Franz Kieslinger

Franz Kieslinger (* 1891; † 1955) war ein österreichischer Kunsthistoriker und Kunsthändler, der am Kunstraub in der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt war.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kieslinger war ein Sohn des Ministerialrates Ing. Franz Kieslinger. Zu Kieslingers wissenschaftlichen Spezialgebieten als Kunsthistoriker gehörten die Geschichte der österreichischen Glasmalerei und die mittelalterliche Kunst. Er war Mitglied des Instituts für österreichische Geschichtsforschung und war auch als Kunstsachverständiger für das Wiener Dorotheum tätig. Er wurde, nachdem mit dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 die österreichischen und deutschen Nationalsozialisten dort die Macht übernommen hatten, von Leopold Blauensteiner zum beeideten Schätzmeister für ältere Kunst ernannt und im September 1938 zum Geschäftsführer des "arisierten" Kunsthandels S. Kende[1]. Der Kunsthandel wurde vom Münchener Kunsthändler Adolph Weinmüller übernommen, in dessen Interesse Kieslinger fortan arbeitete. Kieslinger inventarisierte im Juli 1938 die Kunstsammlung von Fritz Grünbaum, darunter 81 Werke von Egon Schiele, zu dieser Zeit wohnte Kieslinger in Perchtoldsdorf. Sein Name und sein Verzeichnis wurden später im Zusammenhang mit Restitutionsfragen von Schieles Werken, so auch Tote Stadt III 1911, genannt.

Im Frühjahr 1940 folgte Kieslinger dem SS-Oberst Kajetan Mühlmann, für den er schon in Wien gearbeitet hatte und der zwischenzeitlich im besetzten Polen den Kunstraub organisiert hatte, in die besetzten Niederlande. Er wurde Mitarbeiter dessen dort neu geschaffener "Dienststelle Mühlmann" und wurde vom Reichskommissar für die besetzten Niederlande Arthur Seyß-Inquart zum "Sammelverwalter" für die aus "feindlichem Besitz" beschlagnahmten Kunstobjekte ernannt. Neben den höchsten NS-Funktionären wurden die deutschen Auktionshäuser Lange und Weinmüller Hauptabnehmer der von der "Dienststelle Mühlmann" zusammengetragenen Kunstschätze, auch das Wiener Dorotheum wurde beliefert.

Über seine Entnazifizierung ist nichts bekannt.

Sein jüngerer Bruder war der Geologe Alois Kieslinger, der postum sein Schriftenverzeichnis anlegte.

Werke

  • Glasmalerei in Österreich, ein Abriß ihrer Geschichte, Wien : Hölzel, 1922
  • Die mittelalterliche Plastik in Österreich. Ein Umriß ihrer Geschichte, Wien : Österr. Bundesverlag f. Unterr., Wiss. u. Kunst, 1926
  • Gotische Glasmalerei in Österreich bis 1450, Wien : Amalthea-Verlag, 1928
  • Der plastische Schmuck des Westportales bei den Minoriten in Wien, Wien : Selbstverl., 1928
  • Mittelalterliche Skulpturen einer Wiener Sammlung, Wien : Gerlach & Wiedling, 1937
  • Freiwillige Versteigerung einer vornehmen Wohnungsrichtung (Möbel, Gemälde, Porzellan, Silber, Teppiche usw.) am 7. u. 8. Nov. 1940 ... im Haus Rennweg Nr 3 ... Katalog Nr 12 / [F. Kieslinger], Wien : Wiener Kunstversteigerungshaus A. Weinmüller 1940 dnb
  • Unser Dom. Bemerkungen über sein mittelalterl. Werden u. seine Schöpfer. Zum österr. Katholikentag 1952. , Wien : Österreichische Staatsdruckerei, 1952
  • Unbekanntes am bekanntesten Orte: Deutung des einzig erhaltenen Lunetten-Mosaiks an der Front des Markusdomes über der Porta Alipio, Wien : Gerold & Co., 1954

Literatur

  • Alois Kieslinger, Veröffentlichungen von Franz Kieslinger (1891–1955), Wien I, Schönlaterngasse 5 : Dr. A. Kieslinger, 1955
  • Alexandra Caruso, Raub in geordneten Verhältnissen, in: Gabriele Anderl / Alexandra Caruso (Hrsg.), NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck - Wien - Bozen 2005, S. 90 ff.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Besitzer waren zu diesem Zeitpunkt Melanie Kende, die Witwe Samuel Kendess, und Herbert Kende. Siehe auch: Albert Kende