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Franzobel#

eigentlich Stefan Griebl


* 1. 3. 1967, Vöcklabruck


Schriftsteller


Er wurde am 1. März 1967 als Stefan Griebl in Vöcklabruck, Oberösterreich geboren und studierte nach der Matura (HTL für Maschinenbau) von 1986 bis 1994 Germanistik und Geschichte in Wien.

Während seines Studiums arbeitete er immer wieder als Komparse am Wiener Burgtheater und setzte sich auch intensiv mit Malerei und Concept Art auseinander, sein Studium beendete er 1994 mit einer Diplomarbeit zur visuellen Poesie mit Schwerpunkt Österreich.

Seit 1989 ist er als Schriftsteller tätig, seine ersten Arbeiten "Der Wimmerldrucker" und "Thesaurus" publizierte er im Eigenverlag. Als Herausgeber der "edition ch", Teilnehmer an Performances und Mailart-Projekten und mit zahlreichen Beiträgen für Literaturzeitschriften etablierte sich Griebl unter seinem Pseudonym Franzobel.

Sein sprachexperimenteller Erzähltext "Die Krautflut" wurde 1995 mit dem ersten Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet. In rascher Folge erschienen weitere Bücher (Romane, Lyrik, Kinderbücher) und Theaterstücke.

Heute wohnt er mit seiner aus Argentinien stammenden Frau Carla und Sohn Laurenz in Wien, besucht aber des öfteren Buenos Aires. Man kann ihn also getrost Weltenbummler nennen.


Auszeichnungen, Preise (Auswahl):

  • 1992/93 Linzer Stadtschreiber
  • 1992 Max-von-der-Grün-Förderungspreis für "Literatur zur Arbeitswelt"
  • 1995 Ingeborg-Bachmann-Preis
  • 1995 Wiener Werkstatt Preis
  • 1996 Österr. Staatsstipendium für Literatur
  • 1997 Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt
  • 1998 Projektstipendium des BKA für Literatur
  • 1998 Floriana-Literaturpreis
  • 1998 Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor
  • 2000 Bert Brecht-Medaille
  • 2002 Arthur Schnitzler-Preis, Wien
  • 2005 Nestroy-Preis für das Stück "Hunt oder der totale Februar"
  • 2006 Buchpreis für "Das Fest der Steine"
  • 2008 Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber


Werke (Auswahl):

Bücher:

  • Der Wimmerldrucker. Ein Lexikaroman. Eigenverlag, 1990.
  • Thesaurus. Ein Gleiches. Gedichte. Eigenverlag, 1992.
  • Das öffentliche Ärgernis. Prosa. Klagenfurt: edition selene, 1993.
  • Überin. Die Gosche. Prosa. Ill.: Franzobel. Klagenfurt: edition selene, 1993.
  • Masche und Scham. Die Germanistenfalle - Eine Durchführung & Das öffentliche Ärgernis. Proklitikon. Klagenfurt: Edition Selene, 1993.
  • Die Musenpresse. Aus einem Roman von Margarete Lanner. Mit mehreren Bildnachweisen. Klagenfurt: Ritter, 1994.
  • Elle und Speiche. Modelle der Liebe. Gedichte und Prosa. Wien: Das Fröhliche Wohnzimmer, 1994.
  • Ranken. Prosa. Ill.: Carla Degenhardt. Klagenfurt: edition selene, 1994.
  • Hundshirn. Prosa. Ill.: Franzobel. Linz: Blattwerk, 1995.
  • Die Krautflut. Erzählung. Nachw.: Thomas Eder. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995.
  • Schinkensünden. Ein Katalog. Klagenfurt: Ritter, 1996.
  • Unter Binsen. [Mit Christian Steinbacher] Graz: edition gegensätze, 1996.
  • Linz. Eine Obsession. München, Berlin: Janus Press, 1996.
  • Kafka. Eine Komödie. Klagenfurt: Edition Selene, 1997.
  • Der Trottelkongreß. Commedia dell'pape. Ein minimalistischer Heimatroman. Klagenfurt, Wien: Ritter, 1998.
  • m. T. [mit Klangwerkstatt Berlin]]. Siegendorf: NN-Fabrik, 1998.
  • Böselkraut und Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois. Wien: Zsolnay, 1998.
  • Nathans Dackel. Eine Lessingvollstreckung / Paradies. 2 Stücke. Wien: Edition Selene, 1998.
  • Das öffentliche Ärgernis. Proklitikon. & Masche und Scham. Die Germanistenfalle - eine Durchführung. Wien: Edition Selene, 1998.
  • Phettberg. Eine Hermes-Tragödie. Wien: Edition Selene, 1999.
  • Met ana oanders schwoarzn Tintn. Dulli-Dialektgedichte. Weitra: Bibliothek der Provinz, 1999.
  • Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt. Roman. Wien: Zsolnay, 2000.
  • Best of. Die Highlights. o. O: Edition Aramo, 2001.
  • Mayerling. Die österreichische Tragödie. Stück. Materialien. Collagen. Wien: Passagen, 2002.
  • Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit. Roman. Wien: Zsolnay, 2002.
  • Mundial. Gebete an den Fußballgott. Graz, Wien: Droschl, 2002.
  • Mozarts Vision. Stück, Materialien, Collagen. Wien: Passagen, 2003.
  • Luna Park. Vergnügungsgedichte. Wien: Zsolnay, 2003.
  • Schmetterling Fetterling. Kinderbuch. Wien: Picus, 2004.
  • Der Narrenturm. Stück, Materialien, Collagen. Wien: Passagen, 2005.
  • Über die Sprache im sportiven Zeitalter. Wien, Weitra, Linz, München: Bibliothek der Provinz, o. J. (2005).
  • Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik. Wien: Zsolnay, 2005.
  • Wir wollen den Messias jetzt oder die beschleunigte Familie. Wien: Passagen, 2005.
  • Zirkusblut oder Ein Austrian-Psycho-Trashkrimi, zweiter Teil. Weitra: Bibliothek der Provinz, o. J. (2005).
  • Der Schwalbenkönig oder Die kleine Kunst der Fußball-Exerzitien. Klagenfurt, Wien: Ritter, 2006.
  • Liebesgeschichte. Wien: Zsolnay, 2007


Stücke

  • 1996 "Das Beuschelgeflecht"
  • 1997 "Kafka. Eine Komödie"
  • 1998 "Paradies"
  • 1998 "Nathans Dackel oder Die Geradebiegung der Ring-Parabel. Eine Lessingvollstreckung"
  • 1998 "Bibapoh"
  • 1999 "Phettberg. Eine Hermes-Tragödie"
  • 1999 "Der Ficus spricht. Minidrama für A, B, einen Volkssänger, ein Blumenmädchen und einen Gummibaum"
  • 1999 "Volksoper"
  • 2000 "Olympia. Eine Kärntner Zauberposse samt Striptease"
  • 2003 "Black Jack"
  • 2004 "Flugangst"
  • 2005 "Hunt oder der totale Februar"
  • 2005 "Wir wollen den Messias jetzt oder die beschleunigte Familie"
  • 2006 "Hirschen"


Leseprobe#

aus Franzobel - "Mundial. Gebete an den Fußballgott."

Vielleicht hat besonders Fußball - wie tendenziell auch jeder andere Mannschaftssport - etwas mit dem Ersatz der Großfamilie zu tun, der Sippe. Was in einer föderalistisch-ländlichen Struktur in Bauer, Großknecht, Knecht und Depp unterteilt war, wird im während der Industrialisierung entstandenen Fußball als Spielmacher, Stürmer, Mittelfeldspieler, Vorstopper, etc. numeriert. Daneben gibt es Kaiser, Herzöge und Wohlfahrt, Manager, Trainer, Platzwart. Was früher in der Gemeinschaft und ihren festen Sitten und Gebräuchen Ordnung und Kodex fand, ist den Holzhackern und Bloßfüßigen im FIFA-Regelwerk ans Bein gestrengt. Waren die Vollstrecker dieser Gerichtsbarkeit im wirklichen Mittelalter mit Strafverfügungen wie Prügel, Essensentzug und Entkommunizierung ausgestattet, haben die Instanzen im Fußball bloß gelbe und rote Karten, die vielleicht für Fegefeuer und Hölle stehen. Wie das Recht galt auch das Fußballregelwerk lange Zeit als gottgegeben, bis man vor einigen Jahren, zum Unmut vieler, einige Modifikationen durchführte (Rückpassregel, Abseits auf gleicher Höhe, etc.). Für das Abseits, das Abc für die Analphabeten unter den Zusehern, sind übrigens die im Österreichischen als Outwachler umkosten Linienrichter zuständig, deren dubiose Rolle vor allem darin besteht, Vergehen anzuzeigen - vergleichbar vielleicht den Hinweisanrufern der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst. Ist es also ein Trieb nach Sippe, nach Gemeinschaft, menschelnder Wärme und Brut, der die Anhänger zu den Vereinen strömen lässt, die Menschen für den Fußball interessiert? Ich vermute es. Wird doch hier eine Ordnung vorgelebt mit einem System von Gut und Böse, einigermaßen festen Regeln, einer in Punkten messbaren Zählbarkeit, die in vielen anderen Segmenten der Gesellschaft ins Wanken, Umspringen und Undeutliche geraten ist. Im Fußball steht sie fest. Es gibt eine Tabelle, Nah- und Fernziele, den Abstiegskampf, die Meisterschaft. Und das ist wohl ein weiterer Punkt, der diesen Sport so populär macht - auch oder gerade unter Schriftstellern: man kann darüber reden, ohne sich gleich zu veräußern.


© 2002, Literaturverlag Droschl, Graz, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
LITERATURHAUS

Quellen#

Literaturhaus
franzobel

Redaktion: I. Schinnerl