Österreichisches Jungvolk

Das Österreichische Jungvolk (abgekürzt ÖJV) war die Staatsjugendorganisation in der Zeit des Austrofaschismus. Es wurde im August 1936 gegründet und umfasste zum Zeitpunkt seiner Auflösung 1938 rund 350.000 Mitglieder zwischen dem 6. und 18. Lebensjahr. Es stellte die Nachwuchsorganisation der Vaterländischen Front dar.

Inhaltsverzeichnis

Gründung und Entwicklung

Gegründet wurde das ÖJV am 28. August 1936 durch den Zusammenschluss der Jugendorganisationen der beiden regimetreuen Wehrverbände Österreichischer Heimatschutz und Ostmärkische Sturmscharen. Im Gesetz über die vaterländische Erziehung der Jugend, welches am nächsten Tag in Kraft trat, wurden sämtliche nicht-konfessionellen Jugendvereine und -gruppen außerhalb der Staatsjugend einer Genehmigungspflicht unterworfen. In den vielen Fällen (so etwa bei den meisten Jugendgruppen in Sportvereinen) wurde der Weiterbestand an den Beitritt der Vereinsmitglieder zum ÖJV geknüpft.

Zu einem weiteren starken Mitgliederzuwachs kam es, als im Laufe des Jahres 1937 auch die mitgliederstarken katholischen Jugendverbände in die Staatsjugend eingegliedert wurden. Dies geschah auf Druck des Regimes und gegen die Vereinbarungen des 1933 unterzeichneten Konkordats, in welchem die katholischen Jugendverbände in ihrem Bestand garantiert worden waren.

Auch wenn die Mitgliedschaft nie obligatorisch war, wurde die Monopolstellung des ÖJV schrittweise ausgebaut. So wurden die Zulassung zur Offizierslaufbahn im Bundesheer oder die Gewährung von Schulgeldermäßigung an eine Mitgliedschaft in der Staatsjugend geknüpft.

Dennoch konnte die vom Regime beabsichtigte Zusammenfassung der gesamten österreichischen Jugend im ÖJV letztlich nicht realisiert werden. Dies lag unter anderem an der umfangreichen Tätigkeit regimefeindlicher, illegaler Jugendverbände, insbesondere der österreichischen Hitlerjugend, aber auch der Revolutionären Sozialistischen Jugend sowie des KJV. Diese Gruppen versuchten, zuweilen erfolgreich, die Staatsjugend zu unterwandern und die politisch indifferenten Mitglieder im regimefeindlichen Sinne zu beeinflussen. Weitere Gründe waren die völlig unzureichende finanzielle Ausstattung sowie die Feindseligkeit weiter Teile der katholischen Geistlichkeit gegenüber der Staatsjugend.

Lange ungeklärt blieb die Frage, ob auch jüdische Jugendvereine (wie die Betar oder die Hakoah) in das ÖJV aufgenommen werden sollten. Schließlich wurden, mit Rücksicht auf den latenten Antisemitismus in weiten Teilen der Bevölkerung, diese Vereine im neugegründeten Jüdischen Jugendbund Österreichs zusammengefasst. Jedoch war Juden der Beitritt zum ÖJV nicht explizit untersagt. Durch den eingegliederten, überkonfessionellen Österreichischen Pfadfinderbund war auch eine größere Zahl jüdischer Jugendlicher in die Staatsjugend integriert.

Als im März 1938 nach dem Berchtesgadener Abkommen eine Machtübernahme der Nationalsozialisten immer wahrscheinlicher wurde, traten viele linksgerichtete Jugendliche, darunter Hugo Pepper, dem ÖJV in der Hoffnung bei, eine Einheitsfront der Jugend gegen die nationalsozialistische Bedrohung bilden zu können. Tatsächlich war die Staatsjugend in den Tagen vor dem Anschluss eine der wenigen aktiven Organisationen auf seiten des Regimes.

Auflösung

Nach dem Anschluss wurde das ÖJV aufgelöst. Während sich die meisten Mitglieder widerstandslos in die Hitlerjugend eingliedern ließen, entschloss sich eine kleine Zahl ehemaliger Mitglieder zum aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bekannte ÖJV-Mitglieder im katholisch-konservativen Jugendwiderstand waren etwa die Brüder Fritz und Otto Molden sowie der Jurist Hubert Jurasek.

Organisation

Geführt wurde das ÖJV laut seinen Statuten durch ein Direktorium. Dieses bestand aus Bundeskanzler Schuschnigg, Staatssekretär Zernatto, Unterrichtsminister Pernter, sowie dem seit Mai 1936 faktisch entmachteten ehemaligen Heimwehrführer Starhemberg. Die praktische Leitung innehatte der Bundesjugendführer Georg (Graf) Thurn-Valsassina, ein Schwager Starhembergs. Ihm unterstanden die neun Landesjugendführer und in weiterer Folge die Bezirksjugendführer und Ortsjugendführer. Unabhängig von den ÖJV-Ortsgruppen bestanden an vielen höheren Schulen Gruppen des so genannten Studentenfreikorps. Diese wurden im Unterschied zu den gewöhnlichen Ortsgruppen nicht von erwachsenen Jugendführern geleitet, sondern von Obermittelschülern.

Erziehungsinhalte

Die Inhalte des ÖJV orientierten sich stark an den Staatsjugendorganisationen der Nachbarländer, der Hitlerjugend und der Balilla. In der männlichen Teilorganisation wurde der körperlichen Ertüchtigung sowie der vormilitärischen Erziehung absolute Priorität eingeräumt. So waren in der Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen monatlich ein Geländekampftag mit Kleinkaliberschießen und Ausbildung am Funkgerät sowie vier Leibesübungsstunden vorgesehen. Daneben beinhaltete das Arbeitsprogramm eine vaterländisch-kulturelle Schulung sowie wie in geringem Maße eine sittlich-religiöse Unterweisung, die vom jeweiligen Ortsgeistlichen durchgeführt wurde. Bei den weiblichen ÖJV-Gruppen standen neben Wandernachmittagen und Turnen vor allem Schulung in reproduktiven Tätigkeiten wie Kochen, Kinderbetreuung und Nähen im Vordergrund.

Uniform

Die Uniform der männlichen Mitglieder war stark an die Adjustierung der ehemaligen Heimwehr angelehnt. Sie bestand aus einem olivgrünen Hemd, einer schwarzen Krawatte und einer grünen Mütze mit dem ÖJV-Abzeichen. Auf dem Ärmel war ein Kruckenkreuz aufgenäht. Die weiblichen ÖJV-Angehörigen trugen ein Dirndlkleid mit einem Schultertuch, das von einer Brosche mit dem ÖJV-Abzeichen zusammengehalten wurde.

Literatur

  • Johanna Gehmacher: Jugend ohne Zukunft. Hitler-Jugend und Bund Deutscher Mädel in Österreich vor 1938, Wien 1994, 401–420
  • Thomas Pammer: V.F.-Werk "Österreichisches Jungvolk". Geschichte und Aspekte der staatlichen Organisierung der Jugend im Dollfuß-Schuschnigg-Regime 1933–1938, Dipl.-Arb., Wien 2011
  • Franz Gall: Zur Geschichte des Österreichischen Jungvolks 1935–1938. In: Rudolf Neck, Adam Wandruszka [Hg.] Beiträge zur Zeitgeschichte. Festschrift Ludwig Jedlicka zum 60. Geburtstag, St. Pölten 1976, 217–235
  • Ulrike Kemmerling-Unterthurner: Die staatliche Jugendorganisation in Österreich 1933–1938 mit besonderer Berücksichtigung von Vorarlberg. In: Historische Blickpunkte. Festschrift für Johann Rainer, Innsbruck 1988, 311–330
  • Irmgard Bohunovsky-Bärnthaler: Die Vaterländische Front. Geschichte und Organisation, Wien 1971, 172–177

Weblinks