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Graphik#

Der Begriff umfasst alle künstlerischen Ausdrucksformen, denen eine zeichnerische Gestaltung zugrunde liegt, wie die mit Stift, Feder, Kreide, Kohle usw. ausgeführte (Hand-)Zeichnung und - im engeren Sinn - die verschiedenen Verfahren der Druckgraphik. Ausschließlich im Bereich der Zeichnung tätige österreichische Künstler gibt es bis in das 20. Jahrhundert hinein kaum, immer wieder aber traten einzelne Künstlerpersönlichkeiten damit besonders hervor.


Die frühesten erhaltenen Werke in der ältesten druckgraphischen Technik, dem Holzschnitt, stammen vom Anfang des 15. Jahrhunderts aus böhmischen, bayerischen und auch alpenländischen Klöstern (Lambach, Mondsee). Unter Kaiser Maximilian I. gestalteten Künstler wie A. Dürer und H. Burgkmair Holzschnitte für historisch-genealogische Werke (Theuerdank, Weißkunig, Triumphzug); daneben schufen Vertreter der Donauschule (A. Altdorfer, W. Huber, J. Breu der Ältere) Anfang des 16. Jahrhunderts auch bedeutende Landschaftsdarstellungen. Erweiterte künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, die sich durch andere druckgraphische Verfahren ergaben (Kupferstich, Radierung), reduzierten bald die Bedeutung des Holzschnitts. Wiederbelebt und weiterentwickelt (Holzstich) wurde der Holzschnitt im 19. Jahrhundert mit dem bewussten Anschluss der romantischen Bewegung an die spätgotische Tradition. 1834 wurde in Wiener Neustadt durch B. Höfel eine Schule eingerichtet, der 1855 ein Xylographisches Institut in Wien folgte.


Der Kupferstich fand im 15. Jahrhundert auch im süddeutsch-salzburgischen Raum (Meister des Marienlebens) und im Bodenseegebiet (Meister der Spielkarten, Meister E. S.) Verbreitung. Nachdem sich diese Technik über vorwiegend reproduzierende Aufgaben hinaus im 16. und 17. Jahrhundert in Österreich etabliert hatte (E. Sadeler, A. Spängler, die Tiroler Künstlerfamilie Jezl), wurde 1727 an der Wiener Kunstakademie eine eigene Professur eingerichtet. Mit J. M. Schmutzer erlangte der Kupferstich zur Zeit Maria Theresias, unterstützt durch mehrere staatliche Privilegien (1748 und 1756 Einfuhrverbot von Kupferstichplatten), seine größte Entfaltung. Die 1766 von Schmutzer gegründete "Kupferstecherakademie" wurde 1772 mit der alten Kunstakademie vereinigt, wo neben Schmutzer auch so bedeutende Landschaftszeichner wie J. C. Brand, F. E. Weirotter, M. Wutky oder F. Domanöck wirkten.


Besondere Förderung seitens des Wiener Hofs fand im 18. und frühen 19. Jahrhundert auch die Technik der dem Kupferstich nahestehenden, im 17. Jahrhundert entwickelten Schabkunst, vor allem im Bereich des Porträts (J. G. Haid, J. Jacobé, J. P. Pichler, V. G. Kininger). Auch das Ätzverfahren der Radierung, das gegenüber dem Kupferstich eine noch freiere Umsetzung des künstlerischen Gedankens erlaubt, fand nach einem ersten Höhepunkt Anfang des 16. Jahrhunderts im Bereich der Donauschule (A. Altdorfer, W. Huber, H. Lautensack, A. Hirschvogel), im 18. Jahrhundert bei M. J. Schmidt, P. Troger, F. A. Maulbertsch und anderen besonderes Interesse. Bei diesen sowie allen anderen bedeutenden österreichischen Malern des 18. Jahrhunderts nahmen im Zusammenhang mit den großen profanen und sakralen Ausstattungsprogrammen auch Zeichnungen (Kompositions-, Detailstudien) eine wichtige Stellung ein. Die 1797/98 von Aloys Senefelder erfundene Lithographie wurde bereits kurz nach 1800 in Wien vor allem über deutsche Romantiker wie J. C. Erhard, J. A. Klein oder F. Olivier etabliert. A. F. Kunike begründete 1817 die 1. Lithograph. Anstalt in Wien, I. Hofer 1828 eine solche in Graz. J. Kriehuber, J. Mössmer, F. Steinfeld und J. Alt gehören zu den bedeutenden österreichischen Lithographen des 19. Jahrhunderts. Die Zeichnung behielt bei aller künstlerischen Vielfalt, die das 19. Jahrhundert bestimmte, zentralen Stellenwert (F. Pforr, J. Scheffer von Leonhardshoff, J. Führich, P. Krafft, J. A. Koch, Brüder Olivier, M. Loder, T. Ender, R. Alt).


Mit Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert verlor die Graphik ihre von jeher zentrale Bedeutung als vervielfältigendes Abbildungsverfahren. Die künstlerische "Originalgraphik" begann sich von einer "Gebrauchsgraphik" abzusetzen. 1888 entstand mit der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien eine eigene Ausbildungsstätte. Nach bzw. neben den als Graphikern tätigen Künstlern des Wiener Historismus (W. Unger, L. Michalek, F. Schmutzer), erhielt die Graphik mit der 1898 eröffneten Wiener Secession, deren Leitfigur G. Klimt seinerseits die Zeichnung als ein vollgültiges, autonomes künstlerisches Ausdrucksmittel verstand, ein besonderes Gewicht im Schaffen von so verschiedenen Künstlern wie E. Schiele, O. Kokoschka, C. Moll, E. Orlik, A. Kolig, F. Wiegele, W. Thöny, H. Boeckl, A. P. Gütersloh oder L. H. Jungnickel. Mit seinem umfangreichen, fast ausschließlich graphischen Werk nimmt A. Kubin allerdings auch unter diesen Künstlern eine Sonderstellung ein. Secessionismus und Wiener Werkstätte verhalfen aber auch der Gebrauchsgraphik (Buchillustration, Plakat, Postkarten usw.) zu besonderer Aufmerksamkeit (K. Moser, J. Hoffmann, A. Cossmann, F. Andri).


Nach 1945 etablierte sich einerseits die Richtung der "Wiener Schule des Phantastischen Realismus" (E. Fuchs, A. Lehmden, W. Hutter, A. Brauer) und andererseits das "Informel" (J. Mikl, J. Fruhmann, W. Hollegha, M. Prachensky) mit wichtigen Beiträgen zur Graphik. Entscheidend prägte F. Wotruba die Bildhauerzeichnung, die bei ihm und seinen Schülern (I. Avramidis, R. Hoflehner, A. Hrdlicka) als eigenständige graphische Arbeit aufzufassen ist. Zu den profiliertesten Graphikern der Gegenwart sind neben den bereits genannten C. L. Attersee, G. Brus, P. Flora, A. Frohner, W. Pichler, A. Rainer und H. Staudacher zu rechnen.

Literatur#

  • B. Grimschitz, Die österreichische Zeichnung im 19. Jahrhundert, 1928
  • G. Aurenhammer, Handzeichnung des 17. Jahrhunderts in Österreich, 1958
  • C. Pack, Graphik in Österreich, 1968
  • W. Koschatzky, Die Kunst der Graphik, 1972
  • derselbe, Die Kunst der Zeichnung, 1977
  • Die Nazarener in Österreich (1809-1939). Zeichnungen und Druckgraphik, Ausstellungskatalog, Graz 1979
  • Aspekte der Zeichnung in Österreich 1960 bis 1980, Ausstellungskatalog, 1980/81
  • M. Pabst, Wiener Graphik um 1900, 1984
  • W. Schweiger, Aufbruch und Erfüllung. Gebrauchsgraphik der Wiener Moderne (1897-1918), 1988
  • Die Botschaft der Graphik, Ausstellungskatalog, Lambach 1989