Anderl von Rinn

Darstellung des angeblichen Ritualmordes in der Wallfahrtskirche Judenstein (1961 entfernt)

Anderl (Andreas) Oxner von Rinn war laut einer Ritualmordlegende des 17. Jahrhunderts ein dreijähriger Bub, der am 12. Juli 1462 im Nordtiroler Dorf Rinn von ortsfremden Juden rituell ermordet worden sein soll. Über mehrere Jahrhunderte hinweg wurden seine angeblichen Gebeine, die man in der Kirche Mariä Heimsuchung in Judenstein bei Rinn aufbahrte, Ziel einer Wallfahrt. Laut neuerer historischer Forschung und dem Dekret der Diözese Innsbruck zur Auflösung des Anderl-Kultes hat es aber ein Ritualmordmartyrium nie gegeben.[1]

Inhaltsverzeichnis

Entstehung der Legende

Die eigentliche Legende von der rituellen Ermordung des Andreas entstand um 1620. Der damalige Arzt am adeligen Damenstift in Hall, Hippolyt Guarinoni hat, eigenen Angaben zufolge, von einem Kindsmord gehört und daraufhin eigene Untersuchungen angestellt. Im Jahr 1642 publiziere er ein Buch in Reimform über den Vorfall: Triumph Cron Marter Vnd Grabschrift des Heilig Unschuldigen Kindts. Des Weiteren ist von ihm eine Handschrift erhalten, die 1651 abgeschlossen wurde und den Titel trägt: Begrü[n]dte Historj / Der Marter, Deß Hailling= / Vnschuldigen Khindtß / Andree Von Rinn, / So durch die Juden, Jm .1462. Jahr / Den . 12. tag Julj, Dem Christe[n]thumb / Zu honn Vnd Spott Ermördt. Weitere Schriften über den angeblichen Ritualmord an Andreas von Rinn stammen von Pater Hadrian Kembter (1745), Pater Benedikt Cavallesio (1747) und Flaminius Cornelius, Senatsherr von Venedig.

Der in Trient geborene Guarinoni entwarf die Anderl-Legende nach dem Vorbild des weithin bekannten Märtyrerkultes um Simon von Trient.[2] Laut den „Recherchen“ Guarinonis wurde der legendäre Andreas von Rinn im Jahr 1462 von durchreisenden Juden ermordet – die Jahreszahl der Tat soll ihm im Traum erschienen sein. Die Gebeine des Kindes seien dann dreizehn Jahre später, angeregt durch den angeblichen Ritualmord an Simon von Trient (1475), in die Pfarrkirche von Rinn überführt und beerdigt worden. Um 1620 wurden die Gebeine erneut exhumiert und von Guarinoni untersucht: Er stellte dabei zwanzig Wunden fest, die dem Kind zugefügt worden sein sollen.[3] Im Jahr 1671 wurde der mumifizierte Leichnam zur Anbetung auf den Hochaltar der Kirche in Judenstein bei Rinn übertragen, die über dem angeblichen Tatort, einem als Judenstein bezeichneten Felsen, erbaut worden war. Der Kult um Andreas von Rinn entwickelte sich zu einem bedeutsamen Wallfahrtsort und damit zu einem Beispiel des Antijudaismus in der katholischen Kirche.

Anderl-Kult und das Jesuitendrama

Das älteste schriftliche Dokument, das vom Anderl-Kult berichtet, stammt aus dem Jahr 1621. Es handelt sich um ein Heftchen mit einer Zusammenfassung (eine sogenannte Perioche)des Jesuitendramas Von dem H(eiligen) dreyjärigen Kindlein Andrea. Als Autoren des Dramas gelten die Mitglieder des Haller Jesuitenkollegs, wo das Drama 1621 auch aufgeführt wurde. Guarinoni stand in engem Kontakt mit den Mitgliedern und dem Rektor des Kollegs und wirkte wahrscheinlich als Stofflieferant des Dramas mit.[4] In der Handlung des Stücks werden bereits alle Eckdaten der Märtyrerlegende ausgebreitet: der dreijährige Anderl wird im Jahr 1462 von seinem geldgierigen Paten an blutdurstige Juden verkauft, die das Kind auf einem Stein, „der noch heutigs tags der Juden Stain genennt wirdt“ ermorden.[5]
Das nur in Hall inszenierte Jesuitendrama hat den judenfeindlichen Anderl-Kult wahrscheinlich durch seine Aufführung in Gang gebracht. Aus diesem Jesuitendrama entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts Volksschauspiele, die sogenannten Anderlspiele, „die den nachhaltigsten Einfluß auf die Verfestigung der Legende im Volksbewußtsein“ gehabt haben dürften.[6]

Im gegenreformatorischen Jesuitentheater des 17. Jahrhunderts wurden auch andere antijüdische Ritualmordlegenden vielfach inszeniert. So zum Beispiel der Stoff um Simon von Trient, der den Anderl im oben genannten Drama als Märtyrer bzw. Ritualmordopfer begleitet.

In Sachen Verschriftlichung der Anderl-Legende stand Guarinoni bereits Ende 1620 in engem brieflichen Austausch mit dem Münchner Jesuiten Matthäus Rader, der zur selben Zeit in dem von ihm verfassten Heiligenlexikon, der Bavaria Sancta, mittelalterliche Ritualmordbeschuldigungen erneuerte und erstmals mit aufwendigen Kupferstichen bebilderte; so z.B. auch die von Regensburg. Analysen seines Schriftverkehrs mit Rader ergaben, dass Guarinoni auch daraus Stoff für seine Legende vom Märtyrer Andreas von Rinn schöpfte.[7]

Folgen

Papst Benedikt XIV. erlaubte die Verehrung des Anderl in der römisch-katholischen Kirche durch die päpstliche BulleBeatus Andreas“ vom 22. Februar 1755 und nannte ihn „selig“ (beatus). Durch Volksschauspiele, die auf den Schriften von Guarinoni basierten und bis ins Jahr 1954 veranstaltet wurden, verbreitete sich die judenfeindliche Legende. Die Brüder Grimm veröffentlichten die Geschichte des Anderl im Jahre 1816 in ihrem ersten Band deutscher Sagen. 1893 erschien die Schrift „Vier Tiroler Kinder, Opfer des chassidischen Fanatismus“ des Wiener Geistlichen Joseph Deckert, mit welcher er die Legende weiter verbreitete und auch für die modernen Formen des Antisemitismus dienstbar machte.

Der Festtag des „Anderl von Rinn“ wurde schließlich 1953 vom Innsbrucker Bischof Paulus Rusch aus dem kirchlichen Kalender getilgt. 1961 erfolgte die Entfernung der Figurengruppe, die die angebliche Tat darstellte, und von Gedenktafeln.[8] (Im selben Jahr hatte Papst Johannes XXIII. die Sistierung des Anderle-Kultes verfügt.) 1985 wurden die Gebeine des Kindes aus der Pfarrkirche entfernt. 1987 brachte der Wiener Weihbischof Kurt Krenn eine Verehrung wieder ins Gespräch, wofür ihn der Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher heftig kritisierte.[9] 1994 verbot dieser den Kult um den Judenstein offiziell, hob die Wallfahrt auf,[10] ließ ein Fresko mit der Darstellung des angeblichen Ritualmords in der Ortskapelle überdecken und die Kirche in „Mariä Heimsuchung“ umbenennen.

Trotzdem findet nach wie vor alljährlich am Sonntag nach dem 12. Juli eine privat organisierte Wanderung zum „Judenstein“ bei Rinn statt. Entgegen der allgemeinen Linie der katholischen Kirche und entgegen den begründeten wissenschaftlichen Erkenntnissen über diese Legende haben sich einzelne Katholiken zustimmend zur Begehung des Festtags geäußert und sehen die Fiktivität des Ritualmords als nicht erwiesen an. Dazu gehören der suspendierte und in Österreich 1998 wegen Verhetzung verurteilte Kaplan und Mitorganisator der Wanderung, Gottfried Melzer und der Theologe und Engelwerk-Mitglied Robert Prantner.

Siehe auch

Literatur

  • Diözese Innsbruck (Hrsg.): Judenstein. Das Ende einer Legende. Innsbruck 1995, ISBN 3-901450-52-6 (formal falsche ISBN).
  • Rainer Erb: „Es hat nie einen jüdischen Ritualmord gegeben“. Konflikte um die Abschaffung der Verehrung des Andreas von Rinn. Wien 1989.
  • Bernhard Fresacher: Anderl von Rinn. Ritualmordkult und Neuorientierung in Judenstein 1945–1995. Innsbruck/ Wien 1998, ISBN 3-7022-2125-5.
  • Andreas Maislinger, Günther Pallaver: Antisemitismus ohne Juden - Das Beispiel Tirol. In: Wolfgang Plat (Hrsg.): Voll Leben und voll Tod ist diese Erde. Bilder aus der Geschichte der Jüdischen Österreicher. Herold Verlag, Wien 1988, ISBN 3-7008-0378-8.
  • Albert Massiczek: Briefwechsel mit dem Bischof von Tirol DDr. Paul Rusch über die Ritualmord-Festspiele in Rinn in Tirol. 2. Auflage. Wien 1963.
  • Georg Schroubek: Zur Frage der Historizität des Andreas von Rinn. In: Susanna Buttaroni (Hrsg.): Ritualmord in der europäischen Geschichte. Böhlau, Wien 2003.
  • Ingrid Strobl: Anna und das Anderle. Eine Recherche.[11] Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-22382-2.
  • Richard Utz: Remembering Ritual Murder: The Anti-Semitic Blood Accusation Narrative in Medieval and Contemporary Cultural Memory. In: Eyolf Østrem (Hrsg.): Genre and Ritual: The Cultural Heritage of Medieval Rituals. Museum Tusculanum Press/ University of Copenhagen, Copenhagen 2005, ISBN 87-635-0241-0, S. 145–62.

Einzelnachweise

  1. Bischof Reinhold Stecher: Dekret zur Beendigung des Kultes des Seligen Anderle von Rinn. In: Verordnungsblatt der Diözese Innsbruck. Nr. 6, 15. Juli 1994.
  2. Wolfgang Treue: Der Trienter Judenprozeß. Voraussetzungen – Abläufe – Auswirkungen. Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1996, ISBN 3-7752-5613-X, S. 510. Im Jahr 1637 untersuchte Guarinoni in Trient den Leichnam Simons und stellte dabei 5812 Wunden fest.
  3. Michael Langer: Ritualmordwahn und Tiroler Volksfrömmigkeit. In: Diözese Innsbruck (Hrsg.): Judenstein. Das Ende einer Legende. Innsbruck 1995, S. 31–62, hier S. 39.
  4. Stefan Tilg: Die Popularisierung einer Ritualmordlegende im Anderl-von-Rinn-Drama der Haller Jesuiten (1621). In: Daphnis Zeitschrift für Mittlere Deutsche Literatur und Kultur der Frühen Neuzeit. 33, 2004, S. 623–640, hier S. 626. Tilg hat den Wortlaut der Perioche darin veröffentlicht.
  5. Stefan Tilg: Die Popularisierung. 2004, S. 634.
  6. Michael Langer: Ritualmordwahn und Tiroler Volksfrömmigkeit. 1995, S. 48.
  7. Robert Werner: Die Regensburger Ritualmordbeschuldigungen - Sex pueri Ratisbonae. Entwicklungen, Zusammenhänge mit Trient und Rinn, Relikte. In: Historischer Verein Regensburg und Oberpfalz (Hrsg.): Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 150. (VHV0) 2010, S. 33–117, hier S. 94.
  8. Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus - Ereignisse, Dekrete, Kontroversen (Band 4), Verlag Saur, 2011, S. 3
  9. Melanie A. Sully: A contemporary history of Austria. Routledge, London/ New York 1990, ISBN 0-415-01928-1, S. 88, S. 104.
  10. Rinn auf tirol-infos.at
  11. Andreas Maislinger: Rechter und linker Antisemitismus. Eine Neuauflage: Die Tiroler – und noch einmal das Anderl von Rinn. In: Zeit-Schrift für Freizeitwirtschaft und Tourismus. Jahrgang 47, 1995, Nummer 2.

Weblinks