Das Spinnennetz

Das Spinnennetz ist ein abgebrochener Fortsetzungsroman von Joseph Roth, der vom 7. Oktober bis zum 6. November 1923 in der Wiener Arbeiter-Zeitung vorabgedruckt wurde. Der Druck erfolgte posthum 1967 in Köln und Berlin. Das Werk wurde 1989 verfilmt.

Leutnant Theodor Lohse verliert nach dem Ersten Weltkrieg den Halt. Gestrige Militärs wie Ludendorff ermöglichen dem gewissenlosen Leutnant die neuerliche Karriere.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Leutnant Theodor Lohse hasst Sozialisten und Juden. Er will als Hörer der Rechte und als Hauslehrer bei einem Berliner jüdischen Juwelier Fuß fassen. Das Sich-Einfügen ins ungewohnte zivile Leben fällt dem Offizier schwer, denn auf einmal sind alle Vorgesetzte. Der Hauslehrer mit gescheiterten Hoffnungen und begrabenem Mut schreitet durch das Brandenburger Tor; plant den nächsten Schritt. Darauf kündigt er beim Juwelier und wird Mitglied einer Organisation S II. Diese unbekannte Macht sitzt im fernen München. Theodor hat es in Berlin direkt mit dem Detektiv Günther Klitsche zu tun. Der Leutnant wird von dem Detektiv erniedrigt, arbeitet unter falschem Namen als Spion, schleicht sich beim Gegner als Genosse ein und verrät die Sozialisten an die Polizei. Theodor bringt Klitsche um, vertuscht den Totschlag und nimmt die Stelle des Detektivs ein. Gern möchte Theodor den verehrten Ludendorff in München besuchen, aber Direktkontakt ist untersagt. Theodor ist in der Presselandschaft völlig unbekannt. Täglich nennen die Blätter Hitler, schreiben das Wort Nationalsozialismus hin wie jedes andere. Theodor kommt bei der Reichswehr in der Garnison Potsdam unter. Die Untergebenen in seiner Kompanie gewinnt er für sich, indem er nicht bestraft, sondern nur rügt.

Benjamin Lenz, ein Jude aus Lodz, im Krieg Spion gewesen, arbeitet gelegentlich mit falschem Material. Er versorgt nicht nur Theodor mit Meldungen, sondern ebenso den Gegner. Es stellt sich heraus, Benjamin weiß alles über Theodor und kennt auch die Angelegenheit Klitsche. Notgedrungen verbündet sich Theodor mit Benjamin. Der neue Verbündete denunziert Theodor. Herr Leutnant Lohse wird am Alexanderplatz gegen einen Zug der Arbeiter, die die Internationale singen, eingesetzt. Der Hunger dringt gegen die Sattheit vor. Blut fließt. Die Ordnung siegt. Alte Generale scheppern mit Orden. Auch privat ist Theodor erfolgreich. Fräulein Elsa von Schlieffen, national gesinnt und Judenfeindin, gibt - ganz zeitgemäß - ihren Adel auf und wird Frau Lohse. Benjamin bezahlt die Hochzeitsfeier. Zwar scheidet Theodor aus der Reichswehr, doch er verhört weiter die inneren Feinde, lässt sie für ungebührliche Antwort auf der Stelle mit Folter büßen. Theodor ertappt Benjamin, wie er ihn ausspioniert. Er ist letztendlich machtlos, denn Benjamin weiß zu viel.

Zitate

  • Es lächelte die Straße.[1]
  • … sein halbhöriges Ohr trank die rauschende Schweigsamkeit der Toten.[2]
  • In den Parlamenten redeten oberflächliche Menschen.[3]
  • Arbeiter zerbrechen Karabiner über dem Knie.[4]

Rezeption

  • Nürnberger[5] lobt den Scharfblick des Autors. Der Roman bleibe Zeugnis einer hellseherisch anmutenden politischen Intelligenz.
  • Die expressionistischen Stakkato-Sätze, mit denen Joseph Roth als Romancier debütiert, stechen Hackert[6] ins Auge.
  • Steierwald[7] geht auf die satirische Überzeichnung im Roman ein.

Verfilmung

Bernhard Wicki verfilmte den Roman 1989 mit Ulrich Mühe als Theodor Lohse, Klaus Maria Brandauer als Benjamin Lenz, András Fricsay Kali Son als Günther Klitsche, Corinna Kirchhoff als Elsa von Schlieffen und Agnes Fink als Mutter Lohse.[8] 1990 erhielt Wicki für seine Arbeit das Filmband in Gold.

Literatur

Quelle

  • Fritz Hackert (Hrsg.): Joseph Roth. Werke. Band 4: Romane und Erzählungen. 1916–1929. S. 63–146: Das Spinnennetz. Roman. 1923. Mit einem Nachwort des Herausgebers. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-7632-2988-4.

Weitere Ausgabe

  • Das Spinnennetz. Hrsg. von Konstanze Fliedl. Reclam, Stuttgart 2010. (Reclams Universal-Bibliothek 18684) [Text nach dem Erstdruck in: Arbeiter-Zeitung, Oktober/November 1923] ISBN 978-3-15-018684-8

Sekundärliteratur

  • Helmuth Nürnberger: Joseph Roth. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-499-50301-8 (Rowohlts Monographien 301).
  • Ulrike Steierwald: Leiden an der Geschichte. Zur Geschichtsauffassung der Moderne in den Texten Joseph Roths. Königshausen & Neumann, Würzburg 1994, ISBN 3-88479-880-4 (Epistemata. Reihe: Literaturwissenschaft 121), (Zugleich: München, Univ., Diss., 1992).
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A – Z. 4. völlig neubearbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2004, ISBN 3-520-83704-8, S. 519.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Hackert S. 75
  2. Hackert S. 116
  3. Hackert S. 116
  4. Hackert S. 125
  5. Nürnberger S. 63
  6. Hackert S. 1079
  7. Steierwald S. 92-93
  8. Nürnberger S. 152