Hollein, Hans - Austria-Forum : AEIOU
Hollein, Hans#
* 30. 3. 1934, Wien
Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Architekturtheoretiker

© Die Presse/Harald Hofmeister, für AEIOU
Hollein entstammt einer Familie von Bergwerksingenieuren. Er absolvierte die Bundesgewerbeschule in Wien (1949–1953) und studierte anschließend an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Clemens Holzmeister.
Nach seinem Diplom (1956) widmete er die Jahre 1958 bis 1964 einem Studienaufenthalt in den USA, am Illinois Institute of Technology in Chicago und ab 1959 am College of Environmental Design an der University of California, Berkeley. 1960 Master of Architecture ebendort. 1963/64 und 1966 war er Gastprofessor an der Washington University.
In diese Zeit fällt seine Beschäftigung mit den Prinzipien der indianischen Pueblo-Architektur des US-amerikanischen Südwestens, deren Einfluss in Holleins späteren Bauten oft zu beobachten ist: Architektur als Landschaft, die durch eine Vielzahl von Wegen, Treppen und Rampen begehbar wird und so ein aktiver Bestandteil städtischen Lebens ist.
Die Wiener Architekturszene der frühen sechziger Jahre definierte sich im Protest gegen den etablierten Kunstbetrieb und als Revolte gegen die "Alleinherrschaft des trivialen Funktionalismus" der Nachkriegsarchitektur.
1963 veranstaltete Hollein gemeinsam mit Walter Pichler eine viel beachtete Ausstellung in der Galerie St. Stephan: "Architektur". In deren Mittelpunkt standen utopische Entwürfe von Stadtarchitekturen, Zeichnungen und Skulpturen. Parallel dazu verfassten Hollein und Pichler Manifeste, etwa "Absolute Architektur", in denen ein Architekturbegriff definiert wurde, der sich zugleich als brutal und subtil verstand.
1964 eröffnete Hollein in Wien ein eigenes Architekturbüro. 1965 gelang ihm mit seinem ersten eigenen Auftrag, dem Kerzengeschäft Retti in Wien, ein Meilenstein in der Entwicklung von Architektur auf kleinstem Raum, für den er den US-amerikanischen Reynolds-Award erhielt.
Weitere Aufträge für Boutiquen und Galerien folgten, darunter die Richard Feigen Gallery in New York, und zweimal für das Juweliergeschäft Schullin in Wien. Vor allem durch Aufträge im Ausland (u.a. Mailand, Moskau, Teheran, Kairo) erlangte Hollein in den Folgejahren internationale Reputation, während er in seiner Heimatstadt Wien anfangs wenige Aufträge erhielt bzw. auch auf Widerstand stieß.
Mit dem Museum Abteiberg im rheinischen Mönchengladbach (1972–1982) setzte Hollein neue Maßstäbe für die Museumsarchitektur. Es entspricht seinem oben beschriebenen Konzept einer begrabenen und begehbaren Architektur. Starke internationale Beachtung fand Hollein auch mit dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/Main (1987–1991), das – auf einem dreieckigen Restgrundstück errichtet – den Spitznamen "Tortenstück" erhielt.
In Wien baute Hollein 1987 bis 1990 das neue Haas-Haus beim Stephansdom. Über Jahre war das Projekt einer der öffentlich meist diskutierten und umstrittensten Bauten der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
Sein Renommee als Architekt der Postmoderne steigerte Hollein mit dem 1997 eröffneten Vulkanmuseum "Vulcania" nahe Clermont-Ferrand in der französischen Auvergne. Wahrzeichen des zu großen Teilen unterirdisch angelegten Museumsparks ist ein 37 Meter hoher Kegelstumpf, der außen mit Basalt verkleidet ist. Der Besucher begibt sich inmitten einer vulkanisch geprägten Landschaft im Erlebnis des Hinabsteigens in unterirdische Zonen gleichsam auf eine "Reise zum Mittelpunkt der Erde" im Stil Jules Vernes.
1997 erhielt Hollein den Zuschlag für den Neubau der österreichischen Botschaft in Berlin. Der im Juli 2001 offiziell eröffnete Bau zeigt mit seiner formalen Vielfalt ein "genialisches Chaos in Grün, Schwarz, Weiß, Orange und Gelb" (art, Juli 2003). Jüngste Arbeiten in seiner Heimatstadt Wien sind die Gestaltung des Entrées der Albertina und ein Hochhausprojekt am Laaer Berg (s.u.).
Von 1967 bis 1976 unterrichtete Hollein als Professor an der Staatlichen Akademie in Düsseldorf; 1976 übernahm er eine Meisterklasse für Design an die Wiener Hochschule für Angewandte Kunst. Ab 1979 führte er Gastprofessuren an der Yale University in New Haven, der University of California in Los Angeles und der Ohio State University in Columbus. Seit September 2002 ist Hollein an der Universität für angewandte Kunst emeritiert.
Im Bereich der Biennale war Hollein 1978-90 österreichischer Kommissär für die Kunst-, 1991-96 für die Architektur-Biennale in Venedig; letztere leitete er für 1996 unter dem Motto „Die Zukunft erahnen – der Architekt als Seismograph“ als erster Nicht-Italiener.
1985 erhielt Hollein den Pritzker-Preis, der auch als "Nobelpreis der Architektur" verstanden wird.
Hollein gilt als einer der Pioniere der postmodernen Architektur, er bedient sich einer bildhaft-semantischen, antitypologischen und antistrukturellen Formensprache. Architektur wird als kontextuelle Kunst, als Recherche und Kommentar definiert, plastische Baukörper treten in vielfältigen Erscheinungsformen auf. "Alles ist Architektur", so sein bekannter Ausspruch, der 1968 auch die Titelseite der österreichischen Zeitschrift "Bau" (Nr.1) prägte.
Hollein gilt auch als "Meister der architektonischen Inszenierung", der wieder sinnliche und emotionale Momente in die Architektur einführte und der auch nicht vor Symbolsprache oder gelegentlichem Pathos zurückschreckt.
Darüber hinaus trat Hollein als Gestalter von Ausstellungen wie "Die Türken vor Wien" (1983) und "Traum und Wirklichkeit" (1984) hervor. Er hat Möbel entworfen, für Alessi und Munari erlesene Haushaltsgegenstände designt; seine Grafiken sind im New York Museum of Modern Art zu sehen.
Hans Hollein gewann die Auschreibung für einen neuen Wolkenkratzer in der südchinesischen Metropole Shenzhen.
Der Büroturm stelle "eine neue Hochhaus-Typologie dar" und stehe "prominent an 'pole position' des Finanzviertels und der neuen in Bau befindlichen Stock Exchange in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses von Shenzhen; heißt es in einer Mitteilung des Ateliers Hollein. Baubeginn sei Anfang 2011.
Shenzhen ist eine Unterprovinzstadt in der Provinz Guangdong der Volksrepublik China und liegt im Süden der Provinz, nur durch einen Fluss von Hongkong getrennt. Die Stadt gilt als eine der bedeutendsten Städte für ausländische Investitionen und ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Im Jahr 1979 lebten im heutigen Stadtgebiet gerade einmal 30.000 Einwohner. Heute ist Shenzhen eine moderne Metropole mit über 12 Millionen Einwohnern, die fast genauso schnell wächst wie Shanghai. Shenzhen ist die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in China (ohne Hongkong und Macao). Tragsäule der lokalen Wirtschaft ist die Elektronik- und Telekommunikationsindustrie.
Zitate:
„Architektur ist kultisch, sie ist Mal, Symbol, Zeichen, Expression. Architektur ist die Kontrolle der Körperwärme – schützende Behausung. Architektur ist Bestimmung, Festlegung des Raumes, der Umwelt. Architektur ist Konditionierung eines psychologischen Zustandes.“ (Hans Hollein: Alles ist Architektur, 1967)
„Das Vollziehen sakraler Riten und das Errichten oder Bezeichnen heiliger Plätze gehörte zu den ersten Beschäftigungen des Menschen. Gleich ob augenfällig oder getarnt, helfen sie, das Leben einzurichten. Manche heutige Zivilisation hat ihre Fähigkeit für Todesriten verloren. Das ist ein Zeichen des Verlusts der Fähigkeit, zu leben.“ (Ausstellung zum Thema Tod, Städtisches Museum Mönchengladbach 1970, Katalog zur Ausstellung)
„Wenn wir schon eine Schönheit wollen, dann eine sinnliche Schönheit elementarer Gewalt.“ – „Wir müssen die Architektur vom Bauen befreien!“ – „Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken!“
Werke (Auswahl):
- Ausstellung "Architektur" (mit Walter Pichler), Galerie St. Stephan, Wien 1963
- Kerzengeschäft Retti, Wien, 1964-66
- Herausgeber von "Bau" (Zeitschrift d. Zentralvereinigung d. Architekten Österr.), 1965-70
- Richard Feigen Gallery, New York, 1969
- Ausstellung "Tod", Städtisches Museum Mönchengladbach, 1970
- Innenausstattungen für die Siemens AG, München, 1970-75
- Kioske u. Media-Linien, Olympiadorf München, 1972
- Juwelierläden Schullin I, 1972-74, und II, 1984, in Wien
- Städtisches Museum Mönchengladbach, 1972-82 (Erweiterung 1996-98)
- Ausstellung "MAN transFORMS", Cooper-Hewitt Museum, New York 1976
- Bühnenbild für das Burgtheater Wien: „Komödie der Verführung“ (Arthur Schnitzler), 1980
- Volksschule Köhlergasse, Wien, 1979-90
- Ausstellung „Die Türken vor Wien”, Künstlerhaus Wien 1983
- Stadtvilla Rauchstraße, Berlin (IBA), 1983-84
- Österreichisches Verkehrsbüro, Wien, 1980
- Museum moderner Kunst in Frankfurt am Main, 1983-91
- Ausstellung „Traum und Wirklichkeit”, Künstlerhaus Wien , 1985
- Haas-Haus, Wien, 1985-90
- Erste Allgemeine Generali (Landesdirektion), Bregenz, 1987-93
- Banco Santander (Geschäftsleitung), Madrid, 1988-93
- Projekte für Guggenheim-Museen in Salzburg (1990) und Wien (1993-94)
- Shed-Halle im Kulturbezirk St. Pölten, 1992-96
- Geschäftslokal Zumtobel, Wien, 1995-96
- Interbank, Lima, 1996-2001
- Volksschule Donau-City, Wien, 1997-99
- Generali-Tower Bürohaus, Wien, 1997-2001
- Österreiche Botschaft Berlin, 1997-2001
- Vulcania, Europäischer Park f. Vulkanismus Auvergne, 1997-2002
- Centrum Bank, Vaduz, 1997-2002
- Mount Auburn Street, Cambridge, USA, 1999-2001
- Umbau Albertina, 2001–03
- Monte Laa, PORR-Türme am Laaer Berg in Wien, 2003
Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl):
- Reynolds Memorial Award (1966 und 1984)
- Bard Award for Excellence in Arch. and Urban Design New York (1970)
- Preis der Stadt Wien (1974)
- Großer Österreichischer Staatspreis (1983)
- Deutscher Architektur-Preis (1983)
- Pritzker Architecture Prize (1985)
- Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (1990)
- Chicago Architecture Award (1990)
- Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold (1998)
- Grand Prix der VII. Architektur-Biennale Buenes Aires (1998)
Literatur:
- Hans Hollein – Alles ist Architektur. Eine Ausstellung zum Thema Tod. Katalog, 1970
- MANtransFORMS, Katalog zur Ausstellung, Cooper Hewitt Museum, New York, 1976
- Wolfgang Pehnt: Hans Hollein. Museum in Mönchengladbach, Frankfurt 1986
- Hans Hollein – Metaphern u. Metamorphosen. Ausstellungskatalog, Centre Georges Pompidou, Paris 1987
- Gianni Pettena, Hans Hollein – Opere 1960–1988, Mailand - New York 1988
- F. Blohmensacht, Hans Hollein, 1989
- A. Haller (Hg.), Hans Hollein, Ausstellungskatalog, Historisches Museum d. Stadt Wien, 1995
- S. Krämer, Die postmoderne Architekturlandschaft. Museumsprojekte von J. Stirling u. H. Hollein, 1998
- Hans Hollein – Schriften und Manifeste. Herausgegeben von François Burkhardt und Paulus Manker, Wien 2002
Filme:
- Alles ist Architektur – Portrait Hans Hollein, Regie: Paulus Manker, ORF 1996
- Hollein in Lima – Das Gebäude der Interbank. Regie: Paulus Manker, ORF 2001
- Hans Holleins Vulcania. Regie: Paulus Manker, ORF 2002
- Hans Hollein – Essentials. Regie: Paulus Manker, ORF 2002
Quellen:
Redaktion: J. Sallachner



