Friedrich Keiter

Friedrich Keiter (* 26. November 1906 in Wien; † 20. April 1967 in Nikosia, Zypern), war ein österreichischer Anthropologe und nationalsozialistischer Rassenbiologe.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Keiter studierte Anthropologie, Ethnologie, Psychologie, Geschichte und Geographie an der Universität Wien. Er war Mitglied der Sängerschaften Ghibellinen Wien und Holsatia Hamburg im Dachverband Deutsche Sängerschaft.[1] 1929 erfolgte seine Promotion. 1933 wurde er Privatdozent für das Fach Erblehre an der Universität Graz, wo er sich zuvor habilitiert hatte. 1934 (nach dem Scheitern des nationalsozialistischen Putschversuchs in Österreich) wechselte er an das Rassenbiologische Institut von Walter Scheidt in Hamburg. Noch im selben Jahr trat er dem NS-Lehrerbund bei. Auf dem Berliner Weltbevölkerungskongress 1935 erklärte er, dass die Ausschaltung des Judentums eine „Heilwirkung auf das deutsche Volk“ habe.[2] Sein jüdischer Großvater wurde 1938 durch die Erklärung der Großmutter aus dem Stammbaum getilgt, indem sie angab, von einem „Deutschblütigen“ außerehelich geschwängert worden zu sein. Diese Erklärung wurde durch ein erbbiologisches Gutachten des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie unterstützt. Im selben Jahr erschien Keiters dreibändiges Werk Rasse und Kultur.[3] Ab 1939 lehrte er am Rassenbiologischen Institut der Universität Würzburg. 1940 wurde er Mitglied der NSDAP.[3] Weil Keiter sich nicht an die Vorgaben des SS-Rasse- und Siedlungshauptamts hielt, kam es wiederholt zu Konflikten mit Parteidienststellen.[4] 1941 wurde er als Arzt zur Wehrmacht eingezogen. 1944 erschien sein Kurzes Lehrbuch der Rassenbiologie und Rassenhygiene für Mediziner.[3]

Nach 1945 gab Keiter an, in der NS-Zeit Schwierigkeiten wegen seines jüdischen Großvaters gehabt zu haben. Als NSDAP-Mitglied konnte Keiter seine Dozententätigkeit zunächst nicht fortsetzen. Er war in dieser Zeit als anthropologischer Gutachter tätig (Vaterschaftsgutachten) sowie Leiter eines privaten gerichtsanthropologischen Labors in Hamburg. In dieser Zeit gestaltete er auch Vorträge für Korporationen, im Wintersemester 1956/57 etwa einen zum Thema „Deutschland, Europa und die Welt“.[5] 1958 erhielt er die Erlaubnis, den Titel apl. Prof. zu führen. Unterlagen zum Entnazifizierungsverfahren finden sich im Baden-Württembergischen Generallandesarchiv Karlsruhe.[6] Ab 1958 hielt er wieder Vorlesungen in Würzburg und nach 1965 auch wieder in Hamburg.

Friedrich Keiter kam 1967 bei einem Flugzeugabsturz auf Zypern ums Leben.

Werk

Friedrich Keiter forschte auf dem Gebiet der physischen Anthropologie, Humangenetik, Demographie und Kulturanthropologie. Als physischer Anthropologe galt sein Interesse der Beschreibung und Vergleichbarmachung der in der Anthropologie weitgehend vernachlässigten überwiegend nicht messbaren physiognomischen Merkmale des Gesichts, was er unter dem Begriff „Rassenpsychologie“ zusammenfasste. Er hat mehrere Arbeiten zur Verbreitung dieser Merkmale in Mittel- und Südeuropa verfasst.

Sein Interessenschwerpunkt verlagerte sich von der physischen Anthropologie und der Rassenbiologie hin zur Kulturanthropologie. Dabei war er zunächst von der „Kulturbiologie“ seines Hamburger Lehrers Walter Scheidt beeinflusst und schlug dann eigene Wege ein. Eine Besonderheit seines kulturwissenschaftlichen Ansatzes war der Versuch der Quantifizierung und des Vergleichs von Kulturerscheinungen.

Nach Kriegsende wurden Keiters Schriften Menschenrassen in Vergangenheit und Gegenwart (Reclam, Leipzig 1936), Rasse und Kultur (Enke, Stuttgart 1938), Rassenpsychologie (Reclam, Leipzig 1941), Die menschliche Fortpflanzung (Hirzel, Leipzig 1943) und Kurzes Lehrbuch der Rassenbiologie und Rassenhygiene für Mediziner (Enke, Stuttgart 1944) in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[7]

Nach dem Krieg nahm Keiter in zunehmendem Maße Anregungen der amerikanischen Kulturanthropologie und Kultursoziologie auf. Er beschäftigte sich auch immer wieder mit dem Problem des Nationalcharakters. Seine wichtigsten Werke sind „Rasse und Kultur“ (1938–1940) und seine „Verhaltensbiologie des Menschen auf kulturanthropologischer Grundlage“ (1966), außerdem seine physiognomischen Studien.

Das Kapitel „Über das Seelenleben der Neger“ aus dem Band Rassenpsychologie. Einführung in eine werdende Wissenschaft, 1941 erschienen, kursiert als Online-Lektüre bei diversen einschlägigen Neonazi-Websites im deutschsprachigen Raum. Mitglieder der Partei National Orientierter Schweizer (Pnos) wurden 2005 wegen der Verbreitung dieser Publikation nach dem Antirassismus-Gesetz verurteilt.[8]

Zitat

„Auch innerhalb des nordalpinen Europa hat das deutsche Volk rassenpsychologisch einen ganz bestimmten Platz, von dem es nicht woanders hin verschoben werden dürfte, ohne sein Wesen zu ändern. Die Deutschen siedeln in der Süd-Nordrichtung zwischen Italienern und Skandinavien-Engländern und in der West-Ostrichtung zwischen Franzosen und Slawen. Damit ist gleichzeitig das rassenpsychologische ‚Koordinatensystem‘ angegeben, in dem sie unverrückbar ihren Süd-Nord- und ihren West-Ost-Ort haben.“

Friedrich Keiter: Rassenpsychologie – Einführung in die werdende Wissenschaft, Reclam Leipzig 1942, S.68, zit. nach Léon Poliakov, Joseph Wulf: Das Dritte Reich und seine Denker, Berlin 1959, S. 397.

Werke (Auswahl)

Monographien

  • Rußlanddeutsche Bauern und ihre Stammesgenossen in Deutschland (Deutsche Rassenkunde; Bd. 12). G. Fischer, Jena 1934.
  • Rasse und Kultur. Eine Kulturbilanz der Menschenrassen. 3 Bde. Enke, Stuttgart 1938–1940.
  • Naturvölker und Vorzeitrassen, 1940.
  • Rassenpsychologie, 1942.
  • Verhaltensbiologie des Menschen auf kulturanthropologischer Grundlage (Monographien und Studien zur Konflikt-Psychologie Abt.1, Bd.4). Ernst Reinhard Verlag, München 1966.

Sammelwerke

  • Verhaltensforschung im Rahmen der Wissenschaft vom Menschen. Musterschmidt, Göttingen 1969.

Aufsätze

  • Zur Anthropologie des steirischen Obermurgebietes um Murau. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 63 (1933), S. 293–319.
  • Ansätze zur Volkscharakterkunde im volkskundlichen Schrifttum. In: Zeitschrift für Rassenkunde und ihre Nachbargebiete 4 (1936), S. 43–65.
  • Rasse und Gesicht in Europa, insbesondere in Südeuropa. In: Verhandlungen der physiologisch-medizinischen Gesellschaft in Würzburg/NF 64 (1940), Würzburg 1941.
  • Zwölf Regeln der Sozialgeschichte. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie 2 (1949/50), S. 158–192.
  • Lebensalter und Kulturgeschichte. In: Homo 1 (1950), S. 65–76.
  • Zum Problem des Volkscharakters. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 5 (1953), S. 285–297.
  • Umrisse einer Theorie des Kulturuntergangs. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 5 (1953), S. 432–438
  • Renato Blasutti. Der Geograph als Rassen-, Völker- und Kulturforscher. in: Hans Schwerte & Wilhelm Spengler (Hgg): Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa. 2. Erforscher des Lebens: Mediziner, Biologen, Anthropologen Reihe: Gestalter unserer Zeit Band 4. Stalling, Oldenburg 1955. S. 325-335.
  • Gesichtszüge in Italien und Libyen. In: Homo 7, 1956, S. 122–142 u. 8 (1957), S. 223–239.
  • Sozialanthropologie. In: Werner Ziegenfuß (Hg.): Handbuch der Soziologie. Stuttgart 1956, S. 247–289.
  • Die Themen des Menschenlebens. In: Studium Generale 9 (1956), S. 459–466.
  • Norddeutsche, Franzosen und Italiener im morphognostischen Paarvergleich. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 90, 1960, S. 55–66.
  • Race and culture. In: Robert E. Kuttner (Hg.): Race and modern science. New York 1967, S. 332–365.
  • Die variationsanthropologische Erforschung insbesondere des Kulturverhaltens (Vorarbeiten zu einem „Verhaltens-MARTIN“). In: Ders. (Hrsg.): Verhaltensforschung im Rahmen der Wissenschaft vom Menschen. Göttingen 1969, S. 171–184.

Varia

  • Entartung und Aufartung. In: Deutsche Sängerschaft (DS) 8, 1929, S. 291–295.
  • Günthers Rassenlehren. In: DS 5, 1932, S. 199–204.
  • Rassenpflege eine Schicksalsfrage. In: DS 4, 1933, S. 148–156.
  • Geistige Gesundheitspflege. In: DS 2, 1934, S. 55–57.
  • Die menschliche Fortpflanzung. Kulturbiologischbevölkerungspolitisches Rüstzeug des Arztes und anderer Treuhänder deutscher Rassenkraft. 2. verm. u. verb. Aufl. Leipzig 1943 (= Rassenbiologische Vorlesungen für Mediziner), Heft 1.

Literatur

  • W. Bernsdorf, H. Knospe: Internationales Soziologenlexikon, Band 1: Beiträge über bis Ende 1969 verstorbene Soziologen. 2. neubearbeitete Auflage. Enke, Stuttgart 1980, ISBN 3-432-82652-4, S. 208
  • Autorennotiz in: Friedrich Keiter (Hrsg.): Verhaltensforschung im Rahmen der Wissenschaft vom Menschen. Göttingen 1969.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 303.
  • Biographical Note in: Robert E. Kuttner (Hrsg.): Race and modern science. New York 1967.
  • Ute Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945. Würzburg 1995 (mit vollständiger Bibliographie).
  • Ute Felbor, Monika Reininger, Gundolf Keil: Friedrich Keiter. Eine umstrittene Gelehrtenpersönlichkeit. In: Peter Baumgart (Hrsg.): Die Universität Würzburg in den Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Würzburg 2002, S. 319–343 (mit Auswahlbibliographie).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Friedrich Keiter: Nach Ostland wollen wir reiten. Österreich-Heft der „Deutschen Sängerschaft“, Groitzsch-Leipzig 1929
  2. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer Taschenbuch 2005, S. 303.
  3. a b c Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer Taschenbuch 2005, S. 303.
  4. Vgl. Harald Lönnecker: Die Versammlung der „besseren Nationalsozialisten“? Der Völkische Waffenring (VWR) zwischen Antisemitismus und korporativem Elitarismus, S. 9.
  5. Von den Sängerschaften: Holsatia Hamburg. In: DS 2, 1957, S. 152.
  6. Friedrich Keiter: „Worin ich mich aus wissenschaftlicher Verantwortlichkeit den offiziellen nationalsozialistischen Jahren gegenüber gefährlich exponieren musste“, N Hellpach Nr. 451
  7. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-k.html
  8. Vorstand der Pnos verurteilt, Tagesanzeiger 19. Oktober 2007