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Gusinde, Martin#

* 29. 10. 1886, Breslau, Polen

† 10. 10.1 1969, Mödling


Ethnologe, Anthropologe, Missionar, Forscher
Erforscher der Feuerland-Indianer


Martin Gusinde
Martin Gusinde. Foto, 1965.
© Die Presse/Heinz Hosch, für AEIOU

Martin Gusinde erforschte in den zwanziger Jahren die bis dahin so gut wie unbekannte Kultur der Feuerland-Indianer, kurz bevor diese als Opfer ihrer weißen Entdecker praktisch ausgerottet wurden. Wichtige Forschungsergebnisse erbrachten auch seine Studien bei den Araukaner ­Indianern in den Südanden, bei den Pueblo-Indianern in Arizona sowie bei den Pygmäen in Zentralafrika und auf Neuguinea.


Als Sohn eines Fabrikanten in Schlesien geboren, wandte Gusinde sich nach dem Gymnasium nach Österreich, wo er philosophische und naturwissenschaftliche Studien betrieb. Später war er Lehrer am Missionshaus St. Gabriel bei Mödling und wurde Priester. Er ging nach Chile und wurde Professor für Ethnologie und Anthropologie an der katholischen Universität von Santiago.


1917 unternahm Gusinde eine Expedition zu den Araukaner-Indianern, und ab 1918 betraute ihn die chilenische Regierung mit der eingehenden Erforschung der Feuerland-Indianer, vor allem der Yamana. In vier Expeditionen widmete er sich diesem Auftrag und konnte 1924 seine Forschungen abschließen. Es gelang, alles Wissenswerte über die letzten Angehörigen dieser heute fast ausgestorbenen Indianerstämme zu sammeln. In mehrjährigem Zusammenleben mit diesen scheuen Wassernomaden, in deren Stamm er aufgenommen wurde, erforschte er deren Kultur, Sagen, Mythen und Gesellschaftsordnung.


Ende der zwanziger Jahre hielt Gusinde sich längere Zeit bei den Pueblo-Indianern in Arizona und New Mexico auf. 1934/35 beschäftigte er sich eingehend mit den Pygmäen im damaligen Belgisch-Kongo. 1949 erhielt er eine Professur an der Universität in Washington, 1956 entdeckte er die Ayom-Pygmäen auf Neuguinea.



Eine Leseprobe aus sei­nem Buch "Urmenschen im Feuerland":

...Bei vielen Naturvölkern gibt es heimliche Versammlungen ausschließlich für Männer. Sie werden in der Regel von organisierten Geheimbünden veranstaltet, wobei sich die Männer unter Masken und Vermummungen verbergen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man ihre Entstehung in den Kulturkreis des Mutterrechtes verlegt, und zwar als Abwehr gegen die soziale und wirtschaftliche Übermacht der Frau. Durch die Geheimbünde haben die Männer zumindest ihre gesellschaftliche Vormachtstellung zurückgewonnen. Wenn die Nachmittagssonne sich dem Untergang zuzuneigen beginnt, setzt in der Großen Hütte eine rege Tätigkeit ein. Die Kloteken-Geister höheren Ranges, in der für jeden artkennzeichnenden Bemalung und Maskierung treten jetzt auf, zeigen die ihnen eigentümlichen Tänze oder Schaustellungen und halten mit alledem die Blicke der Lagerinsassen stundenlang gefangen. An einem Nachmittag tritt dieser, an einem anderen jener Geist auf Etwa eine halbe Stunde vor dem Erscheinen der Geister wiederholen die Frauen einen monotonen Gesang gleichsam um den zu erwartenden Geist anzulocken und günstig zu stimmen. Im Ablauf der ganzen Feier stellen die Männer mehr als ein Dutzend solcher Geister dar, jeder von ihnen ist an dem für ihn eigentümlichen Aufputz und einführenden Ruf kenntum den Charakter und die Sinnesart eines jeden Bescheid. Einer ist sehr böswillig und bringt die Männer um, entsetzt und voller Angst heben die Frauen ein klägliches Weinen an, davon gerührt ruft ein guter Geist die toten Männer wieder zum Leben zurück. Dem einen gefällt der Ringkampf, während ein anderer sich durch unvorstellbar schnelle Bewegungen auszeichnet. Buntfarbig und vielgestaltig ist die Reihe der Kloketen-Geister. Deren Darstellung kostet die Männer reichliche Mühe, den Leuten im Lager bereiten sie manchen Verdruß und viel Belästigung. Mit bewundernswerter Geschicklichkeit spielen die Männer ihre Rolle der Verstellung und Täuschung. Sie benehmen sich, als würden sie von den Geistern bis zur Erschöpfung gequält und grausam gemartert, sie geben vor, daß alles Fleisch, welches die Frauen für sie und für die Geister bereitstellen, allein von diesen verzehrt werde. Mit alledem erwecken sie das Bedauern ihrer Frauen, und Denkmal für den "Letzten Feuerland-Indianer" in Ushuaia, Argentinien ja zu tun, während sie unter dem Schutz der Großen Hütte in schalkhafter Ausgelassenheit sich am üppigen Essen gütlich tun und sich am Gelingen ihres listigen Handwerks vergnügen. Tatsächlich hält die gesamte Frauenwelt an der Wirklichkeit und Echtheit aller auftretenden Geister fest. Für die Grundrichtung dieser geheimen Zeremonien ist bezeichnend, daß sich bei der Vorführung der Geister ein Medizinmann neben der Großen Hütte ebenfalls betätigt...


Werke:

  • Die Selknam - Vom Leben und Denken eines Jägervolkes auf der Großen Feuerland-lnsel, Mödling 1931
  • Die Feuerland-lndianer, 3 Bde., 1931-1939
  • Die Yamana - Vom Leben und Denken der Wassernomaden am Kap Hoorn, Mödling 1938
  • Die Anthropologie der drei Indianerstämme im Feuerland, Mödling 1941
  • Die Kongo-Pygmäen, 1942
  • Urmenschen im Feuerland, Wien 1947
  • Urwaldmenschen am Ituri, Wien 1948
  • Die Twa-Pygmäen in Ruanda,1949
  • Die Twiden, 1956


Denkmal für den 'Letzten Feuerland-Indianer' in Ushuaia, Argentinien
Denkmal für den "Letzten Feuerland-Indianer" in Ushuaia, Argentinien
© Fotos: Archiv Senft
Landschaft in Feuerland
Landschaft in Feuerland
© Fotos: Archiv Senft
Einer der letzten Yamana
Einer der letzten Yamana
© Fotos: Archiv Senft
Traggestell für einen Yamana-Säugling
Traggestell f. e. Yamana-Säugling
© Fotos: Archiv Senft


Quellen#

  • H.&W. Senft, Aufbruch ins Unbekannte, Stocker Verlag, Graz, 1999

Redaktion: Hilde und Willi Senft