Castellio gegen Calvin

Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt ist eine historische Monographie von Stefan Zweig aus dem Jahr 1936. Zweig verschlüsselt darin seine Wahrnehmung des Nationalsozialismus und übt mit der Darstellung der Vorgänge im calvinistischen Genf des 16. Jahrhunderts zugleich Kritik am Totalitarismus der Nazis.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Genf um 1550: Der Reformator Jean Calvin regiert mit eiserner Hand als geistliches und weltliches Oberhaupt die Stadt, die von seinem Katechismus bis in die letzten Ecken durchdrungen ist. Der spanische Querdenker Miguel Servet will Calvin Fehler in seiner Auslegung der Heiligen Schrift nachweisen, Calvin verweigert jedoch die Diskussion und reagiert mit Terror: Servet wird am 27. Oktober 1553 in Genf bei lebendigem Leibe verbrannt. Der Humanist und Antipode Calvins, Sebastian Castellio, Professor an der Basler Universität, schreit auf und führt die Feder wie eine Lanze im Kampf des Gewissens gegen die Gewalt, einen Kampf den er selber mit „die Mücke gegen den Elefanten“[1] betitelt. „Einen Menschen töten, heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten“[2], so lautet die Position Castellios, die der Calvins diametral entgegensteht. Ein schwerwiegender Konflikt zwischen den beiden Streitenden scheint unausweichlich und es steht zu befürchten, dass Calvin ihn, wie schon bei Servet, nicht auf geistiger Ebene zu führen bereit ist, sondern auch Castellio nach dem Leben trachtet. Doch so weit kommt es nicht: Der Humanist stirbt ausgemergelt und erschöpft von seinem Kampfe gegen Calvin am 29. Dezember 1563.

Interpretation

Die Interpretation von Castellio gegen Calvin muss im Kontext der Zeit geschehen: 1936 geschrieben, also drei Jahre nach der „Machtergreifung“ der NSDAP in Deutschland, behandelt es den Kampf eines „Gewissens gegen die Gewalt“, wobei die Figur Calvins eindeutige Parallelen zu Adolf Hitler aufweist. Der schon wuchernde Faschismus in Deutschland dürfte Zweig in tiefe Besorgnis versetzt und dazu veranlasst haben, nach Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (erschienen 1934) ein zweites Buch zu schreiben, das sich entschieden gegen Intoleranz und menschenfeindliche Ideologien richtet. Calvin dient Zweig fast schon als Allegorie des Antihumanismus, Castellio als einsamer Rufer für einen friedlichen Dialog, Gewaltlosigkeit und gegenseitigen Respekt. Dass das Buch also als Kritik an der Entwicklung in Deutschland beziehungsweise in ganz Europa gedacht ist, kann nicht geleugnet werden. Zweig verleiht seiner Botschaft im Vorwort auch einen sehr konkreten politischen Aspekt, wenn er sagt: „Diese immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität bleibt keinem Volke, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart: denn Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität (sonst wird sie zum Chaos) und Autorität nicht ohne Freiheit (sonst wird sie zur Tyrannei).“ [3]

Ausgaben

  •  Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt. Fischer-Taschenbuch 2295, Frankfurt am Main 1985 ff, ISBN 978-3-596-22295-7 (Erstausgabe 1936 bei Herbert Reichner Verlag in Wien).
    • gebunden: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt In: Knut Beck (Hrsg.): Gesammelte Werke in Einzelbänden. 3. Auflage, S. Fischer, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-10-097071-3.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. als Inschrift im Basler Exemplar seiner Kampfschrift
  2. Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Fischer, ISBN 978-3-596-22295-7, S. 177
  3. ebd. S. 13