Egon Schiele

Selbstportrait, 1912

Egon Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau; † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Schiele zählt neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Schiele war das dritte Kind des Tullner Bahnhofsvorstands Adolf Eugen Schiele und dessen Gattin Marie (geborene Soukup, aus dem südböhmischen Krumau). Elvira, die älteste seiner drei Schwestern (Elvira, Melanie und Gertrude), starb bereits im Alter von zehn Jahren; die jüngste Schwester Gertrude heiratete später den Künstler und Freund Schieles Anton Peschka. Sie stand ihm in seiner Frühzeit Modell.[1] Egon Schieles Vater verstarb am Neujahrstag 1905 an Syphilis. Daraufhin wurde Egons Taufpate Leipold Czihaczek (1842–1929) sein Vormund. Dieses Ereignis war prägend für Schieles Kunst.

Schiele besuchte die Volksschule in Tulln, anschließend das Realgymnasium in Krems und später das Gymnasium Klosterneuburg. Der Kunstlehrer Ludwig Karl Strauch und der Klosterneuburger Künstler Max Kahrer entdeckten bereits dort seine außergewöhnliche Begabung und unterstützen ihn bei seiner Bewerbung für die Wiener Akademie der bildenden Künste, in die er 1906, im Alter von 16 Jahren, aufgenommen wurde. Dort lernte Schiele in der Malklasse bei Professor Christian Griepenkerl. Anfangs begeistert, doch dann des starren Akademiealltags müde, verließ Schiele bereits nach zwei Jahren die Akademie und gründete mit einigen Kommilitonen die Wiener Neukunstgruppe.

1907 suchte Schiele den ersten persönlichen Kontakt zu Gustav Klimt. Auch bezog er in Wien sein erstes eigenes Atelier in der Kurzbauergasse 6 in der Leopoldstadt. 1908 beteiligte sich Schiele zum ersten Mal an einer öffentlichen Ausstellung im Kaisersaal des Stifts Klosterneuburg.

Erste Erfolge feierte Schiele 1909 mit der Ausstellung seiner Werke, die alle sehr an Gustav Klimts Stil erinnern, im Rahmen der Neukunstgruppe in der „Großen Kunstschau“. Neben Künstlern wie Gustav Klimt und Oskar Kokoschka konnte Schiele sich hier bei dem Kunstkritiker Arthur Roessler einen Namen machen, der in der Folgezeit durch seine exzellenten Kontakte für Schieles Fortkommen eine entscheidende Rolle spielte. Durch Roesslers Vermittlung lernte Schiele die Kunstsammler Carl Reininghaus und Oskar Reichel kennen, die seinen Einstand in der Wiener Kunstszene finanziell absicherten und ihn mit zahlreichen Auftragsarbeiten versorgten. Durch die kurze Freundschaft mit Max Oppenheimer entfernte sich Schiele vom dekorativen Jugendstil und wandte sich dem Expressionismus zu.

Schwarzhaariges Mädchen mit hochgeschlagenem Rock, 1911

Vom Rummel in der Hauptstadt übersättigt, zog Schiele 1911 aus Wien weg. Gemeinsam mit Wally Neuzil, seinem wohl bekanntesten Modell, übersiedelte er nach Krumau (heute Český Krumlov), dem Geburtsort seiner Mutter. Dort begann für Schiele eine künstlerisch überaus produktive Periode. Die Altstadt Krumaus wurde zu dieser Zeit sein beliebtestes Motiv. Die Bevölkerung bezeichnete Schieles Lebensstil als anstößig, wofür die wilde Ehe mit Wally Neuzil und die Besuche von Kindern in Schieles Atelier wohl der Auslöser waren. Gemeinsam zogen sie daher nach Neulengbach, wo er wegen angeblichen sexuellen Übergriffs an Minderjährigen in Untersuchungshaft genommen wurde. Der Hauptvorwurf des Missbrauchs von Minderjährigen erwies sich als haltlos, dennoch verurteilte ihn das Gericht wegen des Tatbestands der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“. Insgesamt verbrachte Schiele 24 Tage im Gefängnis und malte einige Skizzen seines Aufenthaltes.

1912 kehrte er dann nach Wien zurück. Durch seinen Gönner und väterlichen Freund Gustav Klimt konnte er schnell wieder Fuß fassen, trotz seines schlechten Rufs, der ihm mittlerweile nach Wien gefolgt war. Dennoch feierte er in der damaligen Kunstszene Österreichs wieder große Erfolge. Im November 1912 mietete Schiele ein neues Atelier in der Hietzinger Hauptstraße 101 und behielt dieses bis zu seinem Tod. 1913 ernannte ihn der Bund Österreichischer Künstler, dessen Präsident Gustav Klimt war, zum Mitglied. Im März folgten einige Ausstellungen in Österreich und Deutschland. 1914 wurden erstmals Gedichte von Schiele in der Wochenzeitschrift „Die Fackel“ veröffentlicht, wenn auch ohne seine Genehmigung. Bis 1916 reichte Schiele in Folge mehrmals selbst theoretische und literarische Texte bei der Berliner Zeitschrift „Die Aktion“ ein. 1916 brachte diese ein eigenes Egon-Schiele-Heft heraus (Nr. 35/36).

1915, nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde Schiele als Einjährig-Freiwilliger des k. u. k. Infanterie-Regiments Nr. 75 in den militärischen Verwaltungsdienst eingezogen. Kurz vor seiner Versetzung nach Prag heiratete Schiele am 17. Juni 1915 seine langjährige Freundin Edith Harms. Edith forderte von Schiele den Bruch mit Wally Neuzil. Nach seiner militärischen Grundausbildung und den damit verbundenen Versetzungen innerhalb Österreichs wurde Schiele 1917 nach Wien berufen, wo er vorerst als Schreiber (militärischer Verwaltungsangestellter) der „kaiserlich-königlichen Konsumanstalt für die Gagisten der Armee im Felde“ beschäftigt war. Dort fühlte er sich begreiflicherweise fehlbesetzt und stellte an die Armeeführung folgendes Ansuchen: „Meine Beschäftigung entspricht nicht meiner künstlerischen Qualifikation. Ich glaube, dass die Möglichkeit für mich bestünde, im Rahmen meines Militärdienstes im Heeresmuseum eine angemessene Beschäftigung und Verwendung zu finden, sodass meine Kräfte als Maler und Künstler nicht brach liegen müssen und ich im dem Vaterlande mit dem, was ich wirklich kann, nützen könnte.“[2]

Gedenktafel am Sterbehaus

Für die Dauer von sechs Monaten wurde er zum k. u. k. Heeresmuseum abkommandiert, wo er gemeinsam mit Anton Faistauer Kriegsbilderausstellungen organisierte und trotz der Kriegswirren seiner Malerei nachgehen konnte.[3]

Mit dem Tod Gustav Klimts am 6. Februar 1918 stieg Schiele in der Wiener Kunstszene auf, so war etwa die 49. Ausstellung der Wiener Secession ihm gewidmet. Dabei stellte er 19 große Gemälde und 29 Zeichnungen aus. Weitere Ausstellungen und Erfolge folgten, auch seine Vorstellungen einer Kunstschule entstanden zu dieser Zeit.

Gegen Ende des Krieges, 1918, überzog die katastrophale Spanische Grippe die österreichische Hauptstadt. Edith Schiele, im sechsten Monat schwanger, erlag dieser Krankheit am 28. Oktober. Auch Egon Schiele steckte sich an und verstarb, erst 28 Jahre alt, am 31. Oktober 1918 in Wien-Hietzing (Hietzinger Hauptstraße 114) und wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Ober Sankt Veiter Friedhof (Gruppe B, Reihe 10, Nummer 15/16) in Wien beigesetzt.

Im Jahr 1930 wurde in Wien-Hietzing die Egon-Schiele-Gasse nach dem Künstler benannt.

Werk

Schieles Werke sind bis heute weltberühmt und erzielen auf internationalen Auktionen Höchstpreise. In Museen weltweit sind seine Bilder hochbegehrt, die unabhängig von Schieles künstlerischer Genialität durch seinen Ruf als „Frühvollendeter“ weltweit Bewunderung finden. Die größte Sammlung von Schiele-Werken befindet sich im Leopold Museum im Wiener MuseumsQuartier. Neben seinen zahlreichen Selbstbildnissen ist Schiele vor allem für seine Akte, die fast ausschließlich Frauen und Kinder zeigen, berühmt. Aber auch seine Landschafts- und Städtebilder erfreuen sich steigender Beliebtheit.

Im Jahr 1964 wurden Arbeiten von ihm auf der documenta III in Kassel in der berühmten Abteilung Handzeichnungen gezeigt.

Galerie

Museen

  • Albertina: Die graphische Abteilung der Albertina besitzt eine große Sammlung Zeichnungen und Aquarelle von Egon Schiele, zudem unterhält sie das Egon-Schiele-Archiv[4] (Max-Wagner-Stiftung). In den Habsburgischen Prunkräumen sind einige Faksimile dauerausgestellt.
  • Schloss Belvedere: Die Österreichische Galerie Belvedere in Wien besitzt eine große Sammlung von Werken des Künstlers, darunter zwölf großformatige Hauptwerke.
  • Leopold Museum: Das Leopold Museum beherbergt mit 41 Ölgemälden und 188 Blättern die weltgrößte Schiele-Sammlung. 2011 wurde im Leopold Museum auch das Egon-Schiele-Dokumentationszentrum eingerichtet (Autografen, Fotografien und Literatur, zusammengetragen von Rudolf Leopold). In der Bibliothek des Museums befindet sich eine umfangreiche Sammlung von Schiele-Literatur.[5]
  • Egon-Schiele-Museum in Tulln.
  • Im Heeresgeschichtlichen Museum befinden sich Schiele-Blätter in der grafischen Sammlung.
  • Das Wien Museum am Karlsplatz verfügt über eine Schiele Sammlung mit einigen ausgestellten Werken.

Filme

Musikalische Interpretationen

Literatur

  • Egon Schiele. Aquarelle und Zeichnungen, Kestner-Gesellschaft, Hannover, Katalog zur Ausstellung vom 23. April bis 13. Juni 1982
  • Hilde Berger: Tod und Mädchen. Egon Schiele und die Frauen. Böhlau, Wien 2009, ISBN 978-3-205-78378-7
  • Alessandra Comini: Egon Schiele’s portraits. University of California Press, Berkeley 1974, ISBN 0-520-06869-6.
  • Lewis Crofts: The Pornographer of Vienna. Old Street Publishing, London 2007, ISBN 1-905847-12-2. Biographischer Roman über Egon Schiele (engl.)
  • Helmut Friedel, Helena Pereña (Hg.): Egon Schiele. "Das unrettbare Ich", Wienand, Köln 2011, ISBN 978-3-86832-082-4. Das Werk im Kontext seiner Zeit (dt./engl.)
  • Jane Kallir: Egon Schiele. The complete works. Including a biography and a catalogue raisonne. Expanded edition. Harry N. Abrams, New York 1998, ISBN 0-8109-4199-6
  • Jane Kallir: Egon Schiele. Aquarelle und Zeichnungen. Hrsg. von Ivan Vartanian, mit einem Vorwort von Richard Avedon. Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Hilzensauer, Christian Brandstätter, Wien 2003, ISBN 3-85498-236-4
  • Hermes Andreas Kick: Eros, Pathos, Ekel. Ambivalenz und Gestaltungskraft im Werk von Egon Schiele. in dsb., Hg.: Ekel. Darstellung und Deutung in den Wissenschaften und Künsten. (Symposions-Beitrag 2000) Guido Pressler, Hürtgenwald 2003 ISBN 3-87646-101-4
  • Isabel Kuhl: Living Art. Egon Schiele. Prestel, München 2006, ISBN 978-3-7913-3703-6
  • Rudolf Leopold: Egon Schiele. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Residenz, Salzburg 1972
  • Rudolf Leopold: Egon Schiele. Die Sammlung Leopold. DuMont, Köln 1998, ISBN 3-7701-4585-2
  • Leopold Museum Privatstiftung (Hrsg.): Egon Schiele. Landschaften. Prestel, München 2004, ISBN 3-7913-3214-7.
  • Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890–1918, dtv, München 1975, ISBN 3-423-01064-9
  • Tobias G. Natter, Ursula Storch (Hrsg.): Schiele & Roessler. Der Künstler und sein Förderer. Kunst und Networking im frühen 20. Jahrhundert. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2004, ISBN 3-7757-1479-0.
  • Tobias G. Natter, Thomas Trummer: Die Tafelrunde. Egon Schiele und sein Kreis. Meisterwerke des österreichischen Frühexpressionismus. DuMont, Köln 2006, ISBN 3-8321-7700-0
  • Christian M. Nebehay: Egon Schiele. 1890–1918. Leben, Briefe, Gedichte. Residenz, Salzburg 1979
  • Christian M. Nebehay. Egon Schiele. Leben und Werk in Dokumenten und Bildern. dtv, München 1985, ISBN 978-3-423-02884-4
  • Christian M. Nebehay: Egon Schiele. Von der Skizze zum Bild. Die Skizzenbücher. Christian Brandstätter, Wien 1989, ISBN 3-85447-320-6
  • Renée Price (Hrsg.): Egon Schiele. The Ronald S. Lauder and Serge Sabarsky Collections. Prestel, München 2005, ISBN 3-7913-3390-9
  • Elisabeth von Samsonow: Egon Schiele - Ich bin die Vielen. Passagen Verlag, Wien 2010, ISBN 978-3-85165-945-2
  • Ludwig Schmidt: Egon Schiele. Berghaus, Kirchdorf 1989, ISBN 3-7635-0122-3
  • Klaus Albrecht Schröder: Egon Schiele. Eros und Passion. Prestel, München 2004, ISBN 3-7913-3098-5
  • Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.): Egon Schiele. Prestel, München 2005, ISBN 3-7913-3533-2
  • Reinhard Steiner: Schiele. Die Mitternachtsseele eines Künstlers. Taschen, Köln 1999, ISBN 3-8228-6373-4
  • Erotic Sketches. Erotische Skizzen. Egon Schiele. Prestel, München 2005, ISBN 3-7913-3431-X. (Nachwort von Norbert Wolf, englisch und deutsch.)

Weblinks

 Commons: Egon Schiele – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Egon Schiele Datenbank, egonschiele.at, abgerufen am 13. Mai 2012
  2. Zitiert bei: Heeresgeschichtliches Museum (Hrsg.): 100 Jahre Heeresgeschichtliches Museum. Bekanntes und Unbekanntes zu seiner Geschichte. Heeresgeschichtliches Museum, Wien 1991, S. 15 f.
  3. Ilse Krumpöck: Anton Faistauers militärische Nichtsnutzigkeit. In: Schriftenreihe zu Anton Faistauer und seiner Zeit. Herausgegeben vom Anton Faistauer Forum, Maishofen 2007, ISBN 978-3-9502420-0-3, S. 52, (Anton Faistauer Forum).
  4. Egon Schiele in der Albertina; Zeichnungen und Aquarelle aus eigenem Besitz/345. Ausstellung 1990
  5. ORF-Website vom 7. April 2011