Ernst Federn

Ernst Federn (* 26. August 1914 in Wien; † 24. Juni 2007 ebenda) war ein Pionier der psychologischen Analyse des Lebens in Konzentrationslagern, der psychoanalytischen Pädagogik sowie der psychoanalytisch orientierten Sozialarbeit in Gefängnissen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Ernst Federn war ein Sohn des Psychoanalytikers Paul Federn und Neffe des Wirtschaftsjournalisten Walther Federn sowie der Schriftsteller Etta Federn-Kohlhaas und Karl Federn. Er beabsichtigte zunächst nicht, ebenfalls Psychoanalytiker zu werden, sondern ging in die Politik, was für einen marxistischen Sozialisten damals, in den Dreißigerjahren in Österreich, hieß, in den Untergrund zu gehen. Als Mitglied der trotzkistischen „Revolutionären Kommunisten“ wurde er 1938 verhaftet und verbrachte sieben Jahre im Konzentrationslager Buchenwald. Als Trotzkist geriet Federn dort in Konflikt mit der von Stalinisten dominierten Häftlingsselbstverwaltung. Mit einem Trotzkisten zu reden, war verboten. Es gab allerdings einen berühmten kommunistischen Gefangenen, der im Lager unerhörte Dinge durchgestanden hatte. Mit dem habe ich sehr viel über Psychoanalyse gesprochen. Er ließ es sich nicht verbieten, mit mir zu sprechen. Da er großen Einfluss auf die anderen hatte, bekam ich den Ruf des Psychoanalytikers im Lager. Man konnte nun doch mit mir sprechen, die Leute konnten mit mir über sich und ihre Probleme reden.[1]

Einige Monate war Bruno Bettelheim Federns Mitgefangener, und die beiden diskutierten über die Psychologie des Terrors. Vor einem Todesmarsch wurde Federn von seinem Freund Karl Fischer, der ebenfalls Mitglied der Revolutionären Kommunisten gewesen war, durch Übergabe einer weißen Lagerschutzbinde gerettet.[2]

Im April 1945 wurde Ernst Federn durch US-amerikanische Truppen befreit. Eine Rückkehr nach Österreich, das von den Russen besetzt war, erschien dem entschiedenen Gegner Stalins als zu gefährlich - eine realistische Einschätzung: Sein Freund Karl Fischer beispielsweise wurde vom sowjetischen Geheimdienst entführt und nach Sibirien verschleppt. Ernst Federn hat die Haftzeit innerlich ungebrochen überstanden. Noch im Lager, am 20. April 1945, veröffentlichte er mit drei anderen Häftlingen die 'Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds', in der sie sich gegen den Stalinismus wandten und für eine österreichische Räterepublik eintraten. Federn ging nach Brüssel, wo er sein politisches Engagement fortsetzte.[3]

Federn emigrierte in die USA. An seinem zuerst 1946 veröffentlichten Versuch einer Psychologie des Terrors bestand in der vom Antikommunismus geprägten Nachkriegszeit kein Interesse. Ähnlich erging es Federn mit den Protokollen der sogenannten Mittwochsgesellschaft, dem Kreis um Freud, der sich seit 1902 traf. Federn edierte diese für die Geschichte der Psychoanalyse außerordentlich wichtige Quelle gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Hermann Nunberg.

1972 kehrte Federn auf Einladung Bruno Kreiskys nach Österreich zurück und engagierte sich als Psychotherapeut in der Reform des Strafvollzugs.

Schriften (Auswahl)

Als Autor

  • Zur Psychoanalyse der Psychotherapien. Tübingen: Ed. diskord, 1997.
  • Ein Leben mit der Psychoanalyse. Von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien, Psychosozial-Verlag, Gießen 1999.
  • Versuch einer Psychologie des Terrors; in: Kaufhold, R. (Hg.): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des Terrors. Psychosozial-Verlag, Gießen 1999, S. 35–75.

Als Herausgeber

  • Nunberg, H., Federn, E. (Hg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Bd. I – IV. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1976 -1981 (Neuausgabe: Psychosozial-Verlag, Gießen 2007).
  • Freud im Gespräch mit seinen Mitarbeitern: aus den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Hg., eingel. und mit Zwischentexten versehen von Ernst Federn, Frankfurt/M.: Fischer TB, 1984.
  • Federn, E., Wittenberger, G. (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud: zu den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Frankfurt/M.: Fischer-TB 1992.

Literatur

  • Fragen zur Ethik und Technik psychoanalytischer Sozialarbeit (im November 1994 in Rottenburg). Hrsg.: Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg und Tübingen, Festschrift für Ernst Federn. Tübingen: Ed. diskord 1995.
  • Stephan Becker (Hg.), Helfen statt Heilen: Ernst Federn zum 80. Geburtstag. Giessen: Psychosozial-Verlag, 1995.
  • Kaufhold, R. (Hg.) (1999): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des Terrors. Material zum Leben und Werk von Ernst Federn. Psychosozial-Verlag, Gießen, S. 145-172.
  • Kaufhold, R. (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Mit einem Vorwort von Ernst Federn. Psychosozial-Verlag, Gießen.
  • Kaufhold, R. (2005): Erinnerung an Hilde Federn (26.10.1910 - 19.01.2005); in: Kinderanalyse, 13. Jg., Heft 2/2005, S. 234-237.
  • Kaufhold, R. (2005a): Biographische Kontinuität, Emigration und psychoanalytisch-pädagogisches Engagement. Laudatio auf Ernst Federn zu seinem 90. Geburtstag; in: psychosozial, 28. Jg. Nr. 100 (Heft 2/2005), S. 75-83.
  • Kaufhold, R. (2007): Traumatisierung überleben und verarbeiten - Leben und Werk des Pioniers der Psychoanalyse Ernst Federn; in: Krisor, M., Wunderlich, K. (Hg.) (2007): Gerade in schwierigen Zeiten: Gemeindepsychiatrie verankern - Internationale Beiträge. Pabst Science Publishers, Lengerich, Berlin, S. 182-199.
  • Kaufhold, R. (2007a): Erinnerung an Ernst Federn, Pionier der psychoanalytischen Pädagogik und Sozialarbeiter (26.8.1914 - 24.6.2007); in: Kinderanalyse 4/2007.
  • Kaufhold, R. (2008): Documents Pertinent to the History of Psychoanalysis and Psychoanalytic Pedagogy: The Correspondence Between Bruno Bettelheim and Ernst Federn. in: The Psychoanalytic Review, (New York), Vol. 95, No. 6/2008, S. 887-928.
  • Kuschey, B. (2003): Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstruktur des Konzentrationslagers. Bd. I und II. Psychosozial-Verlag, Gießen.
  • Kuschey, B. (Hg.) (2006): Die Psychoanalyse kritisch nützen und sozial anwenden. Ernst Federn zum 90. Geburtstag. Verlag Theodor Kramer Gesellschaft, Wien.
  • Kuschey, B. (2007): Nachruf für Ernst Federn (1914-2007); in: „Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands“, 24. Jg. Nr. 1/2; Wien, Oktober 2007, S. 40-41. ISSN 1606-4321
  • Tomas Plänkers, Ernst Federn: Vertreibung und Rückkehr. Interviews zur Geschichte Ernst Federns und der Psychoanalyse. Diskord, Tübingen 1994, ISBN 3-89295-586-7.

Einzelnachweise

  1. Tomas Plänkers, Ernst Federn: Vertreibung und Rückkehr. Interviews zur Geschichte Ernst Federns und der Psychoanalyse. Diskord, Tübingen 1994, ISBN 3-89295-586-7, S. 158f.
  2. Bernhard Kuschey: Ernst und Hilde Federn. Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-173-6, S. 754, 833 und 841f; Brigitte Bailer-Galanda, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Jüdische Schicksale. (=Erzählte Geschichte. Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten. Band 3) ÖBV, Wien 1992, ISBN 3-216-06377-1, S. 591.
  3. Nachruf von Roland Kaufhold

Weblinks