Friedrich Stumpfl

Wagner-Jaureggs
Ärzteteam in Wien 1927.
Friedrich Stumpfl in der 3. Reihe, der zweite von links

Friedrich Stumpfl (* 13. September 1902 in Wien; † 1994) war ein österreichischer Psychiater, Kriminalbiologe, Rassenhygieniker/Eugeniker und nach 1951 Gerichtsgutachter.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Stumpfl belegte ein Studium der Medizin und Anthropologie in Freiburg und Wien. 1926 erfolgte die Promotion, 1930 wurde er Mitarbeiter der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie am Kaiser-Wilhelm-Institut in München und Assistent des Rassehygienikers Ernst Rüdin, mit dem Forschungsschwerpunkt „Erbanlage und Verbrechen“.

Stumpfl beschäftigte sich als Mitarbeiter des Bayrischen Landesverbandes für Wanderdienste mit der Selektion von Nichtsesshaften fürs KZ.[1][2] 1939 erhielt er die Lehrbefugnis für Psychiatrie, Kriminalbiologie und Erbcharakterkunde und kehrte nach Österreich zurück, um den Lehrstuhl für Erb- und Rassenbiologie an der Universität Innsbruck zu besetzen.[3]

Obwohl Stumpfl die Lehrbefugnis noch nicht erteilt wurde, erhielt er im April 1939 per Erlass des Reichsministers vertretungsweise die neu errichtete Professur für Erb- und Rassenbiologie in Innsbruck. Zur Ausübung seiner Tätigkeit wurde ihm das bisherige Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie zugewiesen, dessen Vorstand Professor Gustav Bayer als Jude unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs von der Universität Innsbruck im Zuge der ersten „Säuberungen“ entlassen wurde. Bayer hatte sich nach der Gleichschaltung der Österreichischen Universitäten und den ersten Säuberungen des Lehrkörpers von „Volljuden“ und „von zwei volljüdischen Großeltern abstammenden Mischlingen“ gemeinsam mit seiner Tochter das Leben genommen.[4] Im September 1939 erhielt Stumpfl die Planstelle Bayers.

1941 wurde er Mitglied der NSDAP. Armand Mergen war während der NS-Herrschaft Schüler von Friedrich Stumpfl und ab 1959 Präsident der Kriminologischen Gesellschaft. Gemeinsam führten sie rassenbiologische Studien über Tiroler Karner und Jenische durch und etikettierten sie als asozial. Mergen promovierte 1942 bei Stumpfl mit einer Dissertation über die Kriminalität der Geisteskranken, untersucht an 200 Fällen der Universitätsklinik Innsbruck.

1945 wurde das Institut in „Universitätsinstitut für Anthropologie und Erbforschung“ umbenannt, Friedrich Stumpfl wurde aber seines Postens enthoben. Nach einem Zwischenhalt in Salzburg am Institut für vergleichende Erziehungswissenschaft war er ab 1951 wieder als erbbiologisch arbeitender Psychiater und Gerichtsgutachter an der Universität Innsbruck tätig.[5]

In einem Bewerbungsschreiben bezeichnete Stumpfl seine Familie als „großdeutsch und deutsch-völkisch“, antisemitisch und kirchenfeindlich.

Er beschäftigte sich vor allem mit der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Veranlagung und sozialem Verhalten bzw. Verbrechen. In seinen Studien versuchte er einen Zusammenhang zwischen charakterlichen Defekten und ihrem Auftreten in sozialen Gruppen herzustellen und pseudowissenschaftlich zu erklären. Dabei untersuchte er speziell „asoziales“ Verhalten und genetisch bedingte Kriminalität bei den Fahrenden, den „Karrnern“, Jenische, die zunehmend in die Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten gerieten. Stumpfl förderte die Aussonderung von Menschen, die das NS-Regime als „Asoziale“ harten Strafen bis zur körperlichen Vernichtung zuführte. Stumpfl und sein Institut waren für Diagnosen und Prognosen zuständig, die in der Folge über das Schicksal vieler Menschen mit entschied durch Einstufung als „Asozialer“, pathologisch Krimineller, Verweigerung des Ehezeugnisses. Als eine der wesentlichen Aufgabe des Instituts für Erb- und Rassenbiologie sah Stumpfl die „Züchtung“ einer Generation von Erbärzten.[3]

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurde das Institut für Erb-und Rassenbiologie in Institut für Anthropologie und Erbbiologie umbenannt, Friedrich Stumpfl blieb weiterhin Leiter. Eine politische Überprüfung von Stumpfl 1946 durch die Universität Innsbruck endete mit einer Einstellung des Verfahrens. 1947 wurde er im Zuge der Auflösung des Instituts seines Amtes enthoben. Danach arbeitete er als Leiter der kinderpsychiatrischen Beobachtungsstation in Salzburg, als Nervenarzt für Gerichtspsychiatrie in Wien, bis ihm wieder eine Stelle in Innsbruck angeboten wurde, wo er Vorlesungen zu forensischer Psychiatrie an der Universität hielt. Im April 1953 schlug ein Professorenkollegium der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck unter F. J. Holzer Stumpfl zur Wiederverleihung der Venia legendi für das Fach der Psychiatrie vor.

Ab dem Wintersemester 1953/54 hielt Stumpfl wieder Vorlesungen zu forensischer Psychiatrie an der Universität Innsbruck.[6]

Sowohl seine Einstellung, als auch die Forschungsgebiete änderten sich im Laufe seines Leben kaum. So bezogen sich seine Arbeiten hauptsächlich um den Zusammenhang zwischen kriminellem bzw. „asozialem“ Verhalten und Anlage/Vererbung bzw. ihrem Auftreten in Verwandtschaftsbeziehungen oder in Bevölkerungsgruppen wie den „Karrnern“. In Studien, die er während der NS-Zeit geschrieben oder angelegt hatte, und mit denen er auch nach 1945 im Wissenschaftsbetrieb weiterarbeitete, sprach er von der Minderwertigkeit bestimmter Personen, in einer Fernsehdiskussion aus dem Jahre 1989 stellte er klar, nie das Wort minderwertig gebraucht zu haben.[3]

Werk

Vier theoretische Bezüge kennzeichnen Stumpfls wissenschaftliche Arbeiten:

  • Sie sind bezogen auf das Konzept der „Psychopathischen Persönlichkeit“: „Alles weist darauf hin, dass der Begriff der abnormen Persönlichkeit ein Seinsbegriff ist, dass dem was wir abnorme Persönlichkeit nennen, eine qualitativ besondere, auch konstitutionsmäßig besonders unterbaute Wesensart zugrunde liegt“[4]
  • gestützt auf die psychiatrische Typenlehre von Kurt Schneider[7] „… So daß die Psychopathenlehre von Schneider den einzigen tragfähigen Boden für die Erbpathologie bietet“[8],
  • der Kausalbeziehung von „Kriminalität“ und abnormer Persönlichkeit durch den Kraeplin-Schüler Johannes Lange[9] und Heinrich Kranz[10] weitgehend und mit einigen Einsprüchen verpflichtet und
  • der endogenen Ätiologie der Psychopathie als „Ergebnis einer defekten Anlage“ durch Sigmund Biran verbunden: „Über die Tatsache der Erbbedingtheit solcher Abnormität besteht nach Ergebnissen der Zwillingsforschung kein Zweifel“[11], obschon immer von einer noch zu leistenden Verwissenschaftlichung der Erblehre in Zusammenarbeit mit der Psychopathologie und Psychiatrie die Rede ist und vor allzu raschen Annahmen gewarnt wird.

Die Zusammenarbeit zwischen Mergen und Stumpfl wurde auch durch das Kriegsende nicht unterbrochen. 1949 erschien :

  • Mergen, Armand: „Die Tiroler Karrner“, Kriminologische und kriminalbiologische Studien an Landfahrern (Jenischen), Internat. Universum-Verlag Mainz 1949, in denen Konzepte wie Minderwertigkeit, Genverlust, negativer Auslese, Prädisposition und Schuldunfähigkeit benutzt werden. Es stellt sich die Frage, ob solche Begriffe wie in der Argumentation für eine Strafverfolgung jenseits von Schuld und Sühne wieder zu erkennen sind, ob Pauschalisierungen über die Kriminalität der Zigeuner in seinem 1978 erschienenen Werk „Die Kriminalogie“ vorkommen und welche Bedeutung Mergens Entdeckung eines Teufels-Chromosom resp. eines Mörder-Syndroms haben.

Auszeichnungen

Publikationen

  • "Studien über Verbrechen und Entstehung geistiger Störung", Ernst Rüdin (Hrsg.),Verlag Julius Springer, München, 1935: Stumpfl, Friedrich, Erbanlage und Verbrechen
  • "Geistige Störungen als Ursache der Entwurzelung von Wanderern". In: Der nichtseßhafte Mensch. Ein Beitrag zur Neugestaltung der Raum- und Menschenordnung im Großdeutschen Reich. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium des Innern hg. v. Bayerischen Landesverband für Wanderdienst, München. München 1938, 275–308.
  • "Psychopathien und Kriminalität", Zeitschrift "Fortschritte der Erbpathologie, Rassehygiene und ihrer Grenzgebiete, 1941, Jg. V, 2/3, S.63
  • Friedrich Stumpfl, a.o. Professor der Psychiatrie und Neurologie an der Universität Innsbruck, Motiv und Schuld. Eine psychiatrische Studie über den Handlungsaufbau bei kriminellem Verhalten, in: Bayer u.a. (Hrsg.), Zeitschrift für Psychiatrie und Recht, Heft 1, Verlag Franz Deuticke, Wien, 1961

Literatur

  • BIDOK - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet: Marion Amort, Regina Bogner-Unterhofer, Monika Pilgram, Gabi Plasil, Michaela Ralser, Stefanie Stütler, Lisl Strobl: Humanwissenschaften als Säulen der "Vernichtung unwerten Lebens" -[5]
  • Hubenstorf, M.: Kontinuität und Bruch in der Medizingeschichte, Medizin in Österreich 1938 - 1955, S 330f, in: Kontinuität und Bruch 1938 - 1945 - 1955, Beiträge zur Österreichischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, Hg.: Stadler, F., Jugend und Volk, Wien/München, 1988

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Stumpfl: Wenn gerade die unbeeinflussbaren, dem Volksganzen verlorenen Landstreicher überwiegend aus Psychopathen zusammengesetzt sind dann sind offenbar diese angeborenen,… ererbten Abnormitäten selbst Ursache der Entwurzelung dieser Menschen. (PDF)
  2. Die Wissenschaftler um Prof. Dr. Rüdin, die in den Einrichtungen des LVW an einzelnen Insassen Untersuchungen vornahmen, waren vor allem Dr. Katharina Hell (Schwerpunkt Zwillingsforschung), Dr. Julius Deussen und Dr. Friedrich Stumpfl. (Schwerpunkt Kriminalbiologie), unterstützt vom SS-Ahnenerbe. Bayerischer Landesverband für Wander-und Heimatdienst Seite 7: muenchen.de/archiv/ed_0728.pdf
  3. a b c ORF Club 2 ("Mißbrauchte Medizin", 20. April 1989), Erinnerungsorte des Nationalsozialismus[1]
  4. a b Aus: Heider, Ralser, Rath, Soraperra, Verdorfer: SKOLAST-Sondernummer "Politisch zuverlässig – rein arisch – deutscher Wissenschaft verpflichtet", Zeitschrift der Südtiroler Hochschülerschaft, Jg. 34, Nr. 1/2, S 27
  5. a b Biopolitik und Faschismus am Beispiel des Rassehygieneinstituts in Innsbruck: Alle Angaben zu F. Stumpfl bzw. dem Erb- und Rassebiologischen Institut Innsbruck wurden, wenn nicht anders angegeben, dem umfangreichen Personalakt von F. Stumpfl am Universitätsarchiv Innsbruck entnommen.[2]
  6. vgl. Vorlesungsverzeichnisse der Universität Innsbruck seit dem Jahre 1953/54 (in gesammelter Reihe an der Universitätsbibliothek verfügbar)
  7. Kurt Schneider, Die psychopathischen Persönlichkeiten, 1926, 9. Auflage, Deuticke, Wien, 1943; derselbe, Klinische Psychopathologie, 9. Auflage, Thieme, Stuttgart, 1971
  8. ebd., S. 63.
  9. Lange Johannes, Verbrechen als Schicksal. Studien an kriminellen Zwillingen, Leipzig, 1929: Zirkuläres (manisch-depressives) Irresein. Handbuch der Erbkrankheiten, Leipzig, 1942.
  10. Kranz, H.; Lebensschicksale krimineller Zwillinge, Springer, Berlin, 1936
  11. Friedrich Stumpfl, 1941 (a.a.O.), S.78 [26] in: Zeitschrift für menschliche Vererbungs- und Konstitutionslehre, 1950, Bd. 29, S. 665–694 [27] ebd., S. 690.
  12. Kriminologische Gesellschaft[3]