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Burgtheater#

Burgtheater: Blick vom Rathausturm
Burgtheater: Blick vom Rathausturm.
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Das Burgtheater - von den Wienern kurz "die Burg" genannt - ist heute Teil der Bundestheater und gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Bühnen der Welt.

Ein stetig ergänztes Ensemble von Schauspielern entwickelte in jahrelangem Zusammenspiel den spezifischen Burgtheaterstil, die Burgtheater-Sprache. Das Publikum des Burgtheaters war immer entscheidend in die Beurteilung eines Schauspielers miteingebunden.

Theatergebäude

Am 14. März 1741 überließ Kaiserin Maria Theresia dem Theaterunternehmer Joseph Selliers ein neben der Hofburg leerstehendes Ballhaus zur Verpachtung an Schauspielertruppen.

1748 erfolgte die Eröffnung des neugestalteten "Theaters nächst der Burg", 1756 wurde die gegen den Michaelerplatz verschobene Bühnenrückwand des Theaters errichtet. Der Zuschauerraum des alten Burgtheaters war eine Holzkonstruktion mit intimer Bühnenwirkung und ausgezeichneter Akustik. Die Bindung des Burgtheaters an das Kaiserhaus war stets sehr eng; die Hofloge war von den kaiserlichen Gemächern direkt zu erreichen.

Maria Theresias Sohn Joseph II. stellte das Theater 1776 per Dekret als "Teutsches Nationaltheater" unter die Administration des Hofes. Damit begann die Glanzzeit der deutschsprachigen Schauspielkunst in Wien. Ab 1794 trug das Theater den Namen "K.K. Hoftheater nächst der Burg".

Nach 130 Jahren Spielzeit fand am 12. 10. 1888 die letzte Vorstellung in diesem Haus statt, das Burgtheater übersiedelte in den von Gottfried Semper (Grundriss) und Carl Freiherr von Hasenauer (Fassade) errichteten Neubau an der Ringstraße.

Als erster elektrisch beleuchteter Monumentalbau erregte das Gebäude beachtliches Aufsehen – auch wenn bühnentechnische und akustische Mängel auftraten, die erst 1897 mit einem Umbau des Zuschauerraums beseitigt wurden.

Das ehemalige Hoftheater wurde der Verwaltung des Staates übergeben. Obwohl das Haus seit 1919 einfach "Burgtheater" heißt, hat sich an seiner Stirnseite ebenso wie an der Rückseite die alte Aufschrift "K.K. Hofburgtheater" unversehrt erhalten.

Burgtheater
Burgtheater vom Volksgarten aus gesehen
Foto: P. Diem

Nachdem 1919 schon das Schönbrunner Schlosstheater kurzfristig angegliedert worden war, wurde in der Spielzeit 1922/23 das Akademietheater als Kammerspielbühne angeschlossen. Am 12. 3. 1945 (Bombentreffer) und am 12. 4. 1945 (Brand aus unbekannter Ursache) wurde der Zuschauerraum des Burgtheaters weitgehend zerstört. Das Burgtheaterensemble fand im Varieté Ronacher eine provisorische Spielstätte.

Von 1953 bis 1955 erfolgte der Wiederaufbau des Burgtheaters: die Neugestaltung des Zuschauerraums übernahm M. Engelhart, die Gestaltung der Bühne erfolgte nach Plänen von Otto Niedermoser und dem technischen Direktor des Burgtheaters Sepp Nordegg.

Vorbild war die Dresdner Semperoper, die Struktur der Architektur ist symmetrisch gegliedert, mit einer Loggia über dem Mitteltrakt, eingerahmt von den beiden Seitenflügeln, das Bühnenhaus ist mit eine Giebeldach und das Zuschauerhaus mit einem Zeltdach überdeckt. Die Fassade ist mit zahlreichen Skulpturen mythologischer und literarischer Bedeutung geschmückt - Apollo, Musen, Bacchus und Ariadne, Allegorien und Portraitbüsten verschiedener Dichter. Im Inneren des Theaters wurde Gustav Klimt mit seinem Bruder Ernst Klimt und Franz Matsche für die Ausschmückung der Stiegenhäuser mit Deckengemälden beauftragt. Es entstanden große Gemälde mit antikem Inhalt, Darstellungen von Künstlern des antiken Theaters, Szenen aus Stücken von Shakespeare und Molière. Eröffnet wurde der Prachtbau am 15. 10. 1955.

Künstlerische Leitung und Verwaltung

Von 1741 bis 1752 war das Burgtheater verpachtet, dem Hof standen aber Logen zur Verfügung, und die Theaterunternehmer gestalteten Festvorstellungen für das Kaiserhaus. Die Pächter nützten das Burgtheater sowohl für die Oper als auch für das Sprechstück; als Bühnensprachen galten Italienisch und Französisch, deutsche Aufführungen waren seltener.
1752 unterstellte Maria Theresia das Theater der Hofverwaltung. Damals kamen die Reformopern von Christoph Willibald Gluck zur Uraufführung.
Nach 1756 wurde das Burgtheater wieder verpachtet. Mehrere Unternehmer gingen finanziell zugrunde, ehe 1776 Joseph II. das Burgtheater zum "Nationaltheater nächst der Burg" erklärte und die Leitung einem Schauspieler-Regiekollegium, später dem Schauspieler Johann Franz Hieronymus Brockmann überantwortete.

1776 gilt allgemein als Gründungsjahr des Burgtheaters nach heutigem Verständnis.

Unter der kaiserlichen Patronanz wurden die Schauspieler "Diener des Staates" (Hofbeamte) und erhielten nach ihrem Abgang Alterspensionen. Kostspielige Opern und Ballette kamen neben "wohlgeratenen" Übersetzungen und deutschsprachigen Originalwerken zur Aufführung. Verwaltung und Leitung des Burgtheaters wurde abermals Pächtern überlassen (1794-1817). Der Letzte dieser Pächter, Ferdinand Graf Pálffy, berief 1814

  • Joseph Schreyvogel (1814-32) als Theatersekretär ans Burgtheater, der nachhaltige Veränderungen durchführte: Der bewusste Aufbau eines Spielplans (Weimarer Klassiker ebenso wie Uraufführungen von Dramen Franz Grillparzers), die Erweiterung des Ensembles sowie die Erarbeitung einer Bühnensprache waren seine größten Verdienste.
  • Unter Heinrich Laube (1849-67) erreichte das Burgtheater seine führende Stellung im deutschsprachigen Raum. Sein umfangreiches Repertoire (164 Stücke) setzte sich sowohl aus beispielgebenden Klassikeraufführungen als auch aus Konversationsstücken zusammen.
  • Lobte man Laube für seine Wortregie, so kommt seinem Nachfolger Franz Freiherr von Dingelstedt (1870-81) das Verdienst der Bildregie (Schaugepränge in einem prunkvollen Inszenierungsstil) zu. Sein Repertoire umfasste 109 Stücke.
  • Unter der Direktion von Max Burckhard (1890-98) fanden die Zeitgenossen Einlass ins Burgtheater, darunter naturalistische Dramatiker (H. Ibsen, G. Hauptmann) ebenso wie Arthur Schnitzler.
  • Direktor Paul Schlenther (1898-1910) setzte vermehrt österreichische Dramatiker, u.a. Ferdinand Raimund und Johann Nestroy, auf den Spielplan.
  • Unter der Direktion Alfred Freiherr von Bergers (1910-12), der als krasser Gegner des Naturalismus psychologisch-moderne Akzente setzte, zeichnete sich eine Wandlung des Darstellungsstils durch die Rollengestaltungen von Stars wie Friedrich Mitterwurzer und Josef Kainz ab.
  • Direktor Albert Heine (1918-21) versuchte vergebens, Max Reinhardt und sein Ensemble ans Burgtheater zu binden.
  • Zweimal (1921-1922 und 1930-1931) war der Dichter Anton Wildgans Direktor des Burgtheaters
  • Direktor Hermann Röbbeling (1932-1938) gliederte seine Inszenierungen in Zyklen, um einen Welttheaterspielplan (österreichische Dramatiker im Gleichgewicht mit den Dramatikern der übrigen Nationen) zu realisieren. Maria Eis und Fred Liewehr waren seine wichtigsten Ensembleergänzungen.
  • Direktor Lothar Müthel (1939-1945), dem der seit vielen Jahren am Burgtheater tätige Dramaturg Erhard Buschbeck zur Seite stand, bemühte sich um einen klassischen Spielplan jenseits der nationalsozialistischen Tagesparolen.
  • Direktor des Burgtheaters im Asylquartier Ronacher waren der Schauspieler Raoul Aslan (1945-48), E. Buschbeck (provisorischer Leiter März bis Oktober 1948) und Josef Gielen (1948-54).
  • In Adolf Rotts Direktionszeit (1954-1959) fiel die Wiedereröffnung des Hauses am Ring. Er wusste die damals hochmoderne Bühnentechnik perfekt für turbulente Inszenierungen einzusetzen. Der neue Spielplan des Burgtheaters enthielt die von den Nationalsozialisten verbotenen Schriftsteller ebenso wie den jungen österreichischen Dramatiker Fritz Hochwälder und die Klassiker.
  • Ernst Haeusserman (1959-68) verpflichtete bedeutende Regisseure ans Burgtheater und profilierte den Spielplan durch die Gliederung in Zyklen. 60 Neuengagements zur Generationsablöse ermöglichten auch die Welttournee des Burgtheaters (1968).
  • Der Schauspieler-Direktor Paul Hoffmann (1968-1971) gewann Heinz Reincke und Klausjürgen Wussow für das Ensemble.
  • Gerhard Klingenberg (1971-1976) versuchte, das Burgtheater mehr für das zeitgenössische Theater zu öffnen.
  • Achim Benning, der erste Ensemblevertreter des Burgtheaters (1971), bekannte sich während seiner Direktionszeit (1976-86) zum Repertoiretheater (zirka 50 Stücke pro Spielzeit) und nahm Rücksicht auf den Publikumsgeschmack.
  • Sein Nachfolger Claus Peymann (1986-1999) konnte durch Änderung des Abonnementsystems und Neustaffelung der Eintrittspreise neue, jüngere Publikumsschichten für das Burgtheater gewinnen; seine Modernisierung des Spielplans und des Inszenierungsstils stieß beim traditionellen Burgtheater-Publikum auf weitgehende Ablehnung. 1993 konnte die von Gustav Peichl entworfene Probebühne des Burgtheaters im Arsenal eröffnet werden.
  • 1999 folgte Klaus Bachler als Direktor des Burgtheaters (1999-2009). Er kultivierte den Besuch in der "Burg" als gesellschaftliches Event und zog dazu Regisseure wie Peter Zadek, Andrea Breth und Luc Bondy nach Wien. (1999 wurden die österreichischen Bundestheater in eine Holding umgewandetl; das Burgtheater hat seither die Betriebsform einer Ges.m.b.H.)
  • 2009 wurde Matthias Hartmann der Direktor des Hauses (er wurde 2014 wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten fristlos entlassen).
  • 2014 wurde Karin Bergmann zunächst interimsmäßig, später definitiv (bis 2019) zur Direktorin ernannt.
Laterne vor Burgtheater
Detail - Foto: P. Diem
Laterne vor Burgtheater
Detail - Foto: P. Diem

Burgtheater-Galerie
Sammlung von Künstlerporträts, die im Laufe von 2 Jahrhunderten eine "Ehrengalerie" gebildet haben.

Burgtheater-Ring (der Concordia)
Ein von Jakob Lippowitz, dem Herausgeber des Neuen Wiener Journals, gestifteter Ring, der 1926-34 jährlich verliehen wurde, abwechselnd an ein Mitglied des Burgtheaters (für besondere Verdienste) und an einen Dramatiker.

Doyenne, Doyen
des Burgtheaters zu sein, bedeutet, der Bühne lebenslänglich verbunden zu bleiben, unter Verzicht des Dienstgebers, die Geehrte bzw. den Geehrten in den Ruhestand zu versetzen, sowie eine den Burgtheater-Gepflogenheiten entsprechende Bestattung.

Ehrenring
Der Ehrenring des Burgtheaters wird seit 1. 10. 1955 in unregelmäßigen Abständen von der Kollegenschaft des Burgtheaters nach Vorschlag des Betriebsrats an Mitglieder des Burgtheaters verliehen, die sich der allgemeinen kollegialen, menschlichen und künstlerischen Wertschätzung des Ensembles erfreuen.

Ensemblevertreter
1971 traten die Richtlinien für eine Ensemblevertretung des Burgtheaters in Kraft, ein Mitspracherecht des Ensembles zu Reformvorschlägen bei Besetzungen und Spielplangestaltung.

Vorhangverbot
Nach einem fast 200 Jahre lang vollzogenen, ungeschriebenen Gesetz, das auf eine polizeiliche Theaterordnung vom 19. 8. 1798 zurückging, durften einem Hervorruf vor den Vorhang nur Gäste, nicht Ensemblemitglieder folgen; es wurde 1979 aufgehoben.

Literatur#

  • H. Kindermann, Das Burgtheater. Erbe und Sendung eines Nationaltheaters, 1939
  • E. Hauessermann, Das Wiener Burgtheater, 1975
  • M. Dietrich, Das Burgtheater und sein Publikum, Band 1, 1976
  • Burgtheater 1776-1976. Aufführungen und Besetzungen, 2 Bände, 1979
  • R. Urbach und A. Benning, Burgtheater 1776-1986, 1986
  • F. Hadamowsky, Wien. Theatergeschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, 1988
  • E. Großegger, Das Burgtheater und sein Publikum, Band 2: Pächter und Publikum (1794-1817), 1989
  • H. Beil (Hg.), Weltkomödie Österreich. 13 Jahre Burgtheater, 1986-1999, 1999
  • F. S. Berger, Ch.Holler, Das Burgtheater. Ein Führer um und durch das Haus am Ring, 2000

Weiterführendes#