Marboe, Ernst Wolfram - Austria-Forum : AEIOU
Marboe, Ernst Wolfram#
* 10. 8. 1938, Wien
† 12. 1. 2012, Wien
Journalist, Intendant
Ernst Wolfram Marboe wurde am 10. August 1938 in Wien geboren. Er war der Sohn von Ernst Marboe und Bruder von Peter Marboe.
Nach dem Realgymnasium Schottenbastei absolvierte er sein Regie- und Schauspielstudium am
Max Reinhardt-Seminar und ein Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik an der Universität Wien.
1961 begann er als Autor und Regisseur beim ORF. Ab 1971 war er Leiter der Abteilung Hörspiel und Literatur im ORF-Landesstudio Niederösterreich.
Von 1976 bis 1978 war Marboe als Landesintendant für Niederösterreich, von 1978 bis 1984 als Fernsehintendant (FS 2) und von 1984 bis 1993 Programmintendant des ORF tätig.
Ab 2000 war Marboe sieben Jahre lang Intendant und Regisseur der Raimund-Spiele Gutenstein.
Er starb am 12. Jänner 2012 in Wien.
Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl):
- "Goldene Kamera 1978" für die Sendung "Licht ins Dunkel"
- Großes Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
- Ehrenzeichen der Bundesländer Niederösterreich, Salzburg, Wien und Steiermark
- 2006 zum Professor ernannt
Der Experimentator und Theatermann Ernst Wolfram Marboe ist tot. (Essay)#
Der heitere bunte Vogel#
Der im Alter von 73 Jahren verstorbene Ernst Wolfram Marboe war eine Schlüsselfigur der modernen ORF-Ära und zugleich eine für die mediale Vermittlung von Kultur für alle Schichten der Bevölkerung. Natürlich ist man versucht, angesichts der aktuellen Turbulenzen des ORF zurückzublenden und nach einer Bestätigung der Hypothese zu suchen, damals sei alles besser gewesen. Pauschalurteile dieser Art sind von vornherein falsch und im Fall Marboes erst recht. Als ihn das ORF-Kuratorium 1993 nach neunjähriger Tätigkeit als Programmintendant auf Betreiben des ORF-Generalintendanten Gerd Bacher ablöste, wurde das in den Medien und von den Parteien als Moritat gespielt, der die einen mit großem Applaus, die anderen mit Zähneknirschen zusahen.
Aber darauf kommt es am Grab und in der Erinnerung nicht an. Wenn schon Vergleiche, dann ein anderer. Der ungemein kreative, schaffensfreudige Marboe wirkte in einer Zeit, in der man im ORF große Ideen nicht nur hatte, sondern verwirklichen durfte. Marboe holte Staatsopernaufführungen ins Programm, wagte Experimente in der Reihe „Kunst-Stücke" und brillierte mit dem „Cafe Central", einem regelmäßigen Kulturgespräch im Fernsehen.
Er gilt zu Recht als einer der Väter der karitativen Sendung „Licht ins Dunkel". Direkt erfunden hat er sie nicht, dieser Ruhm gilt dem damaligen Intendanten Kurt Bergmann, der 1973 mit dem Vehikel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Mildtätigkeit der Niederösterreicher mobilisierte. 1979 war es aber Marboe, der als Programmchef die ganze Potenz des ORF-Fernsehens aufbot und die Richtigkeit der These Gerd Bachers nachwies: Der ORF sei die größte Medienorgel des Landes. Heute wirkt „Licht ins Dunkel" angegraut, kommt aber unvermeidlich alle Weihnachten. Marboe hat das Volk an die Sendung und den ORF gebunden.
„Ruhestand" mit Raimund#
Ernst Wolfram Marboe wurde am 10. August 1938 in Wien geborene, absolvierte ein Regie- und Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar, lernte als Assistent und Inspizient das Burgtheater, die Bregenzer und Salzburger Festspiele und mehrere europäische Theaterhäuser kennen. Ab 1961 arbeitete er als Autor und Regisseur für den ORF, wurde Leiter der Abteilung Hörspiel und Literatur im Landesstudio Niederösterreich und 1976 dessen Intendant. 1978 wurde er Intendant von FS2, 1984 Fernseh-Programmintendant. Marboe schied 1993 aus dem ORF aus.
Von 2000 bis 2007 leitete er die Raimundspiele in Gutenstein, die er künstlerisch auf eine neue Basis stellte. Von 1996 bis 2005 war Marboe Vorsitzender des der ÖVP nahestehenden Österreichischen Akademikerbundes.
Ruft man sich einige Weggefährten Marboes wie Erhard Busek oder Jörg Mauthe in Erinnerung, so fällt noch etwas auf. Marboe gehörte einer Zeit an, in der es im intelligenten Teil der Reichshälfte rechts der Mitte manchmal noch heiter zuging. Bunte Vögel wurden ausgelassen oder entkamen. Würdigungen von allen Seiten zeigen Marboes Standing über alle Grenzen hinweg.
Engelbert Washietl in der "Wiener Zeitung" vom 14./15. Jänner 2012
Nachruf in "morgen" 1/12#
"Mit jedem Menschen, der stirbt, stirbt auch ein Stück Geschichte und Erinnerung."
Er war kein einfacher Mensch. Er war ein Schwieriger: Für seine Mitarbeiter, seine Familie, seine Frau, seinen Sohn und seine drei Töchter. Er war schwierig, auch für sich selbst. Er hat gelitten, an seinen eigenen Widersprüchen, an den hohen Ansprüchen, die er an sich stellte und an alle, die ihm nahestanden. Er lebte, arbeitete, wirkte mit Leidenschaft, er schenkte seine Kraft und forderte Kraft. Nur Menschen mit Ecken und Kanten können etwas schaffen. Ernst Wolfram Marboe hatte die Kraft zum (Er)Schaffen. Er inszenierte seine Welt, er dirigierte seine Welt, er spielte in seiner Welt. Sie war bunt und voll Phantasie.
Als Student am ReinhardtSeminar, als Regisseur, Dramaturg leitet er ab 1962 das "Wiener Studententheater". Er engagiert sich im Vorbereitungskomitee für die erste Nationalfeiertagsfeier 1968. Es sind bewegte Zeiten, die Jugend sucht die Konfrontation mit der Kriegsgeneration.
Der ewige Regisseur#
Der im Sternzeichen des "Löwen" Geborene führt Regie, ein Leben lang. Er führt Menschen, setzt sich durch, hat Autorität. Er selbst empfindet diese Gabe als "Stigma". 1978 erhält er von Gerd Bacher im und mit dem ORF seine große Bühne. Er nützt sie, mit allen Möglichkeiten, die er erforscht, die er erfindet. Er ist ein ständig Unruhiger, ein Fordernder, ein Ideenspender, der oft maßlos übers Ziel schießt, aber einer, der immer an Neuem interessiert ist, Neues schafft. Er ist ein bürgerlicher Revolutionär, der Entwicklungen vorwegnimmt. Er träumt vom "interaktiven" Fernsehen, bei dem das Publikum Programm machen kann. Er nützt die neuen technischen Möglichkeiten der Elektronik. Sein FernsehSchauspiel "Der Barometermacher auf der Zauberinsel" von Ferdinand Raimund lotet die Grenzen des in Österreich technisch Machbaren aus.
Das Ergebnis ist schillernd, farbenprächtig, verspielt, immens teuer und beim Publikum nicht erfolgreich. Im Rückblick sind es Meilensteine der österreichischen Fernsehgeschichte. Marboe lässt aus dem Wiener Stephansdom das Mozart-Requiem erstmals im damals neuen HD-Verfahren übertragen, zwei Jahrzehnte, ehe "High Definition" zum neuen Standard der Bildqualität wird. Er experimentiert mit dreidimensionalen Programmen und erfindet ein wöchentliches Fernsehspiel. "Die liebe Familie" wird von großen Schauspielern im Stegreif gespielt. Mit der Diskussions-Sendung "Café Central" eröffnet sich Marboe ab 1979 eine neue Bühne. Neun Jahre lang prägt er den Diskussionsstil im Lande. Es gibt niemanden von Rang, der nicht im "Café Central" Platz nimmt.
Unkonventionelles TV#
Auch das Sterben lädt Ernst Wolfram Marboe ins Fernsehen. Der todkranke Wiener Schriftsteller Jörg Mauthe spricht über sein nahes Ende. Marboe leitete das Gespräch so ein: "Mit jedem Menschen, der stirbt, stirbt auch ein Stück Geschichte, ein Stück Erinnerung und ein Geheimnis."
Seit damals ist Ernst Wolfram Marboe mit dem "morgen" eng verbunden: Er macht Vorschläge, schreibt selbst und diskutiert. Er ist Niederösterreicher, Perchtoldsdorfer, Österreicher … zahllose Geschichten, Anekdoten und Legenden machen die Runde. Sein Leben und das seiner Familie werden ohne seinen katholischen Glauben in wienerischer Ausprägung, ohne das katholische Vereinswesen, ohne den Cartellverband, nur unzureichend beschrieben.
Marboe ist ein zutiefst politischer Mensch, ein österreichischer Patriot. Er leidet an den Unzulänglichkeiten derer, denen er sich nahe fühlt. Streit scheut er nicht. Er glaubt an die produktive Kraft des Konflikts. 1993 muss Ernst Wolfram Marboe den ORF im Konflikt mit Gerd Bacher verlassen. Es ist ein brutaler Einschnitt in seinem Leben. Er kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Der frühere Reinhardt-Seminarist leitet die Raimund-Festspiele im niederösterreichischen Gutenstein. Er fühlt sich seit Kindestagen daheim in der Geister und Feenwelt des österreichischen Dichters, in der "großen Kraft der Melancholie in unserer Seele".
Ernst Wolfram Marboe wusste von seiner Krankheit. Er hatte Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten. "Was ist das Gegenteil von Sünde?", wollte er von einem Freund wissen. "Buße? Bravsein?" Die Antwort hieß: "Glaube". Den hatte er. Sein Weggehen wurde ihm nicht leicht gemacht. Er starb daheim, umgeben von den Menschen, die er liebte. Sie haben den Starken getragen, ein Leben lang.
