Der Chinese des Schmerzes

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Der Chinese des Schmerzes ist eine Mordgeschichte Peter Handkes, die mit allen traditionellen Stilmitteln der Gattung bricht: um eine Formulierung ihres Autors abzuwandeln: "Eine Mordgeschichte aus der Innensicht der Außensicht der Innensicht".

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsangabe

Ein einzelgängerischer Philologe, von Frau und Kindern getrennt lebend und wohl verlassen, bemerkt auf dem Weg zum feierabendlichen Kartenspiel einen Hakenkreuzsprayer und tötet diesen durch einen Steinwurf. Es findet keine Aufklärung der Tat statt. Doch die Tat wirkt im Täter, zugleich dem Erzähler, nach und bewirkt Selbstvergewisserung und Identitätsbildung.

Entstehungsgeschichte

In den späten 1960er und den 1970er Jahren stand in Deutschland, hervorgerufen durch Studentenbewegung, die APO bis hin zur RAF, das Gewaltmonopol des Staates ernsthaft in Frage. 1983, im Erscheinungsjahr von Peter Handkes Mordgeschichte Der Chinese des Schmerzes hatten sich diese Wogen bereits wieder geglättet. Das Gewaltmonopol des Staates schien zumindest vordergründig wiederhergestellt, und Beeinträchtigungen gab es nun eher von rechter Seite in Form der Neonazibewegung. Handke, dessen Geschichte darauf Bezug nimmt, hatte zeitweilig in Deutschland gelebt und die Ereignisse natürlich verfolgt. Zur Entstehungszeit der Geschichte lebte er bereits wieder in Salzburg in nie ganz glaubwürdiger österreicherischer Beschaulichkeit. Das Thema Gewalt bildet eines der Grundthemen der Dichtungen Handkes. Zieht man zudem die Tatsache in Rechnung, dass Peter Handke ausgebildeter Jurist ist, so nimmt es nicht Wunder, dass er eines Tages auch eine Mordgeschichte schreibt. Auffallend ist jedoch, dass sich Handke jedes spektakulär (voyeuristisch) kriminalistischen Interesses enthält, seine Geschichte vom Genre des Kriminalromans so weit wie möglich abrückt, und sich ganz auf das innere Geschehen konzentriert. Statt um die Erfüllung eines äußeren Handlungsrahmens (Plots) geht es in Der Chinese des Schmerzes darum, den inneren Triebfedern von Gewalt und Gegengewalt, die sich immer wieder neu auseinander erzeugen, nachzuspüren.

Gattungstradition, Auflösung und Versuch der Umwertung

Dostojewskis Roman Schuld und Sühne bildet innerhalb des Genres wohl die paradigmatische klassische Mordgeschichte. Die Motive des Täters lassen sich fassen als eine Mischung aus Hybris (im antiken Sinne) und Psychopathologie (im modern psychologischen Sinne). Die Tat erscheint demzufolge einerseits als Auflehnung gegen das göttliche Gesetz, andererseits als psychopathologische Form der Kontaktaufnahme, die das Gegenüber zugleich erreicht und zerstört. Indem die Nähe gleichzeitig gesucht und verhindert wird, offenbart sich das Verzweifelte und Sinnlose der Mordhandlung. Wie der Tat die Vorbereitung (Planung) vorausgeht, so folgt ihr mit gleicher Notwendigkeit die Reue. Die Schuld kann dem Täter klar zugeteilt werden: Mord als Tatbestand ist zwar bei aller Sympathie mit dem oder Empathie in den Helden erklärbar, aber nicht entschuldbar. Das Opfer ist völlig oder weitgehend unschuldig.

In Handkes Mordgeschichte steht diese Tradition paradigmatisch im Hintergrund, doch als bloße Folie, von der sich der Text abhebt. Es scheint Handke darum zu gehen, alle traditionellen Bestandteile der Mordgeschichte aufzulösen, zu konterkarieren und neu zu definieren. Die klare Verteilung von Schuld und Unschuld beginnt zu zerfließen (das "Opfer" ist Neonazi), es gibt keine vorsätzliche Planung der Tat, sondern diese verdankt sich eher einem unvorhergesehen Zufall, gewissermaßen einer Kurzschlussreaktion des Täters. Es kommt zu keiner Aufklärung des Verbrechens, es gibt weder Ankläger, Angeklagten, Zeugen, Richter: nur deren Surrogate (Rudimente) werden in die Erzählfunktion mithineingenommen. Der Tat folgt keine Reue, sondern Erleichterung und Stolz: Und ich spürte einen Triumph, getötet zu haben. Ich schnalzte sogar laut mit der Zunge. „Das ist jetzt meine Geschichte“, dachte ich. „Meine Geschichte ist mein Halt.“ Es war Recht geschehen, und ich gehörte nun zum Volk der Täter: kein Volk, das verstreuter und vereinzelter wäre. (S. 108)

Formale und inhaltliche Gesichtspunkte

Der Chinese des Schmerzes gliedert sich in drei große, nicht weiter untergliederte Kapitel, gefolgt von einem Epilog.

Erstes Kapitel: Der Betrachter wird abgelenkt

Das erste Kapitel verzichtet bewusst darauf, das Entstehen des Tatmotivs sowie die sich herauskristallisiernde Planung der Tat zu schildern. Es wird lediglich die Lebenssituation des Täters, Lehrer für Altphilologie und insofern durchaus Repräsentant der abendländischen Kulturtradition, geschildert sowie eine gewisse Disposition zur Tat in Form einer Vorgeschichte des Täters skizziert: Seit kurzem unterrichte ich jedoch nicht mehr. Bin ich entlassen, oder beurlaubt, oder krankgeschrieben, oder vorübergehend von meinem Beruf freigestellt? Ich weiß nur: für meinen gegenwärtigen Zustand gibt es noch keinen Fachausdruck. „Es ist alles in der Schwebe“, sage ich zu mir selber. Vor ein paar Tagen habe ich auf offener Straße einen Menschen niedergestoßen. (S. 19)

Zweites Kapitel: Der Betrachter greift ein

Das zweite Kapitel schildert den Tathergang. Opfer ist ein inflagranti ertappter Hakenkreuzsprayer. Der Erzähler tötet diesen durch einen Steinwurf und setzt seinen Tagesablauf im abendlichen Kartenspiel fort, als wenn nichts gewesen wäre. Im Anschluss an das Kartenspiel kommt es zu einem Disput über die Schwelle, einem Zentralbegriff, der das ganze Werk leitmotivisch durchzieht und die Vorstellung eines Initiationsritus deutlich evoziert: Ich bin die Tür. Wer durch mich eintritt, wird gerettet. – Im üblichen Bewusstsein heißen die Schwellen demnach: Übergang, von einem Bereich in den anderen. Weniger bewusst ist uns vielleicht, dass die Schwelle auch für sich ein Bereich ist, besser: ein eigener Ort, der Prüfung oder des Schutzes (S. 126). Demzufolge begreift der Erzähler seine Tat als identitätsstiftend: aus Loser, dem Zuschauer, wird Werfer: Etwas Seltsames geschah da: ich antwortete unverzüglich, mein Name sei „Werfer“; und fügte sogar noch hinzu: „Nein, ich lüge nicht, das ist kein Spaß – ich heiße tatsächlich Werfer“. (S. 151). Statt Reue über die Tat verspürt der Täter vielmehr ein verstärktes Selbstbewusstsein. Zieht man in Betracht, dass das ganze Werk von der Osterthematik (Tod – Wiederauferstehung) durchwoben ist, ergibt sich die brisante Aussage, dass der Täter durch seine Tat, nämlich durch Selbstjustiz an einem Neonazi, gleichzeitig stirbt (als der Feigling Loser) und wiedergeboren wird (als der Held Werfer).

Drittes Kapitel: Der Betrachter sucht einen Zeugen

In all den Tagen fühlte ich auch keinmal so etwas wie Schuld.(S. 173) Das dritte Kapitel handelt vor allem von der intrapsychischen Bewältigung der Tat durch den Täter / Erzähler. Traditionell wird der Zeuge vom Täter gefürchtet, da er an der Aufdeckung des Verbrechens maßgeblich mitwirkt. Doch in Handkes Geschichte, in der es keinen Zeugen der Tat gibt, macht sich der Täter im Bewusstsein der Moralität seiner Tat selbst auf die Suche nach einem Zeugen. Durch ein Liebeserlebnis mit einer Frau belohnt, findet der Erzähler den gewünschten Zeugen schließlich in seinem Sohn. Diesem, den er einst gezeugt hat, gilt es nun die Tat zu bezeugen: Ich setzte mich auf den Hocker neben den Bürosessel des Sohns und sagte: „Ich habe Dir etwas zu erzählen.“ Und meine Geschichte heißt Schwellengeschichte.“ Im nämlichen Doppelsinn von Zeugen und Bezeugen findet die Geschichte ihr Ziel in der Definition von Autorschaft.

Epilog

Der Epilog schildert im Wesentlichen das Bild der gebannten Gefahr sowie das Idyll der geretteten Welt.

Interpretation

Während natürlich auch andere Deutungsmöglichkeiten möglich sind, kann der Chinese des Schmerzes verstanden werden als Versuch Handkes, in der politisch höchst brisanten Frage des Umgangs mit dem Phänomen Neonazismus einen politischen Mythos der Selbstjustiz zu etablieren und ästhetisch zu legitimieren. Das Problematische und Beunruhigende des Buchs legt den Finger auf folgende offenen Fragen:

  • Wird Neonazismus immer noch als „Kavaliersdelikt" verharmlost?
  • Sieht sich der Staat imstande, auf das Phänomen adäquat zu reagieren?
  • Was kann passieren, wenn dies nicht der Fall ist oder nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Das Problem der Selbstjustiz hat literarisch seinen klassischen Vorläufer: während Kleists Michael Kohlhaas an der geübten Selbstjustiz aber noch zerbricht, lässt Handkes Konstruktion den Helden intakt.

Ausgaben

  •  Peter Handke: Der Chinese des Schmerzes. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1983, ISBN 3-518-04512-1.