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Geschichtswissenschaft#

Die Anfänge der wissenschaftlichen Geschichtsforschung im heutigen Sinn können in Österreich etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts angesetzt werden. J. A. Freiherr von Helfert beschäftigte sich mit Zeitgeschichte ab der Revolution 1848 ("Geschichte Österreichs vom Ausgang des Oktoberaufstandes 1848", 4 Bände, 1869-86; "Geschichte der österreichischen Revolution 1848/49", 2 Bände, 1907-09), A. von Arneth erforschte das Wirken des Prinzen Eugen (3 Bände, 1858/59) und beschrieb die Geschichte der Zeit Maria Theresias (10 Bände, 1863-69).

Das 1854 gegründete Institut für österreichische Geschichtsforschung erbrachte bedeutende Leistungen auf dem Gebiet der Urkundenforschung und der Erforschung vieler Detailfragen.

Alfons Dopsch widmete sich vorwiegend der Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters, Oswald Redlich schrieb die Biographie von Rudolf von Habsburg und setzte die Darstellung Alfons Hubers bis 1740 fort ("Das Werden einer Großmacht", 1939). Sein großes Verdienst war die Rettung der österreichischen Archive nach 1918.

Heinrich von Srbik war der bedeutendste Darsteller der Geschichte der Neuzeit. Er vertrat eine gesamtdeutsche Geschichtsauffassung, sein Metternich-Werk war eines der bedeutendsten Bücher der Zwischenkriegszeit. Otto Brunner vermochte in seinem Werk "Land und Herrschaft" die Ergebnisse einer landeskundlichen Forschergeneration zusammenzufassen. In dieser Periode war Oswald Menghin ein über die Grenzen von Österreich hinaus bekannter Prähistoriker, sein Werk setzte später Richard Pittioni fort. Leo Santifaller war vor allem Organisator wissenschaftlicher Unternehmen nach 1945. Er bearbeitete das Babenberger-Urkundenbuch und begann neben anderen wissenschaftlichen Unternehmungen das Österreichische Biographische Lexikon.

Alphons Lhotsky war ein besonderer Kenner der Geschichtsquellen des Mittelalters, aber auch der Realien (in seiner Geschichte des Kunsthistorischen Museums verwendete er in den Jahren 1938-45 das Wort "Österreich" öfter als jeder andere Forscher). Adam Wandruszka, ein Neuzeithistoriker mit starken Verbindungen zu Italien und Deutschland, hob wieder die Bedeutung des Hauses Habsburg stärker hervor, Richard Plaschka hielt als Osteuropafachmann insbesonders die Verbindung zur tschechischen Wissenschaft aufrecht, während Fritz Fellner und Gerald Stourzh, Neuzeithistoriker mit den Schwerpunkten auf dem Ende der Monarchie und der Geschichte des 20. Jahrhunderts, Kontakte zur amerikanischen Wissenschaft besitzen, wo von einem Department für österreichische Geschichte eine Publikationsreihe herausgegeben wird (Austrian History Yearbook, Houston, Texas, seit 1965).

Hanns Leo Mikoletzky war in erster Linie Archivar, trat aber auch als Darsteller großer Perioden der österreichischen Geschichte hervor, Ludwig Jedlicka, Erforscher der Geschichte der 1. Republik, verhalf der Zeitgeschichte zum Durchbruch, Alfred Hoffmann prägte eine Schule der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. M. Mitterauer setzte diese Arbeiten mit starker Betonung der Alltagsgeschichte fort, Ernst Bruckmüller spezialisierte sich auf die Sozialgeschichte und lieferte eine Gesamtdarstellung aus dieser Sicht.


Zentren der historischen Wissenschaft sind neben Wien die anderen österreichischen Universitäten, wobei dort die jeweilige Landesgeschichte stärker erforscht wird. Daraus gingen umfangreiche regionalgeschichtliche Darstellungen hervor, etwa eine vielbändige Geschichte von Salzburg, geleitet von Heinz Dopsch, oder die Reihe der Landesgeschichten des Verlags für Geschichte und Politik. In Graz wirkte Hermann Wiesflecker als Erforscher der Zeit Maximilians I., in Linz Karl Stadler als Darsteller der Geschichte sozialer Probleme. Die landeskundliche Forschung konzentriert sich weitgehend um die Landesarchive oder entsprechende Institutionen.


Eine besondere Art der Darstellung mit der Verbindung zu Realien und der Popularisierung der Ergebnisse sind die großen historischen Ausstellungen, die seit 1930 üblich wurden (Prinz Eugen, 1933; Franz Joseph, 1935), aber nach 1960 besonders in den Bundesländern veranstaltet wurden. (Babenberger, 1976 in Lilienfeld; Friedrich III., 1965 in Wiener Neustadt; Renaissance, 1974 auf der Schallaburg; Türkenjahr 1683, 1983 in Wien; Prinz Eugen, 1986 in Schlosshof und Niederweiden; Maria Theresia, 1980 in Schönbrunn; Joseph II., 1980 in Melk; Franz Joseph, 1984 und 1987 in Grafenegg).

In diesem Rahmen wurden auch landesgeschichtliche Übersichten (Oberösterreich 1983, Steiermark 1986) geboten, die wesentlich zum österreichischen Geschichtsbewusstsein beitrugen. In diesen Zusammenhang gehören aber auch die großen TV-Serien Österreich I (1. Republik) und Österreich II (2. Republik) von Hugo Portisch und S. Riff, die mit großem Aufwand und unter Ausschöpfung der Realien hergestellt und als Bücher und Videokassetten verbreitet wurden.


Ganz ausgezeichneter Überblick, Erich Zöllner, laut AEIOU der bedeutendste Darsteller der Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert, müsste noch unbedingt genannt werden. Die ORF-Serien sind sicher eine journalistische Leistung der vielen Beteiligten -Portisch hat das keineswegs alleine gemacht sondern sich in ungeheuren Mengen zuarbeiten lassen- wissenschaftlicher Charakter im Sinne von "lege artis" kann ihnen aber nicht zuerkannt werden.

--Glaubauf Karl, Freitag, 6. August 2010, 17:32