Österreichische Corps

Anders als die deutschen kennen die österreichischen Corps (die „deutschen Corps in Österreich“) nicht die Trennung von akademischen und technischen Corps. Sie sind über ihre Senioren-Convente Mitglieder des KSCV. Ihre Vergangenheit ist von der deutsch-österreichischen Geschichte nicht zu trennen. Im Jahre 2012 gibt es in Österreich sechs SC mit fünfzehn Corps.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte der österreichischen Corps

Aufgrund einer restriktiven Haltung des Staates während des Vormärz waren in Österreich-Ungarn Studentenverbindungen verboten. Erst durch Ministerialerlaß vom 31. März 1848, dessen § 6 lautete: Der Studentenschaft wird von nun an gestattet, in Verbindungen zusammenzutreten, war die Gründung von Korporationen möglich. Bereits mit der Disziplinarordnung für Universitäten vom 13. Oktober 1849, dessen § 11 lautete: Studentenverbindungen sind nicht gestattet, kehrten jedoch die alten Zustände wieder ein. Das Verbot wurde unterschiedlich stark durchgesetzt. So gab es im seinerzeit österreichischen Prag bis 1859 keinerlei studentische Korporationen, in Wien konnte die 1850 gegründete Saxonia Wien nur heimlich existieren.

Daher kann man im Vergleich zu vielen deutschen Universitätsstandorten von fünfzig Jahren fehlender Corpsgeschichte sprechen. Erst nach der Schlacht von Solferino sah sich die Obrigkeit genötigt, das Verbot zu lockern, was zahlreiche Stiftungsdaten in den 1860er Jahren erklärt.

Erste Corps

Herulia Wien war 1861 die erste als Corps erfolgte Gründung in Wien, aber weder das erste Wiener noch das erste österreichische Corps; denn die 1858 als polytechnische Burschenschaft gegründete (blaue) Teutonia Wien erklärte sich 1860 zum Corps und als pennales Corps gab es bereits 1858 Cheruscia Graz. Unter den erloschenen Corps konkurrieren noch Teutonia Wien (Corps 1860) und Teutonia II zu Innsbruck (1848). Älter als Herulia ist auch Rugia Prag.[1]

In Graz gab es vier, in Innsbruck zwei und in Wien neun Corps, die nach wenigen Jahren suspendierten, dreizehn noch in den 1860er Jahren. Zwei Wiener Corps wurden erst in den 1870er Jahren gegründet; Amelungia suspendierte 1893, Borussia (die einzige in Österreich!) 1873 nach nur einem Jahr.

Die Corpserklärung der älteren Saxonia Wien erfolgte erst 1866, als Preußen in der Schlacht von Königgrätz gesiegt und den Deutschen Bund unter Österreichs Führung aufgelöst hatte. Zusammenschlüsse von Verbindungen gab es bereits früher, z. B. Die vereinigten akademischen Verbindungen Wiens von 1862/63. Diesem Verband gehörten Danubia, Germania, Saxonia, (rote) Teutonia, Hilaria und Moravia an.[2]

Kleindeutscher Rückschlag

Melker Congress 1881

1867 werden die Kösener Aufnahmeanträge von Saxonia Wien und Teutonia Graz wohl deshalb abgelehnt, weil Corpsstudenten im Deutschen Krieg gegeneinander gekämpft hatten und die Mehrheit der deutschen Corps der Kleindeutschen Lösung zuneigte.[3]

Vom 15. bis 20. Dezember 1874 tagt in Linz eine Deputierenversammlung von elf Corps. Ergebnis ist die spontane Gründung des Verbands der Corps der österreichischen Hochschulen. Der Verband tagt erneut vom 24. bis 30. März 1877 in Linz und wird deswegen auch Linzer Deputierten-Convent genannt.[4] Vertreten sind die Corps Marchia Brünn, Joannea, Teutonia und Gothia (Graz), Rhaetia, Athesia und Gothia (Innsbruck), Schacht und Montania (Leoben), Austria und Frankonia (Prag) und Alemannia Wien. Dazu kommen Austria Brünn, Norica (Graz), Suevia, Constantia und Moldavia (Prag) und Saxonia, Danubia und Cimbria (Wien).

1878 tagt der 1. Congress aller österreichischen Corps in Melk.

1879 kommen 26 Corps, darunter die drei Czernowitzer, zum 1. Congress der Corps der österreichischen Hochschulen in Melk. Vor allem Christomannos (Gothia, Lusatia Leipzig) und Kaspar (Athesia) verhindern die Trennung von akademischen und technischen Corps wie in Deutschland.

1887 löst sich der Melker Congress auf; denn unter dem Einfluss von Georg von Schönerer wendet sich die zunehmend deutschnational und antisemitisch orientierte Jugend von den monarchisch-liberalen Corps mit ihren jüdischen Mitgliedern ab und strömt zu den Burschenschaften und wehrhaften Vereinen.[5]

Der erste österreichische SC im KSCV

Im Dreikaiserjahr 1888 zieht der SC zu Innsbruck den vom Kösener Congress bereits genehmigten Aufnahmeantrag zurück. 1898 und 1901 werden Gothia und Athesia als erste Corps, 1902 Innsbruck als erster SC in den KSCV aufgenommen. 1914 beantragen Joannea, Vandalia Graz und Suevia Prag die Aufnahme in den KSCV. Rhaetia folgte erst 1919.

Großdeutsche Lösung

Nach dem Ersten Weltkrieg erklärte die Nationalversammlung Deutschösterreich zum Bestandteil des Deutschen Reiches. Als die Triple Entente-Mächte (vor allem Frankreich) diesen Beschluss hintertrieben, machte der KSCV seinen „kleindeutschen Fehler“ wieder gut und nahm die übrigen österreichischen sowie die böhmischen und mährischen Corps auf. Ihre Wegbereiter waren Felix Busson (Joannea, Schacht), Alfred Wieser (Rhaetia, Austria Prag, Chattia Innsbruck, Frankonia Prag, Suevia Prag, Frankonia Brünn, Marchia Brünn) und Walther Hemmeter (Suevia München, Vandalia Graz, Alemannia Wien, Gothia). Ihr Kösener Fürsprecher war vor allem Gustav Gotthilf Winkel. Zum Dank erhielt er die Bänder von Rhaetia, Suevia Prag, Frankonia Brünn und Marchia Brünn.

„GeGe“ Winkel

1919 wurden der SC zu Graz mit Joannea, Vandalia und Teutonia und die jetzt „tschechischen“ SC zu Prag mit Suevia und Austria und zu Brünn mit Marchia, Austria und Frankonia in den KSCV aufgenommen. 1920 folgten der SC zu Leoben mit Montania und Schacht und der SC zu Wien mit Saxonia, Alemannia, Posonia und Symposion. Der Aufnahmeantrag der Czernowitzer Corps wurde 1926 abgelehnt.

1922 wurde das im Jahr zuvor rekonstituierte Corps Frankonia Prag in den SC zu Prag und gleichzeitig in den KSCV durch Neustiftung rezipiert. 1923 erfolgte die Aufnahme der Corps Hansea und Cheruscia Wien. Ab diesem Jahr umfasste der KSCV 24 reichsdeutsche, 4 deutschösterreichische und 3 ausländische SC (Prag, Brünn, Zürich). 1935 traten noch die Corps Erz Leoben und Hilaritas Wien den jeweiligen SC bei.

Ständestaat

Ständestaat Österreich

Über die Bedeutung der Corps im Ständestaat (Österreich) ist wenig bekannt.[6] Nach dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 mussten sie wie die deutschen Corps suspendieren.

Neuanfang

1954 werden Danubia Graz und Hellas Wien in den KSCV aufgenommen.

1965 erhält das Corps Frankonia Brünn die Rechte eines SC zu Salzburg.

Alemannia Wien verlegt 1980 nach Oberösterreich und wird mit den Rechten eines SC zu Linz ausgestattet.

1984 richtet die Arbeitsgemeinschaft österreichischer Corps die Kösener Arbeitstagung in Eberbach aus.

2002 rekonstituiert das Corps Rhaetia Innsbruck in Augsburg.

In Österreich pflegen die Hochschulen und die Korporationen akademische und gesellschaftliche Traditionen, z. B. in Leoben den Ledersprung und in der Hauptstadt den Ball des Wiener Korporationsrings.

Österreichische Vororte

Hauptartikel: Vororte des KSCV
  • 1960 Wien - Alemannia stellt mit Dieter Waibel sp. Gothiae den ersten österreichischen Vorortsprecher.
  • 1969 Graz - Zum Kösener Congress in Würzburg kommt auch der Steirische Landeshauptmann Josef Krainer senior. Vorsitzender des oKC ist Arnulf Huber Saxoniae Wien, Teutoniae Graz.
  • 1972 Innsbruck - Mit den Innsbrucker Corps und dem Vorortsprecher Christoph Rittler Athesiae reist der Rektor der Universität, der Jesuit Graf Coreth, zum oKC nach Würzburg.
  • 1975 Leoben - Der Rektor und der Chor der Montanuniversität kommen zum oKC in Würzburg. Vorortsprecher ist Lambert Prohaska-Hotze Vandaliae Graz, Montaniae.
  • 1984 Wien - Mit Adalbert von Cramer stellt Hellas den Vorortsprecher.
  • 1995 Graz - Der Congress 1995 ist die österreichische Vorortpremiere in Bad Kösen. Dietmar Preinstorfer Teutoniae Graz leitet den oKC.
  • 2001 Leoben - Erstmals stellt Erz mit Peter Berger den Vorsitzenden des oKC.
  • 2011 Wien - Den Vorortsprecher stellt das Corps Saxonia Wien

Einzelnachweise

  1. E. Bauer: Nochmals Berhard Stall. Einst und Jetzt, Bd. 9 (1964), S. 185 f.
  2. Spulak von Bahnwehr: Geschichte der aus den Jahren 1859-1884 stammenden Wiener Couleurs. Wien 1914
  3. E. Bauer 1968
  4. J. Herrlein: Corps Austria - Corpsgeschichte 1861-2001. Frankfurt am Main 2003, S. 65
  5. Walter Rabe, in: Kösener Handbuch 1985, S. 82-90
  6. Innsbrucks Korporationen im Ständestaat

Literatur

  • Richard Bayer: Das Blaue Kartell in Österreich (1864-1877-1884-1901). Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpstsudentische Geschichtsforschung 32 (1987), S. 11-55
  • Kurt Bräunlich: Die Verbände der österreichischen Corps in den Jahren 1874-1887. Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpstsudentische Geschichtsforschung 10 (1965), S. 83-101
  • Kurt Bräunlich: Die österreichischen Corps 1887-1902. Einst und Jetzt 14 (1969), S. 76-88
  • Robert Hein: Die österreichischen Studentenverbindungen und die Deutsche Frage 1859–1866. Einst und Jetzt 8 (1963), S. 36–44
  • Walter Rabe: Österreichs kaisertreue Corps der Ersten Republik. Einst und Jetzt 23 (1978), S. 11-47
  • Walter Rabe: Das Wiener Corps Herulia 1861/62. Einst und Jetzt 26 (1981), S. 89-109
  • Fritz Ranzi: Die SC-Verbände der Vorkösener Zeit in Österreich. Einst und Jetzt 1 (1956), S. 61-76
  • Fritz Ranzi: Übersicht über die bestehenden und suspendierten Kösener und vorkösener Corps in Österreich. Einst und Jetzt 5 (1960), S. 114-117
  • Fritz Ranzi: Corps und Burschenschaft in Österreich im Wandel der Ideen. Einst und Jetzt 6 (1961), S. 73 ff.
  • Adolf Siegl: Der Corpsphilister-Verband im tschechoslowakischen Staat. Einst und Jetzt 14 (1969), S. 160-162
  • Ernst Stade: Die sudetendeutschen Corps. Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 4. Ausgabe (1953), S. 119-124
  • Rudolf Wagner: Die corpsstudentische Wurzel des Czernowitzer Korporationslebens. In: Deutsches Pennälertum in Czernowitz. Regensburg 1991
  • Alfred Wieser: Die deutschen Corps in Österreich. Deutscher Corpsverlag, Innsbruck 1919

Weblinks