Andreas oder Die Vereinigten

Hugo von Hofmannsthal
* 1874 † 1929

Andreas oder Die Vereinigten ist der einzige Roman Hugo von Hofmannsthals, der, um 1912 entstanden[1] und Fragment geblieben, 1932 posthum bei S. Fischer in Berlin erschien.[2] Der Autor hat ab 1907 an dem Werk gearbeitet.[3]

Dem jungen Andreas ist es „schwer, zu sich selber zu gelangen“.[4] Mehr noch, Andreas ist „vor sich selbst auf der Flucht“.[5]

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Die wunderbare Freundin

Der 22-jährige Herr Andreas von Ferschengelder[6], dem Wiener Bagatelladel zugehörig, kommt am 7. September 1778[7] in Venedig an. Auf Vermittlung eines Einheimischen, der dem Ankömmling hofiert, findet er im Hause des verarmten Grafen Prampero Unterkunft. Der baufällige Palazzo liegt gegenüber dem Theater zu Sankt Samuel. An diesem Theater ist der Graf als Lichtputzer und die Gräfin als Logenschließerin tätig. Die ältere gräfliche Tochter Nina war dort Schauspielerin gewesen. Zustina, die jüngere Tochter, erregt Andreas' Aufmerksamkeit in Verbindung mit einer in Vorbereitung befindlichen Lotterie. Der wohlerzogene Jüngling will nicht fragen, was verlost wird. Er hat andere Sorgen. Seine Eltern in Wien müssten brieflich von der glücklichen Zielankunft des Herrn Sohnes ins Bild gesetzt werden. Natürlich will Andreas in dem Schreiben in einem günstigen Licht erscheinen - zum Beispiel als sparsamer Kulturreisender, der preisgünstig logiert. Doch er verkneift sich solches Selbstlob. Ist er doch in Kärnten Opfer des Betrügers Gotthelff geworden. Die Hälfte des Reisegeldes ist fort. Andreas denkt nicht gern an die unerfreuliche Episode. Doch sie hatte auch ihr Gutes. Gotthelff hatte seinen neuen Herrn Andreas hinter Villach in ein abgelegenes Kärntner Seitental gelockt. Dort auf dem Hof des Bauern Finazzer hatte er ohne Umschweife die Liebe dessen schöner Tochter Romana, einer Jungfrau voll von „Unschuld und Reinheit“, errungen. Romana redet ungehemmt zu ihm. Die Eltern des Mädchens lieben sich und ihre Kinder. Solche Leute wie aus dem Geschlecht der Finazzer, von altem Adel noch dazu, sind Andreas in Wien nicht begegnet. Mit Eltern und Respektspersonen hatte er bisher einen gezwungeneren, von Ängstlichkeit geprägten Umgang. Zwar erlebt Andreas seinen ersten Kuss mit dem jungen Mädchen, doch einer Liebesnacht weicht er im letzten Moment aus. Der Verbrecher Gotthelff bringt Andreas bei dem gastfreundlichen Bauer Finazzer in die Bredouille. Gotthelff vergiftet des Nachts den Hofhund, vergeht sich an einer Magd, fesselt sowie knebelt diese und flüchtet mit dem besseren der beiden Reitpferde und einem Teil des Geldes. Finazzer bleibt gelassen und verzeiht Andreas: „Sie sind ein unerfahrener junger Herr.“

Als Andreas auf die Weiterreise mit einem Fuhrmann wartet, hat er einen Traum.[8] Als er darauf erwacht, durchfährt ihn ein „Glück bis in die letzte Ader. Romanas ganzes Wesen hatte sich ihm angekündigt mit einem Leben, das über der Wirklichkeit war. Alles Schwere war weggeblasen. In ihm oder außer ihm, er konnte sie nicht verlieren. Er hatte das Wissen, noch mehr, er hatte den Glauben, daß sie für ihn lebte. Er trat in die Welt zurück wie ein Seliger.“[9] Romanas Mund küsst den Seinen. Es ist alles Wirklichkeit. Andreas aber fährt mit dem Fuhrwerk weiter in Richtung Venedig anstatt kurz entschlossen bei dem Bauer Finazzer um Romana zu werben.

Venedig erscheint gegen die steinigen Kärntner Berge als der Sumpf.[10] Die oben erwähnte Ziehung ist eine Woche nach Mariä Geburt. Hauptgewinn ist die Entjungferung der noch nicht einmal 16-jährigen Zustina.[11] Die Kleine ist an der Reihe, die gräfliche Familie über Wasser zu halten. Es gibt keinen besseren Weg. Andreas ist als Fremder vom Loskauf ausgeschlossen. Allerdings läge der Weiterverkauf eines bereits erstandenen Loses von einem Subskribenten - verbunden mit einer Abfindung, versteht sich - im Bereich des Möglichen. Die Lotterie steht unter der Ägide des Patriziers Herrn Sacramozo, der zuletzt Gouverneur von Korfu war. Dieser Ritter, ein Malteser, gilt als Ehrenmann.

Zitat

  • „...ein Zaunschlüpfer oder Rotkehlchen glitt aus dem grünen Dunkel hervor, überschlug sich mit einem süßen Laut in der webend leuchtenden Luft. Das Schönste waren Romanas Lippen, die waren von leuchtendem durchsichtigem Purpurrot, und ihre eifrig arglosen Reden kamen dazwischen heraus wie eine Feuerluft, in der ihre Seele hervorschlug, zugleich aus den braunen Augen ein Aufleuchten bei jedem Wort.“[12]

Fragmente

Eine Fülle von Glossen des Autors zur Fortführung des Romans finden sich in den Kapiteln

Venezianisches Reisetagebuch des Herrn von N. (1779),
Das venezianische Erlebnis des Herrn von N. und
Die Dame mit dem Hündchen.

Aus der skizzierten verwirrenden Vielfalt sei hervorgehoben: Andreas liebt Maria/Mariquita, ein seltsames Doppelwesen. Der Succubus Mariquita schläft zuweilen mit zwei Männern zugleich. Andreas gewinnt Zustina in der Lotterie. Sacramozo bringt Andreas zu der Erkenntnis, er liebe Romana Finazzer.[13] Andreas flüchtet aus Venedig und stürmt bergauf zum Castell Finazzer. Romana ist nicht da. Er hinterlässt ihr einen Brief.

Rezeption

Das venezianische Abenteuer sei nur der Rahmen um das große Thema: die Liebe Andreas' zu Romana.[14]

Sprengel[15] spielt auf den Titel an, wenn er behauptet, Andreas ersehne eine Vereinigung mit Romana.

Fragment

Broch schreibt 1951 in Hugo Hofmannsthals Prosaschriften[16]: „Mit Andreas hat Hofmannsthal seinem erzählerischen Schaffen einen Gipfel gesetzt, dessen Höhe er unterschätzt hat.“[17] Le Rider[18] hingegen sieht den Abbruch der Arbeit am Manuskript durch Selbstzensur verursacht. Felix Braun äußert, Andreas sei „innerlich fragmentarisch“[19] wie der ganze Roman.

Gattung

Der Andreas sei ein Entwicklungsroman, weil der Titelheld mit der Welt übereinkomme.[20] Nach dem Ersten Weltkrieg habe der Autor vom Bildungsroman Abschied genommen.[21][22] In Kärnten mache Andreas eine Erziehung des Herzens durch.[23] Zunächst müsse er „liebesfähig werden“.[24]

Psyche

Der ausgeführte Text trage autobiographische Züge.[25] In Venedig dissoziiere Andreas' Persönlichkeit.[26][27] Eine Ursache: Die Eltern hätten weder sich noch Andreas geliebt.[28] Überdies sei Andreas durch homosexuelle Attacken seines Katecheten[29] traumatisiert.[30] Le Rider stellt den teuflischen Bedienten Gotthelff als Alter Ego Andreas' hin.

Andreas versage sowohl gegenüber dem Gemeinen - verkörpert durch Gotthelff - als auch gegenüber dem Reinen - verkörpert durch Romana.[31] So könne er sich in seinen Schuldträumen auf dem Finazzer-Hof nicht von Gotthelff distanzieren.[32] Überhaupt offenbare sich in Andreas' Träumen auf dem Finazzer-Hof seine „Doppelnatur“. So gesehen erscheine der Verbrecher Gotthelff als Spiegelung des Andreas.[33]

Scheffer geht bei der Textanalyse von Symbolen aus - zum Beispiel von der „Vogelmotivik“.[34]

Vorbilder

Sprengel sieht Einflüsse von Goethes Wilhelm Meisters theatralische Sendung und Schillers Geisterseher.[35] Mayer[36] nennt unter anderem Mörikes Maler Nolten als einen Vorläufer des Andreas. Nach Le Rider ist der Text von Büchners Lenz beeinflusst.[37]

Das Doppelwesen Maria/Mariquita sei nach der Theorie „The dissociation of a personality“ des Bostoner Psychiaters Morton Prince[38][39][40][41] und Romana als Therese von Lisieux[42] angelegt.

Literatur

  • Richard Alewyn: Über Hugo von Hofmannsthal. 170 Seiten. Kleine Vandenhoeck-Reihe 57. Sonderband. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958
  • Werner Volke: Hugo von Hofmannsthal. rowohlts monographien begründet von Kurt Kusenberg. 192 Seiten. Rowohlt Reinbek bei Hamburg im Juli 1967 (Aufl. 1997), ISBN 3-499-50127-9
  • Gotthart Wunberg (Hrsg.): Hofmannsthal im Urteil seiner Kritiker. Athenäum, Frankfurt am Main 1972 (ohne ISBN, 612 Seiten)
  • Jacques Le Rider: Hugo von Hofmannsthal. Historismus und Moderne in der Literatur der Jahrhundertwende. Aus dem Französischen von Leopold Federmair. Reihe Nachbarschaften. Humanwissenschaftliche Studien. Bd. 6 (Georg Schmid (Hrsg.), Sigrid Schmid-Bortenschlager (Hrsg.)) 312 Seiten. Böhlau Verlag Wien 1997, ISBN 3-205-98501-X
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900 - 1918. München 2004. 924 Seiten, ISBN 3-406-52178-9
  • Mathias Mayer: Die Grenzen des Textes. Zur Fragmentarik und Rezeption von Hofmannsthals ‚Andreas‘-Roman. S. 62-83 in: Elsbeth Dangel-Pelloquin (Hrsg.): Hugo von Hofmannsthal. Neue Wege der Forschung. 240 Seiten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-19032-4
  • Katrin Scheffer: Schwebende, webende Bilder. Strukturbildende Motive und Blickstrategien in Hugo von Hofmannsthals Prosaschriften. 379 Seiten. Diss. Marburg 2007. Tectum Verlag Marburg 2007, ISBN 978-3-8288-9424-2

Erstausgabe

  • Hugo von Hofmannsthal: Andreas oder Die Vereinigten. Fragment eines Romans. Mit einem Nachwort von Jakob Wassermann. Umschlag und Titelvignette von Hans Meid. 183 Seiten. S. Fischer Berlin 1932.

Ausgaben

  • Mathias Mayer (Hrsg.): Hugo von Hofmannsthal: Andreas. 149 Seiten. Reclams Universal-Bibliothek 8800, Stuttgart im Januar 2000, ISBN 978-3-15-008800-5

Zitierte Textausgabe

  • Hugo von Hofmannsthal: Andreas (1907-1927). S. 198-319 in: Hugo von Hofmannsthal, Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden, hrsg. von Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch, S. Fischer, Frankfurt a. M. 1949 (Aufl. anno 1986), Band Erzählungen. Erfundene Gespräche und Briefe. Reisen. 694 Seiten, ISBN 3-10-031547-2

Weblinks

Einzelnachweise

Quelle meint die zitierte Textausgabe

  1. Broch in Wunberg (Hrsg.): S. 435, 16. Z.v.o.
  2. Gemeint ist die Erstausgabe in Buchform. 1930 erschien ein Abdruck in der Zweimonatsschrift „Corona“ (Le Rider, S. 129, Fußnote 2).
  3. Hofmannsthal habe 1907 Jakob Wassermann von dem Vorhaben erzählt (Alewyn, S. 108, 7. Z.v.o.).
  4. zitiert bei Alewyn, S. 126, 10. Z.v.o.
  5. Sprengel, S. 247, 11. Z.v.u.
  6. Ferschengelder ist ein sprechender Name: In mehr als einer brenzligen Situation gibt Andreas Fersengeld.
  7. Hofmannsthal schreibt den Abgesang auf eine Ära.
  8. Genauer: Andreas träumt mehrere Träume.
  9. Quelle, S. 235, 15. Z.v.u.
  10. Le Rider behauptet, bei genauerem Hinsehen erscheine auch der Finazzer-Hof morbid (Le Rider, S. 145, 13. Z.v.u.). Zum Beispiel sei die Verbindung von Romanas Eltern „fast“ inzestuös (Le Rider, S. 144, 6. Z.v.u.).
  11. Quelle, S. 244, 9. Z.v.o.
  12. Quelle, S. 218, 14. Z.v.u.
  13. siehe auch Volke, S. 114, 15. Z.v.u.
  14. Alewyn, S. 133, 1. Z.v.o.
  15. Sprengel, S. 248, 4. Z.v.o.
  16. Broch in Wunberg (Hrsg.): S. 445, 18. Z.v.o.
  17. zitiert bei Le Rider, S. 129, 1. Z.v.u.
  18. Le Rider, S. 141, 3. Z.v.o.
  19. Felix Braun zitiert bei Mayer, S. 72, 23. Z.v.o.
  20. Alewyn, S. 125, 10. Z.v.o.
  21. Le Rider, S. 135, 16. Z.v.o.
  22. siehe auch Sprengel, S. 247, 9. Z.v.u.
  23. Le Rider, S. 135, 5. Z.v.u.
  24. Le Rider, S. 135, 13. Z.v.o.
  25. Le Rider, S. 142, 3. Z.v.o.
  26. Le Rider, S. 136, 6. Z.v.o.
  27. siehe auch Sprengel, S. 247, 8. Z.v.u.
  28. Le Rider, S. 142, 10. Z.v.u. und S. 143 oben
  29. Quelle, S. 225, 7. Z.v.u.
  30. Le Rider, S. 144, 2. Z.v.o.
  31. Alewyn, S. 125, 18. Z.v.u.
  32. Mayer, S. 70, 16. Z.v.u.
  33. Sprengel, S. 248 oben. Und auch: Andreas war als Kind mitunter grausam. Er hatte Tiere gequält.
  34. Scheffer, S. 39 ff.
  35. Sprengel, S. 248 Mitte
  36. Mayer, S. 75, 7. Z.v.o.
  37. Le Rider, S. 137, 3. Z.v.o.
  38. Le Rider, S. 140, 10. Z.v.u.
  39. Alewyn, S. 109, 5. Z.v.u.
  40. Mayer, S. 78, 5. Z.v.o.
  41. Volke, S. 113, 19. Z.v.u.
  42. Le Rider, S. 144, 12. Z.v.o.