Claus Gatterer

Claus Gatterer (* 27. März 1924 in Sexten; † 28. Juni 1984 in Wien) war ein aus Südtirol (Italien) stammender Journalist und Historiker. In seiner Heimatregion gilt er aufgrund umfassender zeithistorischer Studien, in denen er die Geschichte Südtirols erstmals in einen überregionalen Kontext stellte, als Begründer einer liberalen, weltoffenen Geschichtsschreibung. Im Sinne seines publizistischen Engagements für die Belange von Minderheiten aller Art wird vom Österreichischen Journalisten Club seit 1984 der Prof. Claus Gatterer-Preis für sozial engagierten Journalismus vergeben.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Claus Gatterer wurde als ältestes von neun Kindern einer Bergbauernfamilie in Sexten geboren. Die Lebenswirklichkeit in seiner näheren Heimat Sexten bzw. Südtirol befand sich gerade zu der Zeit in einem tiefgreifenden Umbruch.[1]

„Nachdem das Tal 1919 infolge einer Schlamperei der Weltgeschichte zu Italien gekommen war, nannte man es offiziell Sesto in Pusteria, und gut zwanzig Jahre lang durfte es überhaupt nur so heißen.“[2]

Während des Ersten Weltkrieges, genauer zwischen Frühjahr 1915 und Spätherbst 1917, lag das damals noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörende Sexten direkt hinter der Front und war zum größten Teil zerstört worden. Fünf Jahre vor Gatterers Geburt war Sexten infolge des Friedensvertrages von St. Germain Italien angegliedert worden. Zwei Jahre vor Gatterers Geburt, im Oktober 1922, ergriff die faschistische Partei unter Benito Mussolini die Macht in Italien. Der Faschismus verfolgte eine extrem minderheitenfeindliche Politik. Für die Bevölkerung Südtirols bedeutete dies, dass sie plötzlich nicht mehr Angehörige der größten Nationalität im Vielvölkerreich Österreich-Ungarn waren sondern ein, durch keinen internationalen Vertrag geschützte, Minderheit in einem Nationalstaat, zu dessen Politik unter anderem die Italianisierung der „fremdstämmigen“ Staatsbürger gehörte.[3] Gatterer beschreibt in seinen Kindheitserinnerungen Schöne Welt, böse Leut die vorherrschende Stimmung folgendermaßen:

„Das ‚wir Südtiroler’ war nun freilich etwas ganz anderes als das ‚wir Tiroler’ von einst. Tiroler zu sein war etwas ganz Natürliches gewesen: man war’s und keinem Menschen wäre es eingefallen zu fragen, weshalb. Tiroler zu sein bedeutete vor allem, Herr im eigenen Haus zu sein. […] ‚Südtiroler’ hingegen war man gezwungenermaßen. Der Weg vom Tiroler zum Südtiroler war ein Abstieg, eine Deklassierung.“[4]

Gatterer wurde in der Schule direkt mit den faschistischen „Italianisierungsmaßnahmen“ konfrontiert. Er besuchte die italienische Volksschule in Sexten. Deutsch als Unterrichtssprache war seit Oktober 1923 verboten.[5]

»Italienischen Lehrpersonen anvertraut, denen bei uns alles fremd war, vom Herrgott bis zum Namen […]«[6]

Nach der Volksschule besuchte Gatterer das Gymnasium am Knabenseminar Vinzentinum in Brixen – neben dem Johanneum in Dorf Tirol – infolge der Lateranverträge die einzige Höherbildende Schule mit deutscher Unterrichtssprache auf dem Gebiet Südtirols. In Gatteres Gymnasialzeit fällt eine für Südtirol einschneidende Entscheidung: Das Hitler-Mussoliniabkommen aus dem Jahre 1939, ein Umsiedlungsabkommen, bekannt unter dem Namen „Option in Südtirol“. Das Ankommen sah vor, dass die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Südtirols wählen sollte, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen und ins Deutsche Reich abwandern oder die italienische behalten und in Italien bleiben wollten - ohne Garantie dafür, dass sie auch in Südtirol bleiben konnten. Hatten sich die Südtiroler bis dahin relativ geschlossen gegen die Assimilierungs- und Entnationalisierungspolitik der Faschisten gewehrt, so entzweite die Option die Südtiroler Gesellschaft. Heftige Propaganda für und gegen das Auswandern setzte ein. Die überwiegende Mehrheit stimmte für die Auswanderung nach Deutschland. Nur ca. 20 Prozent der Abstimmenden, die so genannten „Dableiber“, entschieden sich für Italien.[7] Gatterers Familie gehörte dazu und hatte auch unter den Folgen zu leiden:

„Man hatte uns den Sultan [den Hofhund] vergiftet. Man hatte die drei alten Apfelbäume abgesägt, die unterm früheren Futterhaus. Man hatte den Bienenstand umgestürzt, mitten in der Nacht, mitten im Winter. Und am Zaun vor dem Haus hatte man eine neue Aufschrift angebracht: ‚VOLKSVERRÄTER’.“[8]

Im Herbst 1943 (September 1943), als die deutschen Truppen Norditalien besetzten, inskribierte Gatterer an der Universität Padua Geschichte und Philosophie (lettere e filosofia). Nach Kriegsende 1945 betätigte sich Gatterer politisch, arbeitete am Aufbau der Südtiroler Volkspartei (SVP) mit und arbeitete in der Redaktion zweier Südtiroler Zeitungen. 1948 übersiedelte Gatterer nach Innsbruck, wo seine Karriere als Journalist in Österreich begann. Unter anderem war er als Redakteur für die Tiroler Nachrichten, die Salzburger Nachrichten und Forum tätig. Bei der Wiener Tageszeitung Express bekleidete er das Amt des stellvertretenden Chefredakteurs. 1972 wechselte Gatterer zum ORF, wo er ab 1974 die Reihe „teleobjektiv“ leitete.

Gatterer starb am 28. Juni 1984 in Wien. Begraben wurde er, auf seinen Wunsch hin, in seinem Heimatdorf Sexten.

Seit 1984 wird vom Österreichischen Journalisten Club der Prof. Claus Gatterer-Preis für sozial engagierten Journalismus aus Österreich und Südtirol verliehen. Diese Verleihung findet in Zusammenarbeit zwischen dem ÖJC und dem Land Südtirol statt. In Sexten findet sich die Claus Gatterer Bibliothek mit dem Claus Gatterer Dokumentationszentrum.

Zu Gatterers publizistischen Lieblingsthemen gehörten neben seiner Heimat Südtirol die Kärntner Slowenen, die Beziehungen zwischen Italien und Österreich und der innertirolische Nationalitätenkonflikt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In seinen Darstellungen verfolgte er den Ansatz der Geschichtsschreibung von unten, aus der Sicht der so genannten einfachen Menschen.[9]

„Für ihn war es wichtig darzustellen, wie Geschichte durch die Köpfe der einfachen Menschen hindurchgegangen ist, wie sie von ihnen erlebt, erlitten und in der Erinnerung wahrgenommen wurde.[10]

Auszeichnungen

Werke

  • Unter seinem Galgen stand Österreich, Cesare Battisti. Porträt eines "Hochverräters", Europa Verlag, Wien u.a. 1967.
  • Im Kampf gegen Rom. Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien, Europa Verlag, Wien u.a. 1968.
  • Schöne Welt, böse Leut. Kindheit in Südtirol, Molden, Wien 1969.
  • Erbfeindschaft Italien-Österreich, Europa Verlag, Wien u.a. 1972.
Übersetzungen
  • Emilio Lussu: Ein Jahr auf der Hochebene, Büchergilde Gutenberg, Wien u.a. 1968.
  • Giulio Girardi: Marxismus und Christentum, Herder, Wien 1968.
  • Angelo Tasca: Glauben, gehorchen, kämpfen. Aufstieg des Faschismus, Wien u.a. 1969.
  • Emilio Lussu: Marsch auf Rom und Umgebung. Wien u.a. 1971.
Postum veröffentlicht
  • Aufsätze und Reden. Edition Raetia, Bozen 1991. (hrsg. von der Michael-Gaismair-Gesellschaft) ISBN 978-88-7283-003-1
  • Ein Einzelgänger, ein Dachs vielleicht - Tagebücher 1974-1984, Edition Raetia, Bozen 2011. (hrsg. von Thomas Hanifle) ISBN 978-88-7283-361-2

Literatur

  • Michael-Gaismair-Gesellschaft (Hrsg.): Der Mensch, der Journalist, der Historiker. Ein Symposium über Claus Gatterer. Edition Raetia, Bozen 1993, ISBN 978-88-7283-044-4
  • Thomas Hanifle: "Im Zweifel auf Seiten der Schwachen". Claus Gatterer, eine Biographie, StudienVerlag, Innsbruck u.a. 2005.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Claus Gatterer: Aufsätze und Reden. Bozen o.J., S. 394.
  2. Claus Gatterer: Schöne Welt, böse Leut. Wien – Zürich 1989, S. 9.
  3. Hermann Rogger u.a.: Sexten 1905 – 1915 – 1925. Leben – Überleben – Weiterleben / Sesto 1905 – 1915 – 1925. Vivere – Sopravvere – Rivivere. Sexten 2005, S. 48f.
  4. Gatterer,Schöne Welt, S. 14.
  5. Rolf Steininger: Südtirol 1918–1999. Innsbruck 1999, S. 26f.
  6. Gatterer,Schöne Welt, S. 52.
  7. Steiniger, Südtirol, S.40–53.
  8. Gatterer, Schöne Welt, S.130.
  9. Gatterer, Aufsätze, S. 8–11.
  10. Gatterer, Aufsätze, S.8.