Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik

Die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) entstand 1919 nach der Gründung der Tschechoslowakei.

Mitgliedsausweis der DSAP (Privatbesitz Norbert Luffy, 52223 Stolberg)

Inhaltsverzeichnis

Vorläufer der Partei

Vorläufer der Partei war die bereits im Jahre 1863 in Asch, im nordwestlichsten Zipfel Böhmens, als Sektion des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegründete Arbeitervereinigung, die erste sozialdemokratische Organisation im Kaiserreich Österreich.

Parteigründung und Wirken

Nach dem Ersten Weltkrieg, dem Zerfall des Österreichischen Kaiserreichs und der Gründung der Tschechoslowakei konstituierte sich dann im September 1919 die deutsche Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei in Teplitz-Schönau als „Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik“ (DSAP). Vorsitzender wurde im Jahr 1920 Ludwig Czech, der als Rechtsanwalt in Brünn tätig war. Er wurde der Nachfolger des ersten Parteivorsitzenden Josef Seliger (1870–1920), der nur wenige Tage nach dem zweiten Parteitag (im Oktober 1920 in Karlsbad) im Alter von nur 50 Jahren gestorben war.

Bei der Wahl des Jahres 1929 konnten die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil auf 6,9 Prozent erhöhen und wurde zur stärksten deutschen Fraktion im Prager Abgeordnetenhaus und mit ihrem Vorsitzenden Ludwig Czech als Minister für soziale Fürsorge auch Regierungspartei. In den Jahren 1929 bis 1938 gehörte die DSAP dann ständig der Regierung an, zu einer Zeit, als die beginnende Weltwirtschaftskrise sich immer dramatischer auf die industriell und handwerklich geprägten Sudetengebiete auswirkte.

Ihr Parteivorsitzender Ludwig Czech bekleidete von 1929 bis 1938 in der Regierung der ersten tschechoslowakischen Republik das Amt des Ministers für soziale Fürsorge, später das Amt des Arbeitsministers und zuletzt des Gesundheitsministers. Die „Czechkarten“, Lebensmittelmarken für gewerkschaftlich nicht gebundene Arbeitslose, waren in den Jahren der Wirtschaftskrise oft bitter nötige Hilfe für tschechische aber auch sudetendeutsche Arbeiterfamilien. Unter Czech trat die DSAP für einen integrativen Kurs ein, der eine konstruktive Mitarbeit der deutschen Minderheit in der jungen tschechoslowakischen Republik vorsah.

In der ersten tschechoslowakischen Republik war die DSAP die wichtigste deutsche Partei, die versuchte, der deutschen Bevölkerung in der Republik einen Platz zu geben. Sie verlor aber während der Wirtschaftskrise viele sudetendeutsche Anhänger. Umso mehr gewann die Sudetendeutsche Partei (SdP) an Zuspruch, die ab 1937 offen einen Anschluss des Sudetenlands an das Deutsche Reich betrieb.

Im März 1938 wurde Wenzel Jaksch als Nachfolger Czechs zum neuen Parteivorsitzenden der DSAP gewählt. Als nach dem Münchner Abkommen deutsche Truppen am 1. Oktober 1938 mit der Besetzung des Sudetenlands begannen, konnte sich nur ein Teil der demokratischen Politiker in die Rest-Tschechoslowakei retten. Gleich nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das Sudetenland wurden Sozialdemokraten verfolgt, ebenso die Mitglieder der Christlich-Sozialen Partei und vor allem Juden. Vom Oktober bis Dezember 1938 wurden 20.000 Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei verhaftet; 2.500 Sudetendeutsche wurden allein in das KZ Dachau eingewiesen. Ins westliche Ausland flüchteten schätzungsweise 30.000 Personen. Der Führer der SdP, Konrad Henlein – Mitglied der NSDAP ab 1939 – wurde mit der Errichtung des Reichsgaus Sudetenland zum 15. April 1939 dort Reichsstatthalter und Gauleiter.

Am 22. Februar 1939 beschloss der Vorstand der DSAP die Einstellung aller Aktivitäten auf dem Territorium der Tschechoslowakischen Republik und die Fortsetzung der Arbeit im Ausland unter dem Namen „Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“.

Heute nimmt die Seliger-Gemeinde das politische und geistige Erbe der früheren DSAP wahr. Sie wurde als „Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“ am 4. Juni 1951 in München gegründet.

Literatur

  • Martin K. Bachstein, Wenzel Jaksch und die sudetendeutsche Sozialdemokratie, München 1974
  • Peter Glotz, Die Vertreibung – Böhmen als Lehrstück, Berlin 2004

Weblinks