Österreichisch-deutsche Beziehungen nach 1945

Deutschland und Österreich auf der politischen Weltkarte

Die österreichisch-deutschen Beziehungen nach 1945, also nach dem Zweiten Weltkrieg, sind bestimmt durch die Erfahrungen aus dem Anschluss Österreichs, der Teilung Europas und Deutschlands und dem Prozess der Europäischen Einigung.

Inhaltsverzeichnis

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Österreichische Botschaft in Berlin-Tiergarten
Deutsche Botschaft in Wien

Schon unmittelbar nach Kriegsende genoss Österreich - obwohl ebenfalls ein durch die Alliierten Mächte besetztes Gebiet - als "liberated country" (deutsch: Befreites Land, siehe auch Opferthese) eine im Vergleich zu Deutschland bevorzugte Behandlung. Es dauerte bis 1955, bis Österreich und die Bundesrepublik Deutschland wieder offiziell diplomatische Beziehungen aufnahmen und Österreich in Bonn, wo seit 1950 eine „Verbindungsstelle“ bestanden hatte, eine Botschaft einrichtete. Am 15. Mai 1955 erlangte die Republik Österreich durch den Abschluss des Staatsvertrags von Wien wieder die volle Souveränität. Einer der Kernpunkte war das Anschlussverbot, also das Verbot eines Zusammenschlusses Deutschlands und Österreichs. Deutschland hatte unter der Regierung Adenauer sowohl den Neutralitätsbeschluss, als auch die Verstaatlichung des sog. „Deutschen Eigentums“ harsch kritisiert, musste sich aber letztendlich damit abfinden. Auch hierdurch kam es zu einer Intensivierung der Österreichischen Identität. Diese war zu Beginn eher ein "Elitenpatriotismus", der sich in weiten Teilen der Bevölkerung erst im Lauf der Zeit durchsetzte.[1]

In den 60er und 70er Jahren kam es zu einer stetigen Intensivierung der bilateralen Beziehungen auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Die Bindung des Schillings an die Deutsche Mark 1976 war eine Konsequenz aus dieser engen wirtschaftlichen Verflechtung.[2]

Österreich und die DDR

Anfangs unterstützte Österreich die Politik der BRD und verweigerte der DDR zunächst noch die staatliche Anerkennung. Diese erfolgte dann jedoch bereits am 21. Dezember 1972, dem Tag der Unterzeichnung des deutsch-deutschen Grundlagenvertrags. Einen ersten Höhepunkt in den zunächst schleppend anlaufenden bilateralen Beziehungen stellte die Unterzeichnung eines Konsularvertrags im Jahr 1975 dar. Es handelte sich um den ersten derartigen Vertrag, den die DDR mit einem westlichen Staat abschließen konnte. Er erkannte die DDR-Staatsbürgerschaft - sehr zum Missfallen der BRD - ausdrücklich an. Die harsche westdeutsche Kritik konterte Bundeskanzler Bruno Kreisky, indem er klarstellte, dass man von Österreich nicht verlangen könne, in der DDR einen Staat ohne Staatsbürger zu sehen - noch dazu, wo die DDR Mitglied der Vereinten Nationen sei. Schließlich absolvierte Bruno Kreisky im Frühjahr 1978 einen offiziellen Staatsbesuch in der DDR. Aufgrund des hohen Prestige, welches der österreichische Kanzler damals international genoss, wurde dieser Staatsbesuch von der Ostdeutschen Staatsführung überaus willkommen geheißen. Zudem gab es zahlreiche gemeinsame Interessen: Beide Staaten erkannten die Schlussakte von Helsinki vollständig an, die die Grenzen im Nachkriegseuropa festschrieb - also auch die zwischen DDR und BRD. Außerdem waren beide Länder durch den Kalten Krieg betroffen. Die Österreicher sorgten sich ebenso wie die DDR um den Frieden - lagen sie doch geopolitisch gesehen in der Pufferzone zwischen den verfeindeten Blöcken.[3][4]

Deutsche Wiedervereinigung

Österreich spielte eine wichtige Rolle als Fluchthelfer von DDR Bürgern die von Ungarn aus in die BRD gelangen wollten. Zum einen bot das von Österreichern mitorganisierte „Paneuropa Picknick“ 1989 bei Sopron, die erste Fluchtmöglichkeit. Zum anderen stellte Österreich den Flüchtenden Sonderzüge der ÖBB zur Verfügung um bequem westdeutsches Gebiet erreichen zu können. Obwohl ein stets freundschaftliches Verhältnis zur DDR bestanden hatte, nahm das offizielle Österreich trotz seiner Neutralität letzten Endes eine positive Haltung zur Deutschen Wiedervereinigung ein, welche schließlich am 3. Oktober 1990 offiziell vollzogen wurde.[5]

Deutschland und die „EU-Sanktionen

Nach langen sogenannten "Sondierungsgesprächen" zeichnete sich etwa drei Monate nach der Nationalratswahl am 3. Oktober 1999 eine Koalition zwischen der Bürgerlichen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ von Jörg Haider ab. Drohungen seitens der damaligen 14 Partnerstaaten Österreichs in der EU so eine Koalition nicht kommentarlos hinzunehmen beschleunigten die Verhandlungen zwischen „Schwarz“ und „Blau“.[6]

Die teilweise unsachlich geführte Debatte darüber innerhalb der EU einerseits, Verbalinjurien Jörg Haiders gegenüber belgischen, französischen und deutschen Politikern andrerseits, führten zu bis dato einmaligen bilateralen Maßnahmen der damaligen „EU 14“ gegenüber einem Partnerland.

Es war der Versuch eine demokratisch legitimierte Regierung durch diplomatische „Schikanen“ quasi zum Aufgeben zu zwingen. Besonders „engagiert“ traten dabei Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder und Vizekanzler Joseph „Joschka“ Fischer in Erscheinung. Eine Annäherung zwischen Schröder und seinem österreichischen Pendant Wolfgang Schüssel geschah erst nach intensiven Vermittlungsbemühungen des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt. Letztendlich wurden die Maßnahmen der EU-14 nach dem Bericht der sog. „Drei Weisen“ über die politische Situation in Österreich im September 2000 wieder aufgehoben, wobei das bilaterale Verhältnis bis zum Ende der Rot-Grünen Koalition in Deutschland angespannt blieb.[7]

Partner in Europa

Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1995 hat eine qualitative Änderung des bilateralen Beziehungsgefüges und die Europäisierung des Verhältnisses mit sich gebracht. Deutschland und Österreich teilen im europäischen Integrationsprozess diverse gemeinsame Interessen. 180.000 Auslandsösterreicher leben in Deutschland, 213.000 Personen deutscher Herkunft in Österreich (Stand: 2010). Für Österreich ist Deutschland der wichtigste Handelspartner: Etwa 40 % der österreichischen Importe kommen von hier und ungefähr ein Drittel der österreichischen Ausfuhren geht nach Deutschland. Mehr als 43 % aller ausländischen Direktinvestitionen in Österreich kommen aus dem nördlichen Nachbarland, das gleichzeitig das wichtigste Zielland österreichischer Direktinvestitionen im Ausland ist. Deutsche Unternehmen sind an einer Reihe von wichtigen Unternehmen in Österreich, wie Banken, Medienunternehmen oder Supermarktketten beteiligt. Von besonderer Bedeutung für die österreichische Wirtschaft ist auch der hohe Anteil deutscher Touristen am österreichischen Fremdenverkehr: Fast die Hälfte der Nächtigungen in österreichischen Tourismusbetrieben entfällt auf deutsche Gäste.

Gleichzeitig ist Österreich mittlerweile der sechstwichtigste Handelspartner Deutschlands und der wichtigste des Freistaates Bayern. Zudem sichert u.a. auch Österreich nach der sog. „Energiewende“ die Abdeckung des deutschen Energiebedarfs im Winter mit rund 1000 Megawatt Kapazität (2012) ab.[8]

Eng ist das Verhältnis im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich: Zahlreiche Kulturschaffende und Wissenschaftler aus Österreich arbeiten permanent oder vorübergehend in Deutschland und umgekehrt.

Viele österreichische Autoren publizieren in deutschen Verlagen, zahlreiche österreichische Journalisten sind bei deutschen Medien tätig und umgekehrt. Nicht zuletzt führt auch die enge Verflechtung des österreichischen Medienmarktes mit deutschen Verlagen und die Möglichkeit, zahlreiche deutsche Fernsehkanäle im österreichischen Kabelfernsehen zu empfangen, dazu, dass die öffentliche Diskussion politischer oder sozialer Themen sehr oft in beiden Ländern parallel abläuft.

Mittlerweile spielen jedoch auch österreichische Film- und Fernsehproduktionen, sowie österreichischer Kulturexporte im Allgemeinen in Deutschland zunehmend eine Rolle.[9]

Einzelnachweise

  1. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Verfreundete Nachbarn. Deutschland – Österreich. Kerber Verlag, 2005, S. 89.
  2.  Rolf Pfeiffer: Eine schwierige und konfliktreiche Nachbarschaft - Österreich und das Deutschland Adenauers 1953 - 1963. Lit Verlag Münster - Hamburg - London, 2003, S. 19-57; 58 ff..
  3.  Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Deutschland-Österreich. Verfreundete Nachbarn. Kerber, 2005, S. 170-179.
  4. 1978 Bruno Kreisky in Ost-Berlin 1978. Abgerufen am 7. November 2012.
  5. Fall der Berliner Mauer. Abgerufen am 7. November 2012.
  6. Chronologie der Beziehungen Österreichs mit der EWG/EU.
  7.  Alexander Purger: Wolfgang Schüssel. Offengelegt. Wien 2009, S. 103-120.
  8. Deutsche sichern sich Winterstromhilfe aus Österreich. Abgerufen am 7. November 2012.
  9. Beziehungen zwischen Österreich und Deutschland. Abgerufen am 7. November 2012.

Literatur

  • Hugo Portisch: Österreich II (Band 3). Jahre des Aufbruchs - Jahre des Umbruchs; Wien 1996, ISBN 3-218-00611-2.

Weblinks