Fall Hilsner

Der Fall Hilsner, auch bekannt als Fall Polná, war eine Serie von antisemitischen Gerichtsverfahren in Österreich-Ungarn gegen Leopold Hilsner aus Böhmen.

Hergang

Symbolisches Grab von Anežka Hrůzová nahe Polná

Anežka Hrůzová, ein 19-jähriges katholisches Mädchen, das in Malá Věžnice lebte, wurde am 29. März 1899 ermordet. Drei Tage später wurde ihre Leiche in einem Wald gefunden. Es war ihr die Kehle durchgeschnitten worden. In der Nähe wurden jedoch nur wenige Blutspuren gefunden. Ziemlich bald geriet der jüdische Schuster Leopold Hilsner in Verdacht, einen Ritualmord begangen zu haben.

Durch die öffentliche Vorverurteilung und auch, weil er kein eindeutiges Alibi vorweisen konnte, wurde Hilsner durch das Gericht als schuldig bekannt und zum Tode verurteilt. Auch ein zweites Gericht in Böhmen und das folgende Kassationsgericht in Wien bestätigten das Urteil.

Versuche zur Rehabilitation unternahm auch der Soziologe und spätere Präsident der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk. Dieser verlor in dem antisemitischen Klima in der Folge darauf seinen Lehrauftrag an der Prager Universität. Auf seinen und Druck aus Paris und Berlin wandelte Kaiser Franz Joseph das Todesurteil zu einer lebenslänglichen Haft um. Einen Großteil der Haft verbüßte Hilsner in Stein in Österreich. Im März 1918 kam Leopold Hilsner auf Grund einer Generalamnestie Kaiser Karls frei.

Er lebte später bis 1928 in Wien, Prag und Velké Meziříčí, wo seine Familie beheimatet war. Am 8. Jänner starb er in Wien im Rothschild Krankenhaus. Begraben ist er am Wiener Zentralfriedhof.

Einer seiner Unterstützer war der Floridsdorfer Bezirksrabbiner Joseph Samuel Bloch, der schon zu Hilsners Lebzeiten Rehabilitierungsversuche unternahm und sowohl ihn als auch dessen Familie finanziell unterstützte. Im Gegensatz dazu schwiegen Größen des Wiener Kulturlebens wie Theodor Herzl oder Sigmund Freud zu diesem Urteil.

Während 100 Jahre später in der Tschechoslowakei Gedenkveranstaltungen stattfanden, wurde in Österreich das Thema kaum erwähnt. Auch das Grab am Zentralfriedhof konnte erst durch eine Privatinitiative wieder renoviert werden. Am 14. November 2008 wurde Hilsner von der österreichischen Justizministerin Maria Berger (SPÖ) in einer feierlichen Zeremonie auf dem Wiener Zentralfriedhof symbolisch rehabilitiert. Für eine tatsächliche Rehabilitierung schieben sich Österreich und Tschechien gegenseitig die Verantwortung zu.

1961 (gemäß verschiedenen Quellen auch erst 1969) gab der Bruder des ermordeten Mädchens, Johann Hruza, zu, seine Schwester getötet zu haben, da er ihr die Mitgift für die geplante Hochzeit nicht auszahlen wollte.

Siehe auch

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