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Grillparzer, Franz #

* 15. 1. 1791, Wien

† 21. 1. 1872, Wien


Dramatiker, Erzähler, Lyriker


Franz Grillparzer
F. Grillparzer. Aquarell v. Daffinger. 1827
© Historisches Museum der Stadt Wien, für AEIOU

Franz Grillparzer wurde am 15. Jänner 1791 in Wien, am heutigen Bauernmarkt 10, geboren.

Grillparzer war wohl eine der künstlerisch vielseitigsten und menschlich widersprüchlichsten Dichterpersönlichkeiten Österreichs.

Sohn des einflussreichen Wiener Rechtsanwalts Wenzel Grillparzer († 1809) und dessen Ehefrau Anna Franziska († 1819, Selbstmord), einer Schwester des Hoftheatersekretärs J. Sonnleithner, schrieb in seiner "Selbstbiographie", dass in ihm "zwei völlig abgesonderte Wesen leben: ein Dichter von der übergreifendsten, ja sich überstürzenden Phantasie und ein Verstandesmensch der kältesten und zähesten Art."

Grillparzer besuchte 1796-99 die Normalschule St. Anna und als Privatist die der Piaristen, ab der 2. Klasse wechselte er als öffentlicher Schüler in das Gymnasium St. Anna. An der Wiener Universität studierte er Philologie (1807-09) und Jus (1807-11). Durch den Tod des Vaters geriet die Familie in eine fast ausweglose Situation. Indem er Studenten Privatunterricht erteilte, konnte er die Familie unterstützen und auch den eigenen Lebensunterhalt verdienen. 1812 nahm Grillparzer eine Stelle als Hofmeister bei Graf Seilern an.

1813 arbeitete er als unbezahlter Konzeptspraktikant in der Hofbibliothek und wurde 1823 (nach verschiedenen anderen Ämtern) Hofkonzipist in der Allgemeinen Hofkammer. 1832 bis zu seiner Pensionierung 1856 war er Direktor des Hofkammerarchivs. Grillparzer war 1847 Gründungsmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ab 1861 Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit.

Büste am Burgtheater
Büste am Burgtheater- Foto: P. Diem

Grillparzers erstes Gedicht ist aus dem Jahr 1804 überliefert, seine ersten Versuche als Dramatiker fallen bereits in seine Studienzeit. 1807 verfasste er das Trauerspiel "Blanka von Kastilien", das - von Sonnleithner abgelehnt - bis 1958 unaufgeführt blieb. Durch die Veröffentlichung eines Teils seiner Übersetzung des Dramas "Das Leben ein Traum" von Calderon in der "Wiener Moden-Zeitung" 1816 wurde J. Schreyvogel, Dramaturg des Hofburgtheaters, auf ihn aufmerksam. Zunächst erbost über den vermeintlichen Angriff auf seine eigene Fassung, wurde Schreyvogel in der Folgezeit zum geistigen Mentor und bedeutendsten Förderer Grillparzers. Auf seinen Rat hin überarbeitete Grillparzer das Trauerspiel "Die Ahnfrau", das bereits im Januar 1817 am Hofburgtheater uraufgeführt wurde.

Anschließend verfasste Grillparzer die Künstlertragödie "Sappho" (1819), mit der er überaus erfolgreich war und einen 5-Jahres-Vertrag als k. k. Hoftheaterdichter erhielt, den er aber bereits 1821 wieder löste. Reisen führten ihn nach Italien, Griechenland, Deutschland (hier traf er 1826 mit Goethe zusammen), Frankreich und in die Türkei, wodurch Grillparzer mit verschiedenen politischen Systemen und Geistesströmungen in Berührung kam.

Seine produktivste und fruchtbarste Zeit war die zwischen 1820 und 1831. Mit dem Gedicht "Die Ruinen des Campo Vaccino" (1820) löste er heftige Abwehrreaktionen von Seiten des Hofes aus; ab diesem Zeitpunkt verschärften sich Grillparzers Schwierigkeiten mit der Zensur. Viele seiner Gedichte wurden unterdrückt, der Kaiser selbst versuchte die Drucklegung von "Ein treuer Diener seines Herrn" mittels privatem Ankauf des Stückes zu sabotieren.

Der loyal-kritische Schriftsteller - vom Kaiser vor dem Publikum hoch geschätzt, in Wahrheit unterdrückt - wird Direktor des Hofkammerarchivs, erhält aber auf seine Bewerbungen um die Leitung der Universitätsbibliothek oder eine leitende Stellung an der kaiserlichen Hofbibliothek nur Absagen.

Für Ludwig van Beethoven schrieb Grillparzer das Libretto zur Oper "Melusina" (1823), die Beethoven aber nicht ausführte. Werke wie die Trilogie "Das goldene Vlies" ("Der Gastfreund", "Die Argonauten", "Medea", 1822), die Trauerspiele "König Ottokars Glück und Ende" (1825, darin die bekannte "Hymne auf Österreich") oder "Ein treuer Diener seines Herrn" (1830) wurden vollendet und vom Publikum zustimmend aufgenommen.

In diese Zeit fallen auch seine Liebschaften mit C. von Paumgartten, seiner "ewigen Braut" Kathi Fröhlich sowie M. von Smolk-Smolenitz, die Grillparzers Œuvre wohl am nachhaltigsten prägte. Ausdruck dessen ist etwa die zwischen 1826 und 1828 verfasste Liebeslyrik, veröffentlicht 1835 unter dem Titel "Tristia ex Ponto". 1828 erschien die Erzählung "Das Kloster von Sendomir".

Der 1831 am Hofburgtheater aufgeführten Liebestragödie "Des Meeres und der Liebe Wellen" blieb die Zustimmung des Publikums versagt. Seinen letzten großen Theatererfolg feierte Grillparzer 1834 mit dem dramatischen Märchen "Der Traum ein Leben". Nach dem Misserfolg des 1838 uraufgeführten Lustspiels "Weh dem, der lügt!" zog sich Grillparzer vom Theater zurück.

Bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel "Esther"-Fragment, 1868) verwehrte sich Grillparzer fortan gegen weitere Aufführungen neuer Werke. In seinem Testament verfügte er sogar, die 3 Altersdramen "Ein Bruderzwist in Habsburg", "Die Jüdin von Toledo" und "Libussa", alle in den Jahren 1847-51 geschrieben, zu vernichten. Die Uraufführungen fanden erst nach seinem Tod statt.

1847 erschien im Almanach "Iris" die Erzählung "Der arme Spielmann", eine Allegorie des eigenen inneren Zwiespalts. Ein wichtiges Alterswerk ist auch die (Fragment gebliebene) "Selbstbiographie" (1872), die auf Tagebüchern basiert und 1853 für die Österreichische Akademie der Wissenschaften geschrieben wurde.

Grillparzers Bühnenwerke gewinnen ihre dramatische Spannung aus der Ambivalenz zwischen äußerer (staatlicher) Pflicht und eigenem Anspruch. Sie spiegeln somit auch die politische Unentschlossenheit Grillparzers, der zwar ein Gegner Metternichs war, aber dem "Freiheitstaumel" der Revolution 1848 skeptisch gegenüberstand (Lobgedicht "Feldmarschall Radetzky", 1848).

Nach 1948 erhält Grillparzer das Großkreuz des Franz-Joseph-Ordens, er wird zum Hofrat und zum Ehrendoktor der Universitäten von Wien, Leipzig, Graz und Innsbruck ernannt. Durch ein kaiserliches Handschreiben wird er in das Herrenhaus berufen und er wird Ehrenbürger von Wien.

Am 21. Jänner 1872 starb Franz Grillparzer in Wien.

Grillparzers Dramendichtung steht ganz in der Tradition der antiken Dramenliteratur (Aischlos und Euripides), der spanischen Dramendichtung (Calderon, Lope de Vega, Miguel de Cervantes), der französischen Klassik, der Dramen Shakespeares und der Weimarer Klassik.

Anfangs übten auf ihn Goethe, Schiller und Shakespeare starken Einfluss aus, in den späteren Dramen machten sich die spanischen Vorbilder geltend. Den Stoff für die Dramen schöpfte er aus Sagen, Mythen, Märchen, Räuber- und Gespenstergeschichten und auch aus der Geschichte.
Gerade aus den volkstümlichen Dramen wird ersichtlich, dass er der Natürlichkeit und Unbefangenheit gegenüber der Reflexion und dem Intellektualismus den Vorzug gab. Bei den in den Dramen vorkommenden Gestalten der griechischen Mythologie handelt es sich in Wirklichkeit oft um Leute aus dem Wiener Volk.
In einigen Dramen präsentiert uns Grillparzer auch Staatsbilder, etwa in "Bruderzwist im Hause Habsburg" wird der Staat als eine von Gott begründete Instanz dargestellt und in "Die Jüdin von Toledo" wird der Widerspruch zwischen der Staatsordnung und dem Leben aufgezeigt.
Mit Grillparzer beginnt in der deutschen Dramatik die psychologische Verfeinerung und Differenzierung der Themen und Figuren.
In den ersten Dramen Grillparzers wird das psychologische Problem des Schuldgefühls aufgegriffen. Im Drama "Die Ahnfrau" hat Jaromir Schuldgefühle gegenüber seinem Vater, den er tötete, und gegenüber seiner Schwester, die er als Geliebte begehrt, Sappho fühlt sich durch ihr Künstlerdasein dem Leben gegenüber schuldig, Jasons Schuld liegt in seinem Egoismus.
Die Tragödien "Das goldene Vlies", "Melusina" und "König Ottokars Glück und Ende" weisen einige gemeinsame Beziehungen auf wie das Streben nach etwas Ersehntem, das Vlies, die Ideen (Melusina) und die Kaiserkrone (Ottokar); einen Mann, der zwischen zwei Frauen steht (Iason zwischen Medea und Kreusa, Ottokar zwischen Margarete und Kunigunde, Raimund zwischen Melusina und Berta) und den Zusammenstoß zweier verschiedener Welten (Vlies: Griechen und Barbaren, Melusina: Idee und Wirklichkeit, König Ottokar: Kaiser Rudolf und König Ottokar).

Grillparzers Lyrik ist nicht nur Gelegenheitsdichtung, die Politisches, Literarisches und Kritisches enthält, sondern auch ein Ausdruck von Gefühlsentladung und Gefühlsklärung. Die "Tristia ex ponto", ein Gedichtzyklus, vermitteln ein Abbild der Seelenzustände des Dichters. Die Liebesgedichte aus den "Jugenderinnerungen im Grünen" (1824) zeugen von der selbstquälerischen Liebesneigung Grillparzers.

Die 1890 gegründete Grillparzer Gesellschaft mit Sitz in Wien gehört zu den ältesten literarischen Gesellschaften Österreichs. Trotz ihrer langen Tradition sieht sie es aber auch als ihre Aufgabe an, neue Zugänge zu Franz Grillparzer, dem Theater und der Literatur Österreichs zu erschließen und zu vermitteln.

Im Gedenken an Franz Grillparzer wurde der Grillparzer-Preis ins Leben gerufen: ein Literaturpreis, der 1872 zum 80. Geburtstag F. Grillparzers von einem Frauenkomitee gestiftet wurde. Nach dem Tod des Dichters übergab K. Fröhlich den Stiftungsbetrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien; diese verwaltete und vergab den Preis mit Unterbrechungen bis 1971 jedes 3. Jahr am 15. 1. (dem Geburtstag des Dichters) für "das relativ beste deutsche dramatische Werk, das im Lauf der letzten 3 Jahre auf einer namhaften Bühne zur Aufführung gelangte und nicht schon vorher von anderer Seite durch einen Preis ausgezeichnet worden ist" (Preisträger u.a. Anzengruber, Hauptmann, Schnitzler, Werfel, Dürrenmatt, Bernhard). Von 1991-93 wurde ein Franz-Grillparzer-Preis, von A. C. Toepfer-Stiftung zur Verfügung gestellter Kultur- und Literaturpreis für herausragende Leistungen, vornehmlich auf dem Gebiet des österreichischen Geisteslebens durch die Universität Wien verliehen (Preisträger u.a. Handke, Drach. Danach wurde der Preis eingestellt.

Der Grillparzer-Ring, ein 1965 erstmals verliehener Ring mit dem Monogramm F. Grillparzers ist eine Auszeichnung für Theaterdirektoren, Intendanten, Regisseure, Schauspieler, Bühnen- und Kostümbildner, Dramaturgen, Bearbeiter, Übersetzer und Wissenschaftler, die sich besondere Verdienste um das Werk F. Grillparzers erworben haben.

Werke (Auswahl)#

Sonderpostmarke Franz Grillparzer
Sonderpostmarke Franz Grillparzer
  • 1817 Die Ahnfrau
  • 1819 Sappho
  • 1822 Das goldene Vließ
  • 1825 König Ottokars Glück und Ende
  • 1828 Ein treuer Diener seines Herrn
  • 1835 Tristia ex Ponto
  • 1840 Des Meeres und der Liebe Wellen
  • 1840 Der Traum ein Leben
  • 1840 Weh' dem, der lügt!
  • 1847 Der arme Spielmann
  • 1847 Libussa
  • 1848 Feldmarschall Radetzky
  • 1848 Ein Bruderzwist in Habsburg
  • 1851 Die Jüdin von Toledo


Leseprobe#

aus Bertas Lied in der Nacht

Nacht umhüllt
Mit wehendem Flügel
Täler und Hügel
Ladend zur Ruh’.

Und dem Schlummer
Dem lieblichen Kinde,
Leise und linde
Flüstert sie zu:

„Weißt du ein Auge,
Wachend im Kummer,
Lieblicher Schlummer,
Drücke mir’s zu!“

Fühlst du sein Nahen?
Ahnest du Ruh?
Alles deckt der Schlummer,
Schlumm’re du, schlumm’re auch du.


Leseprobe#

aus Tagebuch auf der Reise nach Griechenland (1843)

27. August 1843. Abreise mit dem Dampfschiffe um vier Uhr nachmittags. Die Fröhlichs kamen ans Ufer hinaus. K. weinte sehr und war ganz außer sich über die gefahrvolle Reise. Ich suchte ihr zu beweisen, wie widersinnig diese Furcht sei, indes ich mir heimlich gestand, daß meine Reise noch viel widersinniger sei als diese Furcht. Mein vorausgesetzter Reisegefährte hat mich nämlich ohne Zweifel angesetzt. Indes er mir schrieb, mich bis 10. September in Konstantinopel zu erwarten, erhalte ich nun keine Nachricht von ihm, indes einige sagen, er werde erst bis Ende November von Trapezunt in den Bosporus zurückkehren, andere, er sei bestimmt, in Semlin an der Seite des Kommandierenden zu amtieren, beim Einschiffen endlich sagte mir der gute jüngere Schlechta, man erwarte ihn alle Tage in Wien zurück. Klar also ist, ich muß auf seine Begleitung Verzicht leisten, und die lange beschwerliche Reise in meinem vorgerückten Alter mit meiner gebrechlichen Gesundheit, so ganz allein, so als Student zu machen, grenzt wirklich an den Unsinn. Indes hatte ich sie beschlossen, und da meine hypochondrische Unentschlossenheit eben eines der Hauptübel ist, zu deren Heilung ich das Gewaltmittel anzuwenden beschloß, so konnte ich doch mir selbst gegenüber den gefaßten und durch alle Vorbereitungen durchgeführten Plan unmöglich aufgeben, und die Abreise erfolgte.

Meine Laune ist schwer zu beschreiben. Mir war zu Mute wie einem, der zuerst, nicht aufs Wasser, sondern ins Wasser geht. Aber gerade darum sollte ausgehalten werden. Der gute Schlechta, der entfernteste meiner Bekannten, war eigens an den Abfahrtsplatz gekommen, um mich dem Kapitän, den er kennt, zu empfehlen. Sonst von Freunden oder Teilnehmenden keine Spur. Die Fröhlichs, versteht sich, ausgenommen. Die Wasserfahrt langweilig. Erst zwischen Petronell und Hamburg wird die Gegend angenehm. Letzteres liegt wunderschön. Ebenso Preßburg, wo mir um halb sieben Uhr anlangten. Des Landtages wegen in den Wirtshäusern nirgends Platz. Muß mich endlich entschließen, im roten Ochsen mit einer Art Gaststube vorlieb zu nehmen, in der man in aller Eile eine Art Bette, nicht länger als einer meiner Arme, aufschlägt. Unendlich verstimmt. Konnte mich durchaus nicht besinnen, was denn eigentlich mein Zweck bei dieser Reise sei. Ging ein wenig durch die Stadt, traf den Kapitän des Dampfschiffes, mit dem ich auf dem öffentlichen Spaziergange herumschlenderte. Endlich müde nach Hause. Traf an der Wirtstafel ein paar Offiziere, die mich kannten, aber ich sie nicht. Schwatzten ganz angenehm. Frühzeitig zu Bette in meiner Gaststube. Als ich erwachte, schlug die Uhr zwei Viertel. Eine Weile darauf rief der Nachtwächter die Stunde aus. Es war zwei Uhr nach Mitternacht. Das Bett war zu kurz, und die Decke so schwer, daß ich wie ein Verdammter schwitzte. Gegen Morgen schlief ich doch noch auf ein Stündchen ein und war um fünf Uhr schon auf den Beinen. Bekomme endlich doch das Zimmer eines um sechs Uhr Abgereisten, und sitze nun hier etwas getröstet und der Dinge harrend, die da kommen werden.

Ich will heute einer Landtagssitzung beiwohnen, was der eigentliche Grund ist, warum ich in diesem Neste nur eine Minute über die Notwendigkeit auszuhalten mich veranlaßt finde. Deus providebit.

28. War in der Sitzung: Der Saal ist bloß geweißt, die Draperien, mit Ausnahme der Damengalerie, ärmlich. Das Präsidium sitzt statt im Fond des Saales auf der linken Seite desselben, durch eine Schranke gesondert. Die Mitte ist, durchaus eben, mit Bänken angefüllt, wo die Deputierten in zwei Hälften geteilt, sich mit den Gesichtern zugekehrt, einander gegenübersitzen. Dagegen sehen die Abgeordneten selbst gescheit und distinguiert aus. Man sprach ohne Stottern, wobei die meisten jedoch einen geschriebenen Entwurf in der Hand hielten. Der Ton war gesteigert, aber anständig. Längere Reden kamen nicht vor. Es galt die alleinseligmachende Kraft der ungarischen Sprache. Später sollte der Kriminalkodex, an die Reihe kommen. Ich ging jedoch um eilf Uhr, wegen Unkunde der Sprache und daher des Gesprochenen ermüdet. Im Jahr 1886 hatte ich in Stuttgart einer Württembergischen Kammer beigewohnt; sie stand, was die Form betrifft, sehr im Nachteil gegen diese ungarische. Hier sprach jedermann besser, als dort unser mit Recht gepriesener Dichter Uhland. Darauf durch die Stadt geschlendert. Sie ist doch hübscher und städtischer, als es im ersten Augenblicke scheint. Unter den Frauenzimmern mitunter auffallend hübsche. In die St. Martins-Domkirche eingetreten, die von außen recht gut aussieht, inwendig aber nicht viel bedeuten will. Das Abbild des Heiligen auf dem Hochaltar, er scheint aus Erz gegossen und kam meinem schlechten Auge aus der Ferne nicht übel vor. Irre ich nicht, so ist er in ungarischer, halb moderner Kleidung, was sonderbar genug wäre.

Für Nachmittag hatte ich mit einem Beamten der ungarischen Hofkanzlei, den ich in der Ständesitzung fand, Verabredung zu einem Spaziergang genommen. Wir verfehlten uns übrigens, und so stieg ich denn allein eine Anhöhe hinauf, die, wie es sich fand, der Schloßberg war. Die Aussicht von der Ruine herab ist wunderschön. Es war übrigens unleidlich heiß, und so legte ich mich im Schatten der Mauern nieder und dachte – nicht viel. Von da auf einem für die Ziegen gebahnten Wege über den berüchtigten Zuckmantel zur Schiffbrücke. An einladenden Gestalten und Mienen fehlt es da nicht. Im allgemeinen ist der Weiberschlag, das Blut in Wien vielleicht hübscher; auffallend schöne Züge aber, deucht mich, gibt es hier mehr. Ueber die Schiffbrücke in die sogenannte Aue. Ein entzückend schöner Spazierort, Ich erinnere mich kaum, in der Nähe irgend einer Stadt dergleichen gesehen zu haben. Auffallend die allgemeine Eleganz. Vielleicht nur wahrend des Landtages. Abends aus Müdigkeit in die Arena, um sitzen zu können. Das Theater war, als ob es Tieck angegeben hätte. Die immer sich gleich bleibende Dekoration, der Wald nämlich; daß bei Tage gespielt wurde, wenn die Schauspieler auch, wegen supponierten Dunkels, sich wechselseitig nicht erkannten. Leider nur wurden die Frauenzimmerrollen nicht von Männern gespielt, sonst hätte man sich in Shakespeares Zeiten versetzt geglaubt. Ich kann aber nicht sagen, daß die Vorstellung durch diese romantisch-klassische Einrichtung gewonnen hatte. Gespielt wurde übrigens ganz gut. Besonders war der Komiker vorzüglich zu nennen. Der männliche Teil des Publikums rauchte beinahe durchgehends. Uebrigens gefällt mir Preßburg. Selbst in Wien wird die Gefälligkeit gegen wegunkundige Fremde nicht weiter getrieben.

29. Der heutige Tag so ziemlich verloren. Warum, mag ich nicht herschreiben, da Gutmütigkeit und Gefälligkeit immer dankenswert ist, wenn sie sich auch in der Ausführung vergreifen. Noch einmal in der Landtagssitzung gewesen, die noch weniger Interesse darbot als das erste Mal. Was die Ungarn wollen, wäre kaum zu tadeln, wenn sie ein Volk von dreißig Millionen ausmachten, unter den wirklichen Verhältnissen ist der grüßte Teil ihrer Anstrebungen lächerlich. Haydns Schöpfung als Quartett arrangiert. Nachmittags in der Aue und abends in der Arena. Randhartinger aus Wien angetroffen.

30. Abreise von Preßburg um acht Uhr morgens. Eine schöne Ungarin, die mit mir zugleich von Wien gekommen, wieder an Bord, diesmal aber gut gekleidet und sehr zurückgezogen. Zwei Komtessen, von denen die jüngere bildhübsch, aber mit häßlich plumpen Füßen. Anfangs thaten sie höchst zimperlich und vornehm, nach Tische aber lümmelten sie auf allen Bänken herum. Ein Engländer, der in Fiume etabliert ist und gut deutsch spricht, sonst auch ein angenehmer und gescheiter Mensch. Ein einäugiger Berliner, wohl gar Jude, ohne jedoch die doppelte Berechtigung, unangenehm zu sein, zu benützen.

Die Ufer außer Preßburg zwischen den beiden Inseln Schutt höchst einförmig und langweilig. Die Festung Komorn ist wohl fester, als sie aussieht. Hier hört die Insel Schütt auf. Das Dorf Neumühl liegt schon recht hübsch. Nun wird's immer besser. Gran mit seinem im Bau begriffenen Riesendom, dessen Lage ich mir übrigens imposanter gedacht habe. Der Hügel, auf dem er liegt, ist nicht hoch, und das Ganze wird etwas Gartenterrassiges bekommen. Daß der ursprüngliche Plan durch neue Zuthaten, in den Säulen nämlich, verpfuscht worden ist, habe ich schon an dem Modell in Preßburg gesehen. Bald darauf scheint die Donau das Ziel ihres Laufes erreicht zu haben, aber mit einer gewaltsamen Wendung nach links bricht sie sich Weg durch die Berge. Die Gegend bezaubernd, Vissegrad, Waitzen. Man begreift die hochstrebenden Ideen der Ungarn, wenn man ihr Land sieht. Ich habe mich ein wenig mit ihren Superlativen ausgesöhnt. Die Sonne geht unter und entzündet Wasser und Luft. Der junge Mond macht sich geltend. Der Berliner fand den Eindruck poetisch, und er hatte recht. Es lag ein unbeschreiblicher Zauber über der Gegend. Nach und nach wird es düster, endlich dunkel. Man muß zu den Mänteln seine Zuflucht nehmen. Es ist schon Nacht, als Reihen von Lichtern zu beiden Seiten des Flusses die Schwesterstädte Pest und Ofen ankündigen. In der Nacht, wo alle Kühe schwarz sind, hat der Eindruck etwas Aehnliches mit der Reede von Neapel, Böllerschüsse, Ankunft. Der jüngere Stankovics erwartet mich am Landungsplatze und führt mich ins Gasthaus zur Königin von England, wo meine zwei Reisegefährten schon Platz gefunden hatten. NB. Der Kapitän, ein prächtiger Venetianer, der aussah wie ein Lämmergeier mit einem Kinnbarte, hatte sich auf der Reise zu mir gesetzt und mich mit vieler Achtung als einen musikalischen Kompositeur angeredet. Auch die schöne Gräfin schien einige Ahnung von meinen durch das Gesicht nicht wahrnehmbaren Eigenschaften zu haben.


Franz Grillparzer - Die Flucht vor der Wirklichkeit#

aus Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987)


„Ein Phänomen ohnegleichen und nur in Österreich möglich! Zur Psychologie Österreichs ist die Biographie Grillparzers unentbehrlich. Man wird diese Biographie jedenfalls schreiben, aber verdorren soll die Hand, die nicht ihre ganze Wahrheit schreiben wird!“

Ferdinand Kürnberger


„Eine gewisse Zurückhaltung wirkt anfröstelnd, wo Grillparzer von sich, seinem inneren oder äußeren Leben berichtet. Es gibt wenige Dichter, Schriftsteller, Künstler und sonstige berühmte Menschen, die durch ihre Selbstbekenntnisse, Briefe und dergleichen uns nicht menschlich näher gerückt, nicht sympathischer würden. Einige der wenigen Ausnahmen ist die nachgelassene Selbstbiographie Grillparzers. Sie spricht so wenig das Gemüth an, dass einem der Dichter nicht blos nicht lieber, sondern auch nicht anschaulicher, nicht lebendiger wird. Der Grund davon ist: Sie eröffnet keinen Blick ins Innerste - in die Tiefe des Herzens. Sie ist sehr karg in allem, was sich auf Gemüthsleben, Liebe, Leidenschaft bezieht.“

Robert Hamerling


„Grillparzer ist ein angenehmer wohlgefälliger Mann … Daß er im freien Leben etwas gedrückt erschien, ist natürlich.“

Goethe an Zelter, Weimar, 11. Oktober 1826


„Romantisch, aber mehr noch österreichisch, war an Grillparzer nur seine Flucht vor der Wirklichkeit. Es geht die Sage, er habe eine ungewöhnliche Intensität der Empfindung und Anschauung besessen, der aber keine ebenso große Denkerenergie gegenübergestanden sei; in Wahrheit verhielt er sich gerade umgekehrt: sein Verstand war außerordentlich, aber von keiner ebenbürtigen Gefühlskraft genährt. Es fehlte ihm, banal ausgedrückt, an Courage zu sich selbst.“

Egon Friedell


„Einer meiner Hauptfehler ist, daß ich nicht den Mut habe, meine Individualität durchzusetzen. Über dem Bestreben, es allen recht zu machen und mich ja im Äußerlichen nicht zu sehr von den anderen zu unterscheiden, werde ich endlich wie die Anderen, und die Gewohnheit macht gewöhnlich.“

Franz Grillparzer, Tagebuchblätter

Weiterführendes#

Quellen#

  • AEIOU
  • http://www.franzgrillparzer.at/
  • Grillparzergesellschaft
  • Das große Buch der Österreicher, ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau (1987), Wien, 615 S.
  • Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.
  • Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987), ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 615 S.



Redaktion: I. Schinnerl