Donau-Iller-Rhein-Limes

Römische Provinzen im zentralen und nördlichen Alpenraum um 395 n. Chr.
Historische Orte in der heutigen Nordost-Schweiz

Der Donau-Iller-Rhein-Limes (DIRL) war ein großräumig konzipiertes Verteidigungssystem des Römischen Reiches, das nach der Aufgabe des Obergermanisch-Raetischen Limes im späten 3. Jahrhundert n. Chr. (Limesfall) angelegt wurde. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff nur die Befestigungen zwischen dem Bodensee (Lacus Brigantinus) und der Donau (Danubius); im weiteren Sinne auch die übrigen spätrömischen Festungsanlagen an Rhein (Rhenus) und Donau.

Inhaltsverzeichnis

Lage und Funktion

Reste eines römischen Wehrturms in Konstanz (Grabungszustand 2004)

Die insbesondere alamannischen Raubzüge um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. machten eine neu konzipierte militärische Sicherung der nordwestlichen Reichsgrenzen Roms nötig. Der obergermanisch-rätische Limes war nie als militärische Defensivanlage gedacht gewesen und wurde daher nach 260 aufgegeben (Limesfall). Die kaiserlichen Truppen wurden nun an leichter zu verteidigende Flüsse, vor allem an Rhein, Donau und Iller (Hilaria) zurückgezogen. Neben der erneuten Errichtung eines Legionslagers in Vindonissa (Windisch) um 265 wurden ab ca. 285 mehrere Kastelle entlang der Donau, der Iller, des Hochrheins und am Bodensee errichtet; so unter anderem in Basilia (Basel), Augusta Raurica (Kaiseraugst), Tenedo (Bad Zurzach), Constantia (Konstanz), Arbor Felix (Arbon), Brigantium (Bregenz), Caelius Mons (Kellmünz an der Iller) und Gundremmingen (Bürgle).

Umfassungsmauer des Kastells Irgenhausen

Nicht ganz geklärt ist die Frage, ob das Festungsbauprogramm bereits dem Kaiser Probus (276-282) zuzuschreiben ist, den eine Inschrift in Augsburg[1] als restitutor provinciarum et operum publicorum preist, oder - was deutlich wahrscheinlicher ist - etwas später Diokletian (284-305) und seinen Mitkaisern. Für letzteres sprechen der Beginn der Münzreihen in den Kastellen und diverse Bauinschriften. Nach einer Inschrift stammt zum Beispiel das Kastell Eschenz (Tasgetium), welches später den Siedlungskern der Stadt Stein am Rhein bildete, aus der Zeit zwischen 293 und 305. Diokletian und nach ihm Konstantin (306-337) ließen den Limes mit starken Festungen neuer Bauart versehen. Die Kastelle in Zurzach, Kaiseraugst und Arbon sowie Befestigungswerke an strategisch bedeutsamen Orten im Hinterland wie Altenburg, Olten, Solothurn, Zürich-Lindenhof, Irgenhausen und Yverdon weisen auf die neue Strategie in der Grenzsicherung. Sie dienten den Bedürfnissen der neuen mobilen Feldheere (Comitatenses) und der stationären Grenztruppen (Limitanei). Die in den meisten Festungen stationierten Einheiten waren dabei nun eher klein, da umgekehrt die Zahl der Anlagen deutlich erhöht worden war.

Grabungsplan des Kastell Eining mit spätantiker Reduktion in der Nordwestecke des Kastells.

Die Rheinkastelle sicherten teils mit befestigten Brückenköpfen auch das Nordufer des Flusses. Einige von ihnen, wie der burgus bei Ladenburg, waren nur per Schiff zu erreichen. Diese Wachtürme waren in Sichtabstand zwischen den Kastellen platziert, sie dienten der Grenzüberwachung und der schnellen Alarmierung bei einem Angriff. Die spätantiken römischen Festungen hatten meistens ein gänzlich anderes Aussehen als die Kastelle, die bis ca. 260 das Dekumatenland gesichert hatten: Es ging nun offenbar weniger um die Kontrolle des Grenzverkehrs als vielmehr um eine militärische Sicherung des Hinterlandes durch eine Kette von eher kleinen, aber stark befestigten Stützpunkten, wie sie damals auch im Orient an der Grenze zum Sassanidenreich errichtet wurden.

Die hauptsächliche Funktion der spätantiken Grenzanlagen war, wie die Vielzahl von kleinen Festungen illustriert, nicht die Abwehr größerer Angriffe, sondern eher die Gewährleistung von Überwachung und Abschreckung. Bis ins spätere 4. Jahrhundert (zuletzt wohl 378) unternahmen die Römer daneben immer wieder Feldzüge in die jenseits des Limes liegenden Gebiete (so unter den Kaisern Julian Apostata oder Gratian), um die dortigen Stammesverbände einzuschüchtern, zu bestrafen oder von koordinierten Attacken auf das Imperium abzuhalten. Die spätrömische Grenzverteidigung stützte sich also zum einen auf den Festungsgürtel des Donau-Iller-Rhein-Limes, zum anderen auf offensive Operationen und Präventivschläge sowie wohl auch auf Verträge mit germanischen Fürsten jenseits der Grenze.

Kastelle

Die Befestigungen wurden in verteidigungstechnisch günstigen Lagen (Plateaus oder Geländespornen) errichtet. Meist war auch ihr Grundriss der örtlichen Topografie angepasst, wodurch die natürlichen Annäherungshindernisse des Geländes optimal ausgenützt werden konnte. Einige Kastelle, wie beispielsweise die von Arbon oder Pfyn, besitzen daher einen polygonalen Grundriss. Aber es gibt auch fast quadratische Anlagen wie zum Beispiel wie in Bregenz, Stein am Rhein oder Schaan. Die meisten Kastelle am DIRL erinnerten daher weniger an vorangegangene Lagerbauten, die zumeist einem standardisierten Plan folgten und eher als umwehrte Kasernen denn als Festungen dienten, dafür aber schon vielmehr an mittelalterliche Burgen. Häufig wurden Flussübergänge durch Brückenköpfe gesichert. Hinzu kam eine kampfkräftige Rheinflotte, deren Hauptquartier sich möglicherweise in Mogontiacum (Mainz) befand; der Stützpunkt einer eigenen Bodenseeflottille war Brigantium (Bregenz). Die spätrömischen limitanei der Region standen größtenteils unter dem Kommando des dux Raetiae.

4. und 5. Jahrhundert

Rekonstruierte Grundmauern des Kastells Caelius Mons (Kellmünz)

Mit Hilfe der Anlagen am Donau-Iller-Rhein-Limes konnte sich das Römische Reich während des 4. Jahrhunderts insgesamt gut gegen den Druck der Germanen behaupten. Besonders Kaiser Valentinian I. (364 bis 375) ließ um 370 noch einmal ein umfassendes Befestigungsprogramm durchführen. Der Bau von burgi (Wachtürmen) in Etzgen-Rote Waage und Koblenz-Kleiner Laufen ist für das Jahr 371 durch Inschriften nachgewiesen. Alle anderen Türme an der dichten Verteidigungskette am Oberrhein sind vermutlich in das gleiche Jahr zu datieren. Auch einige Befestigungen im Hinterland stammen aus dieser Zeit, so z.B. der Übergang an der Zihl bei Aegerten (um 369), das Kastell von Kloten oder der burgus bei Balsthal-St. Wolfgang.

Nur wenige Informationen besitzt man bezüglich der römischen Einheiten, die den spätantiken Limes bewachten. Inschriften nennen zum Beispiel die legio VIII Augusta oder die Einheit der Tungrecani seniores und ihre Beteiligung an Bauarbeiten. Für das späte 4. Jahrhundert lässt sich aber durch den Eintrag in die Notitia Dignitatum nur die Stationierung der cohors Hercula Pannoniorum in Arbon sicher belegen.[2] Für den Abschnitt des Hochrheins ist die legio I Martia für die 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts als verantwortliche Grenztruppe bekannt.

Konservierte Fundamente eines spätrömischen Hufeisenturmes in Arbon

Am Anfang des 5. Jahrhunderts wurden die Befestigungen an Orten wie Tasgetium noch einmal erneuert. Nach dem Abzug eines Großteils der römischen Truppen im frühen 5. Jahrhundert (um 402) und dem zeitweiligen Zusammenbruch der Rheingrenze 406/407 (siehe Rheinübergang von 406 sowie Völkerwanderung) gehörten die Grenzgebiete entlang des Hochrheins dann zwar noch zum Weströmischen Reich, sie mussten jedoch in zunehmendem Maße selbst für ihre Sicherheit sorgen, was den Lebensstandard und die Zahl der Bewohner massiv verringert haben dürfte. Dennoch bedeutete das Jahr 407, anders als früher angenommen, nach Ansicht der neueren Forschung noch nicht das Ende des römischen Rheinlimes.[3] Zwischen 407 und 435 verteidigten vor allem die Burgunder als foederati in römischen Diensten die Grenze. Um 420 kontrollierten sie gemeinsam mit regulären weströmischen Einheiten noch einmal den Rhein in seiner ganzen Länge. Nach etwa 450 beschleunigte sich dann aber der Verfall der römischen Herrschaft nördlich der Alpen, die spätestens mit der Niederlage des Syagrius gegen die Franken 486/87 ihr Ende fand. Die Reste der römischen Grenztruppen am Rhein scheinen sich nun den Franken angeschlossen zu haben und erst langsam assimiliert worden zu sein.[4] Einige der Kastelle überdauerten dennoch das Ende des Weströmischen Kaisertums um mehrere Jahrzehnte, was durch die archäologische Auswertung von Kastellfriedhöfen sowie Münzfunde, besonders von solidi,[5] belegt ist.

Die Gebiete südlich der Donau wurden nach 476 noch eine Weile weiter von Italien (Ravenna) aus kontrolliert - nun allerdings von Odoaker bzw. den Ostgoten. Einblicke in diese Zeit, die für die romanisierte Bevölkerung durch den völligen Zerfall staatlicher Macht gekennzeichnet war, gibt die um 510 verfasste Vita Sancti Severini des Eugippius, eine Lebensbeschreibung des Severin von Noricum. Aus den zivilen Siedlungen um die spätrömischen Festungen entstanden später oft mittelalterliche Städte.

Ausgewählte militärische Anlagen

Kastell Ort Beschreibung/Zustand
Ad Fines/Pfyn Pfyn 1,5 ha, Besatzung unbekannt
Tasgetium/Eschenz Stein am Rhein Kastell mit Rheinbrücke
Constantia/Konstanz Konstanz Festung und Bäder 2003/04 nachgewiesen, numerus barcariorum (?)
Arbor Felix/Arbon Arbon 0,65 ha, coh. herculea Pannoniorum
Brigantium/Bregenz Bregenz vermutlicher Bodenseehafen, numerus barcariorum (?)
Vemania/Bettmauer bei Isny Isny im Allgäu 0,27 ha, ala II Valeria Sequanorum
Cambodunum/Kempten, Burghalde Kempten 0,7 ha, Teileinheit der leg. III Italica
Caelius Mons/Kellmünz Kellmünz an der Iller 0,86 ha, coh. Herculea Pannoniorum
Illermündung Kastell vermutet
Guntia/Günzburg Günzburg Größe unbekannt, milites ursarienses
Faimingen vermutlicher Brückenkopf auf der gegenüberliegenden Donauseite
Pinianis/ Bürgle b. Gundremmingen Gundremmingen 0,16 ha, coh. V Valeria Frygum
Summuntorium/Burghöfe Burghöfe (Mertingen) Größe unbek., eq. Stablesiani Iuniores und Teileinheit der leg. III Italica
Parrodunum/Burgheim Burgheim bis 0,4 ha, coh. I Herculea Raetorum
Venamaxodurum/Neuburg Neuburg an der Donau 0,6 ha, coh. VI Valeria Raetorum
Vallatum Manching oder Weltenburg vermutet Größe unbek., ala II Valeria sing., später leg. III Italica
Abusina/Eining Neustadt an der Donau 0,15 ha, Verkleinerung des mittelkaiserzeitlichen Kastell Eining, coh. III Brittonum
Castra Regina/Regensburg Regensburg vermutlich Einbau in der NW- Ecke des Legionslagers, leg. III Italica
Sorviodurum/Straubing Straubing max. 0,5 ha, Einheit unbekannt
Quintana/Künzing Künzing Größe unbek., ala I Flavia Raetorum
Batavis/Passau Passau coh. IX Batavorum
Vitudurum Winterthur Gründung Kastell 294 n.Chr., Vicus bestand schon früher.


Notitia dignitatum

Notitia Dignitatum: Die Kastelle Augustanis, Phebianis, Submuntorio, Vallato, Ripa prima, Cambidano, Guntia, Foetibus, Teriolis und Quintanis unter dem Kommando des Dux Raetiae.

Die wichtigste Schriftquelle für die Militärgeschichte des Donau-Iller-Rhein-Limes ist die spätantike Notitia dignitatum.[6] Sie nennt die folgenden Einheiten und Befehlshaber der limitanei (Grenztruppen) in den raetischen Provinzen zusammen mit ihren Aufenthaltsorten:

14 Equites stablesiani seniores, Augustanis = Provinzhauptstadt Augsburg

15 Equites stablesiani iuniores, Pons Aeni, nunc Febians = Pfaffenhofen

16 Equites stablesiani iuniores, Submuntorio = Burghöfe (Mertingen)

17 Praefectus legionis tertiae Italicae partis superioris, Castra Regina, nunc Vallato = Regensburg, dann Manching oder Weltenburg

18 Praefectus legionis tertiae Italicae partis superioris deputatae ripae primae, Submuntorio = Burghöfe (Mertingen)

19 Praefectus legionis tertiae Italicae pro parte media praetendentis a Vimania Cassiliacum usque, Cambidano = Kempten, Burghalde

20 Praefectus militum Ursariensium, Guntiae = Günzburg

21 Praefectus legionis tertiae Italicae transvectioni specierum deputatae, Foetibus = Füssen

22 Praefectus legionis tertiae Italicae transvectioni specierum deputatae, Teriolis = Zirl bei Innsbruck

23 Praefectus alae primae Flavia Raetorum, Quintanis = Künzing

24 Tribunus cohortis novae Batavorum, Batavis = Passau

25 Tribunus cohortis tertiae Brittorum, Abusina = Eining

26 Praefectus alae secundae Valeriae singularis, Vallato = Manching oder Weltenburg

27 Tribunus cohortis sextae Valeriae Raetorum, Venaxamodurum = Neuburg

28 Tribunus cohortis primae Herculeae Raetorum, Parroduno = Burgheim

29 Tribunus cohortis quintae Valeriae Frygum, Pinianis = Bürgle b. Gundremmingen

30 Tribunus cohortis tertiae Herculeae Pannoniorum, Caelio = Kellmünz

31 Tribunus gentis per Raetias deputatae, Teriolis = Zirl

32 Praefectus numeri barcariorum, Confluentibus sive Brecantia = Konstanz bzw. Bregenz

33 Praefectus alae secundae Valeriae Sequanorum, Vimania = Bettmauer b. Isny

34 Tribunus cohortis Herculae Pannoniorum, Arbore = Arbon, Kanton Thurgau

Im Gesamtbild des Textes erscheint es besonders schlüssig, dass zunächst die "vornehmeren" Abteilungen der equites stablesiani und der legio III Italica aufgezählt werden, und dann eine nahezu regelmäßige Nennung von Ost nach West erfolgt. Lediglich Passau und Künzing am Anfang sowie Bregenz und Isny am Ende sind vertauscht.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Vgl. G. Kreucher: Der Kaiser Marcus Aurelius Probus und seine Zeit. Stuttgart 2003, S. 88.
  2. ND occ. XXXV
  3. Vgl. H. Fehr - P. von Rummel: Die Völkerwanderung. Stuttgart 2011, S. 85.
  4. Vgl. den Bericht bei Prokopios von Caesarea, Historien 5,12,12-19: Nun war damals ein römisches Heer ebenfalls im Norden Galliens stationiert, um die Grenze zu verteidigen. Und als diese Soldaten erkennen mussten, dass es für sie keinen Weg mehr gab, nach Rom zurückzukehren, während sie zugleich nicht gewillt waren, sich ihren (westgotischen) Feinden zu ergeben, die Arianer waren, da traten sie mitsamt all ihren Feldzeichen und dem Land, das sie lange für Rom bewacht hatten, zu den Germanen (d. h. Franken) und Arborychi über. Doch gaben sie an ihre Kinder alle Sitten ihrer römischen Vorfahren weiter, damit diese unvergessen bleiben sollten; und diese Menschen haben sie wirklich in hohem Maße beachtet, so dass sie sich noch zu meiner Zeit (ca. 550 n. Chr.) an sie halten. Denn bis zum heutigen Tag sind sie noch nach den Legionen gegliedert, denen ihre Vorfahren in der Vergangenheit zugeteilt waren, sie kämpfen in der Schlacht stets unter ihren Feldzeichen, und sie befolgen in jeder Hinsicht römische Sitten. So bewahren sie auch die Uniform der Römer in jedem Detail, sogar dem Schuhwerk.
  5. Th. Fischer: Spätzeit und Ende, in: K. Dietz u. a. (Hrsg.): Die Römer in Bayern, Stuttgart 1995, S. 400f.
  6. not. dig. occ. XXXV.

Literatur

  • Jochen George Garbsch: Der spätrömische Donau-Iller-Rhein-Limes (Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 6), Stuttgart 1970.
  • Norbert Hasler, Jörg Heiligmann, Markus Höneisen, Urs Leutzinger, Helmut Swozilek: Im Schutze mächtiger Mauern. Spätrömische Kastelle im Bodenseeraum. Hrsg. vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, Frauenfeld 2005, ISBN 3-9522941-1-X.
  • Michael Mackensen: Raetia: late Roman fortifications and building programmes. In: J. D. Creighton und R. J. A. Wilson (Hrsg.): Roman Germany. Studies in Cultural Interaction (Journal Roman Arch. Suppl. 32), Portsmouth 1999, S. 199-244.
  • Walter Drack, Rudolf Fellmann: Die Römer in der Schweiz, Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 64-71, ISBN 3-8062-0420-9.

Weblinks

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