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Kein Paradies für steinerne Zeugen#

von Ottawa und A. Schiemer

Von der Zeitschrift "Wiener Zeitung", freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Fehlende Denkmäler

Im 19. Jahrhundert ehrte Wien nicht alle vergangenen Größen.#

Von Acheron, Kokytos und Lethe war in der „Wiener Zeitung“ am 31. Oktober 1878 nicht explizit die Rede.

Aber die Namen jener Ströme, über die die Verstorbenen der alten Griechen auf dem Weg ins Schattenreich setzen mussten, schwangen in Zeilen zum Totengedenken durchaus mit – kein Wunder in einer Epoche, in der klassische Bildung viel bedeutete.

Der „WZ“-Autor, der einst den Beitrag vor dem Allerseelentage lediglich mit K. W. zeichnete und so ein kniffliges Rätsel hinterließ, kannte als Kind der Zeit offensichtlich sein Publikum. Er leitete seine Ausführungen mit einem Blick weit in die Vergangenheit ein: Dem Cultus der Gräber wurde bei allen Völkern eine große Bedeutung beigelegt. Mit den höchsten menschlichen Fragen im Zusammenhange stehend, wirkte er stets mächtig auf die Gemüther (...)

Augenscheinlich wusste der „WZ“-Mitarbeiter auch um seine Mitwelt, die gern schöne Worte hörte, um sie verhallen zu lassen. Jedenfalls hielt er der Öffentlichkeit in puncto Cultus der Gräber den Spiegel vor: Er stieß auf Friedhöfen im Raum Wien auf eine ansehnliche Zahl verdienter Persönlichkeiten, doch von deren Ruhestätten entbehrten nicht wenige jener Pflege, welche sie verdienen.

In der Liste des eifrigen Chronisten findet sich im Abschnitt Friedhof in St.-Marx der bis 1842 wirkende Porträt- und Genremaler Peter Fendi. Zitat aus der Grabinschrift: Sein Künstlergeist, so zart als sinnig, / Schuf Bilder lieblich, ernst und wahr (...)

Ebenfalls unter St.-Marx wird die dort 1830 beerdigte Schauspielerin und Soubrette Therese Krones angeführt. Die Wiener jubelten ihr zu, verziehen ihr sogar ihre Bekanntschaft mit dem 1827 als Raubmörder entlarvten Severin v. Jaroszynski. Nicht einmal ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod dürfte die Erinnerung an sie allerdings etwas verblasst sein.

Unter Katholischer Friedhof in Matzleinsdorf ist an erster Stelle der 1787 verstorbene Komponist und Opernreformator Christoph Willibald v. Gluck vermerkt. In seiner 1762 im (damals mehr Musik bietenden) Burgtheater uraufgeführten Oper „Orpheus und Eurydike“ (genau: „Orfeo ed Euridice“) wird dem Thema entsprechend für kurze Zeit der Tod überwunden; der Meister errang mit dem Werk gewaltigen Erfolg.

Fendi, Krones und Gluck sind nur drei von unzähligen Großen, derer die „Wiener Zeitung“ vor 130 Jahren im Friedhofs-Überblick – der am 1. November 1878 mit einem zweiten Teil abgeschlossen wurde – gedachte und deren Andenken das Blatt bewahrt wissen wollte. In der Kurzserie, die etwa eineinhalb eng bedruckte großformatige Zeitungsseiten umfasst, fehlen aber auch lokale Berühmtheiten nicht. Etliche von ihnen sind inzwischen dem kollektiven Gedächtnis beinahe entschwunden.

Nicht selten handelt es sich dabei um Kenner der Geschichte oder mit ihr verwandter Gebiete. Einige von ihnen seien erwähnt (Sterbejahr in Klammer): Dr. Andreas v. Meiller, Historiker (1871); Karl v. Sava, der als Sammler mittelalterlicher Siegel im 19. Jahrhundert die Berufsbezeichnung Archäolog erhielt (1864); Dr. Ferdinand Wolf, Kustos der Hofbibliothek (1866); Joseph Feil, Geschichtsforscher (1862).

Last but not least soll noch ein unter Ortsfriedhof (alter) in Hernals eingereihter ständ. (= beim NÖ-Ritterstand im Landesdienst beschäftigter) Secretär und Geschichtsforscher genannt werden: Alois Groppenberger Edler v. Bergenstamm (1754– 1821). Von ihm konnte man 1878 weder den korrekten Namen noch das Todesjahr feststellen, so vergessen war der Beschreiber aller Wiener Grund- und Marksteine!

Jean Paul, der Menschenkenner und Dichter, sagte einmal: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.“ Das angeblich alles Vergangene feiernde Wien zeigte sich einst nicht als Paradies der Erinnerung. Es stand schlecht um die steinernen Zeugen, um die Grabmäler bedeutender Männer und Frauen.

Der seinerzeitige „WZ“- Autor K. W. schloss seine Recherchen mit der Mahnung: Vielleicht genügt die hier gegebene Anregung, um die Aufmerksamkeit der berufenen Kreise auf dieses Versäumniß zu lenken. Hintergrund: 1874 war der Zentralfriedhof eröffnet worden. 1878ff galt es, durch Überführungen von diversen Friedhöfen würdige Erinnerungsstätten für große Söhne und Töchter der Stadt zu schaffen. Mit Verspätung sollte das auch gelingen.

P.S. zum Bild : Es birgt (im Zeitungsdruck kaum erkennbare) Inschriften – in Bäume eingeritzte Namen gefallener Freiheitskämpfer gegen Napoleon, darunter der ab 1811 in Wien lebende Theodor Körner (1791–1813; der 1951– 1957 amtierende gleichnamige Bundespräsident war entfernt verwandt mit ihm).

Quelle: Wiener Zeitung, Freitag, 31. Oktober 2008