Friedrich Reitlinger

Friedrich „Fritz“ Reitlinger (* 23. Juni 1877 in Wien; † 14. März 1938 in Jenbach, Tirol) war ein österreichischer Industrieller und Wirtschaftsfunktionär.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Friedrich Reitlinger wurde als Sohn des jüdischen Kaufmannes Julius Reitlinger (1843–1916) in Wien geboren. Sein ursprünglich aus Ichenhausen/Bayern stammender Vater war wenige Jahre zuvor mit seinem Bruder Theodor (1845–1917) aus Paris nach Wien gezogen. 1874 hatte Julius Reitlinger in Wien die Unternehmerstochter Clothilde von Frankfurter (* 1857) geheiratet. Friedrich hatte noch einen jüngeren Bruder, Rudolf Reitlinger (* 1880) sowie zwei Schwestern, Valerie (* 1878) und Eugenie (* 1884).

Friedrich Reitlinger besuchte die Oberrealschule in Brünn und legte 1900 die Staatsprüfung für Bergwesen an der montanistischen Hochschule in Příbram ab.

Am 20. Januar 1906 ehelichte er nach jüdischem Ritus in Wien die als vermögend geltende Witwe nach Ludwig Wesel, Jolantha Jakobovits. Am 28. Juni 1906 wurde ihre gemeinsame Tochter Johanna Edith geboren. Am 8. Juni 1917 wurde ihr gemeinsamer Sohn Friedrich Franz, genannt „Freddy“, geboren. Bald danach dürfte die Ehe auseinander gegangen sein.

Obwohl Friedrich Reitlinger 1917 zum Katholizismus konvertierte, sah er sich aufgrund seiner jüdischen Herkunft immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Diese nahmen insbesondere nach 1933 zu, als in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

1935 wurde er zum Kronzeugen im so genannten „Rintelen-Prozess“, bei dem der ehemalige Minister Dr. Anton Rintelen als ein Drahtzieher des Juliputsches von 1934 angeklagt war. Kurz vor dem „Anschluss“ im März 1938 wurde Friedrich Reitlinger zusammen mit seiner Tochter in seinem Haus in Jenbach von Nationalsozialisten festgehalten. Da er schwer krank und nicht transportfähig war, bat Friedrich Reitlinger anscheinend seine Tochter, ihn zu erschießen. Laut dem Polizeiprotokoll richtete sich diese anschließend selbst. Bis heute wollen aber Gerüchte im Ort nicht verstummen, dass Friedrich Reitlinger und seine Tochter ermordet worden seien. Beweise dafür existieren nicht. Sein Sohn überlebte dieses Drama, da er sich zum Zeitpunkt der Tat in Frankreich befand.

Wirtschaftliche Aktivitäten

Ab 1900 war Friedrich Reitlinger als Betriebsleiter der Jenbacher Berg- und Hüttenwerke tätig. Dieses Werk hatten 1881 sein Vater Julius und sein Onkel Theodor von der „Salzburgisch-Tiroler-Montangesellschaft“ um 75.000 Gulden ersteigert. 1907 schied Theodor Reitlinger aus dem Unternehmen aus und Julius Reitlinger fungierte fortan als Alleineigentümer. 1914 übernahm Friedrich Reitlinger den Betrieb, der 1917, nach dem Tod seines Vaters, endgültig in seinen Besitz überging. Nach dem Tod von Friedrich Reitlinger wurde sein Besitz mitsamt dem Werk in Jenbach zunächst zugunsten des „Landes Tirol“ beschlagnahmt und dann an Ernst Heinkel arisiert. Dieser modernisierte das Werk ab 1939 und baute es zu einem Betrieb um, der Flugzeugteile produzierte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte der Sohn von Friedrich Reitlinger vergebens, den Betrieb wieder zurückzubekommen. Reitlinger jun. erhielt wohl den Privatbesitz restituiert, nicht aber die Firma. Diese gelangte später als Jenbacher Werke zu Weltruhm und befindet sich heute im Besitz der General Electric (GE).

Wirtschaftspolitisches Wirken

Friedrich Reitlinger fungierte u. a. von 1917 bis 1935 als Präsident der Tiroler Industriellenvereinigung, von 1920 bis 1935 als Vizepräsident der Tiroler Wirtschaftskammer; von 1924 bis 1936 war er Mitglied der Sektion Bergbau der Ingenieurkammer für Tirol und Vorarlberg. Von 1927 bis 1934 fungierte er als (Vize-)Präsident bzw. Mitglied des Verwaltungsrates der Hauptbank für Tirol und Vorarlberg. Im Dezember 1927 gründete Friedrich Reitlinger in Innsbruck den ersten Rotary-Club außerhalb Wiens, der bald zum gesellschaftlichen Zentrum Tirols wurde. Obwohl Friedrich Reitlinger in der Zwischenkriegszeit zu den einflussreichsten Persönlichkeiten Tirols zählte, ist seine Person heute nahezu vergessen.

Literatur

  •  Wolfgang Meixner: Ing. Friedrich Reitlinger (1877–1938). In: Zeitgeschichte 29. Nr. 4, 2002, S. 191-201.