Arnold Köster

Arnold Köster (* 3. Februar 1896 in Wiedenest bei Köln; † 28. Oktober 1960 in Wien) war ein aus Deutschland stammender Baptistenprediger, der den Nationalsozialismus seit 1930 in Artikeln und Predigten kritisierte und damit christlich geprägten Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete.

Inhaltsverzeichnis

Prediger-Ausbildung in Hamburg

Am baptistischen Theologischen Seminar in Hamburg erhielt er von 1919 bis 1923 seine Ausbildung zum Prediger. Anschließend heiratete er 1923 Maria Hornburg, das Paar hatte sechs Kinder. In der Kölner Friedenskapelle war er von 1924 bis 1929 Prediger.

Seit 1929 als Prediger in Wien

Von Köln berief ihn die Wiener Baptisten-Gemeinde (Mollardgasse 35); es handelte sich damals um die einzige selbständige Baptistengemeinde Österreichs. Hier wirkte er 31 Jahre lang als Prediger bis zu seinem Tod (eine so lange Dauer an einem Dienstort ist bei Baptistenpastoren selten).

Köster kam bald zu der Einschätzung, dass „Heil“ und „Hitler“ Gegensätze waren. Wenn Politiker versprachen, aus eigener Kraft eine neue, bessere Welt zu schaffen, befürchtete Köster Unheil. Von der Gestapo wurde er beobachtet und einige Male verhört, aber es gab keine weitergehenden Konsequenzen.

Er schrieb Artikel in baptistischen Zeitschriften; seit 1930 gab es den von ihm mitherausgegebenen Täufer-Boten.

Von Gertrud Hoffmann, einem Gemeindeglied, wurden Predigten mitstenographiert und anschließend mittels Schreibmaschine übertragen. Die Typoskripte beziehungsweise Durchschläge werden im Archiv dieser Baptistengemeinde aufbewahrt. Erhaltene Predigten von ihm gibt es seit Herbst 1940 ziemlich regelmäßig, ab 1943 wurden Matrizen-Abzüge hergestellt - diese Predigten konnten somit in großer Zahl verbreitet werden. An Sonntagen hörten ihm ungefähr 300 Leute zu. An Sonntagen gab es zwei Gottesdienste am Vormittag um 10 Uhr sowie am Spätnachmittag um 17 Uhr mit zwei verschiedenen Predigten und es gab am Donnerstag-Abend einen Vortrag. Der Redner war fast immer Köster selbst. Er sprach bei einer Predigt etwa eine Dreiviertelstunde lang, bei einem Vortrag eine ganze Stunde. Das ergibt also bis zu drei Texte pro Woche. Insgesamt sind aus der Kriegszeit etwa 500 Predigten und Vorträge Kösters, im genauen Wortlaut, erhalten.

NS-kritische Äußerungen in chronologischer Reihenfolge

Köster war im Rahmen des deutschen Baptismus in der NS-Zeit eine Ausnahmegestalt. Das wird in der Untersuchung von Andrea Strübind deutlich. Sie erkannte Kösters Bedeutung und konnte – aufgrund einer posthumen Publikation von 1965 – mehrere Äußerungen Kösters miteinbeziehen.[1] Gemäß Franz Graf-Stuhlhofer war Köster „einer der schärfsten öffentlichen kontinuierlichen NS-Kritiker im Großdeutschen Reich“.[2]

Die folgenden Beispiele sollen Kösters NS-Kritik veranschaulichen:

1931

Köster sah politische Heilsversprechen als starke Konkurrenz zur Zuständigkeit Gottes:

„O, selige Stunde, wenn aller Glaube an die Reiche dieser Welt zerbrochen ist, wenn der Glaube an ‘das dritte Reich’ als Irrglaube sich enthüllt hat und das betrogene Menschenherz zum Glauben frei geworden ist an das Reich Gottes, an das Königtum Jesu!“ (Täufer-Bote, Dez. 1931, S.1).

1932

In einem Artikel über „Hakenkreuz und Sowjetstern. Malzeichen des Antichristus!?“ bezeichnete Köster beide genannte Zeichen als „antichristlich“:

„Das Hakenkreuz ist das Zeichen des Sonnenrades, das Selbsterlösung, Höherentwicklung aus eigener Kraft, Selbstvollendung zum Ausdruck bringt. Das Hakenkreuz, oder besser: das Sonnenrad in seiner ewigen Bewegung ist der sprechende Ausdruck für den Glauben des Menschen an sich selbst, an seine eigene Güte und Kraft.“ (Wahrheitszeuge, 11.Sept.1932, S.291f.)[3]

Ausgehend von Offenbarung 13 schloss Köster, „daß das Symbol des Antichristus das Zeichen des Menschen ist, d.h. jenes Zeichen, in dem der Mensch an sich selbst glaubt und sich selbst verkündigt als - Gott.“ Somit hält er beide Zeichen für gegengöttlich und antichristlich.

1933

Manchmal beschrieb Köster seine Aufgabe als Prediger, und hob dabei die Wichtigkeit hervor, mit Gott in engem Kontakt zu bleiben:

“Der Bote Gottes, der nicht den Mut hat, auch einmal einen ganzen Tag hinter seiner Bibel zu sitzen mitten im Hochbetrieb des Gemeindelebens, der wird bald leeres Stroh dreschen. ... Mehr denn je haben die Diener am Wort diesen heiligen Mut nötig, sich wie ihr Meister auch einmal loszureißen von der wartenden Masse, um Gott zu begegnen. Gott schenke allen seinen Boten den starken Mut zu heiliger Stille, zu heiliger Absonderung, zu heiligem Schweigen und Hören!“ (Täufer-Bote, Aug.1933, S.3.)

1934

Köster veröffentlichte einen Artikel zum Thema: „Der Geist – das göttliche Lebenselement der Gemeinde“. Darin sprach er sich gegen die Betonung der Rassen-Unterschiede aus:

„Der Heilige Geist zeigt uns im Menschen den Bruder ... Was bedeuten ihm soziale und rassische Unterschiede! ‘Sie sind allzumal Einer in Christo.’ (Die hier zitierte Stelle steht in Galater 3,28; der Artikel erschien in: Wahrheitszeuge, April 1934, Nr.15, S.117-119.)

1939

Am Sonntag, den 3. Sept., nach dem Kriegsbeginn, predigte Köster und legte dabei seiner Gemeinde drei Anliegen ans Herz: Erstens brauchen die an den Fronten stehenden Christen Fürbitte: „daß sie stets das Bewußtsein der Verantwortung Jesu gegenüber ... bewahren“. Sodann sollte „an all die vielen“ gedacht werden, „in deren Hütten und Herzen jetzt namenloses Leid einkehrt, die nächste Angehörige haben hergeben müssen, die mitten in Kriegswirren drinnenstehen ...“ Und schließlich geht es auch darum,

„daß die Gemeinde Jesu Christi wach bleibe für die Wiederkunft Jesu Christi. Wenn der Sieges-Enthusiasmus über die Völker kommt, möge sie sich nicht an die irdischen Ziele verlieren, und in allem Geschichts-Erleben, wo Völker wild streben nach der Erfüllung langgehegter Träume und Erwartungen, nicht vergessen, daß Gott durch alle Geschichte der Welt hindurch seine Geschichte weitermacht, ...“

1941

Köster sprach in einem Vortrag über den Antichrist. Er legte Bibelabschnitte aus Offenbarung 13 sowie Daniel 11 zugrunde. Er sagte nicht ausdrücklich, an wen er dabei dachte, aber jedenfalls passte seine Beschreibung der Merkmale des Antichristen deutlich auf Hitler:

1. Der Antichrist hat keine vornehme Abstammung, er war lange Zeit unbeachtet.

2. Der Antichrist ist wortgewaltig: „Er ist ... ein Weltfürst, der das Wort [so] meistert, daß dieses Wort die Menschen immer wieder hineinbringt in einen Rausch, so daß sie immer wieder aufs Neue glauben.“

3. Hier werden eigentlich drei Kennzeichen zu einem einzigen Punkt zusammengenommen. Der Antichrist stellt Heere auf, „die sich wie eine Flut über andere Nationen ergießen können.“ Und er führt einen Kampf gegen das Volk der Juden. Außerdem: „Der Antichrist wird ein Christentum haben und öffentlich proklamieren ...“

4. Bis zu diesem Zeitpunkt war Hitler politisch und militärisch sehr erfolgreich: „Er wird tun, was er will ... d.h. er nimmt sich etwas vor und es geschieht. Es gelingt alles, was er sich vornimmt. Weil er von unten inspiriert ist, wandelt er an Abgründen mit nachtwandlerischer Sicherheit.“

5. Hitlers intimes Verhältnis mit seiner Sekretärin Eva Braun wurde damals geheim gehalten: „Er kennt keine Frauenliebe. Er kennt nicht das Geheimnis innigster Gemeinschaft, darum ist er auch für alle andern Gemeinschaften gar nicht fähig.“

6. Radikale Umgestaltung als Kennzeichen: „Ob es die Völker sind, die Nationen, ob es das Recht ist, die Wirtschaft, das Denken, er wird sich gegen alles aufwerfen, um alles neu zu machen.“

7. Er betet „vor dem Gott der Festungen“ an.

1943

Am 4. März 1943 hielt Köster einen Vortrag zum Thema „Jesus von Nazareth, Menschensohn und Gottessohn“. Darin forderte er dazu auf, sich von der nationalsozialistischen Ideologie abzuwenden:

„Man kann von einem Nationalsozialisten, der diese Weltanschauung getrunken hat, und der den ganzen Gedankenkomplex, der von bestimmten Büchern herkommt, in sich aufgenommen hat – von dem kann man nicht erwarten, daß er Jesus von Nazareth als den Gottessohn erkennt! Dazu ist er nicht fähig, es sei denn, er lasse sich diese ganze Gedankenwelt zerschlagen - dann ist sein Gewissen frei, Jesus zu schauen.“

1945

Am 8. Feb.1945 hielt Köster einen Vortrag über die „Stunde der Versuchung“ (gemäß der Offenbarung). Köster blickte zurück:

„Ich schaue ungefähr 20 Jahre auf den antichristlichen Geist zurück und muß es dem lieben Heiland zugestehen, daß er sein Wort gehalten hat! ... Und als einmal ein Pfarrer in der Evangelischen Allianz aufstand und sagte: ‘Wir haben alle geschwärmt’, bin ich aufgestanden und habe gesagt: ‘Das verbitte ich mir! Ich habe nicht geschwärmt!’ ... Ich hätte nur gewünscht, ich hätte lauter geredet und mehr gewarnt vor dem Gift!“

Artikel, Predigten und Vorträge

  • Lampenlicht am dunklen Ort. Predigten und Vorträge, posthum hg. von Karl Federmann, Gertrud Hoffmann. Sensen-Verlag, Wien 1965.
  • Artikel in den baptistischen Zeitschriften Täufer-Bote, Wahrheitszeuge und Hilfsbote.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Nationalsozialismus als Konkurrenz zum christlichen Glauben. Der Wiener Baptistenprediger Arnold Köster über Anschluß und Kriegsanfänge. Eine Dokumentation zu den Jahren 1938 bis 1940, in: Jahrbuch für Geschichte des Protestantismus in Österreich 112 (1996) 137-183.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Predigten während Stalingrad. Eine Dokumentation zum Wiener Baptistenpastor Arnold Köster im Januar und Februar 1943, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 48 (2000) 1078-1097.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Das Kriegs-Ende in Wien im Spiegel der Predigten eines NS-kritischen Baptistenpastors [Anfang 1945], in: Österreich in Geschichte und Literatur 40 (1996) 113-125.

Literatur

  • Franz Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik am Nationalsozialismus im Großdeutschen Reich. Leben und Weltanschauung des Wiener Baptistenpastors Arnold Köster (1896-1960) (Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20.Jh.; 9). Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2001, ISBN 3-7887-1856-0
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik … [das Buch kurzgefasst] in: Kirchliche Zeitgeschichte. Internationale Halbjahresschrift für Theologie und Geschichtswissenschaft 14 (2001) 557-564.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Von der „Grenze des Möglichen“ im Dritten Reich. Kritik am Nationalen in der einzigartigen Predigtsammlung des Wiener Baptisten-Pastors Arnold Köster, in: Geschichte und Gegenwart. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Gesellschaftsanalyse und politische Bildung 18 (1999) 13-35.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: Juden und Freikirchen in Österreich. Die Haltung der Freikirchen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus, dargestellt vor allem am Beispiel der Prediger Arnold Köster (Baptist) und Hinrich Bargmann (Methodist), in: Daniel Heinz (Hg.): Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“ (Kirche – Konfession – Religion; 54). V&R unipress, Göttingen 2011, S.311-330.
  • Markus Vinzent (Hg.): Metzler Lexikon christlicher Denker. 700 Autorinnen und Autoren von den Anfängen des Christentums bis zur Gegenwart. J.B.Metzler, Stuttgart 2000, S.413.
  • Franz Graf-Stuhlhofer: KÖSTER, Arnold. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 19, Bautz, Nordhausen 2001, ISBN 3-88309-089-1, Sp. 815–821.

Einzelbelege

  1. Andrea Strübind: Die unfreie Freikirche. Der Bund der Baptistengemeinden im ‚Dritten Reich’. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 1991, S.65, 79, 265, 268, 284, 336.
  2. Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, S.5. Dort auch eine genauere Erläuterung zu den einzelnen Begriffen wie „öffentlich“ usw.
  3. Aufgrund dieses Artikels wird Köster einmal erwähnt bei Günter Balders (Hg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland. 1934-1984. Festschrift. Wuppertal, Kassel 1984, S.89.