Christian Michelides

Christian Michelides (* 19. Juli 1957 in Graz) ist ein österreichischer Psychotherapeut. Er leitet das Lighthouse Wien.

Christian Michelides, März 2005

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

1973 begann Christian Michelides als Autor beim Feuilleton der Südost Tagespost zu arbeiten. Nach der Externistenreifeprüfung 1978 studierte er in Mailand Regie und in Wien Kunstgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Parallel dazu publizierte er im Feuilleton österreichischer und italienischer Medien. In den 1980er Jahren arbeitete er in der neu gegründeten Zeitschrift WIENER, in der Werbeagentur GGK Wien und im Marketing der Uhrenmarke Swatch in Biel. 1983 organisierte er eine kommerzielle Messe für Fotografie in der Wiener Stadthalle und gab dazu einen Katalog heraus.[1] Ebenfalls 1983 organisierte er in der Galerie der GGK mehrere Ausstellungen.[2]

In den frühen 1990er Jahren arbeitete er für die Zeitschrift FORVM und andere Medien. Michelides brachte die Bauernbund-Mitgliedschaft von Thomas Bernhard an die Öffentlichkeit,[3] deckte die heimliche Einstellung des Grillparzer-Preises durch die Akademie der Wissenschaften[4] und die nationalsozialistische Vergangenheit der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger[5] auf, recherchierte und dokumentierte die großdeutschen Ambitionen der Kulturpreise vergebenden Stiftung F.V.S. und die Nähe ihres Stifters Alfred Toepfer zum NS-Regime und zu Joseph Goebbels.[6]

Ab 1994 verlagerte sich seine Arbeit in Richtung Aktivismus für Menschenrechte und Minderheiten. 1995 war Michelides für Idee und Konzept des Internationalen Menschenrechts-Tribunals im Republikanischen Club in Wien verantwortlich. Das mehrtägige Tribunal, das in Form einer Gerichtsverhandlung gegen die Republik Österreich abgehalten wurde, würdigte die Wiener Zeitung am 10. Juni 1995 (am zweiten Tag des Tribunals) mit einer kurze Meldung: Österreich auf der Anklagebank.[7] Michelides trat als Ankläger auf. Darin wurde ein Ende der Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und TransGender-Personen gefordert.[8] Michelides gründete weiters die Initiative Häfn human, die Häftlinge betreute und besuchte,[9] engagierte sich gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV und AIDS und beteiligte sich an Basisgruppen wie Club Plus.[10] 1995 bis 1997 war Michelides Vorsitzender des Österreichischen Lesben- und Schwulenforums (ÖLSF). Als solcher berichtete er am 10. Oktober 1995 als Auskunftsperson vor dem Unterausschuss des Justizausschusses des Österreichischen Parlaments zur Abschaffung der sogenannten „Homosexuellenparagrafen“ über die Situation der Homosexuellen in Österreich.[11] und wirkte maßgeblich an der Organisation der ersten Regenbogenparade 1996 auf der Wiener Ringstraße mit.[12] Im Jahr 1998 begann seine soziale Arbeit für Obdachlose.

Seit 2000 leitet er das Lighthouse Wien, in dem vormals obdachlose Menschen mit schweren Traumata leben und betreut werden. Von 1999 bis 2002 absolvierte er die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater an der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. Seit 2009 leitet er eine psychoanalytische Männergruppe. 2010 wurde er als Gruppenanalytiker vom Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) graduiert und arbeitet seither als Psychotherapeut in freier Praxis in Wien.

Schriften

  • (Hrsg.) Wiener Blut '83 : eine Gesellschaftskomödie mit Paten und Kindern ; eine Aufstellung und Hängung von Werken durch Christian Michelides in der Galerie in der GGK Wien, Villa Vojcsik, von 24. März bis 16. Juni 1983 Wien 1983, Verlag Michelides.
  • (Hrsg.) Marcus Leatherdale. Mit Texten von Kathy Acker und Christian Michelides. Wien 1983.
  • (Hrsg.) Fotografie '83. Zur ersten österreichischen Fotografie-Kunstmesse in der Stadthalle Wien, Wien 1983.
  • (Hrsg.) Memorandum über die Stiftungen des Alfred C. Toepfer und deren Zusammenarbeit mit der Universität Wien. Wien 1991, 3. Auflage.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Christian Michelides (Hrsg.): Fotografie '83. Zur ersten österreichischen Fotografie-Kunstmesse in der Stadthalle. Wien 1983, Eigenverlag.
  2. Anna Auer: Die Wiener Galerie Die Brücke – Ihr internationaler Weg zur Sammlung Fotografis. Klinger, Passau 1999, ISBN 3-932949-03-X, S. 208. (Volltext als PDF; S. 205. Abgerufen am 4. November 2011.)
  3. Christian Michelides und Marcus Oswald (Hrsg.): Thomas Bernhard und die ÖVP. Dokumentation einer Debatte im Falter Oktober und November 1990. / Komitee zur Rettung des Grillparzer-Preises. Wien 1990.
  4. Sylvia Vogler, Christian Michelides (Hrsg.): Der Skandal um den Grillparzer-Preis. Pressedokumentation, Wien 1990.
  5. Friedrich Denk: Die Zensur der Nachgeborenen. Weilheim i.OB 1996 (3. Aufl.), S. 13–138, 164–188.
  6. Michael Pinto-​Duschinsky: Der Kampf um Geschichte. Der Fall Alfred C. Toepfer und der Nationalsozialismus. In: Michael Fahlbusch, Ingo Haar (Hrsg.): Völkische Wissenschaften und Politikberatung im 20. Jahrhundert. Paderborn 2010.
  7. „Vor einem symbolischen Tribunal wurde am Freitag die Republik Österreich der Verletzung der Menschenrechte von Lesben und Schwulen durch das Strafrecht angeklagt. Das Boltzmann-Institut für Menschenrechte, sowie Schwulen- und Lesbenorganisationen fordern ein Ende der Diskriminierung.“
  8. Gerhard Oberschlick: Appell des 'Internationalen Menschenrechts-Tribunals' gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und Transsexuellen in den Medien. In: Rechtliche Rundschau der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, IRIS 1995-7:12/36. Abgerufen am 4. November 2011.
  9. Florian Klenk: Drei Leichen im Keller. In: Falter, Heft 24/01, 13. Juni 2001. Abgerufen am 15. September 2011.
  10. Ärztekammer für Wien (Hrsg.): CLUB PLUS - MENSCHEN UND AIDS. Selbsthilfeverein für positive und solidarische Menschen in Österreich. Verzeichnis der Selbsthilfegruppen (Archiv). Abgerufen am 4. November 2011.
  11. Unterausschuß des Justizausschusses. Zusammenfassende Darstellung. Anhörung von ExpertInnen zu den §§ 209, 220 und 221 StGB. Österreichisches Parlament, 10. Oktober 1995, S. 1.
  12. Andreas Brunner: Regenbogen-Parade. Wie alles begann. (PDF, 5,23 MB) In: Lamdanachrichten, Heft 3/2005, S. 6f. Abgerufen am 15. September 2011.