Die Blutorgel

Die Blutorgel war eine mehrtägige Performance des Jahres 1962 der Wiener Aktionisten Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch, die als Aktionskunst sehr umstritten war. Zur Kunstaktion erschien ein gleichnamiges Manifest.[1]

Inhaltsverzeichnis

Kunstaktion

Sie hatte ihre Premiere 1962 bei einer dreiteiligen Aktion, wobei sich die drei Künstler am 1. Juni 1962 in dem Kelleratelier Muehls in der Perinetgasse Nr. 1 in Wien bei der Einkerkerung einmauern ließen. Im zweiten Teil wurden im Keller von Frohner Objektmontagen hergestellt, von Muehl Gerümpelplastiken und von Nitsch ein Schüttbild. Im dritten und wichtigsten Teil wurden am 4. Juni 1962 die zuvor eingemauerten Künstler und ihre Werke bei der Ausmauerung durch das Publikum freigelegt; in Kombination mit der Präsentation des zuvor entstandenen Schüttbildes von Nitsch (Blutorgelbild: 9 x 2 m, Blut, Dispersion, Schlämmkreide auf Jute)[2][3] vollzogen die Künstler eine Kreuzigung, Ausweidung und Zerreißung eines toten Lammes. Das geschlachtete und gehäutete Lamm wurde mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und in einen Gewölbebogen genagelt, die Innereien auf einen Tisch gelegt und mit Blut und heißem Wasser übergossen. Zentrales Element der Aktion sind außerdem einige weiße Stoffe, die den Kontrast der Farben verstärken.

Ursprünglich dem Happening und dem Fluxus entstammend, wurden Aktionen wie diese der zu dem Zeitpunkt recht isoliert agierenden Wiener Aktionisten unter dem Begriff „Orgien-Mysterien-Theater“ zusammengefasst. Es war ein bewusstes Ziel der Künstler, aus der Aktionsmalerei, wie sie z. B. Frohner praktizierte, ein Aktionstheater zu entwickeln, das als politisches Theater verstanden wurde, wobei sadomasochistische oder exhibitionistische Elemente das damalige österreichische Publikum durchaus irritieren konnte.[4]

Stellenwert für Nitsch

Für Nitsch lag die Symbolik des Lamms darin, dass in der christlichen Religion das Lamm ein Analogie-Symbol ist für das Menschen-Opfer durch den stellvertretenden Kreuzestod von Jesus Christus - insbesondere in der katholischen Liturgie. Dieses sogenannte Lamm Gottes, das Agnus Dei, wird in der christlichen Symbolik und Kunst häufig aufgegriffen, jedoch in dieser Kunstaktion verkehrt herum gekreuzigt. Mit der Zerreißung nimmt Nitsch darüber hinaus auch Bezug auf den Dionysoskult der Antike.[5] Die Aktion des 4. Juni 1962 war für ihn Anlass für weitere Aktionen und für das 1964 veröffentlichte MANIFEST das lamm.[6][7]

Zeitschrift „Die Blutorgel“

Neben dem Manifest ging eine kurzlebige, nur in vier Nummern von 1962 bis 1963 erschienene Zeitschrift hervor: Die Blutorgel, Wiener illustrierte politische Zweimonatsschrift (auch andere Untertitel), für die insbesondere Josef Dvorak als Herausgeber verantwortlich zeichnete.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Manifest „Die Blutorgel“, Wien Juni 1962. Abgerufen am 21. Oktober 2012.
  2. Christian Gagerle u.a.: Nitsch. Das bildnerische Werk. Hrsg. Museum Moderne Kunst Wien, Städtische Galerie im Lenbachhaus München. Residenz-Verlag, Salzburg, Wien 1988, ISBN 3-7017-0538-0, S. 50, Abbildung 25. (Ausstellungskatalog).
  3. Ekkehard Stärk: Hermann Nitschs „Orgien Mysterien Theater“ und die „Hysterie der Griechen“. Quellen und Traditionen im Wiener Antikebild seit 1900. Fink, München 1987, ISBN 3-7705-2413-6, S. 15.
  4. Thomas Dreher: Performance Art nach 1945. Aktionstheater und Intermedia. Fink, München 2001, ISBN 3-7705-3452-2, S. 164–165 (Kapitel: Premiere des Wiener Aktionismus). Gesehen am 25. Oktober 2012.
  5. Archiv Sohm: Wiener Aktionismus. Gesehen am 26. Oktober 2012.
  6. MANIFEST das Lamm von 1964. In: Hermann Nitsch: Orgien Mysterien Theater. Orgies mysteries theatre. März-Verlag, Darmstadt 1969, S. 47–52.
  7. Vgl. auch: Hermann Nitsch The O. M. Theatre. In: Kristine Stiles, Peter Selz: Theories and documents of contemporary art. A sourcebook of artists’ writings. University of California Press, Berkeley 1996, ISBN 0-520-20253-8, S. 747–749. Ausführliche Vorschau auf Google Books. Englisch, abgerufen am 25. Oktober 2012.