Eipeldauer-Briefe

Titelblatt der Erstausgabe, 1785.

Die Eipeldauer-Briefe, original: Briefe eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran über d'Wienstadt, […] sind ein satirisches literarisches Werk des josephinischen Zeitalters (also der Spätaufklärung), das der Schriftsteller Joseph Richter ab 1785 produzierte. Zunächst (1785 und 1787) wurden zwei Briefromane herausgegeben, deren Erfolg den Autor bewog, ab 1794 ein monatlich erscheinendes Periodikum zu publizieren, das mit geringen Unterbrechungen auch über den Tod des Autors hinaus bis 1821 erschien.

Die beiden ersten Bände betreffen zwei Reisen nach Wien; die spätere Zeitschrift beginnt zu dem Zeitpunkt, zu dem sich der Eipeldauer in Wien endgültig niederlässt.[1]

Jede dieser Publikationen bestand aus fingierten Briefen eines fiktiven und zu Richters Lebzeiten nie namentlich genannten Bauern aus Eipeldau, [2] dem heutigen Leopoldau, an seinen „Vetter“ (das heißt irgendwie Verwandten) im nahe gelegenen Kagran.[3].

Richter war 28 Jahre lang alleiniger Autor von 194 Folgen.

Richter berichtet im durchwegs sarkastischen 'Wiener Humor' über Sitten und Gebräuche sowie über aktuelle Vorkommnisse aus der Haupt- und Residenzstadt, wobei er während der Jahrzehnte zunehmend weniger aggressiv, zuletzt geradezu obrigkeitshörig, wird.[4]

Nach Richters Tod, 1813, übernahm der Schriftsteller Franz Xaver Gewey die [durchaus gewinnbringende!] Herausgabe bis an sein Lebensende, 1819, danach ging die Redaktion an Adolf Bäuerle, der das Blättchen 1821 einstellte.

Inhaltsverzeichnis

Aufbau und Inhalt

Fiktive Reiseberichte sind zu Richters Lebzeiten nicht neu: Spätestens seit Montesquieus berühmten Lettres persanes (1721) ist diese Form in gebildeten Kreisen Europas bestens bekannt. Die langen Wegstrecken jedoch, welche die „persische“ Delegation auf sich zu nehmen hatte, um französische Lebensart distanziert kommentieren zu können, verkürzt Richter karikaturistisch auf wenige Kilometer und die Überquerung der Donau.[5]

Richters erster Eipeldauer-Band, 1785, hat zum Thema, dass der gutmütige und nicht unvermögende Bauerntölpel wenigstens einmal in seinem Leben das Wiener Faschingstreiben miterleben möchte. Kaum angekommen, wird er von der Verwandtschaft üppig bewirtet, ohne zu merken, dass deren Lebensstil unmöglich zum offiziellen Einkommen passen kann, und gleich danach beim Kartenspiel „über den Tisch gezogen“.[6] Vom „Wiener Herrn Vetter“ wird er dann in Café- und Wirtshäuser, Theater und Bälle eingeführt, allerdings auf seine Kosten, und verbraucht soviel, dass er den Kagraner bitten muss, ihm größere Beträge vom daheim gelassenen Ersparten nachzusenden. Dass ein Mann in Wien auch von „Graben-Fräule“[7] schnell ums Geld gebracht werden kann, weiß der Eipeldauer von seinem Kutscher Hiesl zu berichten, nicht etwa von sich selber. Am Aschermittwoch tritt der Bauer die Heimreise an.

Ein zweiter Band (1787) lag aufgrund des Erfolges des ersten, der es bereits auf mehrere Auflagen gebracht hatte, gleichsam auf der Hand. Diesmal lässt der Autor seinen Eipeldauer nach Wien reisen, um für den Kagraner Vetter einen Rechtsstreit auszufechten, der zwar gewonnen wird, dabei aber mehr Spesen als Nutzen bringt.

Zu dem Zeitpunkt, als der Eipeldauer sich in Wien niederzulassen gedenkt, startet die Zeitschrift. Von seiner Verwandtschaft wird er an eine Bedienstete des „Freundes eines Freundes“, eines „bessern Herrn“ verkuppelt, die er prompt heiratet. Verwundert ist er schon, nach bereits sechs Wochen Vater eines gesunden Knaben geworden zu sein, freut sich aber darüber, da der ehemalige Dienstherr seiner Gemahlin nicht nur anbietet, den Kleinen auf seinen Vornamen taufen zu lassen, sondern dem des Schriftlichen nur mäßig mächtigen Eipeldauer auch zu einer Beamtenlaufbahn verhilft. Weiters kümmert der bessere Herr sich um Eipeldauers Frau und Kind auf vielfache Weise. Ab diesem Zeitpunkt ist die Geschichte Karikatur des unfähigen und faulen, durch dubiose Protektion zu seinem auf Lebenszeit gesicherten Posten gekommenen Beamten. Unfähig, den Lebenswandel seiner Frau zu finanzieren, landet er zwischenzeitlich sogar wegen Wechselschulden im Gefängnis, wird jedoch bald wieder ausgelöst, da neue und finanzstarke Liebhaber seiner Gemahlin auf den Plan treten. Diese umgibt sich nun mit ‚Mahmen‘ („lieben [jüngeren] Freundinnen“) und beginnt ein florierendes Geheimbordell zu betreiben, bis derlei Mahmen per Gesetz des Landes verwiesen werden. Aber auch danach mangelt es der attraktiven Dame nicht an Liebhabern, die es ihr ermöglichen, auch noch ihren Mann freizuhalten.

In einer späteren Phase (ab 1802) dankt der Eipeldauer gleichsam ab, d.h. er überlässt das Briefschreiben seinem vermeintlich „Erstgeborenen“. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die Serie erheblich zu verflachen: Der Autor trifft den Ton des verwöhnten und von seiner Mutter ausgehaltenen Wiener Schnösels keineswegs. Themen sind von jetzt an der Krieg und der Patriotismus, daneben belang- und zahnlose Alltagsgeschichtchen.[8]

Zum letzten von Richter verfassten Text gehört der Abschnitt:

„Wie mir der Michl gesagt hat, so ist der Herr Vetter ein bissl harb auf mich, weil ich schon so lang nichts von politischen Neuigkeiten gschriebn hab. Aber der Herr Vetter halt sich ja d'Wiener Zeitung,[9] und da ist ja alles umständlich drin gstanden was sich s' letzte Jahr in der Welt alles ereignet hat. Was aber weiter geschehen wird, das müssen wir der lieben Zeit überlassen. Die ist ja der beste Koch, die wird schon alles auskochen, wie's sein soll.“

[10]

Textprobe

Auszug aus Brief 2, S. 10–12.

„(S. 10): Die Leut sind eingricht. Ich hab mich völlig verkreuzigt. Da henken Uhren an der Wand, so groß wie unsere Turnuhr, und der Stubenboden ist so glatt, als wenn er g'frorn wär. D'Frau Mahm[11]. ist auf ein Sessel mit sechs Füssen g'sessen.*) Ich hätt s'gar nicht mehr g'kennt, wenn s' mich nicht auf eipeldauerisch angredt hätt. D' Wienerluft muss ihr gut anschlagen. Z' Haus hat s' ausg'sehen, wie d'sieben theurn Jahr; jetzt hat s' aber ein paar rote Backen, dass man s' nicht schöner maln könnt**). Sie ist auch in der Wienstadt um ein paar Schuch g'wachsen***); statt der reichen Schlepphaubn tragt s' ein grossen Schopf, und ein Strickrock hat s' an, so groß, wie des (S. 11): des Herrn Vetter sein grosser Marktzeger.*) …


Kommentare, als Fußnoten des 'herausgebenden Wieners':

* Lieber Gott! gehen die Leut auf Reisen, und wissen nicht einmal, dass d'Sesseln mit sechs Füssen ein Sophi[12] heissn.

** Vielleicht wars gmaln.

*** Wird halt ein neue Modehaubn aufghabt habn, und hohe Steckl an Schuhen, und da sehn d'Wienerinnen freylich um ein Elln grösser aus.

Zu S. 11: * Weiß schon, was der Eipeldauer mit Marktzeger sagen will. D'Frau Mahm wird halt ein Pufanti aughobt habn, wie s' d' gnädigen Fraun und d' Gassenlauferinnen z' Wien tragen. 'S Gleichnis hat ihm grathn.[13] …“

Literatur

  • Briefe eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran, über d'Wienstadt. Aufgefangen und mit Noten herausgegeben. Von einem Wiener. Wien, 1785, Online bei Google Books.
  • Eugen von Paunel (Hrsg.): Die Eipeldauer-Briefe. Eine Auswahl. Müller, München
  1. 1785–1797. 1917
  2. 1799–1813. 1918
  • Ludwig Plakolb: Die Briefe eines Eipeldauers über d'Wienstadt (= Die Fundgrube. Bd. 48, ZDB-ID 530337-0). Winkler, München 1970.[14]

Anmerkungen

  1. Der Text ist trotz leidlicher Kenntnis des Niederösterreichisch-Wienerischen und des Französischen heutzutage sogar in der adaptierten Version von Plakolb, 1970, schwer zu lesen, doch gelten sie als „Kulturdokument von hoher Originalität“ (Klappentext der Lizenzausgabe für Die Fundgrube, Kremayr & Scheriau, o.J.). [Anm.: Französische Ausdrücke waren seinerzeit in Wien höchst beliebt, kommen aber fast durchwegs in Fehlschreibungen vor. Beispielsweise das Wort Pufanti als das französische Bouffants [pl.] zu erkennen, braucht mehr als bloß Phantasie. Gerademal Le Français dans le théâtre Viennois su XIXe siècle kennt den Begriff – vom „Eipeldauer“, versteht sich. Plakolb notiert in seinem Glossar unter Buffanti: Bouffanten, auftragende Wülste unter dem Kleid. – für Laien schwer nachvollziehbar, dass er damit das Pufanti im Text meint.
  2. Anlässlich der Übernahme der Zeitschrift nennt Richters Nachfolger Gewey den ursprünglichen Eipeldauer „seinen verstorbenen Vetter Joseph“. Dieser erste Brief Geweys schließt die Sammlung Plakolbs ab (Lit. Plakolb S. 300.).
  3. Beide Orte, damals „tiefe Provinz und „weitab von Wien“, sind seit 1904 in Wien eingemeindet.
  4. Erklärlich ist dies, weil Richter, der sich dreimal erfolglos um eine Anstellung als Zensor bemüht hatte, eine zuletzt erfolgreiche Eingabe bei der Polizeihofstelle gemacht hatte: Nach Hinweis auf seine durch die Eipeldauer-Briefe „erwiesene Loyalität“, und protegiert vom Polizeiminister persönlich, bewilligte der Kaiser zu Jahresbeginn 1802 eine monatliche Zuwendung von [Anm.: mageren!] 30 Gulden aus „geheimen Polizeigeldern“, „dass er sich ferners zu Besten des Staates verwende.“
  5. Die Fahrzeit vom Stephansplatz zur Station Leopoldau beträgt 2010 ganze 18 Minuten (per U-Bahn Linie U1); Luftlinie sind es keine 10 km.
  6. (PDF S. 12f; Faksimile, S. 12.)
  7. Prostituierte – der zum Stephansplatz führende Graben war das beliebteste Revier.
  8. Plakolb hat diese Abschnitte rigoros gekürzt.
  9. Amtsorgan bis heute
  10. Richter brachte als letztes Ereignis von Bedeutung gerade noch die Überschreitung des Njemen durch Napoleons Armee am 24. Juni 1812 in seine Berichte ein.
  11. Muhme, d.h. mehr-oder-weniger nahe Verwandtschaft
  12. Sofa, auch Diwan
  13. Zitierte Lit. 'Fundgrube, Plakolb', S. 9: Das Werk ist durchzogen von derlei Kommentaren des vorgeblich weltgewandten 'Wiener' Herausgebers zum Text des primitiven 'Bauerntölpels'. Der erste Kommentar zu S. 11 scheint bei Plakolb nicht auf.
  14. Plakolb exzerpiert und kommentiert die Arbeit Richters, d.h. der Ausgaben von 1785–1813.