Österreichischer Cartellverband

Der Österreichische Cartellverband (ÖCV) ist ein Dachverband von katholischen, nichtschlagenden, farbentragenden Studentenverbindungen in Österreich. Entstanden ist der ÖCV am 10. Juli 1933 durch die Abspaltung vom Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV). Der Österreichische Cartellverband hat 48 Mitgliedsverbindungen in Österreich, eine in Südtirol sowie sieben befreundete Verbindungen in Österreich, Syrien, der Slowakei, Tschechien, Italien, Frankreich und Japan. Diese 56 Verbindungen haben zusammen rund 13.000 Mitglieder.

In Österreich wird der Verband meistens nur als Cartellverband bzw. CV bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Organisation

Der ÖCV ist ein Zusammenschluss einzelner Verbindungen unter Wahrung des Subsidiaritätsprinzipes, das heißt größtmöglicher Beibehaltung ihrer Eigenständigkeit. Alle Mitgliedsverbindungen des ÖCV sind gleichberechtigt und haben auf Sitzungen das gleiche Stimmrecht. Lediglich für den „protokollarischen“ Ablauf gilt das Anciennitätsprinzip, wobei die Verbindungen nach ihrem Beitrittsdatum sortiert werden, die sogenannte Amtliche Reihenfolge.

Entsprechend der Organisation der Verbindungen ist auch der ÖCV gegliedert: es gibt den aus der Aktivitas bestehenden ÖCV-Studentenverband und die aus den jeweiligen Altherrenschaften gebildete Altherrenschaft des ÖCV, die großteils aus Akademikern besteht.

In Städten, in denen es mehrere Mitgliedsverbindungen gibt, haben die ansässigen Verbindungen Ortsverbände gegründet, die die Arbeit der Verbindungen untereinander koordinieren sollen. Es gibt insgesamt 7 Ortsverbände:

  • Grazer Cartellverband (GCV), 6 Verbindungen
  • Innsbrucker Cartellverband (ICV), 6 Verbindungen
  • Leobener Cartellverband (LCV), 2 Verbindungen
  • Linzer Cartellverband (LiCV), 2 Verbindungen
  • Salzburger Cartellverband (SCV), 3 Verbindungen
  • Wiener Cartellverband (WCV), 22 Verbindungen
  • Wiener Neustädter Cartellverband (NCV), 3 Verbindungen.

Dabei ist eine Verbindung des WCV in Klosterneuburg ansässig, eine des NCV in Baden bei Wien.

Oberstes beschlussfassendes Organ ist die Cartellvollversammlung (C.V.V.). Einzelne Sitzungen finden nach Studentenbund und Altherrenbund getrennt statt. Hier hat jede Aktivitas beziehungsweise jede Altherrenschaft eine Stimme. Bei gemeinsamen Sitzungen von Aktiven und Alten Herren hat jede Verbindung zwei Stimmen, je eine für die Altherrenschaft und eine für die Aktivitas.

Im jährlichen Wechsel übernimmt eine Verbindung (u. U. auch ein Ortsverband) den Vorort, d. h. den Vorsitz im ÖCV. Das Vorortspräsidium besteht aus dem Vorortspräsidenten, seinen zwei Vertretern und weiteren Fachreferenten. Der Vorort vertritt auf Feierlichkeiten den Gesamtverband und führt dabei die ÖCV-Standarte bei sich. Außerdem steht das Vorortspräsidium dem Studentenverband vor.

Der Cartellverband ist Herausgeber der eigenen Verbandszeitschrift der "Österreichischen" Academia, die im zweimonatigen Rhythmus erscheint. Die über 100 Seiten starke Zeitschrift wurde 1888 gegründet und erscheint 2006 im 118. Jahrgang. Die Auflage wird mit 31.974 Exemplaren im Jahr 2005 angegeben. Es werden neben den üblichen Mitteilungen zum Verband auch umfangreiche Beiträge zu Staat, Gesellschaft und Wissenschaft veröffentlicht.

Geschichte

Gründung

Im Rahmen des Kulturkampfes, in dem gerade der preußische Staat den Einfluss der katholischen Kirche zurückdrängen wollte, wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung der katholischen Studenten an verschiedenen Universitäten katholische Verbindungen gegründet, u. a. die Bavaria Bonn (1844) und die Aenania München (1851). Diese Verbindungen gingen aus lockeren Zusammenschlüssen katholischer Studenten hervor, die bereits etwas früher unter Mitwirkung von Theologiestudenten entstanden waren. Sie lehnten sich in der inneren Verfassung und im äußeren Habitus an das herkömmliche Couleurstudententum an und führten das Lebensbundprinzip ein, erklärten die Convente zum höchsten Entscheidungsgremium und trugen Couleur, also Band und Mütze.

Die 1851 gegründete Aenania München suchte bereits früh den Kontakt zu katholischen Verbindungen an anderen Hochschulen. So ging man am 6. Dezember 1856 ein Cartellverhältnis mit der gerade gegründeten Winfridia Breslau (heute Münster) ein, was heute als Geburtsstunde des Cartellverbandes angesehen wird. 1864 traten Guestfalia Tübingen und Austria Innsbruck bei. Nach dem Scheitern des Würzburger Bundes, der von 1864 bis 1865 bestanden hat, trat 1865 auch die bereits 1844 gegründete, älteste katholische Verbindung, Bavaria Bonn bei, 1871 Alsatia, später Saxonia Münster und Markomannia Würzburg. 1873 traten Hercynia Freiburg im Breisgau, 1876 Suevia Berlin, 1880 Rhenania Marburg und Burgundia Leipzig (heute Düsseldorf) bei.

In den Anfangsjahren stießen die CV-Verbindungen auf erheblichen Widerstand der etablierten Corps und Burschenschaften sowie der Universitätsverwaltungen, was teilweise zum Verbot des Farbentragens und sogar zur Auflösung der Alsatia Münster, später Saxonia Münster, 1878 führte. Trotzdem wuchs der CV in den folgenden Jahrzehnten.

1883 traten Norica Wien, Hasso-Rhenania Gießen und Silesia Halle bei. 1884 traten Badenia Straßburg (heute Frankfurt) und Palatia Göttingen dem Cartellverband bei. In 1887 trat Arminia Heidelberg bei und in 1889 trat Carolina Graz bei. 1891 traten Teutonia Fribourg (der Schweiz) und Alemannia Greifswald (heute Greifswald und Münster) bei und wurde Normannia Karlsruhe als befreundete Verbindung anerkannt, 1892 traten Gothia Erlangen und 1896 Ferdinandea Prag (heute Heidelberg) bei. 1897 traten Vindelicia München, Rheno-Guestfalia Kiel und Tuiskonia Königsberg (heute Bonn) bei und Lovania Löwen und K.D.St.V. Nassovia Darmstadt wurden als befreundete Verbindungen anerkannt. 1898 trat Franconia Aachen bei.

Weitere katholische Dachverbände

Seit seiner Gründung hatte sich der Cartellverband zunächst darauf beschränkt, an jeder Universität nur eine Mitgliedsverbindung aufzunehmen (Singularitätsprinzip). Allerdings entstanden in vielen Städten schnell weitere katholische Verbindungen, die sich zu den Grundsätzen des CV bekannten. Da ihnen die Aufnahme in den Cartellverband verwehrt blieb, gründete sich 1891 um die Sauerlandia Münster und die Novesia Bonn herum der Katholische Deutsche Verband farbentragender Studentenkorporationen (KDV). Obwohl das Singularitätsprinzip bereits 1897 aufgegeben wurde, traten die Mitgliedsverbindungen des KDV erst zwischen 1910 und 1912 zum CV über. Mit der Abschaffung des Singularitätsprinzips wurden die Ortsverbände gegründet, in denen die einzelnen Verbindungen einer Stadt zusammengefasst wurden.

Der Cartellverband schrieb seinen Mitgliedsverbindungen des Weiteren das Maturitätsprinzip vor, das heißt, alle Mitglieder einer CV-Verbindung sollten das Abitur (Matura) haben. Das Abitur war zu diesem Zeitpunkt allerdings keine zwingende Zugangsvoraussetzung für ein Studium an einer Technischen Hochschule, so dass die Normannia Karlsruhe (an der damaligen Technischen Hochschule Karlsruhe), die Nassovia Darmstadt (an der damaligen Technischen Hochschule Darmstadt) und die Rheno-Saxonia Köthen (am damaligen Höheren technischen Institut in Köthen) vorerst nicht als Vollmitglied in den CV aufgenommen wurden. Sie gründeten den Starkenburger Cartellverband, benannt nach der Starkenburg in Heppenheim, auf der am 12. Juni 1897 die offizielle Publikation stattfand. Da die drei Verbindungen bald das Maturitätsprinzip übernahmen, wurden sie 1901 Freie Vereinigungen und 1904 Vollmitglieder im CV.

Weitere kleinere Verbände, die ähnliche oder gleiche Prinzipien wie der Cartellverband hatten und sich dem Cartellverband um die Jahrhundertwende anschlossen, waren 1896 das von Austria Wien 1889 gegründete 1. Österreichische Cartell, sowie 1906 das ebenfalls von Austria Wien 1900 wieder begründete 2. Österreichische Cartell, sowie 1907 das Cartell katholischer Verbindungen an Tierärztlichen Hochschulen und das von Ripuaria Bonn gegründete Verband Katholischer Studentenvereine. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte das Cartell katholischer Verbindungen an Landwirtschaftlichen Hochschulen.

Der akademische Kulturkampf

Diesen Aufschwung nahm der CV trotz und gerade auch wegen erheblicher Widerstände gegen katholisches Farbenstudententum. Der Vorwurf lautete, dass durch katholische bzw. konfessionelle Verbindungen die akademische Freiheit gefährdet werde. Man verdächtigte sie des Ultramontanismus und bezichtigte sie der Reichsfeindschaft.

Während im Kulturkampf (1872–1887) die wenigen Verbindungen des CV noch kaum eine Rolle gespielt hatten, änderte sich dies in den Auseinandersetzungen im sogenannten Akademischen Kulturkampf in den Jahren nach der Jahrhundertwende. Einen schweren Stand hatten z. B. die Sugambria Jena (heute Göttingen) und besonders die österreichischen Verbindungen gegenüber den dortigen nationalen und freiheitlichen Verbindungen.

Erster Weltkrieg

Geografische Übersicht von allen Cartellverbindungen vor dem Ersten Weltkrieg (1913) (eingetragen in eine Europakarte mit aktuellen Grenzen)

Dieser Zustand des Widerstandes änderte sich durch den Ersten Weltkrieg. Im Juli 1914 zählte der CV in 80 Verbindungen 12.398 Urmitglieder, von denen während des Ersten Weltkrieges 7.199 einberufen wurden. Davon fielen oder starben an Kriegsfolgen 1282, das sind knapp mehr als 10 Prozent aller Mitglieder.

Das Ende des Krieges brachte aber starke Veränderungen für den CV. Der Verband bestand nunmehr innerhalb der Grenzen sieben verschiedener Staaten. Beherrschend für die aus dem Kriege heimkehrenden Cartellbrüder, die vielfach in Freikorps gegen die Spartakisten weiterkämpften, war jedoch das gemeinsame Fronterlebnis. Aus ihm ging überall ein aufrichtiger Wille zum Neubeginn hervor.

Deutlichen Ausdruck fand die Beendigung der Vorkriegsspannungen mit den nichtkonfessionellen Verbänden im Abschluss des Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen im Jahre 1921. Damit war der Ehrenstandpunkt der nichtschlagenden von den waffenstudentischen Verbänden als gleichwertig anerkannt.

Der Weiße Ring

Der Weiße Ring war eine couleurstudentische Interessengemeinschaft innerhalb des Cartellverbandes, die offiziell von 1908 bis 1923 existierte. Mitgliedsverbindungen waren die Bavaria Bonn, die Burgundia München, die Ripuaria Freiburg im Breisgau und die Zollern Münster. Des Weiteren gab es weitere sympathisierende Verbindungen, wie zum Beispiel die Guestfalia Tübingen oder die Marco-Danubia Wien.

Auf der Cartellversammlung im Jahr 1912 wurde das cartellbrüderliche „Du“ verpflichtend für alle Verbindungen des Cartellverbandes eingeführt. Das fand nicht ungeteilte Zustimmung, weil es damals üblich war, Mitglieder von Verbindungen anderer Dachverbände mit „Sie“ anzusprechen. Da der Cartellverband nach der Aufgabe des Singularitätsprinzips seit der Jahrhundertwende von nur 26 Verbindungen auf über 80 angewachsen war, kam in einigen Verbindungen die Frage auf, ob es vorteilhaft sei, gänzlich unbekannte Cartellbrüder zu duzen.

Da eine Ablehnung des Duz-Comments einen Ausschluss der betreffenden Verbindungen zur Folge gehabt hätte, beschlossen die Mitglieder des Weißen Rings, außenstehende Cartellbrüder zwar zu duzen, sich untereinander aber mit „Sie“ anzusprechen. Ein weiteres äußerliches Erkennungsmerkmal war das Tragen einer weißen Nelke.

Auf der Cartellversammlung im Jahr 1923 wurde den Mitgliedern des Weißen Rings offiziell der Siez-Comment verboten.

Die Zeit zwischen den Weltkriegen

Erste Republik

In dieser vom ständigen Kampf zwischen den beiden großen Lagern geprägten Epoche standen viele CVer, ihrer katholischen Herkunft zufolge, im Dienste der Christlichsozialen Partei. Zahlreiche Politiker dieser Zeit waren Mitglieder im Cartellverband, wie etwa Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg. Vor allem über Engelbert Dollfuß gehen bis heute die Meinungen auseinander. Während Dollfuß von Seiten seiner Befürworter immer noch als „Heldenkanzler“ und „Märtyrer“ verehrt wird, der als einziger gegen die Nazis Stellung bezogen hätte und damit auch mit seinem Leben bezahlte, bezeichnen ihn andere als „Diktator“, „Arbeitermörder“ und „Faschist“.

Vereinzelte Bestrebungen, Juden aus den Verbänden auszuschließen hatten keinen Erfolg. 1920 stellte Dollfuß als Vertreter der Wiener Verbindung Franco-Bavaria auf der 21. Cartellversammlung 1920 des „Cartellverband (C.V.) katholischer deutscher Studentenverbindungen“ ohne Erfolg den Antrag, nur Studenten „deutsch-arischer Abstammung, nachweisbar bis auf die Großeltern“, in den Reihen einer katholischen Verbindung zu dulden.[1] Im Wintersemester 1920/1921 wurde der ausformulierte Antrag den Mitgliedsverbindungen zur endgültigen Abstimmung zugesandt. Der Antrag wurde damals von der Mehrheit der stimmberechtigten Verbindungen abgelehnt. Nach 1921 wurde der Cartellversammlung kein weiterer „Arierparagraph“ zur Abstimmung vorgelegt. Die ausdrückliche Verurteilung des Antisemitismus durch das Heilige Officium am 25. März 1928 dämmte entsprechende Bestrebungen etwas ein.[2][3]

Dennoch konnte Emmerich Czermak (Nordgau Wien), christlichsozialer Unterrichtsminister und 1934 letzter Obmann der Christlichsozialen Partei, anlässlich einer Schulungstagung für junge ÖCV-Funktionäre 1936 sagen: „Die Judenfrage existiert daher sicherlich auch für uns CVer, aber wir haben sie im CV gelöst (…): wir sind judenrein. Bei uns ist der Arierparagraf erfüllt (…). Für uns war es immer selbstverständlich, dass Halbjuden und jüdisch Belastete nicht in unsere Reihen gehören. Der sogenannte Rassenstandpunkt ist also durch uns praktisch richtig gehandhabt worden. (…) Der Jude, der Katholik geworden ist, wird es sein Leben lang ertragen müssen, nicht in allen Belangen, insbesondere nicht als Volksgenosse Anerkennung zu finden.“ (E. Czermak, Der CV und die Judenfrage, in: Robert Krasser 1936, S. 61 f).

Innerhalb des Österreichischen Cartellverbandes gab es antisemitische Haltungen, die einzelnen Mitgliedern oder Verbindungen angelastet wurden. Der Verband selbst war in seinen Statuten jedoch formal nie antisemitisch ausgerichtet. Spätestens 1935 schlug der bestehende Antisemitismus in Gewalt um, als es in der Universität Wien zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern des ÖCV und jüdischen Verbindungsstudenten kam. Diese Ereignisse wurden daraufhin im offiziellen Mitteilungsblatt des Österreichischen Cartellverbands besprochen (Academia 9/1935 S.5).

Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist problematisch, da es innerhalb des Cartellverbandes sowohl Befürworter als auch Gegner der damaligen Politik gab. Der Psychologe und Schriftsteller Wilfried Daim, selbst Mitglied des Österreichischen Cartellverbands, merkte 1968 an: „Und so haben wir bis heute mit Antisemitismus in unseren Reihen zu kämpfen, mit einem schleichenden Deutschnationalismus, der immer noch die Deutschen für etwas besseres hält als den Rest der Welt und von der österreichischen Nation nichts wissen will.“

Gründung des Österreichischen Cartellverbandes

Auf der Cartellversammlung 1932 beschloss man, dass die Mitgliedschaft im CV mit einer Mitgliedschaft in der NSDAP oder dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund unvereinbar seien, solange die deutschen Bischöfe den Nationalsozialismus verurteilten. Bereits ein Jahr später wurde aber das strikte Verbot der Parteizugehörigkeit in Folge des Reichskonkordats zurückgenommen. Ab 1933 begann in Deutschland der Prozess der Gleichschaltung mit Einführung des Führerprinzips und der daraus resultierenden Annäherung an den Nationalsozialistischen deutschen Studentenbund.

Die Vorgänge veranlassten die österreichischen Studentenvertretungen aus der gesamtdeutschen Studentenschaft auszutreten. Die österreichischen Verbindungen wurden aufgefordert, Bundeskanzler Dollfuß und Heeresminister Vaugoin sofort auszuschließen. Die österreichischen CV-Korporationen verweigerten diesen Befehl und stellten sich auf den Standpunkt, Österreich wäre eine unabhängige Nation und die Aufforderung eine Zumutung. In einem Akt der Solidarität nahmen viele österreichischen Verbindungen Dollfuß als Ehrenmitglied auf. Als Reaktion darauf erklärte die gleichgeschaltete Verbandsführung in Berlin am 9. Juli Dollfuß und sämtliche dem CV angehörigen Mitglieder der österreichischen Regierung als aus dem CV ausgeschlossen. Die österreichischen Verbindungen stellten klar, dass diese Anweisung nur für die Verbindungen im Deutschen Reich gelten könne; sie trennten sich daher zum 10. Juli 1933 vom reichsdeutschen CV ab und begründeten dies mit der „Bestellung neuer Führer seitens verbandsfremde Stellen für den CV sowie deren den Grundsätzen und dem Geist des CV widersprechenden Verfügungen“[4]. Neuer Vorort wurde am 15. Juli Norica Wien.

So entgingen die CV-Mitgliedsverbindungen im damals noch souveränen Österreich der Gleichschaltung, indem sie aus dem Cartellverband austraten und den Österreichischen Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen gründeten.

Austrofaschismus (Ständestaat)

In der Phase des Austrofaschismus von 1933 bis 1938 nahm der Österreichische Cartellverband eine wichtige Rolle ein. Dem diplomierten Historiker und Politologen Stephan Neuhäuser zufolge „unterstützten mindestens 37 % aller studierenden Mitglieder des ÖCV in verschiedenen Wehrformationen Bundesheer und Heimwehr während der Februarereignisse 1934 (…) In Graz beteiligten sich 70 % der aktiven ÖCVer auf Seiten der Regierungstruppen und Heimwehren, in Leoben 45 %, in Wien 33 % und in Innsbruck 29 %. Die größten Kontingente stellten Babenberg Graz (40), Carolina Graz (40), Austria Wien (53), Austria Innsbruck (49), Norica Wien (64) und Rudolfina Wien (54)“.[5] Nach dem Februar übernahm die dem ÖCV nahe stehende Akademikerhilfe die zuvor sozialistischen Akademikerheime in der Säulengasse 18 sowie der Billrothstraße 9 in Wien.

Der Anteil von ÖCVern in verschiedenen Gremien des Ständestaats war sehr hoch. Im Bundesrat lag er bei 90 Prozent. Mit Otto Kemptner wurde ein Bundesbruder von Engelbert Dollfuß mit dem Aufbau der Vaterländischen Front beauftragt. Für Mitglieder des ÖCV bestand ab 1933 Beitrittspflicht. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß sorgte dafür, dass junge Akademiker, die dem ÖCV angehörten, schnell zu Spitzenpositionen in Politik und Verwaltung vordringen konnten. Im Gegenzug wurde dem Regierungschef ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Ämtern innerhalb des ÖCV eingeräumt.

In der Regierung Dollfuß I gehörten sechs von zehn Ministern dem Verband an, nach drei Regierungsumbildungen waren es schließlich acht von zehn. Die Regierung Dollfuß II, die die Niederschlagung der Aufstände im Februar 1934 im Rahmen des Österreichischen Bürgerkriegs zu verantworten hatte, bestand überwiegend aus Mitgliedern des ÖCV, in der nunmehrigen Diktatur unter Dollfuß waren immerhin noch sechs von 13 Ministern Korporierte.

Nachdem Dollfuß im Zuge des Juliputsch 1934 von SS-Männern im Bundeskanzleramt erschossen wurde, hieß es in einem Mitteilungsblatt im Juni 1935: “Einer der besten des CV, unser verewigter Kanzler Dr. Dollfuß“. Noch 1937 konnte man dort Lesen: “Die Dollfußstraße ist keine andere als die traditionelle CV-Straße.“

Engelbert Dollfuß war bis zu seinem Tod Ehrenmitglied in 16 ÖCV-Verbindungen, sein Nachfolger Kurt Schuschnigg brachte es auf neun Ehrenmitgliedschaften.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Im kurzlebigen nationalsozialistischen Marionettenkabinett Seyß-Inquart von 1938 befanden sich zwei Mitglieder des CV: Oswald Menghin (Unterrichtsminister) und Wilhelm Wolf (Außenminister). Beide gelten im ÖCV als „Märzveilchen“, also als Verräter, deren wahre Gesinnung im März '38 „aufgeblüht“ sei; sie wurden aufgrund ihres Verhaltens aus dem ÖCV ausgeschlossen.

Nach dem „Anschluss“ wurde der Österreichische Cartellverband von den Nationalsozialisten verboten. Viele Mitglieder des Österreichischen Cartellverbandes, die sich während des Austrofaschismus politisch engagierten, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus selbst zu politisch Verfolgten. So waren unter den Teilnehmern der Rosenkranz-Demonstration am 7. Oktober 1938 in Wien ein nicht unbedeutender Anteil von Mitgliedern des verbotenen ÖCV. In sogenannten „Prominententransporten“ gehörten sie mit zu den ersten, die ins Konzentrationslager deportiert wurden, vorwiegend landeten sie im KZ Dachau. Eine Verbindung des ÖCV, die K.Ö.H.V. Alpinia Innsbruck, wurde während des Zweiten Weltkrieges am 1. Mai 1940 als Widerstandsverbindung gegründet.

ÖCVer, die sich mit dem neuen System anfreundeten, wurden deswegen aus dem Verband ausgeschlossen. Etwa befanden sich 1938 in der nationalsozialistischen Marionettenregierung unter Arthur Seyß-Inquart mit Wilhelm Wolf und Oswald Menghin zwei ÖCVer. Menghin wurde wegen seines Verbleibens in der NS-geführten Regierung von seiner Verbindung „unehrenhaft“ entlassen. Gegen Wolf lief ein selbiges Verfahren - dessen Abwicklung durch das Versammlungsverbot erschwert wurde - als er bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam. Auch Taras Borodajkewycz gehörte dem ÖCV an. Der Welthandelprofessor der in den 60er Jahren durch antisemitische Agitationen auf Hochschulboden Aufsehen erregte, wurde allerdings bereits 1945 von seiner ÖCV-Verbindung ausgeschlossen. Auch wenn er ein Beispiel für ein Mitglied des Cartellverbandes ist, der weder mit dem austrofaschistischen Regime, noch mit den Nationalsozialisten sonderliche Berührungsängste hatte, ist er ebenso ein Beispiel für die frühe und strikte Entnazifizierung (Ausschlussgrund: Mitgliedschaft in der NSDAP) im ÖCV.

25 Mitglieder wurden zu Opfern des Nationalsozialismus, unter anderem folgende bekannte Persönlichkeiten:

Nachkriegszeit bis heute

Nach dem Kriegsende erfolgte die Wiederbegründung der einzelnen Verbindungen. 1945 änderten die österreichischen Verbindungen, die das Kürzel Katholische Deutsche Studentenverbindung (K.D.St.V.) in ihrem Namen führten, es in Katholische Österreichische Studentenverbindung (K.Ö.St.V) um. Nach dem Krieg erfolgte auch die Wiederbegründung des ÖCV, der seinen Namen offiziell auf Cartellverband der katholischen österreichischen Studentenverbindungen änderte.[6] Der Name Österreichischer Cartellverband wird aber weiterhin genutzt.

Der Österreichische Cartellverband wurde von den Besatzungsmächten als Opfer des Nationalsozialismus eingestuft. Vergessen wurde dabei, dass einige ÖCVer ihre Beamtenposten wieder zurückbekamen, obwohl sie diese erst während der Zeit des Ständestaates erhielten, als die Mitglieder der SDAP und andere Regimekritiker ihrer Ämter enthoben wurden.

Vor allem die gelungene Entnazifizierung des ÖCV wurde von den Alliierten begrüßt. So musste ein ÖCVer drei Unterschriften von bereits entnazifizierten Bürgen beibringen, die an Eides statt aussagten, dass der Betroffene kein Mitglied der NSdAP gewesen war, um weiterhin Mitglied im ÖCV bleiben zu können; später genügte jedoch das Wort eines Bürgen. Alle ÖCVer, die Mitglied der NSdAP oder anderer nationalsozialistischer Vereinigungen gewesen waren, wurden ausnahmslos aus dem Verband ausgeschlossen. Insbesondere das Engagement bei der Befreiung Innsbrucks und in der Standarte 105 kam den ÖCVern zugute.

Eine Wiedervereinigung von CV und ÖCV fand nach dem Zweiten Weltkrieg nicht statt und wird derzeit auch nicht erwogen. Beide Verbände pflegen ein enges Freundschaftsverhältnis und betrachten sich als Schwesterverbände. Dazu ist am 5. Dezember 1957 das Salzburger Zwei-Verbändeabkommen zwischen beiden Korporationsverbänden geschlossen worden.

Weiters haben CV und ÖCV gemeinsam mit dem Schweizerischen Studentenverein (SchwStV) am 10. Februar 1963 das Innsbrucker Drei-Verbändeabkommen geschlossen, das die individuellen Verbändeabkommen mit einerseits dem CV, das Bregenzer Zwei-Verbändeabkommen von 5. Jänner 1953, und anderseits dem SchwStV, das Zürcher Zwei-Verbändeabkommen von 13. Februar 1947, ersetzt.

In der Politik des Nachkriegs-Österreich spielten auf Seiten der ÖVP ÖCVer eine wesentliche Rolle. Prominente Vertreter waren unter anderem die vier aufeinander folgenden Bundeskanzler Leopold Figl, Julius Raab (beide an den Verhandlungen zum Österreichischen Staatsvertrag beteiligt), Alfons Gorbach und Josef Klaus. Im Zuge des Falls des Eisernen Vorhangs und des Beitritts Österreichs zur EU kam Alois Mock eine entscheidende Rolle zu.

Auch in der Studentenpolitik spielte der Cartellverband immer wieder eine Rolle. Mit dem Wahlblock und später als ÖSU (Österreichische Studenten Union, heute Teil der AktionsGemeinschaft) wurden viele Jahre hindurch die Hochschülerschaftswahlen gewonnen. Mit Beginn der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre und der Einführung des (gebühren-)freien Hochschulzuganges 1972 verlor der ÖCV zum Teil seine Bedeutung an den Universitäten. Vor dem Hintergrund der Studentenunruhen und des allgemeinen Reformeifers wurde die Aufnahme von Frauen und nichtkatholischen Christen ebenso diskutiert wie die Aufgabe von Formalien und Organisationsstrukturen.

Weitere Verbändeabkommen wurden abgeschlossen mit dem Mittelschüler-Kartell-Verband der katholischen, farbentragenden Studentenkorporationen Österreichs (MKV), mit dem Akademischen Bund katholisch-österreichischer Landsmannschaften (KÖL), mit dem Kartellverband katholischer nichtfarbentragender akademischer Vereinigungen Österreichs (ÖKV), mit dem Katholiek Vlaams Hoogstudentenverbond (KVHV), mit der Vereinigung christlicher Studentinnenverbindungen in Österreich (VCS) und mit dem Katholischen Familienverband Österreichs (KFÖ).

1975 war der ÖCV Mitbegründer des Europäischen Kartellverbands der christlichen Studentenverbände (EKV). 20 Jahre später war mit Außenminister Alois Mock ein ÖCVer an den Beitrittsverhandlungen Österreichs zur Europäischen Union beteiligt, wofür er vom ÖCV mit dem Wollek-Band ausgezeichnet wurde.

Des Weiteren ist der ÖCV Mitglied in mehreren Arbeitsgemeinschaften, etwa in der Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände Österreichs (AKV), im Pax Romana - International Catholic Movement for Intellectual and Cultural Affairs (ICMICA) und im Österreichischen Jugendherbergswerk (SHW).

Vom 25. bis 28. Mai 2006 fand erstmals seit 1932 anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Cartellverbandes in München wieder eine gemeinsame Cartellversammlung, die 120., von CV und ÖCV statt.

Prinzipien und Ziele

Prinzipien

Die gemeinsame Basis für alle Cartellbrüder (Mitglieder der Studentenvereinigungen im ÖCV) sind eine in vier Prinzipien gegliederte Lebenseinstellung:

  • Religio: Die Förderung des katholischen Seins, die Förderung der Toleranz der christlichen Konfessionen untereinander und die aktive Gestaltung des eigenen Lebens aus dem katholischen Glauben in Verantwortung vor Gott, den Menschen und der Schöpfung.
  • Scientia: Für den CV ist die Pflege der Wissenschaft eine wichtige Aufgabe, der er sich verpflichtet fühlt. Dazu gehört für die Cartellbrüder ein erfolgreicher Studienabschluss, begleitet von weiteren sozialen und ethischen Qualifikationen. Über das Studium hinaus ist die lebenslange Weiterbildung ein zentraler Bestandteil der Tätigkeit der Verbindungen des ÖCV.
  • Amicitia: Als prägendes Element des Verbandes ist die persönliche Freundschaft quer durch alle Generationen als Lebensbundprinzip eine Selbstverständlichkeit, die über das Studium hinaus geht. Der Umgang miteinander ist von der Verantwortung für diese lebenslange geistige und materielle Verpflichtung geprägt.
  • Patria: Jeder demokratische Staat lebt durch die Verantwortung eines jeden Bürgers für den Staat. Die aktive Mitgestaltung auf allen Ebenen des Gemeinwesens ist eine Bürgerpflicht. Die Verwurzelung in der Geschichte und die demokratische Entwicklung Österreichs sind wesentliche Grundlage für die Weiterentwicklung dieses Gemeinwesens zu einem vereinten Europa als gemeinsames Vaterland.

Diese vier Prinzipien sind nochmals explizit in den Satzungen der meisten Mitgliedsverbindungen festgehalten.

Ziele

Die Ziele des Cartellverbandes sind folgende:

  • Der CV fördert akademische Ausbildung und fördert in vielfältiger Weise das akademische Leben.
  • Die Mitglieder der Vereinigungen, die dem Cartellverband zusammengeschlossen sind, sind Katholiken; sie engagieren sich in Kirche, Staat, Gesellschaft, Hochschulen und Universitäten.
  • Der CV als Organisation und die Mitglieder der in ihm organisierten Vereinigungen gestalten die Gesellschaft im gemeinsamen, zusammenwachsenden Europa im Sinne der christlichen Grundwerte.

Wahlspruch, Wappen und Bundeslied

Wahlspruch

Der Wahlspruch des ÖCV (wie auch des deutschen CV) stammt von dem lutherischen Theologen Rupertus Meldenius und lautet: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas („Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber die Nächstenliebe“).

Wappen

Das Wappen des Cartellverbandes wurde angenommen auf die Cartellversammlung zu Innsbruck 1925, und wurde im Jahre 1921 von Joseph Weiß (Aenania München) entworfen und von Philipp Schumacher (A.V. Austria Innsbruck) gestaltet.

Blasonierung des Wappens:

Der Schild ist geteilt in Gold und Rot; In Gold ein wachsender schwarzer Adler mit weißem Brustschild, darin in Rot das alte Christuszeichen; In Rot auf grünem Hügel ein weißer Zinnenturm, beseitet von zwei goldenen Sternen.

Stechhelm, daraus wachsend ein Scholar mit grünem Gewand mit weißem Göller und goldenen Besatz. Er trägt an der Rechten das Pennale, an der Linken das Rapier. Der Scholar hält in der Rechten die weiße CV-Fahne mit dem alten CV-Abzeichen im Eck (goldenes Kreuz mit rotem Herzschild, worin das schwarze CV, umgeben von grünem Kranze) und in der Linken ein rotes, goldbeschlagenes Buch.

Decken: links grün-silber; rechts rot-gold. Das Ganze ist umschlungen von einem weißen Band mit dem Wahlspruch des CV in schwarzer Fraktur „In necessariis unitas, in dubis libertas, in omnibus caritas“.

Bundeslied

Das Bundeslied des Cartellverbandes ist Auf des Glaubens Felsengrunde und wurde von Peter Diem, Mitglied der K.Ö.St.V. Rudolfina Wien, geschrieben.

Soziales Wirken

Im Lauf seiner Geschichte hat der ÖCV auf vielfältige Weise karitatives Wirken gezeigt. Für die Aktion Nachbar in Not wurden 200t Lebensmittel gespendet, die Aktion Licht ins Dunkel entstand auf Initiative des ÖCVers Kurt Bergmann. Ebenso engagieren sich viele Mitglieder in Projekten der Caritas oder anderen Hilfsprojekten. Für ÖCVer gilt das Prinzip der christlichen Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, fußend auf dem Grundwert „Religio“.

Mitgliedsverbindungen

Eine aktuelle Liste aller Mitgliedsverbindungen, nach Städten gegliedert, ist hier zu finden: Liste der Mitgliedsverbindungen des ÖCV.

Eine Aufzählung der Verbindungen mit eigenem Wikipedia-Eintrag findet sich in der Kategorie:CV-Verbindung

Ehrungen

Der ÖCV verleiht als Auszeichnungen für Verdienste um den Verband und seine Prinzipien:

Prominente Mitglieder

Eine Aufzählung bekannter Cartellbrüder mit eigenem Wikipedia-Eintrag findet sich in der Kategorie:Korporierter im CV

Immer wieder waren und sind Mitglieder von ÖCV-Verbindungen in hohen politischen und wirtschaftlichen Funktionen tätig bzw. bekleiden höhere Ämter in Österreich:

Politik

Öffentliche Verwaltung

Kirche

Medien

Wissenschaft und Forschung

Wirtschaft

Kritik

Hinweis: Der Eintrag Studentenverbindungen erläutert die häufig auftauchenden Kritikpunkte ausführlich.

Netzwerk

Ein häufig angesprochener Kritikpunkt ist, dass der Sinn von Studentenverbindungen primär im Aufbau von Seilschaften bestehe. Im Gegensatz etwa zu politischen Parteien, Freiwilliger Feuerwehr, Kirche, Gewerkschaft und anderen Interessensvertretungen, in denen der Aufbau von Netzwerken für viele einen angenehmen Nebeneffekt darstellt, sei er in Verbindungen zum Organisationszweck verkommen. Bemängelt wird in diesem Zusammenhang auch der Ausschluss von Nicht-Akademikern.

Verhältnis zu Frauen

Oftmals kritisiert wird die Tatsache, dass der Österreichische Cartellverband eine ausschließlich aus Männern bestehende Organisation ist. Obwohl die Verbindungen des ÖCV eigenen Angaben zufolge gute Kontakte zu Frauenverbindungen haben, dürfen diese dem Verband nicht beitreten. [7] Die Wiener Verbindung K.a.V. Norica hat im Jahr 1996 auf einem Cumulativconvent (Vollversammlung), an der über 400 Mitglieder teilnahmen, die Aufnahme von Frauen als Vollmitglieder beschlossen. In der Folge wurden eine Reihe von Mitgliedern der K.a.V. Norica Nova in die Norica aufgenommen. Das Oberste CV-Gericht hat diese Beschlüsse jedoch kurze Zeit später als nicht mit dem ÖCV-Recht vereinbar aufgehoben. Trotzdem wird von der Norica nach wie vor de facto ein gemeinsames Verbindungsleben mit der (weiblichen) Norica Nova gelebt, lediglich formale Beschlüsse werden von gesonderten Organen gefasst.

Die A.V. Austria Innsbruck hatte bereits im Wintersemester 1977/78 den Versuch gestartet, Studentinnen als vollberechtigte Mitglieder aufzunehmen. Dazu gab es die Rechtskonstruktion des „Verein der Freunde der AV Austria“, dem Frauen und auch Protestanten beitreten durften Im täglichen Verbindungsleben waren die Frauen gleichberechtigt: Sie wurden rezipiert, durchliefen die Fuchsenzeit, absolvierten die Burschenprüfung und wurden geburscht. Sie hatten Sitz und Stimme am „Gesamtconvent“ (GC). Sobald der Gesamtconvent geschlossen war, eröffnete der amtierende Senior den Burschenconvent (BC), der alle Beschlüsse des GC neuerlich beschloss, so dass sie in Verbindungsrechtskraft traten. Frauen wurden etwa vier Jahre lang aufgenommen, bis dann im Sommersemester 1983 die Spannungen innerhalb der Aktivitas derart überhandnahmen, so dass diese austraten und das Experiment scheiterte.

Neben K.a.V. Norica und Norica Nova arbeiten auch einige andere ÖCV Verbindungen eng mit Frauen- bzw. Damenverbindungen zusammen. So hat die K.H.V. Babenberg Wien ein enges Verhältnis zur Damenverbindung C.St.V. Salia - Babenberg. Die Verbindung K.Ö.H.V Rugia arbeitet eng mit der C.Ö.St.V. Arcadia Wien zusammen. Sowohl Arcadia als auch Salia-Babenberg sind Mitglieder der Vereinigung christlicher Studentinnenverbindungen Österreichs (VCS).

Besonders gute Zusammenarbeit gibt es auf Grazer Boden zwischen einigen der fünf Verbindungen des Grazer Cartellverbandes und der C.Ö.St.V. Academia zu Graz in der VCS. Eine direkte Bindung einer einzelnen GCV-Verbindung zur C.Ö.St.V. Academia besteht allerdings nicht.

In den 90er Jahren gab es Bestrebungen, den Verband gemischtgeschlechtlich zu gestalten. Es fand sich auch eine Mehrheit innerhalb der Altherrenschaft, jedoch zogen es die aktiven Burschen und Mädchen vor, getrennt zu bleiben und zwei protokollarisch gleichrangige Verbände innerhalb des Europäischen Kartellverbandes zu bilden. Durch das schiere Überwiegen des Männeranteils hätten die Frauen weniger zu bestimmen gehabt, ebenso wurden drohende Beziehungsprobleme befürchtet.

Abtreibungsfrage

Im Frühjahr 2004 veröffentlichte der ÖCV eine Stellungnahme zur Verfassungsreform, demzufolge die Straflosigkeit von Abtreibungen ohne Indikation (z. B. medizinisch) in Österreich ausgesetzt werden sollte. Der ÖCV sieht sich darin konform mit den Lehren der katholischen Kirche. Dieser Vorstoß wurde von Frauenorganisationen, der Katholischen Aktion sowie Politikern von SPÖ, ÖVP und Grünen kritisiert.

Siehe auch

Literatur

  • Florian Werr: Geschichte des Cartell-Verbandes der katholischen deutschen Studenten-Verbindungen. Paderborn 1890
  • Florian Werr: Geschichte des CV. 2. Auflage. Berlin 1900
  • Hermann Josef Wurm: Handbuch für den Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. 2. Auflage. Berlin 1904
  • Josef Weiss: An der Wiege der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Neues von der Bonner Union 1847–53–55, Gesellschaft für CV Geschichte, München, 1930 (Der Weisse Turm 1)
  • Siegl, Engelbert, Satzung und Cartell-Ordnung des ÖCV, Wien, 1933
  • Peter Stitz: Der akademische Kulturkampf um die Daseinsberechtigung der katholischen Studentenkorporationen in Deutschland und in Österreich von 1903 bis 1908. Gesellschaft für CV Geschichte, München 1960 (Der Weisse Turm 3)
  • Ernst Lodermeier: Geschichte des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen. 3. Auflage. München 1960
  • Peter Stitz: Der CV 1919–1938: der hochschulpolitische Weg des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) vom Ende des 1. Weltkrieges bis zur Vernichtung durch den Nationalsozialismus. Gesellschaft für CV-Geschichte, München 1970 (Der Weisse Turm 4)
  • Gerhard Popp: CV in Österreich 1864–1938. Hermann Böhlau, Wien 1984, ISBN 3-205-08831-X
  • Österreichischer Verein für Studentengeschichte, Farben tragen – Farbe bekennen 1938–1945 – Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung. Wien 1988
  • Friedhelm Golücke: Das Schrifttum des CV und des ÖCV 1844–1980, eine Biographie. Würzburg 1992
  • Gesellschaft für Studentengeschichte und Studentisches Brauchtum e.V. (Hrsg), CV-Synopse – Synoptische Darstellung der Deutschen Geschichte und der CV-Geschichte von 1815–1955. München 1993
  • Siegfried Schieweck-Mauk: Lexikon der CV- und ÖCV-Verbindungen. Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte, Würzburg 1997, ISBN 3-89498-040-0
  • Siegfried Schieweck-Mauk: „Durchhalten, so lange es geht!“ – Der CV und seine Verbindungen in der NS-Zeit, in: Alcimonen-Blatt (Eichstätt) 17/1997, S. 56-75 [= Vortrag, gehalten am 12. Oktober 1997 bei der Studentenhistorikertagung in Würzburg]; ähnlich in: Globulus 5 (1997), S. 76-86 [abgeändert für eine koprationsfremde Leserschaft]; auch ähnlich: »Durchhalten, solange es geht!« - Ein katholischer Studentenverband im Dritten Reich: Der „CV“, in: GDS-Archiv 4 (1998), S. 53-67
  • Gesellschaft für Studentengeschichte und Studentisches Brauchtum e.V. (Hrsg), CV-Handbuch. 2. Auflage. Regensburg 2000, ISBN 3-922485-11-1
  • Stephan Neuhäuser: Wer wenn nicht wir? – 1934 begann der Aufstieg des CV. In: Wir werden ganze Arbeit leisten – Der austrofaschistische Staatsstreich 1934. BoD, Norderstedt 2004, ISBN 3-8334-0873-1
  • Gerhard Hartmann: Für Gott und Vaterland - Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Lahn-Verlag, Wien 2006, ISBN 3-7840-3362-8
  • Gerhard Hartmann: Der CV in Österreich – Seine Entstehung, Geschichte und Bedeutung. Lahn-Verlag, Wien 2011 (4. Auflage), ISBN 3-7840-3498-5

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Harald Lönnecker: Die Versammlung der „besseren Nationalsozialisten“? Der Völkische Waffenring (VWR) zwischen Antisemitismus und korporativem Elitarismus. In: burschenschaftsgeschichte.de. 2003, S. 7 (PDF; 260 KB)
  2. Peter Stitz: Der CV 1919–1938: der hochschulpolitische Weg des Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) vom Ende des 1. Weltkrieges bis zur Vernichtung durch den Nationalsozialismus. München 1970, S. 45
  3. Harald Lönnecker: Die Versammlung der „besseren Nationalsozialisten“? Der Völkische Waffenring (VWR) zwischen Antisemitismus und korporativem Elitarismus. In: burschenschaftsgeschichte.de. 2003, S. 7 (PDF; 260 KB)
  4. Gesellschaft für Studentengeschichte und Studentisches Brauchtum e.V. (Hrsg): „CV-Handbuch“; Regensburg 2000; S. 73
  5. Stephan Neuhäuser: Wer Wenn nicht Wir? 1934 begann der Aufstieg des CV. S. 122 Erschienen in: Stephan Neuhäuser (Hrsg.): Wir werden ganze Arbeit leisten - der Austrofaschistische Ständestreich 1934.
  6. Gerhard Hartmann, Der CV in Österreich, Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2001, Seite 175.
  7. Cartellverband : Zwischen Dollfuß und dem lieben Gott diepresse.com, abgerufen am 15. Mai 2011
.