Friedhof der Namenlosen

Dieser Artikel behandelt einen Friedhof in Wien, für den Berliner "Friedhof der Namenlosen" siehe Friedhof Grunewald-Forst, für den "Friedhof der Namenlosen" in der Heidmark siehe Oerbke.
Der Friedhof der Namenlosen

Der Friedhof der Namenlosen ist ein Friedhof im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering. Er befindet sich im Bezirksteil Albern in der Nähe des Alberner Hafens. Genau genommen handelt es sich um zwei Friedhöfe, von denen aber heute nur mehr einer als solcher zu erkennen ist.

Inhaltsverzeichnis

Erster Friedhof der Namenlosen 1840 bis 1900

1840 fand hier die erste Beisetzung einer unbekannten Wasserleiche aus der Donau statt. Ein Wasserstrudel trieb früher an dieser Stelle (Stromkilometer 1918,3) immer wieder neben Treibgut auch die Körper von Ertrunkenen, oft bis zur Unkenntlichkeit zersetzt, an Land. Die Identifizierung war meist nicht möglich. Ein reguläres Begräbnis blieb diesen Leichen verwehrt (nicht zuletzt weil es sich vielfach um Menschen handelte, die in der Donau ihrem Leben selbst ein Ende setzten), sie wurden in Meterabständen sang- und klanglos eingegraben. So entstand der erste Friedhof, der immer wieder überschwemmt wurde und heute von Bäumen überwachsen ist. 478 Opfer der Donau ruhen dort.

Zweiter Friedhof der Namenlosen 1900 bis 1940 (bis heute)

Jährlich nach Allerheiligen wird der namenlosen Wasserleichen mit einem Floß aus Blumen und Kränzen gedacht

Dem Simmeringer Bezirksvorsteher Albin Hirsch ist es zu verdanken, dass im Jahre 1900 unter freiwilliger Mitwirkung von Simmeringer Handwerkern hinter dem Hochwasserschutzdamm auf einem Waldstück, das die Gemeinde Albern von der Stadt Wien gegen einen Anerkennungszins gepachtet hatte, ein zweiter Friedhof angelegt wurde, der bis heute gepflegt wird und zugänglich ist.

Im November 1918 musste der Friedhof bis auf Weiteres stillgelegt werden, da, bedingt durch die Not an Brennstoffen, Holzkreuze sowie ausgegrabene Särge geplündert wurden.[1]

1935 erhielt der Friedhof bei Verstärkungsarbeiten am Schutzdamm eine steinerne Umfassungsmauer und eine Einsegnungskapelle („Auferstehungskapelle“).[2] Als 1939 der Alberner Hafen und Getreidesilos gebaut wurden, änderten sich die Strömungsverhältnisse im Donaustrom und es wurden keine Leichen mehr angeschwemmt. Insgesamt wurden hier 104 Wasserleichen beerdigt, 43 davon konnten identifiziert werden, auf den anderen Kreuzen steht „unbekannt“.

Die letzte Beisetzung fand nach offiziellen Angaben 1940 statt, allerdings ist ein Grabkreuz mit der Jahreszahl 1953 zu finden. Da Albern 1938 an Wien angegliedert wurde (davor war es eine selbstständige Ortsgemeinde), werden unbekannte Tote aus der Donau seit 1940 auf Kosten der Stadt Wien auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben. Deshalb blieb ein Teil des Friedhofes der Namenlosen leer.

Auf dem bestehenden Friedhof der Namenlosen wurde jeder Tote in einem Holzsarg begraben, der von einer Tischlerei gespendet wurde. Niemand wurde „einfach so“ verscharrt. Die Hafengesellschaft versuchte früher, das Friedhofsareal für den expandierenden Hafen zu nutzen. Dies konnte vermieden werden und steht heute nicht mehr zur Debatte. Ab 1957 stand der Friedhof unter der Obhut der Kulturabteilung der Stadt Wien; die Kapelle wurde 1987 mit Unterstützung der Wiener Hafen GmbH restauriert.

Der frühere ehrenamtliche Totengräber Josef Fuchs (* 4. März 1906, † 2. April 1996) hat den Friedhof bis zu seinem Tod mit großer Sorgfalt betreut und trug maßgeblich zu dessen Erhaltung und heutigem Erscheinungsbild bei. Auf den Gräbern wurden von ihm schlichte eiserne Kreuze mit weißen Christusfiguren angebracht. Er wurde für seine Arbeit vom Land Wien mit dem Goldenen Verdienstzeichen geehrt. Seine Nachkommen betreuen den Friedhof ehrenamtlich und ohne öffentliche Unterstützung weiter.

Jedes Jahr hält der örtliche Fischerverein am ersten Sonntag nach Allerseelen eine Gedenkfeier ab und baut ein Floß mit Kränzen und Blumen, um es der Donau zu übergeben. Dies soll an die treibenden Wasserleichen erinnern.

Heute werden infolge der Donauregulierung und des Freudenauer Kraftwerks nur sehr selten Leichen hier angeschwemmt. Sie werden sofort nach Fund vom nahegelegenen Zentralfriedhof übernommen. Der letzte dokumentierte Fall einer Anspülung war die Leiche einer Frau im November 2004. Seitens der Stadt Wien wird der Friedhof als stillgelegt geführt.[3] Die Verwaltung des Friedhofs obliegt dem Unternehmen Wiener Hafen.

Kulturelles und Mediales

Der Friedhof gilt unter Touristen als Geheimtipp, wozu auch eine Sequenz im US-amerikanischen Spielfilm Before Sunrise, die auf dem Friedhof der Namenlosen spielt, beigetragen haben könnte.

Der österreichische Schriftsteller Georg Schmid hat 1982 seinen Roman Friedhof der Namenlosen veröffentlicht. Der Friedhof ist auch im Roman Wiener Passion der österreichischen Schriftstellerin Lilian Faschinger einer der Schauplätze. Auch in Hans Wollschlägers Roman Herzgewächse oder Der Fall Adams wird der Friedhof der Namenlosen und eines seiner Gräber beschrieben.

Die österreichische Band L’Âme Immortelle thematisiert in ihrem Song Namenlos den Friedhof. Das gleichnamige Album sowie das Nachfolgealbum Durch fremde Hand beziehen sich auf die Inschriften von zwei Grabkreuzen auf dem Friedhof der Namenlosen. Der Text-Bild-Band Was bleibt des Autors Thomas Sabottka (den mit L’âme Immortelle eine Zusammenarbeit verbindet) hat den Friedhof als zentrales Thema.

1989 produzierte der ORF, Fachbereich „Literatur und Feature“, das Hörbild Der Friedhof der Namenlosen – Wie die Bergung von Wasserleichen einen Gutteil des Lebens ausmachen kann, in dem der langjährige Friedhofswärter Josef Fuchs ausführlich über seine Arbeit berichtet. Das vom ORF-Mitarbeiter Robert Weichinger gestaltete und mit Texten von Ludwig Fels unterlegte Hörbild wurde 1990 mit dem Andreas-Reischek-Preis ausgezeichnet.

Weitere Ansichten des Friedhofs der Namenlosen

Siehe auch

Literatur

  • Werner T. Bauer: Wiener Friedhofsführer. Genaue Beschreibung sämtlicher Begräbnisstätten nebst einer Geschichte des Wiener Bestattungswesens. Falter Verlag, Wien 2004, ISBN 3-85439-335-0.
  • Felix Czeike (Hrsg.): Historisches Lexikon Wien, Band 2, Kremayr & Scheriau, Wien 1993, ISBN 3-218-00544-2, S. 407

Einzelnachweise

  1. Joachim Riedl: Österreich. Der letzte Akt. (PDF) In: Die Zeit, Nr. 47 vom 13. November 2008
  2. Eine Kapelle beim Friedhof der Namenlosen. In: Wiener Zeitung, 31. Juli 1935, S. 6, links oben
  3. Friedhöfe in Wien - Übersicht. Webservice der Stadt Wien (Version aus dem Internet Archive, da Original nicht mehr verfügbar)

Weblinks

 Commons: Friedhof der Namenlosen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.15975716.502674Koordinaten: 48° 9′ 35″ N, 16° 30′ 10″ O