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Diefenbach, Karl Wilhelm#

* 21. 2. 1851, Hadamar (Deutschland)

† 15. 12. 1913, Capri


Maler
Naturprophet, Vegetarier, Pionier der Freikörperkultur


Karl Wilhelm Diefenbach wurde am 21. Februar 1851 in Hadamar in Hessen (Deutschland) als Sohn des Malers und Zeichenlehrers Leonhard Diefenbach geboren, von dem er den ersten künstlerischen Unterricht erhielt.


1872 erhielt er in München eine Anstellung beim Hoffotografen Albert, war für die fotografischen Anstalt Hanfstaengl tätig und begann das Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste in München, das er aber bereits 1873 wegen einer Erkrankung an Typhus unterbrechen musste. Mehrere Operationen eines Geschwürs in der Achselhöhle führten zu dauernder Verkrüppelung seines rechten Arms.


Die Typhusinfektion, die erfolgreich mit einer Art vegetarischen Schonkost behandelt wurde, war wohl sein erstes "Erweckungserlebnis" für ein asketisches Leben, das immer mehr esoterische Züge annahm. Er wandte sich von Tabak, Alkohol und Fleischverzehr ab und sah sich als Naturpropheten, als Bahnbrecher einer neuen, ökologisch ausgerichteten Kultur: "Erkenne Menschheit, deine Mutter, die Natur", war sein Credo.


Um 1881 trat er aus der Kirche aus und wurde Mitglied der freireligiösen Gemeinde; er pflegte erste Kontakte zu Eduard Baltzer, dem Begründer des Vegetarischen Vereins in Deutschland, und stand in Briefkontakt mit Arnold Rikli, einem Vorkämpfer der Freikörperkultur und der Licht-Luft-Bäder.


Diefenbach, Du sollst nicht töten
Du sollst nicht töten
Aus: Wikicommons

So sorgte er ab den 1880er-Jahren in München regelmäßig für Aufsehen: er wetterte - als barfüßiger Vegetarier in Kutte gekleidet - vor dem Münchner Hofbräuhaus "gegen den Verzehr von Tierfetzen"; propagierte als Lebensreformer die Nacktheit und nahm mit Familie und Anhängern hüllenlose Luft- und Sonnenbäder.

Nicht zuletzt erregte er Aufsehen als Maler von monumentalen spätsymbolistischen Gemälden, mit denen er für seine Ideen warb.



1885 verließ Diefenbach München und suchte mit seiner Familie und seinen Anhängern Zuflucht in Höllriegelskreuth im Isartal, wo er in einem Steinbruch ein verlassenes Arbeiterhaus anmietete. Gemeinsam mit seinen Jüngern gründete er die Lebensgemeinschaft "Humanitas" - eine Art früher Öko-Kommune - die Gemeinschaft fühlte sich an keinerlei kirchliche Religiosität oder Konvention gebunden.


Unter anderem auf Grund seines autoritären Wesens gab es jedoch bald Auseinandersetzungen innerhalb der Kommune und Probleme mit den Behörden (nach nackten Sonnenbädern kam es zum ersten Nudistenprozess der deutschen Geschichte).

So nahm Diefenbach gerne eine Einladung des Österreichischen Kunstvereins nach Wien an, dem er elf Wandgemälde lieferte.

1892 zog Diefenbach mit seinen Kindern von München nach Wien, wo er seine Gemälde mit großem Erfolg ausstellte – aber auch - wie bereits zuvor in Deutschland - als "Kohlrabi-Apostel" verspottet wurde.


Ein Konflikt mit dem Wiener Kunstverein (der Geld und Bilder von ihm veruntreute) trieb ihn an den Rand der Existenz, dennoch blieb er (nach einem kurzen Aufenthalt in Ägypten, wo er riesige Tempelbauten entwarf) in Wien und gründete 1897 in Ober-St.-Veit die umstrittene Kommune "Himmelhof".

Hier versammelte er in Spitzenzeiten bis zu 24 Gleichgesinnte - darunter zeitweise die Maler František Kupka, Konstantinos Parthenis und Gusto Gräser - und erprobte mit ihnen zusammen eine alternative Lebensweise mit Gemeinbesitz, Nacktkultur, vegetarischer Ernährung, Naturfrömmigkeit und Spiritualität.

Diefenbach, Der Rettung entgegen
Der Rettung entgegen
Aus: Wikicommons
Das provokante Leben am Himmelhof brachte eine Reihe von Schmähartikel gegen Diefenbach hervor, z.B. unter dem Titel "Der Meister des Nichtstuns und Dochlebens".

Die Kommune wurde ein Vorläufer vieler alternativer Lebensgemeinschaften im 20. Jahrhundert, sie gab den Anstoß für die folgende Körperkulturbewegung, für Vegetariersiedlungen und Landkommunen.

Zu seinen Schülern gehörten u.a. der Maler Fidus, der mit seinem "Lichtgebet" das Kultbild der Jugendbewegung schuf; der Tscheche Frantisek Kupka, ein Pionier der abstrakten Malerei, und Gusto Gräser, Dichter und Mitbegründer des Monte Verità von Ascona.


Diefenbachs Leben war geprägt von immerwährendem Kampf und Scheitern, wobei der "Kohlrabi-Apostel" seine künstlerische Identität und seine Visionen eines ökologischen Utopia nie verleugnete oder aufgab.

Es führte ihn schließlich – nach dem Konkurs der Kommune 1899 - auf die von Künstlern und Bohemiens bevölkerte Insel Capri, wo er seine letzten Jahre verbrachte und in Österreich und Deutschland bald in Vergessenheit geriet.


Karl Wilhelm Diefenbach starb am 15. Dezember 1913 im Alter von 62 Jahren auf Capri.



Sein Hauptwerk ist der 68 m lange Schattenfries "Per aspera ad astra", der 1892 in Wien entstand (gemalt zusammen mit Hugo Höppener, genannt Fidus) und der heute im Original im Stadtmuseum seines Geburtsorts Hadamar zu sehen ist.

Der Fries besteht aus 34 schwarz-weißen Einzeltafeln und ist eine endzeitliche Vision einer versöhnten Schöpfung, in der - vom Propheten Jesaja inspiriert - Löwe und Lamm einträchtig weiden werden.


Sein Nachlass blieb lange verborgen; erst seit den 1970er Jahren entstanden öffentliche Museen für seine Werke auf Capri und in seiner Heimatstadt Hadamar.


2011 konnte man sein Leben und sein Werk in einer Ausstellung in der Hermesvilla in Wien kennenlernen, die zuvor bereits mit großem Erfolg in der Villa Stuck in München präsentiert worden war.

Werke (Auswahl)#

  • Ölgemälde
    • "Du sollst nicht töten"
    • "Friede" (Löwe friedlich mit Kind)
    • "Der Rettung entgegen"
  • graphischer Fries aus Schattenrissen "Per aspera ad astra" ("Ein Lebenstraum auf rauher Bahn zu den Sternen hinein"), zusammen mit seinem Schüler Fidus, 1892
  • Zeichnungen

Literatur#

  • C. Wagner, Der Künstler Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) - Meister und Mission. Mit einem Werkkatalog aller bekannten Ölgemälde. Dissertation, 2005
  • C. Wagner, H. Müller, N. Smolik, M. Schuster; Karl Wilhelm Diefenbach: (1851-1913) Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!, 2011

Quellen#



Redaktion: I. Schinnerl