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Geheimdienst#

In Österreich nehmen militärische Geheimdienste und Staatspolizei geheimdienstliche Aufgaben wahr. Seit Kaiser Maximilian I. wurden durch Überwachung der Postlinien geheime Informationen beschafft, Staatskanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz unterhielt Spione an allen wichtigen Höfen Europas, ließ aber auch in Wien (vor allem in Gasthöfen) Ausländer überwachen. Zur Zeit Josephs II. baute J. A. Graf Pergen eine Geheimpolizei auf, die 1794 die Jakobiner-Verschwörung aufdeckte, nach den Napoleonischen Kriegen durch Josef Graf Sedlnitzky verbessert wurde und auch für die Literaturzensur zuständig war. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Staatspolizei im Inland gegen Sozialrevolutionäre eingesetzt, später auch im Nationalitätenkampf sowie während des 1. Weltkriegs zur Bekämpfung von Staatsfeinden und Spionen im Innern, wobei sie eng mit dem militärischen Geheimdienst zusammenarbeitete.

Der militärische Geheimdienst wurde zur Zeit des Prinzen Eugen um 1700 entwickelt, erreichte aber nie größere Bedeutung. Noch von Kaiser Franz Joseph wurde er anfangs abgelehnt, doch wurde 1850 das Evidenzbüro als ständiger militärischer Geheimdienst geschaffen, der in den Kriegen 1859 und 1866 mit geringem Erfolg agierte. Seit zirka 1880 setzte ein Ringen der verschiedenen Geheimdienste der europäischen Großmächte ein. In Österreich war vor allem die russische Ochrana tätig, die mit Oberst Alfred Redl (enttarnt am 24. 5. 1913) einen Meisterspion im österreichischen Generalstab besaß. Auf dem Balkan war besonders der serbische Geheimdienst im Einsatz. Italien war bis 1915 für den österreichischen Geheimdienst verbotene Zone. Zu den verstärkten Aktivitäten im 1. Weltkrieg kam die Funkspionage als neues Einsatzgebiet. Gegen Kriegsende beschäftigten Evidenzbüro und Staatspolizei zirka 300 Offiziere, 50 Beamte, 400 Polizeiagenten, 600 Soldaten und 600 Konfidenten.

Während der 1. Republik bestand die Staatspolizei (Polizeiliche Zentralevidenzstelle) unter Johann Schober weiter. 1930 wurde eine Generaldirektion für öffentliche Sicherheit (Staatspolizeiliches Bureau) gegründet, die mit zunehmender Verschärfung der innenpolitischen Lage zusätzliche Kompetenzen erhielt, aber beim nationalsozialistischen Putschversuch am 26. 7. 1934 versagte. Schon in den 30er Jahren wurde sie stark von den Nationalsozialisten unterwandert. Nach dem Anschluss 1938 wurde die Gestapo zu einem gefürchteten Instrument der nationalsozialistischen Diktatur. 1945 wurde von Innenminister F. Honner wieder eine österreichische Staatspolizei aufgebaut, von O. Helmer wurde sie dem Einfluss der KPÖ entzogen. Bis 1955 unterhielten auch die Besatzungsmächte Zentren ihrer Geheimdienste in Österreich. In den letzten Jahrzehnten wurde die Bekämpfung von Links- und Rechtsextremismus sowie von internationalen Terrororganisationen zur wichtigsten Aufgabe der Staatspolizei.

Das österreichische Bundesheer baute seit 1956 die Nachrichtengruppe, das Heeresnachrichtenamt und das Abwehramt mit hochwertiger technischer Ausrüstung (Funkhorchstationen, Peil- und Horchnetz) auf, das besonders 1991 in der Jugoslawienkrise zum Einsatz kam.

Literatur#

  • M. Fuchs, Der österreichische Geheimdienst, 1994
  • G. Jagschitz, V. Moritz und H. Leidinger, Im Zentrum der Macht. Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge, St. Pölten 2007


Die Pointe im Fall Redl und dessen katastrophaler Auswirkung liegt vor allem darin, dass Redl ja lange selbst das Evidenzbüro leitete, also nicht einfacher Generalstäbler war. Zur schon großen und sehr grausamen Aktivität des Militärgeheimdienstes im Ersten Weltkrieg, die allerdings lange von hagiographischen Apologeten heruntergespielt wurde und wird - Redl trägt maßgeblich Schuld am Ersten Weltkrieg und hat den Tod hunderttausender Soldaten auf allen Seiten mit zu verantworten - vgl. das wirklich

Werke (Auswahl)#

des Wiener Ordinarius Gerhard Jagschitz über seinen Großvater und Geheimdienstchef Maximilian Ronge, der mit seinen Ruthenendeportationen nach Graz eine richtige Spionage-Hysterie auslöste und unermessliches menschliches Leid verursachte. (Gedenktafelenthüllung vor kurzem in Graz).

Es ist der Grazer Historiker-Schule um den Ordinarius Prof. Binder zu verdanken, dass die Ergebnisse von Jagschitz aufgegriffen und umgesetzt wurden. (siehe: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Graz 2010 !) Der "Innere Krieg", den Ronge und sein Geheimdienst mit zahlreichen Kriegsverbrechen gegen die eigene Zivilbevölkerung vor allem in Galizien aber auch am Isonzo initiativ gemeinsam natürlich mit Hötzendorf führten, wird im Jahrbuch erstmals stringent belegt dargestellt.

Man wird die Geschichte des Ersten Weltkriegs und den Hass gegen alles militärische in der Nachkriegszeit historiographisch viel stärker unter diesen neuen Aspekten sehen müssen. Denn so beliebt, wie etwa die vielen Hötzendorf - Straßen in Österreich glauben machen wollen, waren diese Herrschaften sicher nicht. Zu Geheimdienstchef Ronge auch der noch unfertige Essay-Stub in der community des Forums.

Dass Italien bis 1915 Tabu-Zone für den Geheimdienst war, erklärt sich aus seiner Eigenschaft als Dreibund-Partner bis zum Kriegseintritt, was man vielleicht noch erläuternd in den Text einfügen könnte, weil es zum Verständnis beiträgt.

Das durch den serbischen Geheimdienst (Leiter: "Major Apis") organisierte Attentat von Sarajevo auf Thronfolger Franz Ferdinand wurde durch das Evidenz - Büro nicht erkannt und schon gar nicht verhindert. Man ließ den Thronfolger ohne Warnung und ohne Schutz in die Falle tappen. Über den Fall Redl weit hinaus trug also die Unfähigkeit des Evidenzbüros zum Ausbruch des Weltkrieges bei. In "Schlüssel - Situationen", wie etwa auch bei der Ermordung von Kanzler Dollfuß durch Militär - Angehörige versagte der Militär - Geheimdienst also permanent.

1995 agierten übrigens die beiden Militärgeheimdienste so wie die Staatspolizei in der sogenannten Briefbomber - Causa trotz rüder Methoden hart am Rande der Legalität völlig erfolglos. Die Überführung des Täters Fuchs aus Gralla bei Leibnitz blieb der sehr gewissenhaft arbeitenden steirischen Land - Gendarmerie vorbehalten. LG

--Glaubauf Karl, Donnerstag, 16. Dezember 2010, 17:11