Albrecht Gaiswinkler

Albrecht Gaiswinkler (* 29. Oktober 1905 in Bad Aussee; † 11. Mai 1979 ebenda) war ein österreichischer Beamter, Sozialdemokrat und Widerstandskämpfer zuerst gegen den Austrofaschismus und später gegen den Nationalsozialismus. Er arbeitete ab 1944 mit dem britischen Geheimdienst Special Operations Executive zusammen und plante 1945 ein Attentat auf Joseph Goebbels. Manche Quellen behaupten, er habe in den letzten Kriegstagen das Gemälde der Mona Lisa vor der Zerstörung gerettet. Neben Sepp Plieseis gilt er als eine der wichtigsten Figuren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut.

Inhaltsverzeichnis

Jugend

Albrecht Gaiwinkler wurde 1905 als Sohn eines Salinenarbeiters in Bad Aussee geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und der Bürgerschule war er als Straßenarbeiter tätig und wurde später Beamter bei der Krankenkasse. Politisch war er zunächst aktiv in Vorfeldorganisationen der Sozialistischen Partei und der Sozialistischen Arbeiterjugend und wurde danach Schriftführer der österreichischen Sozialdemokratische Arbeiterpartei und Kompagniekommandant des Republikanischen Schutzbundes. Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot der Partei wurde er politisch verfolgt und verbrachte acht Monate in Haft in Leoben. Später wurde er Bezirksorganisator der Revolutionären Sozialisten und kurze Zeit auch Mitglied der Kommunistischen Partei.

Widerstand im Salzkammergut

Im Februar 1940 war Gaiswinkler eines der Gründungsmitglieder einer Widerstandsgruppe in Aussee. Weitere Mitglieder waren der später bei einem Bombenangriff ums Leben gekommene Hans Moser, der Gendarmeriebeamte Valentin Tarra, Karl Feldhammer, Hans Renner und ein gewisser Schlömer und Weber, wobei von den letzten beider der Vorname unbekannt ist. Den Aktivitäten der Gruppe wurde jedoch bald ein Ende gesetzt, weil die meisten Mitglieder zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Gaiswinkler wurde 1942 zur Wehrmacht eingezogen und wurde auf verschiedenen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Im Jahr 1944 war er im besetzten Frankreich stationiert und wurde dort in der Normandie Zeuge einer Erschießung von französischen Widerstandskämpfern. Daraufhin fasste er den Entschluss zu desertieren und inszenierte dazu ein Täuschungsmanöver. Er tauschte mit einem bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Bombenopfer die Papiere und die Erkennungsmarke, um so seine Angehörigen zu Hause vor Repressalien zu bewahren, suchte dann zusammen mit 17 Gefangenen den Kontakt zur französischen Résistance und schloss sich dem Maquis an. Dabei gelang es ihm noch vier mit Waffen und Munition beladene LKW sowie 500.000 Francs aus den Beständen der Wehrmacht mitgehen zu lassen. Kurze Zeit später kam er in Kontakt mit den Engländern und arbeitete von da an für den britischen Geheimdienst. Vom Special Operations Executive (SOE) wurde er für verschiedene Missionen im Gebiet des ehemaligen Österreich eingesetzt. Diese von Winston Churchill 1940 gegründete Organisation hatte den Auftrag, in den von der Wehrmacht besetzten Ländern Widerstand zu organisieren, und besaß auch eine österreichische Sektion (Austrian Section), für die Gaiswinkler angeworben wurde. Die Hauptaufgabe dieser Sektion war es, Kontakte zu bestehenden Widerstandsorganisationen herzustellen und diese mit Waffen, Sprengstoff, Funkgeräten und Information zu versorgen.

Absprung über dem Feuerkogel

Aus einer britischen Halifax-Maschine sprang die Gruppe am 8. April 1945 über dem Feuerkogel ab

Als sich bereits die Niederlage des Deutschen Reiches abzeichnete, ging die SOE dazu über, Agenten in den bald zu erobernden Gebieten abzusetzen, die die baldige Ankunft der Alliierten vorbereiten sollten. Albrecht Gaiswinkler wurde deshalb mit der Mission betraut, von einem Flugzeug der Royal Air Force über dem Feuerkogel per Fallschirm abzuspringen, um Kontakt zu Widerstandsgruppen im Salzkammergut herzustellen. Dazu wurden ihm noch zwei weitere Österreicher im britischen Dienst zugeteilt, nämlich die Wiener Karl Lzicar und Karl Standhartinger, sowie der aus dem burgenländischen Schattendorf stammende Funker Josef Hans Grafl. Im April 1945 fand der Absprung über feindlichem Gebiet schließlich statt. Dabei war das Hauptziel ihrer Mission die Verhaftung oder Erschießung des Reichpropagandaministers Joseph Goebbels, der vom britischen Geheimdienst auf Urlaub am Grundlsee vermutet wurde. Dies entsprach auch tatsächlich der Wirklichkeit, jedoch wurde beim Absprung das Funkgerät der Gruppe beschädigt und aufgrund der unterbrochenen Kommunikation konnte diese Operation nicht mehr rechtzeitig durchgeführt werden, da Goebbels wegen der sich verschlechternden Kriegslage bereits vor dem geplanten Zugriff nach Berlin abgereist war.

Das Sekundärziel dieses Absprunges war die Kontaktaufnahme mit lokalen Widerstandsgruppen, da die Westalliierten fürchteten, das Salzkammergut könnte tatsächlich noch von den Nationalsozialisten zur viel beschworenen Alpenfestung ausgebaut werden. Nachdem die Gruppe erfahren hatte, dass Goebbels bereits abgereist war und dass die Vorbereitungen zur Errichtung einer Alpenfestung eine Propagandalüge waren, tauchte die Gruppe unter und wartete auf den Einmarsch der Alliierten. Diese erreichten am 6. Mai Bad Ischl, am 8. Mai Bad Aussee und am 11. Mai Gosau. In die Zeit dieser letzten Kriegstage fällt auch die Rolle Gaiswinklers als Organisator und Major einer angeblich bis zu 300 Mann starken Widerstandsgruppe im Salzkammergut, die jedoch historisch umstritten ist und nicht verifiziert wurde.

Mona Lisa

Einige Quellen behaupten, Gaiswinkler wäre Anfang Mai 1945 eine der wichtigsten Figuren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Salzkammergut gewesen und unter anderem maßgeblich daran beteiligt gewesen, dass die in den Salzstollen des Altausseer Bergwerks eingelagerten Kunstschätze aus ganz Europa entgegen den Befehlen nicht zerstört wurden. Darunter befanden sich nicht nur wertvolle Gegenstände aus Deutschland, sondern unter anderem auch die österreichischen Kronjuwelen, der Genter Altar, Gemälde von Raffael, Tizian, Albrecht Dürer und Jan Vermeer und angeblich sogar die Mona Lisa von Leonardo da Vinci aus dem Louvre in Paris. Die genauen Umstände dieser Rettung europäischer Kunstwerke sind jedoch bis heute umstritten, wie auch die Rolle Gaiswinklers dabei. Gaiswinkler selber behauptete nach dem Krieg, er wäre maßgeblich daran beteiligt gewesen, dass die bereits angelieferten Bomben zur Sprengung der Stollen wieder entfernt und versteckt wurden. Andere Quellen hingegen besagen, dies wäre der Initiative der misstrauisch gewordenen Salinenarbeiter zuzuschreiben, und wieder andere Quelle sagen sogar, der SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner hätte persönlich den Befehl zur Zerstörung der Kunstschätze in Altaussee vereitelt. In Bezug auf die Mona Lisa behaupten zumindest die französischen Verwalter des Louvre, dass das Original von den Deutschen nie aus Frankreich weg transportiert worden ist und nur eine Kopie aus dem 15. oder 16. Jahrhundert nach Österreich verbracht wurde. Eine endgültige historische Beurteilung der letzten Kriegstage im Salzkammergut steht allerdings noch aus, unbeachtet dessen sagte der 2005 verstorbene Simon Wiesenthal:

„Die Vorgänge im Ausseer Gebiet seit Mitte 1944 verdienen mit Bestimmtheit ein besonderes Buch, oder vielleicht sogar mehrere Bücher. Sie würden genügend Material für eine Reihe spannender Filme enthalten, in denen die unglaublichsten Dinge vorkommen dürften […] die historisch belegt sind.“

Simon Wiesenthal

Nach Kriegsende

Nach Ende des Krieges ging Gaiswinkler in die Politik und wurde von den Amerikaner kurzfristig als Bezirkshauptmann von Aussee eingesetzt. Bei der ersten Wahl zum Nationalrat am 25. November 1945 wurde er als Abgeordneter der SPÖ ins Parlament gewählt. Bei seiner Wahl spielte offenbar auch eine Absprache mit der steirischen SPÖ eine Rolle, bei der sich Gaiswinkler dafür einsetzte, dass das Ausseerland wieder an das Bundesland Steiermark angegliedert wird, was ihm auch bei einer noch vor den erste Nationalratswahlen durchgeführten Volksabstimmung gelang. 1947 veröffentlichte er seine Erinnerungen an die Geschehnisse während des Krieges und besonders der letzten turbulenten Kriegstage im Ausserland in Buchform unter dem Titel „Sprung in die Freiheit“. Die darin gemachten Angaben weichen jedoch teilweise von den Angaben anderer Zeitzeugen stark ab. So schilderte der mit ihm über dem Feuerkogel abgesprungene Josef Grafl die Geschehnisse dieser Tage komplett anders und äußerte auch schwere Vorwürfe gegen Gaiswinkler. Die Rettung der Kunstschätze reklamierten wiederum verschiedene anderen Beteiligte für sich. Unter anderem wurde als wahrer Retter Sepp Plieseis genannt; Hugo Portisch bezeichnete in seinen Werken den Bergarbeiter Alois Raudaschl als eigentlichen Helden und von anderen wird die Rettungstat hingegen dem Bergrat Otto Högler bzw. der Salinenverwaltung zugeschrieben. Sogar Gestapo-Chef Ernst Kaltenbrunner reklamierte die Tat für sich. Die genauen Umstände lassen sich auch heute nicht restlos klären, da alle Historiker auf die Angaben der Zeitzeugen angewiesen sind.

Die Anschuldigungen anderer Beteiligter gegenüber Gaiswinkler führten jedoch dazu, dass er 1949 von der steirischen SPÖ nicht mehr als Kandidat für den Nationalrat aufgestellt wurde. Er wurde von der SPÖ ausgeschlossen und trat daraufhin den Linkssozialisten bei, die 1949 gemeinsam mit den Kommunisten kandidierten. Seine politische Karriere war aber damit beendet, da diese österreichweit nur 3 Mandate erreichen konnten. Daraufhin kehrte er zurück in seinen früheren Beruf und wurde wieder Beamter bei der Krankenkassa, wo er später auch Regionalleiter wurde. Er gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des neu gegründeten Arbeiterturn- und Sportverein ATSV Bad Aussee. 1950 schrieb er einen Bergsteigerroman über die 1948 am Grimming verunglückten Karl Resch und Franz Maier unter dem Titel „Helden im Fels“.

Die verbleibenden Jahre seines Lebens blieb Albrecht Gaiswinkler in seiner Heimat und starb am 11. Mai 1979 in Bad Aussee.

Kontroverse um das Goebbels-Attentat

Die genauen Umstände dieser britischen Operation zur Verhaftung von Goebbels im April 1945 wurde bis heute nicht restlos geklärt, da einige Dokumente noch 1945 verbrannt wurden und andere bis heute der Geheimhaltung unterliegen. Die hier genannten Details beruhen hauptsächlich auf den Aussagen von Josef Grafl; Albrecht Gaiswinkler hat sich dazu nie eindeutig geäussert. Grafl hat später auch ausgesagt, dass das Funkgerät gar nicht beschädigt gewesen sei und ihn Gaiswinkler nach dem Absprung über dem Feuerkogel überredet hätte, das Funkgerät am Berg zu lassen, da ein Abstieg ins Tal mit dieser Last nicht möglich wäre. Der aus dem Burgenland stammende Flachländer Grafl glaubte Gaiswinkler, und so wurde die Kommunikation zur britischen Kommandozentrale unter Umständen willentlich unterbrochen. Anderen Quellen zufolge war Goebbels bereits einige Tage vor dem Absprung der österreichischen Agenten in britischem Dienst aus dem Salzkammergut abgereist und die Mission daher von vornherein gescheitert.

Hollywood hingegen hat sich diesem Thema trotz der dünnen Quellenlage angenommen und Teile der Geschichte um Albrecht Gaiswinkler und Josef Grafl wurden 1968 im Film „Where Eagles Dare“ mit Richard Burton und Clint Eastwood übernommen. Dieser Film wurde im nahe gelegenen Ennstal bei der Burg Hohenwerfen gedreht und zeigt auch Szenen vom tatsächlichen Schauplatz dieser Ereignisse am Feuerkogel. Allerdings waren die dargestellten Agenten hier Briten und Amerikaner und auch sonst schöpft dieser Film die künstlerische Freiheit voll aus. Eine Verfilmung, die näher an den historischen Tatsachen liegt und auf den Memoiren von Albrecht Gaiswinkler beruht, ist der Fernsehfilm „Am Ende eines langen Winters“, der 1990 nach einem Buch von Walter Wippersberg von ORF und ARD gemeinsam produziert wurde.

Literatur

  • Albrecht Gaiswinkler: Sprung in die Freiheit, Ried-Verlag, Wien 1947
  • Peter Kammerstätter: Material-Sammlung über die Widerstands- und Partisanenbewegung Willy-Fred im oberen Salzkammergut - Ausseerland 1943-1945, Eigenverlag, Linz 1978
  • Christian Topf: Auf den Spuren der Partisanen, Zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut. Edition Geschichte der Heimat, Grünbach bei Freistadt 1996, Neuauflage 2006, ISBN 3-900943-32-X

Weblinks