie, ich will nach London." Er fragte: "Wie wollen Sie denn nach London kommen?" Ich sagte: "Über die Schweiz und Frankreich nach England. Das ist doch kein Problem." Er war erstaunt. "Fahren Sie nicht! Die Schweizer werden Sie der Gestapo übergeben. Die lassen keine Emigranten hinein." Er sagte: "Fahren Sie in die Tschechoslowakei! Dort ist es ruhig. Dort werden Sie weiterleben können." Und so bin ich nach Prag. Alle haben Deutsch gesprochen. Ich hatte einen Rucksack, weiter nichts. Ich wusste nicht, wohin. Nach ein paar Tagen bin ich zu einer Ausstellung eines Künstlers aus Bukarest gegangen. Ich erzählte ihm von meiner Lage: "Ich schlafe draußen, aber es ist kalt." Er sagte: "Wissen Sie was, gehen Sie zum Doktor Heller. Er ist ein berühmter Advokat, ein sehr reicher Mann, ein Millionär. Er wird Ihnen helfen. Er spricht ein schönes Deutsch und er schreibt. Er wird Sie gerne aufnehmen, wenn er hört, dass Sie Schriftsteller sind." Ich hatte bis dahin doch nur eine Erzählung geschrieben. Und schon war ich Schriftsteller? Der Mann gab mir die Adresse. Ich bin also zu dem Rechtsanwalt. Ein wunderschönes Palais. Nicht ein Haus, ein Palais! Ein Dienstmädchen öffnete mir die Tür. Sie war bildhübsch. Sie fragte: "Wer sind Sie?" Was sollte ich ihr sagen? Wer bin ich?

Ein Niemand. Aber ich sagte: "Ich bin Schriftsteller! Dürfte ich bitte Doktor Heller sprechen?" Und plötzlich stand er an der Tür. Er hatte gehört: "Ich bin Schriftsteller!" Er sagte sogleich: "Kommen Sie herein!" Und er hat mich hereingeführt. Ein so großes Zimmer habe ich mein Lebtag nicht mehr gesehen. Er hatte eine wunderbare Bibliothek. "Wissen Sie", sagte er, "ich schreibe auch. Ich schreibe Gedichte. Darf ich Ihnen etwas vorlesen?" - "Mit Vergnügen, Herr Doktor!", sagte ich. Er nahm aus einem Schrank ein Heft und begann zu lesen. Es war fürchterlich. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ein so kluger, gebildeter Mann einen solchen Quatsch schreiben kann. Schrecklich! Ich dachte mir: Was soll ich ihm sagen, wenn er mich fragt? Wenn ich sage: "Das ist sehr gut, sehr schön", ist mein Gewissen verloren. Wenn ich ihm sage: "Das ist schlecht. Sie dürfen so etwas nicht schreiben!", dann schmeißt er mich hinaus. Und dann habe ich keine Bleibe. Plötzlich fiel mir ein Satz ein. "Wissen Sie, Herr Doktor", sagte ich mit einem überzeugenden Ausdruck im Gesicht, "Goethe hat so nicht geschrieben!" Er schaute mich ungläubig an. Dann sagte er: "Sie meinen das wirklich?" Ich sagte: "Mein Ehrenwort, Goethe hat so nicht geschrieben." Er sagte: "Ich danke Ihnen für Ihr Lob." Er stellte mir einen Scheck aus. Ich habe eine Woche in Prag gebummelt. Und in Brünn war ich. Und dann bin zurück nach Czernowitz. Ich hatte ja hier meine Eltern, meine Brüder und Schwestern. Friedlich war es aber nicht. Denn im Juni 1940 marschierten die sowjetischen Truppen ein.

Lehrer in Czernowitz und in Saratov#

Ich habe als Lehrer gearbeitet. Ich wurde russischer Staatsbürger. Da ist der Krieg ausgebrochen. Ich wurde eingezogen und in die Ukraine gebracht. Dort war ich einige Zeit. Es hieß dann, dass man die Westler, also die Männer aus den westlichen Provinzen, nicht in die Armee aufnehmen sollte: Die seien nicht vertrauenswürdig, denn sie sind geboren und aufgewachsen in einer kapitalistischen Umgebung. Und so hat man mich entlassen. Ich stand wieder da - mit nichts. Ich habe mich in einen Zug gesetzt - und bin nach Russland, nach Saratov gekommen. Ich konnte nur einige Worte Russisch und meldete mich als Lehrer für Deutsch. Es gab dort Wolgadeutsche. Man sagte zu mir: "Gehen Sie über die Wolga! Jenseits ist die Autonome Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Dort werden Sie frei sein können." Nun, so bin ich über die Brücke und in eine Schule gekommen. Die haben ein so fürchterliches, schreckliches Deutsch gesprochen! Fast 200 Jahre waren sie nicht mehr in Deutschland gewesen. Sie waren unter Katharina der Großen nach Russland gekommen. Ach mein Gott, was die für ein Deutsch gesprochen haben! Aber es gab nur einen Monat Unterricht. Die Schüler waren auf den Feldern: Die Ernte musste eingebracht werden.

morgen: Sie haben dabei geholfen?

Burg: Nein. Ich habe in der Schule gelebt, war versorgt sozusagen. Und dann sind die Russen gekommen. Sie haben die Deutschen nach Sibirien deportiert. Weil sie ihnen nicht vertraut haben. Sie sagten, dass die Deutschen Spione versteckt hätten. Ich verstand das alles nicht. Im August 1941 wurde durch einen Erlass des Obersten Sowjets die gesamte deutsche Bevölkerung der Kollaboration mit Hitler- Deutschland für schuldig befunden ... Die Russen kamen eines Morgens und verlangten die Pässe. Auch ich gab meinen Pass ab. Der Russe schaute ihn an und sagte: "Aber Sie sind ja kein Deutscher. Sie sind Jude!" Ich sagte: "Ja, ich bin Jude." Ein bisschen Russisch konnte ich schon sprechen. Er sagte: "Sie bleiben!" Ich sagte: "Ich bin Lehrer und kann Deutsch unterrichten." Ich habe damals ein sehr schönes Deutsch gesprochen. Ich weiß nicht, ob das, was ich spreche, noch Deutsch ist.

morgen:Sie sprechen ein sehr schönes Deutsch.

Josef Burg
Josef Burg in seiner Wohnung in Czernowitz.
© Bild: Rita Newman
Vielen Dank! Der Russe sagte zu mir. "Nun, ich gebe Ihnen eine Liste. Suchen Sie sich eine Schule aus." Ich studierte die Liste.

Lauter russische Namen. Und dann las ich "Rosendamm". Ich dachte mir: Der Name ist so schön! Und ich sagte: "Rosendamm - dorthin will ich!" Ich hab' nicht gewusst, wie es dort sein würde. Aber ich bin nach Rosendamm. Das Dorf war 30 Kilometer vom Bahnhof entfernt. Ich bin zum Direktor der Schule gegangen, habe bei ihm gewohnt. Nach ungefähr einem Monat waren die Russen auch in Rosendamm. Der NKWD, wie der KGB damals geheißen hat. Es gab eine Frist von 48 Stunden. Ich hatte nichts zum Vorbereiten für die Deportation. Ich hatte ja nur meinen Rucksack. Ich gab dem Russen meinen Pass und er sagte: "Sie sind ja kein Deutscher, Sie bleiben hier." Zwei Tage später sind die Russen mit den ganzen Deutschen weg. Rosendamm war ein rein deutsches Dorf gewesen. Ich blieb ganz allein da. Ich dachte, ich werde verrückt. Bei Tage ging es noch, aber in der Nacht habe ich mich gefürchtet, in ein Haus zu gehen. Die Kühe haben geschrien, weil sie nicht gemolken wurden, die Pferde haben gewiehert. Es war schrecklich. Ich dachte mir: Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? Eines Tages, nach vielleicht einer Woche, saß ich im Rathaus.

Da klingelte das Telefon, eine hölzerne Kiste. Ich drehte an der Kurbel. Ich hob ab. "Was wollen Sie von mir?" Der Mann sprach Russisch. Er sagte zu mir, ich solle Pferde anspannen und zum Bahnhof fahren, denn dort würde ein Zug mit Evakuierten aus Weißrussland ankommen. Ich sagte ihm: "Ich weiß nicht, wie man ein Pferd anspannt. Ich hab das noch nie gemacht." Der Russe hat mir daher jemand geschickt, der auch ein bisschen Deutsch sprach.

Wir sind zum Bahnhof gefahren. In den Viehwaggons waren lauter Juden, Frauen, Männer, Kinder, ganze Familien aus Weißrussland. Ich begann Jiddisch zu sprechen mit denen, das war wunderbar. Sie erzählten mir von ihrem Leid, wie sie evakuiert wurden. Sie sagten, sie würden jetzt hier leben. Einer sagte zu mir: "Meine Tochter war Lehrerin, sie unterrichtete Mathematik." Ich sagte: "Sehr gut, hier haben Sie den Schlüssel von der Schule. Sie ist Direktor!" Dann kam einer und sagte: "Wissen Sie, ich habe in einem Laden als Verkäufer gearbeitet." Ich sagte: "So? Hier haben Sie den Schlüssel vom Magazin." So habe ich alle Schlüssel verteilt. Und dann habe ich mich in den Zug gesetzt. Er ist nach Taschkent gegangen.

Taschkent, Moskau, Stalingrad und der Kaukasus#

morgen: Warum Sind Sie nicht bei den Juden in Rosendamm geblieben?

Burg: Was hätte ich dort zu tun gehabt? Ich dachte: Morgen holt mich die Wehrmacht ab. Und so bin ich nach Usbekistan gekommen. Dort habe ich ungefähr ein Jahr in einer Kolchose gearbeitet. Dann bin ich mobilisiert, also zum Militär eingezogen worden. Ich wurde nach Zentralrussland gebracht. Dann aber war der Krieg aus. Ich kam nach Moskau. Dort waren viele berühmte, große jüdische Schriftsteller. Ich habe selbst zu schreiben begonnen. Vom Ministerium für Bildung wurde ich 1946 an die Universität von Iwanowo geschickt. Das war nicht weit weg von Moskau. Ich habe dort deutsche Sprache und Literaturgeschichte unterrichtet. Die Studenten waren noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt oder sie studierten Physik, Mathematik oder so. Eine Fremdsprache wollte niemand lernen. Daher gab es fast nur Studentinnen. Ich hatte 20 Studentinnen. Und die waren alle verliebt in mich. Weil ich so schön Deutsch gesprochen habe.

morgen: Haben Sie da auch Ihre Frau kennengelernt?

Burg: Ja. Ich habe mir eine gewählt. Und ich habe sie geheiratet. Sie war eine Wunderschöne, Wunderkluge. Sie hat geflochtene Locken gehabt - bis zu den Knien. Sie hatte schon in der Schule Deutsch gelernt, weil Stalin gesagt hatte, dass man die Sprache des Feindes können muss. Später sind wir von Iwanowo nach Stalingrad gezogen. Meine Frau hat Russisch unterrichtet. Und dann haben wir einige Zeit im Kaukasus gelebt. Mein Töchterchen wurde geboren. Und eines Tages - es waren schon Ferien - sagte ich zu meiner Frau: "Wir leben zwar sehr gut hier, aber fahren wir doch zu mir nach Hause! Es ist schön dort. Die Karpaten. Und Czernowitz ist eine alte Stadt, eine gewesene österreichische Stadt."

Zurück in Czernowitz#

Wir haben beschlossen, hierher zu übersiedeln. 1957 bin ich zurückgekommen. Am Anfang war es schlecht hier, aber dann ist es besser geworden, dann gut. Heute bin ich Ehrenbürger der Stadt, ich bin ein berühmter Schriftsteller, meine Bücher erscheinen in vielen Sprachen, vor allem in Deutsch. Ich bin durch halb Europa gereist, ich war in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz, in anderen Ländern. 1988, nach einem halben Jahrhundert, war ich zum ersten Mal wieder in Österreich. Ich sprach wieder Deutsch. Ich sagte: "Ich entschuldige mich für mein Deutsch." Jemand sprang auf und sagte: "Kokettieren Sie doch nicht! Sie sprechen ein phantastisch schönes Deutsch!" Und ich sagte: "Danke sehr!"

Dieses Interview wurde am 12. Mai 2008 in Burgs Wohnung in Czernowitz geführt. Ein halbes Jahr zuvor war seine Frau gestorben.

Mit freundlicher Genehmigung der niederösterreichischen Kulturzeitschrift "morgen" 6/09



Redaktion: P. Diem