Ferenc Orsós

Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (rechts) empfängt aus der Hand von Orsós[1] am 4. Mai 1943 den Abschlussbericht zur Öffnung der Massengräber in Katyn.

Ferenc Orsós, Spindl (* 22. August 1879 in Temesvár; † 25. Juli 1962 in Mainz) war ein ungarischer Rechtsmediziner, der 1943 in Katyn als Mitglied der internationalen Gutachtergruppe bei der Obduktion der Opfer des Massakers von Katyn tätig war.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Orsós studierte Medizin in Budapest, wurde zunächst dort Assistenzarzt und war ab 1906 Prosektor und Gerichtsmediziner in Pécs. Im Ersten Weltkrieg war er vier Jahre als Kriegsgefangener in Russland. In Budapest wurde er Direktor der Gerichtsmedizin der Universität Budapest und war als Gerichtsmediziner an allen oberen Gerichtsinstanzen Ungarns tätig. Orsós wurde 1928 Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Bis 1943 hatte er an 80000 Obduktionen teilgenommen[2], dabei entwickelte er eine Methode zur Bestimmung des Todeszeitpunkts. Bei der Befragung in Frankfurt 1952 verwies er auf seinen Aufsatz im „Ungarischen Medizinischen Journal“ von 1941[3] [4].

Orsós wurde Präsident der ungarischen Ärztekammer und gründete eine Organisation nationalsozialistischer Mediziner in Ungarn („Magyar Orvosok Nemzeti Egyesülete, MONE“). Als Vorsitzender von MONE forderte er Juden aus dem Ärzteberuf auszuschließen und antisemitische Maßnahmen in Ungarn durchzusetzen. Er trat 1941 dafür ein, dass, in Anlehnung an die deutsche Rassengesetzgebung, die auch in Ungarn eingeführt wurde, nicht nur Ungarn und Juden, sondern auch Ungarn und Zigeunern die Eheschließung zu verbieten. Nach der deutschen Besetzung Ungarns am 19. März 1944 wurden in Kooperation des Eichmann-Kommandos und der ungarischen Behörden über 400.000 Juden deportiert und größtenteils im KZ Auschwitz-Birkenau vergast. Die von Orsós geführten Ärzteorganisationen denunzierten die jüdischen Ärzte Ungarns und lieferten sie der Deportation aus[5].

Am 6. Dezember 1944 floh Orsós mit den Deutschen aus Budapest und ging mit den Mitarbeitern seines Instituts nach Halle an der Saale. Nach Kriegsende hielt er sich in Halle und in West-Berlin auf. Danach siedelte er nach Mainz um, wo er noch im Seniorenalter als Anatomielehrer an der Kunstakademie tätig war. Orsós, der in Ungarn in Abwesenheit von einem Volksgericht angeklagt worden war, musste auch Attentate auf seine Person durch den sowjetischen Geheimdienst befürchten.

Untersuchung Katyn 1943

Im Februar 1943 waren die Massengräber von deutschen Wehrmachtangehörigen entdeckt worden, und Joseph Goebbels schrieb in sein Tagebuch unter dem 14. April 1943, dass daraus propagandistischer Nutzen gezogen werden sollte. Unter der Leitung von Gerhard Buhtz begann im April die Exhumierung der Leichen in Katyn. Es wurde eine internationale Kommission zusammengestellt, die vom 28. und 30. April 1943 die Exhumierung begleitete, eigene Untersuchungen anstellte und einen Bericht erstellte. Als das deutsche Außenministerium im April 1943 die ungarische Regierung um die Entsendung eines ungarischen Mitglieds bat, wurde Orsós vom ungarischen Kultusministerium und Außenministerium benannt. In der Gruppe der internationalen Pathologen wurde Orsós als primus inter pares zum Sprecher der Gruppe ernannt, weil er die größte Erfahrung auf dem Gebiet hatte und fließend Russisch sprach[6].

Der Bericht[7] wurde von der Gruppe der internationalen Pathologen am 4. Mai 1943 in Berlin durch Orsós dem Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti übergeben.

Untersuchung Winnyzja 1943

Von den Mitgliedern der Katyner Kommission wurden Orsós und Alexander Birkle vom 13. Juli bis 15. Juli 1943 auch Teilnehmer einer elfköpfigen internationalen Kommission zur Untersuchung des Massakers von Winnyzja (1937/1938), Markov wurde, seiner eigenen Aussage in Nürnberg folgend, nicht eingeladen[8].

Untersuchung Katyn 1952

In der Urteilsfindung des Nürnberger Prozesses wurden die Massaker von Katyn, die aus sowjetischer Sicht in die Anklage gegen die deutschen Kriegsverbrecher eingehen sollten, ausgeklammert. Sechs Jahre später, in der Zeit des Kalten Krieges, richtete der Amerikanische Kongress eine Untersuchungskommission ein, die im Frühjahr 1952 in Frankfurt tagte. Orsós wurde am 21. April 1952 in Frankfurt als Zeuge vernommen, wobei er und die ebenfalls vernommenen Tramsen und Palmieri[9] die Untersuchungsmethoden und Untersuchungsergebnisse von 1943 bestätigten. Bei der Zeugenbefragung bat Orsós darum, dass sein Name in der Zeitung nicht genannt werden solle, was ihm der Untersuchungsausschuss nicht zusagen konnte, da die Presse bei der öffentlichen Befragung anwesend war.

Die Mitglieder der internationalen Kommission 1943 in Katyn

Unterschriften der Kommissionsmitglieder am 30. April 1943
  1. Belgien: Dr. Speleers, Professor der Universität Gent
  2. Bulgarien: Dr. Markov, Lektor an der Universität Sofia
  3. Dänemark: Helge Tramsen, Prosektor an der Universität Kopenhagen
  4. Finnland: Dr. Saxén, Professor an der Universität Helsinki
  5. Italien: Dr. Palmieri, Professor an der Universität Neapel
  6. Kroatien: Dr. Miloslavich, Professor an der Universität Zagreb
  7. Niederlande: Dr. de Burlet, Professor an der Universität Groningen
  8. Protektorat Böhmen und Mähren: František Hájek, Professor an der deutschen Universität Prag
  9. Rumänien: Alexander Birkle, Berater beim rumänischen Justizministerium
  10. Schweiz: François Naville, Professor an der Universität Genf
  11. Slowakei: František Šubík, Professor an der Universität Bratislava
  12. Ungarn: Dr. Orsos, Professor an der Universität Budapest.

Assoziiert:

Werke

DNB-Fundstellen zu Ferenc Orsós :

  • Beseelung und Abtreibung der Leibesfrucht, Helsinki: Societas medicorum Fennica Duodecim, 1961
  • Beiträge zur Morphologie der Scheide, Helsinki : Munksgaard, o.J.
  • Emlékkönyv : Orsós Ferenc (Festschrift), Druck: Debrecen : Tisza István-Tudományegyetemi Nyomda, o.J.

Literatur

  • Anna Elisabeth Jessen: Kraniet fra Katyn. Beretning om massakren i 1940. Copenhagen: Høst & Søn, 2008 ISBN 978-87-638-0703-6
    • DR2 Historie: Massakren i Katyn - „Das Massaker von Katyn“ ist der Titel eine Dokumentarfilms aus Dänemark über den beteiligten dänischen Pathologen Helge Tramsen von der Regisseurin Lisbeth Jessen, 2006. 58 Min (bei ARTE und NDR ausgestrahlt)
  • Allen Paul, Katyn: The Untold Story of Stalin's Polish Massacre (Scribner's, 1991), pp.228–229, and 255;
  • Mária M. Kovács, "Aescupalius militans: Érdekvédelem és politikai radikalizmus az orvosok körében 1919–1945" (Aesculapius militans: Interest protection and political radicalism among medical doctors [in Hungary], Valóság (Budapest) XXVIII/8 (August 1985), pp. 69–82;
  • László Karsi, A cigánykérdés Magyarországon 1919–1945: Ut a cigány Holocausthoz (The gypsy question in Hungary, 1919–1945: Toward a gypsy Holocaust) (Budapest: Cserépfalvi, 1992), pp. 36, 40, and 46;
  • Agnes Kerekes, editor, Magyar Életrajzi Lexikon (Hungarian biographical encyclopaedia), 3 volumes (Budapest: Akadémiai Kiadó 1967–1981), Volume II, pp. 323–326.
  • United States. Congress. House. Select Committee to Conduct an Investigation and Study of the Facts, Evidence, and Circumstances on the Katyn Forest Massacre,The Katyn Forest Massacre : hearings before the Select Committee to Conduct an Investigation of the Facts, Evidence and Circumstances of the Katyn Forest Massacre, Eighty-second Congress, first[-second] session, on investigation of the murder of thousands of Polish officers in the Katyn Forest near Smolensk, Russia .. (1952) , Washington : U.S. Govt. Print. Off. 1952

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dr. Tramsen: As I may show you on this photograph, the commission took part in a meeting with the German Reichsgesundheitsamt Fuehrer Dr. Conti in his office, and here the protocol was handed over to Dr. Conti by the joint committee and Professor Orsos in person.
  2. Untersuchungskommission des US-amerikanischen Kongresses, S. 1601
  3. A halal utani csontmesztelenecles, szuvasodas es pseudocallus, in: Orvosi Hetilap (d.i. „Ungarisches Medizinisches Journal, gegr. 1857“) (Athenaeum Burlapest) 1941, No. 11. „The English version is approximately : The post mortal decalcification, callus, and pseudocallus on bones. That is the title of the article“
  4. „the Orsos theory on the calcification of brain pulp in the skull and organic changes brought about by interment, which would indicate the time in which the body had been buried“ , Untersuchungskommission des US-amerikanischen Kongresses, S.1600
  5. siehe: Istvan Deák, "Missjudgment at Nuremberg"
  6. Aussage Tramsen, Untersuchungskommission des US-amerikanischen Kongresses, 1422
  7. veröffentlicht als: Amtliches Material zum Massenmord von Katyn : Im Auftrage d. Auswärtigen Amtes auf Grund urkundl. Beweismaterials, zsgest. bearb. u. hrsg. v. d. Dt. Informationsstelle, Berlin : Eher 1943 DNB
  8. Nürnberger Prozess 2. Juli 1946, S. 391
  9. „On April 27, 1952, a subcommittee of the Select Committee on the Katyn Forest Massacre traveled to Naples, Italy, and took the testimony of Dr. Vincenzo Mario Palmieri.“ Untersuchungskommission, S. 1615