Fritz Ertl

Fritz Karl Ertl (* 31. August 1908 in Breitbrunn bei Hörsching; † nach 1972) war ein österreichischer Architekt, der im KZ Auschwitz als stellvertretender Leiter der SS-Zentralbauleitung tätig war.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Fritz Ertl, Sohn des Baumeisters Josef Ertl († 21. Mai 1935),[1] studierte nach dem Abschluss seiner Schullaufbahn zunächst in Salzburg und von 1928 bis 1931 am Bauhaus Dessau und schloss seine Ausbildung als Diplom-Architekt ab. Anschließend arbeitete er im Bauunternehmen seiner Familie.[2] Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich trat Ertl der NSDAP (Mitgliedsnr. 6.418.769) und der SS (SS-Nr. 417.971) bei.[3] Ertl wurde im örtlichem Wirtschaftsbeirat der NSDAP als „Sachbearbeiter Bauwesen“ tätig.[2]

Tätigkeiten im Zweiten Weltkrieg

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Ertl zur Waffen-SS eingezogen und nahm am Überfall auf Polen teil.[2] Ab dem 27. Mai 1940 gehörte Ertl der SS-Neubauleitung Auschwitz an.[4] Von Beginn an leitete Ertl dort die Abteilung Hochbau.[3] Als Stellvertreter des Bauleiters der Sonderbauabteilung für die Errichtung des Kriegsgefangenenlagers Auschwitz entwarf Ertl die Baracken für das zunächst als Kriegsgefangenenlager geplante KZ Auschwitz-Birkenau, die jeweils mit 550 Häftlingen belegt werden sollten. Sein Vorgesetzter Karl Bischoff korrigierte diese Zahl auf 744, womit beide „die deutsche Gleichsetzung von Sowjetsoldat mit Untermensch ins Architektonische übersetzt“ hatten. Letztlich wurden aus Kostengründen Fertigbauteile für Heeres-Pferdeställe für die KZ-Baracken verwandt.[2] Im Januar 1942 wurde Ertl als Fachführer der SS Stellvertreter des Leiters bei der nun als Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz bezeichneten Bauleitung in Auschwitz.[5] Zur Planung der Krematorien leitete Ertl im August 1942 eine Besprechung, wo er die Krematorien euphemistisch als „Badeanstalten für Sonderaktionen“ im Besprechungsprotokoll beschrieb.[2]

Ertl schied Ende Januar 1943 aus der Zentralbauleitung Auschwitz aus, absolvierte die SS-Pionierschule und leistete danach Kriegsdienst. Als Stellvertreter Bischoffs folgte ihm Anfang April 1943 Werner Jothann nach.[6] Bei der Waffen-SS stieg Ertl bis zum SS-Untersturmführer auf.[3] Als Beweggrund für seine Entscheidung, sich aus Auschwitz versetzen zu lassen, gab Ertl nach Kriegsende zu Protokoll: „Schon zu Ende 1942, als ich sah wie sich der Lagerbetrieb entwickelte, faßten ich und mehrere andere Kameraden den Entschluß, uns aus Auschwitz wegzumelden. Nach der Niederlage von Stalingrad bot sich hierzu eine günstige Gelegenheit. Alle wurden hinsichtlich ihrer Kriegsverwendungsfähigkeit untersucht. Wir ließen es gar nicht auf unsere Untersuchung ankommen und meldeten uns freiwillig. Daraufhin wurde ich am 3.2.1943 zum Ersatztruppenteil nach Dresden versetzt“.[7]

Pressac berichtet von einer Liebesbeziehung Ertls zu einer Polin, die jener im Winter 1942 einging und der später ein unehelich geborener Sohn entspross. Diese Beziehung wurde von seinen Kameraden missbilligt. Erst nachdem seine Geliebte als Volksdeutsche eingestuft worden war, kam es im August 1943 zur Heirat.[8]

1944 wurde Ertl wieder unter Bischoff bei der Bauinspektion Schlesien als Bauleiter in Breslau und in Arnstadt tätig.[9]

Nachkriegszeit

Nach Kriegsende befand sich Ertl kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.[2] Anschließend war er als Baumeister in Linz tätig.[3]

Durch den Auschwitzüberlebenden Hermann Langbein wurden die Angehörigen der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz Ertl und Walter Dejaco 1961 wegen ihrer Tätigkeit bei der Bauleitung Auschwitz angezeigt.[10]

Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Wien begann erst am 18. Januar 1972 der Prozess gegen Ertl und Dejaco als erster Auschwitzprozess in Österreich. Verfahrensgegenstand war deren Beteiligung am Holocaust durch Planung, Bau und Instandhaltung der Gaskammern und Krematorien des KZ Auschwitz-Birkenau. Dejaco war zusätzlich beschuldigt, zwischen 1940 und 1942 zwölf KZ-Häftlinge erschossen oder erschlagen zu haben.[11]

„Ihre Bautätigkeit war von vornherein auf ein kurzfristiges Vegetieren der Häftlinge ausgerichtet, und stellte eine Verhöhnung der elementaren Grundsätze der Bautechnik dar. Dass sich die Beschuldigten sehr wohl bewusst waren, dass die von ihnen ohne Fenster und ausreichende Belüftung gebauten, eng nebeneinander liegenden Baracken, keinen ausreichenden Lebensraum für Menschen boten, ersieht man aus ihrem Bemühen, die für die Wachhunde und Kühe bestimmten Baracken durch entsprechende Belüftung zu verbessern, um eine gesunde Haltung der Tiere zu gewährleisten.““

Aus der Anklageschrift vom 18. Juni 1971 gegen Walter Dejaco und Fritz Ertl vor dem Landgericht Wien[12]

Der Prozess gegen Ertl und Dejaco endete am 10. März 1972 jeweils mit einem Freispruch,[3] da Dejaco und Ertl nicht die „geistigen Urheber“ der Gaskammern seien.[2][13] In den Medien wurden Ertl und Dejaco als „Baumeister des Massenmordes“ tituliert und teils zumindest das Urteil gegen Dejaco skandalisiert. Der Prozess spielte jedoch in den Medien nur eine Nebenrolle und stieß nur auf geringes Zuschauerinteresse.[14]

Literatur

  • Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8.

Einzelnachweise

  1. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 186.
  2. a b c d e f g Roland Stimpel: Architekten in Auschwitz. Tiefpunkt der Architekturgeschichte. In: Deutsches Architektennblatt, 2011
  3. a b c d e Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2007, S. 127.
  4. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 78
  5. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 132.
  6. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 140
  7. Zitiert bei: Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz; Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein, 1980; ISBN 3-548-33014-2, S. 477.
  8. Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz – Die Technik des Völkermordes. Neuausgabe München/Zürich 1995, ISBN 3-492-12193-4, S. 177f.
  9. Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz..., S. 180
  10. Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht. KZ Auschwitz: Die Österreicher waren die Ärgsten auf www.orf.at
  11. Österreichische Auschwitzprozesse - Prozess gegen Fritz Ertl und Fritz Ertl (18. 1. – 10. 3. 1972)
  12. Zitiert bei: Justiz und Erinnerung, Ausgabe 10/2005, Wien 2005, S. 24.
  13. Justiz und Erinnerung, Ausgabe 12/2006, Wien 2006, S. 20.
  14. Presse-Echo des Prozesses gegen Fritz ERTL und Fritz ERTL. Die Berichterstattung ausgewählter Zeitungen zum 1. Wiener Auschwitz-Prozess (1972) auf http://www.nachkriegsjustiz.at